Es überrascht mich selbst, was eine simple Frage und der nasale Tonfall, in dem sie gestellt worden war, für Gedankengänge in mir angestoßen hatten. Vor lauter Grübeln hatte ich vergessen, zu antworten.
Er sah mich an, regungslos, bis auf ein erneutes Schnuppern, das seine Nasenflügel zittern ließ. Ich meinte, Missbilligung in seinen Augen zu lesen.
»Nun?«, näselte er, sichtlich genervt darüber, dass er mich daran erinnern musste, dass seine Frage noch im Raum stand.
»Mein Name ist Meinhard Petri.« Auf der Suche nach einer Visitenkarte fummelte ich in der Manteltasche herum, bekam etwas zwischen die Finger und zog es mit Schwung hervor; meine Hand wedelte mit einem Hundertmarkschein vor seinem Gesicht herum. Ich stopfte den Schein fahrig zurück in die Tasche. »Entschuldigen Sie, ich habe wohl keine Visitenkarte dabei. Ich bin Anwalt und suche Sie im Auftrag eines Klienten auf. Es geht um Herrn Ratstetter.«
Das Hochnäsige fiel aus der Mimik des Mannes. Die Nasenflügel zuckten nun deutlich sichtbar, und ich hätte schwören können, dass seine Augen glasig wurden.
»Was ist mit ihm?«, fragte er und machte einen halben Schritt zurück.
»Er hatte sich bei meinem Mandanten eine nicht unerhebliche Summe geliehen.«
Der Mann war blass geworden. Unvermittelt liefen ihm Tränen über die Wangen. Er rutschte auf seinen Mokassins hinter den Tresen und zog einen Karton Taschentücher hervor, aus dem er einige davon zupfte, um sich das nasse Gesicht abzutupfen.
»Oh bitte!« Übertrieben theatralisch wedelte er das Tuch durch die Luft. »Wie viel soll ich denn noch ertragen?« Seine Stimme glich jetzt der eines kleinen Mädchens.
Ich war einigermaßen ratlos angesichts dieses unerwarteten Ausbruchs. Unbeholfen trat ich auf ihn zu, er wich zurück.
»Ich habe kein Geld mehr und bin blank bis auf die Knochen. Dabei mache ich schon, was ich kann. Sandro war ein Naturtalent, was die Galerie angeht. Ich bin einfach nicht so … so weltgewandt wie er.«
Beschwichtigend senkte ich die Handflächen. »Verstehen Sie mich bitte nicht falsch: Ich will kein Geld bei Ihnen eintreiben.«
Das folgende Ausatmen begleitete ein erleichtertes Seufzen.
»Darf ich Ihren Namen erfahren und in welchem Verhältnis Sie zu Herrn Ratstetter standen?« Ich hatte eine Vermutung, aber ich wollte es von ihm hören.
»Mein Name ist Dieter Gehrmann. Herr Ratstetter war mein Partner. Also nicht nur geschäftlich. Er hat mir die Galerie vermacht. Und alle seine Verpflichtungen. Ich bin am Ende meiner Kräfte angelangt. Hätte ich geahnt, auf was ich mich einlasse, hätte ich abgelehnt, auch wenn noch so viel Herzblut darin steckt.«
»Sie hatten keine Ahnung, dass er Schulden hatte?«
Er schüttelte den Kopf und schnäuzte sich die Nase.
»Also wissen Sie nicht, wofür er das Geld gebraucht hat, das er sich geliehen hat?«
»Nein, absolut nicht. Alles, was mit Papierkram zu tun hatte, habe ich ihm überlassen. Und jetzt weiß ich nicht ein noch aus.«
»Ich versichere Ihnen, dass ich kein Geld von Ihnen zurückverlangen werde, doch es ist mir überaus wichtig herauszufinden, wofür das Geld meines Mandanten verwendet wurde.«
»Wieso?«
Ich überlegte einen Augenblick. Dem Mann musste ich nichts vorspielen, er war mindestens genauso am Boden wie ich. »Herr Scharpinsky hat einer Reihe von Personen Geld geliehen. Neben Herrn Ratstetter sind noch weitere davon verstorben. Sie verstehen sicher, dass er versucht, einen Zusammenhang zu erkennen.«
»Scharpinsky? Mein Gott.«
Es überraschte mich immer wieder, in welchen Kreisen Sharp ein Begriff war, aber natürlich war jeder, der sich auch nur sporadisch in Kassels dunklen Ecken herumdrückte, schon einmal durch sein Revier gelaufen.
»Gäbe es eine Möglichkeit, Herrn Ratstetters Unterlagen zu sichten? Vielleicht finde ich etwas von Bedeutung. Ich versichere Ihnen, Ihr Name wird bei keiner Gelegenheit fallen.«
Er machte ein bitteres Geräusch. »Sharp hat doch halb Kassel an den Eiern. Der weiß mehr über mich als meine Mutter.«
Ehrlich gesagt verschlug mir dieser plötzliche Tonartwechsel einigermaßen die Sprache. Sogar das Näseln war verschwunden. Der Gedanke lag nahe, dass Gehrmann und sein Partner sich mit einer Gruppe eingelassen hatten, die in wechselnden Privathäusern »Schnee-Partys« ausrichtete. Was das Koks anging, war ich ziemlich sicher, dass Sharp seine Finger im Spiel hatte. Er belieferte sämtliche Gesellschaftsschichten mit illegalen Substanzen nach deren Gusto, und in dieser Liga gab man sich nicht mit Heroin ab. Mit einem Mal fand ich mich selbst gar nicht mehr so schäbig.
Gehrmann hatte mir beim Denken zugesehen. Er ahnte wohl, dass seine letzte Bemerkung einige meiner Vorurteile an die Oberfläche gespült hatte, und schien keinen Grund zu erkennen, länger die Fassade aufrechtzuerhalten. »Es wird sich heute ohnehin niemand mehr hierher verirren. Kommen Sie, ich zeige Ihnen die Wohnung.«
Das ging für meinen Geschmack beinahe zu leicht.
Nachdem Gehrmann die Eingangstür der Galerie zugeschlossen hatte, führte er mich durch die Ausstellungsräume zu einem Hinterausgang, der in ein gediegenes Jugendstiltreppenhaus mündete.
Zwei Geschosse höher öffnete er die Tür zu einer Wohnung, die genau der Hollywoodschablone von Wohnräumen eines schwulen Pärchens entsprach. Glänzendes Edelholzparkett, hohe Decken mit Stuck, helle Wände mit großformatigen Gemälden, wohlplatzierte teure Teppiche, gekonnt inszenierte Designermöbel im Wechselspiel mit kostbaren Antiquitäten und mittendrin: eine weiße Perserkatze, die leise schnurrend über das Parkett schlich.
Gehrmann führte mich durch diese Klischeelandschaft in ein Zimmer, das aussah, als sei es aus einer anderen Wohnung in diese verpflanzt worden. Die Regale quollen über von Aktenordnern und etliche stapelten sich auf dem Boden. Der Schreibtisch war ähnlich vollgehäuft wie der in meiner Kanzlei.
Während ich vortrat und das Chaos auf mich wirken ließ, blieb Gehrmann im Türrahmen stehen.
»Tut mir leid«, sagte er. »Ich hatte Ihnen gesagt, dass ich überfordert bin. Sandro hat immer alles schön in Ordnung gehalten. Die Polizei hat diese Unordnung hinterlassen, nun bin ich froh, wenn ich die Papiere für den Steuerberater noch zusammenbekomme.«
»Die Polizei hat seine Unterlagen durchsucht?«
»Ein kleiner muskelbepackter Kommissar war hier. Der Typ hat ein Feingefühl wie eine Dampfwalze.«
»War er allein?« Wieder kein Wort über Kommissar Frank. Allmählich machte mich dessen Abwesenheit in diesem Fall neugierig. Dass er sich tatsächlich in den Innendienst hatte versetzen lassen, konnte ich mir beim besten Willen nicht vorstellen.
»Ja, er war allein. Er hoffte, es könne irgendwo ein Abschiedsbrief rumliegen. Fehlanzeige. Leider hat er bei der Gelegenheit das unsägliche Testament gefunden, das mich in diese Lage gebracht hat.«
Sachs hatte also bereits alles durchforstet. Meine Hoffnung schwand, hier auf relevante Informationen zu stoßen. »Wurde etwas mitgenommen?«
Gehrmann schüttelte den Kopf und die Hoffnung kehrte zurück. Offenbar gab es nicht den geringsten Anhaltspunkt, dass es sich beim Tod des Galeristen nicht um Suizid handelte. Vermutlich würde es nach den neuesten Entwicklungen nicht allzu lange dauern, bis Sachs wieder bei Gehrmann vor der Tür stünde. Sharp hatte mich gerade zum richtigen Zeitpunkt auf die Sache angesetzt, um der Kripo einen entscheidenden Schritt voraus zu sein.
Das Chaos, das Sachs hinterlassen hatte, machte mich dennoch ratlos. »Haben Sie eine Ahnung, wo Herr Ratstetter Unterlagen mit den Geldgeschäften aufbewahrte?«
»Alle Ordner, die er vor seinem Tod angelegt hat, sind ordentlich beschriftet. Versuchen Sie Ihr Glück.«
Plötzlich hatte ich das Gefühl, mir diese Frage erlauben zu dürfen. »Passten die Umstände seines Suizids zu ihm?«
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