»Nebenan scheint die Schnupfen-Fraktion zu sitzen. Da kriegt der OB natürlich kalte Füße.«
Schon längst etwas angeheitert, wunderte man sich über so viel Furcht vor Erkältungskrankheiten. Als einer, amüsiert vor sich hinglucksend, die Handkuhle zwischen Daumen und Zeigefinger zur Nase führte und dabei schniefte, hatte das Thema bereits eine neue Wendung bekommen, vollends, als jemand zu bekannter Melodie kollernd lossang:
»Ich schnupfe nicht, und wenn das Herz auch bricht …«
In einem anderen Raum wurde Rolf Böhme von hinten leise angesprochen:
»OB-Ex! Sie sollten das Fest besser jetzt verlassen.«
Böhme drehte sich verärgert um, denn ihn mit der Bezeichnung »OB-Ex« anzusprechen – ein Spitzname, der längst gebräuchlich war –, verstieß gegen jeden Respekt, auf den er großen Wert legte. Als ihm aber einige weitere erklärende Worte zugeflüstert worden waren, grummelte er nur:
»Gut, dass Sie mir das sagen, danke.«
Überall brachen jetzt einzelne Leute auf, anscheinend vor allem die mit höheren politischen Ämtern. In Windeseile musste sich die Nachricht herumgesprochen haben. Einige suchten noch nach ihren Frauen, die etwas überrascht vom plötzlichen Aufbruch waren, aber doch auch gewohnt, ohne Fragen, die im Augenblick vielleicht unangebracht waren, jederzeit höheren Notwendigkeiten zu folgen. Jeder versuchte sich den Anschein zu geben, unauffällig das Fest zu verlassen, doch in der Halle, wo noch immer lebhaft getanzt wurde, kam es fast zu einem Gänsemarsch zwischen den Tanzpaaren hindurch, der nicht ganz unbemerkt blieb. Andererseits ging es auf Mitternacht zu und so schien es keine völlig ungewöhnliche Zeit zu sein, dass die Honoratioren sich auf den Heimweg begaben. An der Garderobe gab es natürlich einigen Andrang, aber jeder behielt sein kleines, ihm zugeflüstertes Geheimnis für sich, warum er schon jetzt davonstrebte.
Was in ihren Köpfen vorging, konnte man sich nur denken, ausgesprochen hätte es sicher keiner: Für die Notabeln gab es nichts Unangenehmeres, als mit den falschen Leuten oder auf einer falschen Party gesehen zu werden. Nicht, dass sie immer ein funktionierendes Gespür für das Richtige und Angemessene hätten und vor Entgleisungen und moralischen Fragwürdigkeiten gefeit wären, aber auf das öffentliche Bild pflegten sie zu achten. Der Schnappschuss, der eine peinliche Situation festhielt und immer wieder gezeigt werden konnte, der sich einprägte und zur Bekräftigung immer wieder herbeizitiert wurde, war unauslöschlich als ewiger Makel. Was nur mit Worten berichtet wird, lässt sich mit Worten auch entkräften, zerreden, umwölken und irgendwann unwirksam machen. Ein Bild hingegen scheint sich zu einem unverfälschbaren Muster einbrennen zu können und ist deshalb so gefürchtet. Auf einem Foto in einer Kokainhöhle festgehalten zu werden, womöglich im Hintergrund mit einem schniefenden Süchtigen, der den Strohhalm zur Nase führte, das konnte noch am selben Tag, an dem es verbreitet wurde, das Amt kosten. Dass man nichts davon bemerkt habe, würde keiner verstehen, dafür würde man noch zusätzlich verhöhnt. Und jeder konnte glauben, man selbst sei ein Kokser und gehöre in die Heilanstalt. Man konnte deshalb annehmen, dass die Flüchtenden dem aufmerksamen Kollegen aus dem Stadtrat, selbst wenn er der falschen Fraktion angehörte, überaus dankbar für seine Warnung waren. Ein besonderes Verdienst bestand ja gerade darin, dass er nicht nur seine Parteifreunde, sondern die ganze politische Kaste vor einem Super-GAU bewahrt hatte, einem Politikersturz quer durch die Reihen, mit unabsehbaren Folgen. Gerade noch einmal gut gegangen, danke!, musste sich mancher gesagt haben.
Das Fest ging umso fröhlicher und unbeschwerter weiter. Der Getränkenachschub schien unerschöpflich, dafür sorgten die glatzköpfigen jungen Männer in ihren schwarzen Anzügen, die Musik gönnte sich kaum eine Pause und wurde immer aufreizender, sowohl im Keller als auch in der Halle. Kaum einer, der jetzt nicht tanzte oder den Tänzern vom Rande her zusah, die Gesprächsrunden hatten sich nahezu aufgelöst. Völlig Betrunkene gab es nicht, nüchtern war keiner. Alle stimulierten sich in einem Rausch aus motorischen Rhythmen, ekstatischen Bewegungen und Vibrationen, eine Wachheit der Körperreflexe, ein gesteigertes Sein ohne Bewusstheit. Das konnte so weitergehen bis in den frühen Morgen, an Ausdauer würde es nicht mangeln, alle waren aufgeputscht genug, die ganze Nacht durchzuhalten. In den Morgenstunden des 1. Mai würde sich das Fest dann langsam vertröpfeln, einige dösten noch in den Ecken herum oder knutschten, während sich die Brigade der Caterer bereits ans Aufräumen machte, Gläser einsammelte und die Musiker müde ihre Instrumente zusammenpackten.
»Ihr könnt ja oben schon mal anfangen, wir räumen die Bar auf. Mit der Zeit werden die restlichen Gäste sich dann wohl davonmachen. Viele sind es nicht mehr.«
»Hast du die beiden da hinten gesehen, im letzten Raum? Voll in Aktion.«
»Lass gut sein. Wo ist eigentlich der Chef?«
»Wen meinst du denn?«
»Den Chef vom Ganzen, Legrand.«
»Keine Ahnung. Der wird schon lange fort sein. Ich glaube nicht, dass der hier im Hause schläft.«
»Sicher nicht, so, wie es hier aussieht. Komm, lass uns anfangen, dass wir fertig werden.«
Es war schon lange hell, jetzt mochte es etwa acht Uhr sein. Die schwarzen Jacketts und die lästigen Krawatten hatten die glatzköpfigen Jungs längst ausgezogen und wurstelten träge und übermüdet in ihren weißen durchgeschwitzten Hemden herum. Mit großen Geschirrwagen fuhren sie die einzelnen Räume ab, leerten angewidert die abgestandenen, übel riechenden Reste von Gläsern und Tellern in einen Eimer und stapelten das schmutzige Geschirr und die Gläser in grüne Kunststoffkästen. Andere sammelten Papierservietten in einen blauen Plastiksack, räumten die leeren Platten zusammen, die wenigen Kanapees, die noch übrig geblieben waren zwischen Dekorationsfrüchten und Grünzeug, schoben sie auf einer Platte zusammen. Einer ging von Raum zu Raum und riss die Fenster auf, dass endlich der ganze säuerliche und widerwärtige Gestank aus Schweiß und Alkohol und anderen Ingredienzien der längst verendeten Party allmählich abzöge. Auch in den oberen Räumen waren sie in gleicher Weise zugange, einige trugen bereits volle Geschirrkästen in die Halle und türmten sie in einer Ecke aufeinander.
Plötzlich rief einer von oben, der auch dort die Fenster geöffnet hatte, die Treppe herunter:
»Da liegt doch tatsächlich einer im Garten und schläft.«
»Wird seinen Rausch ausschlafen. Das geht uns nichts an.«
Immer wieder fanden sich unvermutet in Nischen und Winkeln noch halbvolle Gläser und Flaschen, achtlos abgestellt und vergessen.
»Wann werden denn die Sitze und die Tische abgeholt?«
»Weiß nicht. Stapelt das alles erst einmal in einer Ecke zusammen, damit wir ausfegen können, alles andere ist nicht unser Bier. Wir ziehen dann ab.«
Der im Garten Liegende ging ihm nicht aus dem Sinn. Verstohlen sah er immer wieder aus dem Fenster, er lag so eigentümlich da, die eine Hand am Hals, die Füße verdreht, als wenn er gestolpert wäre. Genau war es nicht zu erkennen, weil die Äste eines Baumes teilweise die Sicht versperrten.
Die wenigen Gäste, die noch im Hause waren, darauf aufmerksam zu machen, wäre verlorene Liebesmüh, denn sie waren entweder kaum noch ansprechbar oder so mit sich selbst beschäftigt, dass sie nur abgewunken hätten. So beschloss der junge Mann, selbst nachzusehen. Vielleicht brauchte hier jemand Hilfe. Er ging durch die Veranda auf die Terrasse und die wenigen Steinstufen in den Garten hinunter, dann zwischen den Bäumen einige Schritte den Hang hinauf zu dem Mann im malvenfarbenen Anzug, der noch verdrehter, als es aus dem Fenster ausgesehen hatte, neben dem Weg im noch spärlichen Gras lag. Erst als er vor ihm stand, erkannte er ihn und sah zugleich, dass die Hand, die den Hals umklammerte, ganz blutig war. Er beugte sich zu ihm hinunter, sah die weit aufgerissenen, leblosen Augen, in denen noch das Entsetzen zu lesen war, und wusste sofort, dass er tot war. Zitternd richtete er sich wieder auf und stand da, sah nichts, dachte nichts, fühlte nichts, zweifellos im Schock, es war das erste Mal, dass er einem Toten begegnete.
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