Volkmar Braunbehrens - Lorettoberg

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Der Hamburger Modezar Karl Legrand hat seine Firma verkauft und eine der prächtigen Villen am Freiburger Lorettoberg als Ruhesitz erstanden. Doch am Morgen nach der pompösen Einweihung wird er tot im Garten gefunden. Als es kurz darauf ein weiteres Opfer gibt, welches mit derselben Waffe erschossen wurde, übernimmt Kommissar Grabowski die Ermittlungen. Diese führen ihn von Freiburg schließlich bis nach Hamburg, Berlin und Mailand …

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Mittlerweile kam zum dämpfenden Lärmpegel auch noch der Brodem der Ausdünstungen der eng Beieinanderstehenden.

»Ich muss mich einmal ein bisschen frisch machen.«

»Näschen pudern?«

»Pffh. Kommst du mit?«

Schließlich hatte sich Legrand in das Obergeschoss begeben, wo weitere Gäste auf ihn warteten.

VI.

Dort oben reihten sich eine Reihe von Gemächern aneinander, die wohl alle nur für diesen Abend mit Klubmöbeln ausgestattet waren, Sitzgarnituren der bequemen Art in größerem Kreis arrangiert, jedoch nur ausgeliehen von einer Firma, die für solche Events oder Filmsets die nötige Ausstattung bereithielt. Von persönlichen Möbeln oder Einrichtungsgegenständen war nichts zu sehen, alles nur zweckmäßige Dekoration – mit Ausnahme der Bilder, die zwar sehr verschiedene Kunstrichtungen repräsentierten, aber kaum unter Gesichtspunkten allgemeiner Gefälligkeit ausgewählt waren. Es war ein Teil von Legrands Sammlung, die hier einen neuen Ort gefunden hatte. Und sie zeigte Vorlieben sehr individueller Art, war nicht nach repräsentativen Gesichtspunkten zusammengestellt und orientierte sich auch nicht an den Highlights des Kunstmarktes. Nicht, dass nicht auch einiges darunter gewesen wäre, um das ihn manches Museum zeitgenössischer Kunst beneidet hätte, aber es waren keine hochpreisigen Sensationsbilder darunter, die von den internationalen Auktionshäusern hochgepuscht wurden. Kein Polke, kein Baselitz oder Richter, obschon Legrand sich vielleicht einiges davon hätte leisten können, und was er von der heutigen Preisavantgarde besaß, hatte er sicher schon vor 20, 30 Jahren gekauft. Aber davon war hier nichts zu sehen, wahrscheinlich hingen solche Bilder noch in seiner Hamburger Villa.

In einem der Räume saß eine Runde zusammen, die vorwiegend aus Medizinern bestand, die sich gerade über das letzte Masur-Konzert beim Baden-Badener Festival unterhielten.

»Einfach Weltklasse.«

»Dieser Brahms, geradezu überwältigend.« Beim Gielen-Konzert in Freiburg mit Schreker, Bartok, Berg und Schönberg würde man sicher keinen dieser Begeisterten sehen können.

»Das ist mir einfach zu anstrengend. Nach einer Sectio ist mir nicht nach Schönberg.« Wieherndes Gelächter.

In diesem Moment kam Rolf Böhme herein und wurde respektvoll nachsichtig begrüßt. Man rückte zusammen, ein leerer Sessel wurde herbeigeschoben und bald hatte Böhme einen Zuhörer für sein Lieblingsthema gefunden, wie die Freiburger in der Nazizeit mit den Juden umgegangen waren. Die beiden setzten sich etwas abseits, direkt unter ein Gemälde von Peter Herrmann, aber sie beachteten es nicht. Im sehr schmalen Hochformat sah man vor türkisfarbenem Hintergrund, mit grobem Pinsel gemalt und doch äußerst effektvoll, ein Mädchen im schwarzen Kleid, die Träger verrutscht, mit breitem Grinsen. Der Clou war, dass nur der lachende Mund mit hässlichen Zähnen zu sehen war, schon in der Höhe der Nase war das Bild abgeschnitten, das nur Kleid, Dekolleté und die untere Gesichtshälfte zeigte.

Die anderen waren bald bei Themen aus der letzten Fakultätssitzung angelangt, opferten dies aber bald der sich ausbreitenden Fröhlichkeit. Einer, der vielleicht schon etwas angeschickert war, trällerte vor sich hin: »Pfingsten das liebliche Fest ist gekommen …« und wurde sogleich unterbrochen:

»Pfingsten noch nicht. Wir hatten ja gerade erst Ostern.«

»Aber mir ist so pfingstlich wohl bei diesem – wie nennen wir ihn? Eduard?«

»Legrand heißt er.«

»Ich nenne ihn Eduard.«

»Wovon redet der eigentlich?«

»Von Goethe. Heute ist doch Walpurgisnacht.« Und jetzt stimmten einige in die wiegende Melodie ein: »Wal-purgis-nacht, Wal-purgis-nacht«, die ihnen noch vom letzten Bayreuth-Besuch im Ohr war.

Es dauerte nicht lange, als Dieter Salomon in die Tür schaute, sich aber gleich abwandte, als er seinen Vorgänger im Amt entdeckte, und weiterzog. Dass die beiden sich nicht viel zu sagen hatten – und wenn, dann zu viel zu sagen gehabt hätten –, war allgemein bekannt. Sie gingen sich besser aus dem Weg. Aber unbemerkt blieb es nicht. Ein gutaussehender, verschmitzter jüngerer Mann machte ihm eine lange Nase nach und einige lachten. Vor der Tür kamen jetzt junge Leute vorbei, ein reges Kommen und Gehen. Eine langbeinige Schönheit hatte die Verspottung des Bürgermeisters mitbekommen und erwiderte unwillkürlich mit einer ausgestreckten Hand vor ihrer Nase die Geste, wobei sie den Schalkhaften verführerisch anlächelte. Wenig später standen die beiden im Flur und turtelten miteinander.

Im nächsten Raum hing ein Bild in blau-beigen und rosa-hautfarbenen Tönen von Alexa Rudolph, das einen Engel im applizierten Kunststoff-Nachthemd zeigte, der nach einem bereits zerfetzten Regenschirm am Himmel griff, ein echter Schirm mit zerstörtem Gestänge war flach auf die Leinwand aufmontiert. Hier saß eine gänzlich andere Gesellschaft und der Oberbürgermeister war hochwillkommen. Es waren Unternehmer, Geschäftsleute, Vertreter der Industrie- und Handelskammer. Man flachste herum und fragte sich, warum denn der Unmüßig nicht da sei, ein allseits bekannter Bauunternehmer und Projektemacher, ob der etwa nicht eingeladen worden sei. Allerlei Spekulationen schlossen sich an, die bald bis zu ausgelassenen Vermutungen gingen. Salomon amüsierte sich köstlich, sagte aber nichts. Mit unbestimmbarem Interesse sah er schließlich auf andere Bilder an der Wand, lauter Original-Plakate von Jörg Immendorff aus der Mitte der 70er-Jahre. »Sofortiger und bedingungsloser Abzug aller USA- und Marionettentruppen aus Indochina«, las man da auf rotem Grund und ein ausgestrecktes Bein ragte ins Bild, das einen grünen kleinen Soldaten im Kampfanzug, der wie eine Kakerlake aussah, einfach wegkickte. Und auf einem anderen stand lediglich in gelben Lettern auf rotem Grund: »Das tun, was zu tun ist.«

Währenddessen war auf dem Flur ausgelassene Stimmung. Immer mehr standen dort, andere drängten vorbei. »Wo gibt’s denn hier was auf die Nase?« Lachen. Kichern. Mit Blicken wurde ein Weg gewiesen ans Ende des Ganges. Ein zartes Mädchen mit ausgehungerter Figur wedelte mit einer Scheckkarte herum und zog die Blicke auf sich. Ein dürres Weib voller Verführung, halb Kind, halb abgebrüht, dessen Faszination ein leeres Versprechen war und doch für Männer den Zauber der Vorhölle versprach. Einer rief aus: »Oh, gun-powder, wo gibt’s denn das?«

Man wurde weitergedrängt, zu einem kleinen hinteren Raum, in dem ein buntes Völkchen um einen Glastisch stand und sorgfältig ein kleines Häufchen weißen Mehls zu dünnen Strichen zog.

»Macht doch mal die Tür zu. Hier zieht es ja wie Hechtsuppe.«

»Geht nicht, da wollen noch mehr herein.«

Auf einmal drängte sich ein CDU-Stadtrat an all den Fröhlichen und Ausgelassenen vorbei, als suche er jemanden. Man machte ihm erstaunt, aber bereitwillig Platz, er blickte in jeden der kleineren Räume, sah sich kurz um und eilte weiter, schließlich fand er den Oberbürgermeister, ging auf ihn zu und flüsterte ihm etwas Dringliches ins Ohr. Salomon sah kurz auf, nickte und meinte dann:

»Danke, dass Sie mir das sagen.« Nach einigem Nachdenken fügte er an: »Sagen Sie auch dem OB-Ex Bescheid. Er sollte das gleichfalls wissen.«

Salomon sah sich in der Runde um, stand auf und meinte dann halblaut zu den anderen:

»Das läuft hier etwas aus dem Ruder. Ich werde jetzt gehen.«

Ein etwas betretenes Gemurmel setzte ein, verunsichert, fragend, und Salomon fügte hinzu:

»Ich jedenfalls möchte mich nicht gerne morgen in der Presse mit entsprechenden Fotos wiedersehen. Sie sollten sich das auch überlegen.«

Einige blickten irritiert umher, ein oder zwei lachten unbekümmert auf, schließlich gab einer das erlösende Stichwort:

»Koks.«

Sofort standen einige auf und verließen ebenfalls den Raum. Andere waren so in ihre Gespräche vertieft, dass sie zwar ein wenig Unruhe bemerkt hatten, sich aber nicht weiter darum kümmerten. Bei all dem Gedränge musste man doch froh sein, ein einigermaßen ruhiges Eckchen mit Sitzplätzen gefunden zu haben. Jemand beugte sich herüber und flüsterte:

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