Anascaul beherbergte jedes Jahr vierzehn solcher Märkte und Messen, die unterschiedlichste Menschen aus nah und fern anlockten. Das galt vor allem für die Pferdemärkte, die zweimal jährlich, im Mai und im Oktober, stattfanden. Sie gehörten zu den ältesten Veranstaltungen in der langen irischen Tradition des Pferdehandels und waren ein Magnet für Interessierte aus allen Landesteilen.
Für Anascaul am bedeutendsten aber waren die monatlich stattfindenden Markttage, die sich zu einer eigentümlichen Mischung aus Handel und Unterhaltung entwickelt hatten. Wobei, wie MacDonogh hervorhebt, die Unterhaltung nicht bloß eine Zugabe zu einem dem Kommerz gewidmeten Ereignis war, sondern, typisch irisch, dessen wesentlicher Bestandteil. MacDonogh beschreibt eine charakteristische Szene:
Glücksräder, Stände, an denen Plunder und Tand verkauft wurden, Frauen im Sonntagsstaat, Männer, deren Kleidung die Anzahl der Jahre wiedergab, die sie in der Fremde zugebracht hatten, Hütchenspieler, Bänkelsänger, Musikanten, Kuppler, Krämer und Bettler – in der Summe eine bunte Mischung von Menschen aus allen sozialen Schichten ebenso wie Gelegenheit für ein gutes Geschäft. 1
In den Kneipen und an den Straßenecken machten Geschichten die Runde, und wie unter Iren üblich, wurden alte Anekdoten ausgegraben und in neuer Form erzählt – für die Fantasie eines jungen Bauernsohnes eine wahre Fundgrube. Und vor dem Hintergrund des entbehrungsreichen Lebens müssen die Geschichten aus fernen Ländern auf einen lebenshungrigen jungen Mann eine so große Anziehungskraft ausgeübt haben, dass der Wunsch, die Welt zu sehen, schließlich überhandnahm.
Zu dieser Zeit entschlossen sich mehrere von Tom Creans Brüdern, Kerry zu verlassen, und MacDonogh zufolge war es unter den Söhnen der Stadt guter Brauch, sich der britischen Navy anzuschließen.
Toms älterer Bruder Martin fand jenseits des Atlantiks bei der aufblühenden kanadischen Eisenbahn Arbeit. Michael ging zur See und mitsamt seinem Schiff unter. Cornelius, sechs Jahre älter als Tom, brachte es zum Polizisten in der Royal Irish Constabulary und wurde im Zuge der Auseinandersetzungen im Nordirlandkonflikt ermordet. Toms Schwester Catherine war ihrerseits mit einem Polizisten verheiratet. Zwei weitere Brüder, Hugh und Daniel, blieben in Kerry und setzten die bäuerliche Familientradition fort. Als ihr Vater Patrick starb, teilten Hugh und Daniel den Hof unter sich auf und verbrachten den Rest ihres Lebens in Gurtachrane.
Die Kindheit in den 1880er- und 1890er-Jahren auf dem elterlichen Bauernhof war kein Zuckerschlecken. Einige Durchsetzungskraft war nötig, um als eines von zehn Kindern zu bestehen, die miteinander und um die Aufmerksamkeit ihrer Eltern kämpften. Patrick Crean hatte alle Hände voll zu tun, um die Familie zu ernähren, und so blieb ihm keine Zeit, seinen Kindern das Maß an Aufmerksamkeit zu geben, das heute von einem Vater erwartet wird.
Es war eine harte Schule, die die Kinder durchliefen. Tom Crean gab sie eine gehörige Portion Unabhängigkeit mit auf den Weg, und diese Unabhängigkeit war es, die ihn bei der ersten Gelegenheit das heimische Nest verlassen ließ.
Seinerzeit war es üblich, dass Musterungsoffiziere durchs Land reisten, um in den Dörfern geeignete junge Männer aufzuspüren und für den Dienst in der Navy zu verpflichten. Die britische Marine benötigte frisches Blut, und die Aussicht, das entbehrungsreiche Leben auf dem Land gegen eine Laufbahn als Seemann eintauschen zu können, schien vielen jungen Iren nur allzu verlockend. So brauchte es nicht viel, um sie zu einer Unterschrift zu bewegen. Zu jener Zeit unterhielt die britische Navy die größte und mächtigste Flotte der Welt, und das Ansehen, das sie genoss, war kaum zu steigern. Für einen jungen Mann wie Tom Crean muss die Verlockung, mit ihrer Hilfe den Unbilden des Landlebens zu entkommen, unwiderstehlich gewesen sein. Die Alternative, den erbarmungslosen Kampf ums tägliche Brot fortzusetzen, war schnell verworfen, und so nimmt es nicht wunder, dass Tom Crean das Elternhaus schon in jungen Jahren verließ.
Wie genau sich sein Abschied von zu Hause zugetragen hat, wissen wir nicht. Manches spricht aber dafür, dass er eine heftige Auseinandersetzung mit seinem Vater gehabt haben muss, weil durch seine Unachtsamkeit Vieh auf das Kartoffelfeld gelangt war und die wertvollen Jungpflanzen niedergetrampelt hatte. In der Erregung soll Tom geschworen haben, den Hof zu verlassen und zur See zu fahren.
Und so machte sich der junge Mann von gerade mal fünfzehn Jahren auf den Weg in die Bucht von Minard, wenige Meilen südwestlich von Anascaul, wo die Royal Navy einen Stützpunkt unterhielt. Begleitet von einem weiteren Jungen aus Anascaul namens Kennedy, trat Tom vor den Werbeoffizier und ließ sich von dessen Sonntagsreden so sehr beeindrucken, dass er sich ohne Umschweife dazu verpflichtete, in Königin Viktorias ruhmreiche Marine einzutreten.
Crean war zwar ein ungestümer, auf seine Unabhängigkeit bedachter junger Mann, aber da er nicht einschätzen konnte, wie der Schritt von seiner Familie aufgenommen werden würde, verzichtete er zunächst darauf, seinen Eltern davon zu erzählen. Das holte er erst nach, als die erforderlichen Unterschriften geleistet waren, weil damit jeder Versuch, ihn zum Bleiben zu bewegen, vergebliche Liebesmüh gewesen wäre.
Doch mit der Entscheidung, zur Marine zu gehen, tat sich ein neues Problem für ihn auf. Er besaß nicht nur kein Geld, sondern auch keine Kleidung, mit der er den Schritt in ein neues Leben hätte angehen können. Also borgte er sich hier eine kleinere Summe – von wem, wissen wir nicht – und dort einen Anzug. Im Juli 1893 trennte er sich von seiner abgetragenen Kleidung, schlüpfte in den geliehenen Anzug und verließ den elterlichen Hof.
Viel war es nicht, was er in sein neues Leben mitnahm. Zu den wenigen Dingen gehörte ein Skapulier, das an seinem Hals baumelte und sowohl für seinen christlichen Glauben als auch für seine Herkunft stand. Ein Skapulier besteht aus zwei viereckigen Stücken Stoff von circa fünf mal sechs Zentimetern Größe, die an einem Lederband befestigt sind. Es enthält ein Gebet, das dem Träger Trost und die Zuversicht schenken soll, dass er dereinst nicht in der Hölle schmoren wird. Dieser Gedanke wird Crean ermutigt haben, als er in sein neues Leben aufbrach. Das Skapulier sollte er jedenfalls bis zu seinem Tod nicht mehr ablegen.
Sein Weg führte ihn nach Queenstown (dem heutigen Cobh) unweit von Cork an der irischen Südküste. Begleitet wurde er von James Ashe, einem irischen Matrosen der Handelsmarine. James Ashe war ein enger Verwandter von Thomas Ashe aus Kinard, der zu einem der Anführer der Irisch-Republikanischen Bruderschaft wurde und Märtyrerstatus erlangte, als er sich 1917, auf dem Höhepunkt des Kampfes gegen die Briten, im Mountjoy Prison zu Tode hungerte.
Am 10. Juli 1893 wurde Tom Crean offiziell in die Royal Navy aufgenommen. 2Das war zehn Tage vor seinem sechzehnten Geburtstag, und so hatte er das erforderliche Mindestalter noch nicht erreicht. Es steht zu vermuten, dass er, um unterschreiben zu dürfen, entweder geschwindelt oder sogar seine Papiere gefälscht hat.
Noch war Tom Crean in der Entwicklung und bei Weitem nicht so groß und kräftig, wie er uns auf späteren Fotos von seinen Reisen in die Antarktis begegnet. Wie aus Akten des Marineministeriums ersichtlich wird, maß der Bauernjunge mit dem braunen Wuschelkopf einen Meter und 72 Zentimeter, als er im Juli 1893 seine Unterschrift in die dafür vorgesehene Zeile setzte und sich als Schiffsjunge mit der Dienstnummer 174699 verpflichtete. 3
Er wurde zur Marinebasis Devonport in Plymouth geschickt, wo er auf der HMS Impregnable seine Grundausbildung als Seemann erhielt. 4
Die HMS Impregnable , das hölzerne Ausbildungsschiff, auf dem Tom Crean ab 1893 seine militärische Grundausbildung durchlief.
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