Markham bereitete die Eroberung der Antarktis mit großer Entschlossenheit und Bestimmtheit vor, insbesondere als es an der Zeit war, den Anführer und Leiter der ersten Expedition zu bestimmen. Auch wenn der vermutlich nicht seine erste Wahl war, entschied er sich für einen jungen Navy-Offizier, der die britische Flagge zum Südpol tragen sollte. Sein Name: Robert Falcon Scott.
Markham hatte einige Jahre lang in der Navy nach geeigneten Kandidaten Ausschau gehalten und sich kurz vor der Jahrhundertwende für Scott entschieden. Dabei geholfen hatte ihm eine Zufallsbegegnung unweit des Buckingham Palace im Juni 1899. In seinem berühmten Buch Die Reise der Discovery erinnerte sich Scott wie folgt:
Anfang Juni verbrachte ich ein paar dienstfreie Tage in London, wo ich die Buckingham Road entlangschlenderte, als ich auf der anderen Straßenseite plötzlich Sir Clements entdeckte. Ich begleitete ihn bis nach Hause. An diesem Nachmittag habe ich zum ersten Mal davon gehört, dass eine Expedition in die Antarktis geplant war. 2
Zwei Tage später bewarb er sich offiziell als Kommandeur der Expedition. Markham wird ihm auf diese oder jene Weise vermittelt haben, dass er für diesen Posten zumindest infrage kam. Offiziell ernannt wurde Scott allerdings erst ein Jahr später, am 30. Juni 1900. Da war er zweiunddreißig Jahre alt und stand am Beginn einer Karriere, die ihn zur Legende werden ließ.
Markham versuchte derweil, die Summe von 90 000 Pfund zusammenzubringen, die er für die Expedition benötigte – auf heutige Kaufkraft umgerechnet 4,7 Millionen Pfund und der größte Betrag, der im Vereinigten Königreich je für eine Polarexpedition veranschlagt wurde. Entsprechend schwer fiel es Markham, das Geld aufzutreiben, und es erforderte viel Geduld, lange Gespräche und großes politisches Geschick, bis das Ziel erreicht war. Nun konnte Markhams Traum in Erfüllung gehen.
Die Nationale Britische Antarktisexpedition, so der Name, war startklar, einschließlich eines neuen, eigens für den Zweck erbauten Schiffes, der 52 Meter langen Discovery . Deren Bug war mit Eisen beschlagen, der Rumpf an den Seiten mit besonders dicken Holzplanken belegt, um gegen das Eis bestehen zu können. Die Reise war als Mischung aus Expedition und wissenschaftlicher Forschungsreise angelegt, ein Umstand, der zu erheblichen Spannungen unter den Geldgebern führte, hier der Königlichen Geografischen Gesellschaft, dort der Königlichen Gesellschaft. Den Streit um die vordringlichsten Aufgaben der Reise legte Markham bei, indem er ihn eigenmächtig entschied. Unmissverständlich beharrte er darauf, dass der Sinn und Zweck der Expedition vor allem »die Erkundung des Landesinneren von Antarktika« war.
Ebenso eigenmächtig ordnete er an, dass Scott vornehmlich den Bereich des Rossmeeres erkunden sollte, den sechzig Jahre zuvor der Namensgeber Sir James Ross befahren hatte und der bis heute aufs Engste mit den Leistungen der britischen Polarforschung während des Goldenen Zeitalters verbunden ist.
Markham plante und projektierte nicht nur das große Ganze, sondern nahm Einfluss auf jedes noch so kleine Detail. So entwarf er höchstpersönlich eine einen knappen Meter lange, dreieckige Flaggen, die die Männer, die sich vor die Schlitten spannten, auf ihrem Marsch übers Eis bei sich tragen und in unentdeckte Gebiete mitnehmen sollten.
Am 31. Juli 1901 – die Streitigkeiten waren weitgehend beigelegt – trat die Discovery die kurze Fahrt von London zur Isle of Wight an, wo sie im Rahmen der Cowes Week vorgestellt werden sollte. Dort erwartete sie ein königlicher Empfang. Noch stand das Land unter dem Schock, den der Tod Königin Viktorias nach ihrer so langen Amtszeit ausgelöst hatte. Ihr designierter Nachfolger Edward VII. und dessen Frau Königin Alexandra kamen am 5. August an Bord der Discovery , um die an der Expedition beteiligten Männer zu verabschieden. Scott zeigte sich tief beeindruckt.
Der Besuch war vergleichsweise zwanglos, wird allen, die dabei waren, aber unvergesslich bleiben, weil sich die königlichen Hoheiten selbst an Kleinigkeiten überaus interessiert zeigten und uns für die Umsetzung unserer Pläne von Herzen alles Gute wünschten. Und obwohl wir unser Land eigentlich ohne viel Aufhebens verlassen wollten, fühlten wir uns durch den Besuch Seiner Majestät und die aufrichtige Anteilnahme an unserem Vorhaben überaus geehrt. 3
Die Discovery , in der Markhams Ehrgeiz seine Erfüllung fand, die aber auch den Grundstein für Englands führende Rolle im Goldenen Zeitalter und den Heldenstatus von Scott legte, verließ am Mittag des 6. August 1901 die Isle of Wight. Es sollte gut drei Jahre dauern, bis sie wieder heimische Gewässer erreichte.
Auf der anderen Seite der Erde hatte Tom Crean zu dieser Zeit die Hälfte einer zweijährigen Dienstzeit an Bord der HMS Ringarooma absolviert, eines Torpedokreuzers der P-Klasse, der zur britischen Flotte gehörte, die das Seegebiet zwischen Neuseeland und Australien kontrollierte. Und diese Ringarooma sollte zum Sprungbrett für Creans bemerkenswerte Laufbahn als Polarfahrer werden.
Der für ein Schiff der Royal Navy eigentümliche Name verdankt sich einer Vereinbarung zwischen Großbritannien und Australien in der Spätphase der Amtszeit Königin Viktorias, in der sich Australien dazu verpflichtete, den Bau von fünf Kriegsschiffen für die Royal Navy zu finanzieren – unter der Voraussetzung allerdings, dass sie im genannten Seegebiet eingesetzt wurden. Eines dieser Schiffe war die Ringarooma , die 1890 vom Stapel lief und wie die vier anderen von der Royal Navy betrieben wurde, aber einen Namen bekam, den sich die Australier ausgesucht hatten.
Obermaat Crean war am 15. Februar 1900 auf die Ringarooma gekommen, hatte sich aber schon bald Ärger mit seinen Vorgesetzten eingehandelt. Am 18. Dezember wurde er wegen nicht näher beschriebenen Fehlverhaltens zum Obergefreiten degradiert, ein Dienstgrad, den er in den kommenden zwölf Monaten behalten sollte. 4
Im November 1901 steuerte Scotts Expedition Neuseeland an, den letzten Außenposten der Zivilisation vor den unerforschten Regionen des Südens. Und ohne es zu wissen, sehnte Tom Crean die Ankunft der Discovery förmlich herbei.
Die genauen Umstände, die dazu führten, dass Crean sich der Expedition anschloss und so zu einem Hauptdarsteller auf der Bühne der Polarforschung wurde, sind umstritten. Fast alle Berichte, die über die Jahre in Büchern, Illustrierten und Zeitungen erschienen, machen einen tragischen und viel beachteten Unfall dafür verantwortlich, bei dem ein anderer Seemann sein Leben verlor. Der Vollmatrose Charles Bonner kam kurz vor Weihnachten 1901 in der neuseeländischen Stadt Lyttelton zu Tode, wo die Discovery für die Fahrt gen Süden ausgerüstet wurde. Und doch kann Creans Aufstieg aus der Anonymität des Mannschaftsdecks zu einem illustren Mitglied der Discovery -Expedition mit diesem Unglück nichts zu tun haben. Crean war bereits an Bord, als Bonner starb, und schon knapp zwei Wochen zuvor hatte er sich durch seine Unterschrift verpflichtet. Dass aus dem Seemann ein Entdecker und Polarreisender wurde, ist einer gänzlich anderen Fügung des Schicksals geschuldet, die allerdings bisher wenig Aufmerksamkeit erfahren hat.
Dass Crean mit der Expedition überhaupt in Berührung kam, ist damit erklärt, dass die Ringarooma und ein Schwesterschiff, die HMS Lizard , von der Admiralität den Auftrag bekommen hatten, Scott und seinen Männern bei ihrem Aufenthalt in Neuseeland jede erdenkliche Unterstützung zukommen zu lassen. Das Logbuch der Ringarooma nennt als Zeitpunkt der ersten Sichtung der Discovery vor der neuseeländischen Küste Freitag, den 29. November, um 4:45 Uhr. 5Crean wird ebenso wie seine Kameraden erpicht gewesen sein, das Schiff, das vor einer der großartigsten Reisen aller Zeiten stand, mit eigenen Augen zu sehen.
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