»Darauf können wir leider keine Rücksicht nehmen. Sie waren vorhin schon einmal hier, ich habe Sie gesehen. Deshalb muss ich Sie bitten, bei uns zu bleiben, bis die Polizei kommt, die wird Ihre Zeugenaussage aufnehmen.«
Das Donnerwetter, das Cressida auf ihre Worte hin von Jakob Wildenbruch erwartet hätte, blieb erstaunlicherweise aus. Er wurde blass und setzte sich ohne weitere Gegenrede an einen der Arbeitstische.
Jetzt erst bemerkte Cressida, dass auch Daniel den Lesesaal betreten hatte, unauffällig wie immer. Er sah sich um, erfasste die Situation und ging auf Karin zu, die teilnahmslos in dem Sessel gegenüber dem Toten saß. Wie selbstverständlich hockte er sich neben sie und legte sanft seinen Arm um ihre Schulter. Daniel, der starke Beschützer der Witwen und Waisen. Immer bereit, einer attraktiven Frau seine Hilfe anzubieten. Jedenfalls solange diese Frau zart und hilflos genug wirkte.
Er blickte in Cressidas Richtung, vorwurfsvoll. So als ob sie grundsätzlich an allem schuld und für alles verantwortlich wäre.
Fuck you, Daniel, dachte Cressida. Da war also wieder dieser Blick, wie damals. Es tat immer noch weh. Vielleicht hätte sie die Position als Writer in Residence doch nicht annehmen sollen. Aber sie konnte schließlich nicht für alle Zeiten vor ihren Erinnerungen davonlaufen, alles in ihr sträubte sich gegen diesen Gedanken. Fuck you, wiederholte sie für sich, weil es sich gut anfühlte. Fuck you – fuck you – fuck you. Die Wut tat ihr wohl.
Ein Blick auf Karin ließ sie wieder nüchtern werden. Der Thermosbecher mit Kaffee war Karin aus der Hand gefallen, ihre Gesichtsfarbe war aschgrau. Langsam öffneten sich Karins Augen und starrten ins Leere. »Ich bin schuldig«, hatte sie gesagt, doch das konnte nicht wahr sein. Cressida spürte, dass die dahinterliegende Geschichte viel komplizierter war, als es den Anschein hatte. Allerdings war dies noch nicht der richtige Zeitpunkt zum Trösten und Abwarten. Es gab im Moment vieles, was sie klären musste.
»Da wir alle hier sind, können wir der Polizei ein bisschen Arbeit abnehmen«, verkündete sie laut. »Wenn wir schon mal vorab herausfinden, wer der Tote war und wer ihn kannte, kommen wir nachher schneller wieder nach Hause.«
»Und Sie als Krimi-Autorin und Philosophin fühlen sich berufen, die Untersuchung zu leiten? Da haben wir wohl Glück gehabt, dass Sie zufällig gerade hier sind!« Martin Leemans sarkastischer Tonfall war nicht zu überhören.
»Warum sollte ich die Untersuchung nicht leiten?« So leicht ließ Cressida sich nicht einschüchtern. »Immerhin habe ich für meine Romane viel über Polizeiarbeit recherchiert, ich weiß, was üblicherweise gefragt wird. Und wenn Sie als Biograf sich berufen fühlen sollten, ein Protokoll zu führen, hat sicher niemand etwas dagegen. Oder gibt es andere Freiwillige?«
»Das Vorgehen zu dokumentieren, ist eine vernünftige Idee. Damit können wir der Polizei die Täterin gleich mit allen Einzelheiten zur Tat übergeben, und wir sind von diesen unsinnigen Verdächtigungen befreit. Fangen Sie nur an, ich unterstütze das!« Der hagere Theodor Storz verlieh seinen Worten durch die Lautstärke seiner Bassstimme besonderes Gewicht. Niemand widersprach ihm. »Ich bin meinerseits gern bereit, alles zu notieren, schließlich bin ich selbst schriftstellerisch tätig, auch wenn mein Werk noch nicht seinen Platz in der Öffentlichkeit gefunden hat.«
Cressida blickte in die Runde. So eine große Gesellschaft, dachte sie. Das würde ein breiteres und dichteres Geschichtengewebe ergeben, als man an einem Abend durchleuchten konnte. Und außerdem konnte es an die Nieren gehen. Nicht nur Karin, nicht nur den anderen, sondern auch ihr selbst. Aber es war spannend.
Verstrickt ist man immer in die ganze Geschichte. Das Handeln betrifft nur einen Moment in der Geschichte.
Wilhelm Schapp, In Geschichten verstrickt
»Alles, was man über einen Menschen wissen muss, ist in den Geschichten enthalten, in die er verstrickt ist.« An den Blicken der Anwesenden erkannte Cressida, dass dieser Anfang nicht gut ankam. Das hörte sich abgehoben an, was zum Teufel sollte das mit uns zu tun haben, war auf ihren Gesichtern geschrieben. Also erst einmal wieder zum Konkreten, das kannten wahrscheinlich alle von aktuellen Fernsehkrimis, damit fühlten sie sich zu Hause. »Aber um Ansatzpunkte für diese Geschichten zu bekommen, braucht man die Forensik. Man muss konkrete Hinweise entdecken.«
Mehrfaches zustimmendes Nicken, sogar von Herrn Storz.
»Die forensisch wichtigen Spuren müssen so schnell wie möglich gesichert werden. Hat jemand von Ihnen ein Handy mit guter Kamera für Makroaufnahmen?«
Herr Storz öffnete seine Aktentasche und zog ein großes Smartphone in einer pink funkelnden Hülle heraus. »Mit Makroaufsatz!«, verkündete er stolz. Cressidas Fantasie begann zu rasen: Herr Storz kam zu früh nach Hause, seine Frau stand vor dem Schlafzimmerspiegel, mit ihrem Liebhaber am Mobiltelefon, Herr Storz versuchte, ihr das Telefon zu entreißen, sie wehrte sich, stolperte, schlug mit dem Kopf gegen den Bettpfosten, er verstaute die Leiche in der Gefriertruhe im Keller und akquirierte das Handy …
»Das hat mir meine Nichte geschenkt, als sie sich ein neues Modell gekauft hat«, fügte Herr Storz hinzu. »Ich benutze es manchmal zum Diktieren, wenn es keine Gelegenheit gibt, einen Gedanken aufzuschreiben. Sie wissen ja, wie es uns Schriftstellern geht – wenn man eine Eingebung hat, muss man sie sofort festhalten, ehe sie ihre Frische verliert.«
Alle schauten schweigend zu, wie Herr Storz systematisch alles aufnahm, was in der Nähe des Toten zu beobachten war: die Wunde aus der Nähe und aus einem Abstand von einem Meter, die Gesamtansicht des Toten von allen Seiten, den Fleck auf dem Teppich, den Brieföffner-Dolch auf dem Tisch, Karin Zwinglis Hand, Karins Gesicht und schließlich jeden der Anwesenden von allen Seiten, »wegen der Spurensicherung«. Als er Karins Gesicht in Großaufnahme fotografieren wollte, sprang Karin plötzlich auf und schlug ihm das Gerät aus der Hand. Dann sank sie wieder in den Sessel zurück.
Herr Storz hob schnell sein Handy auf und ging hinter einem Tisch in Deckung. »Um Himmels willen, diese Frau ist gefährlich! Wir sollten die Täterin fesseln, in unser aller Interesse, wer weiß, was sonst noch passiert. Hat jemand von Ihnen zufällig ein Stück Schnur oder Kabel dabei?«
»Seien Sie nicht albern«, sagte Cressida. »Karin Zwingli hat diesen Mann nicht getötet. Und sie ist nicht gefährlich.«
»Ach?«, erwiderte Herr Storz. »Woher wollen Sie das wissen? Frau Zwingli hatte ganz offensichtlich die Mordwaffe in der Hand, und sie kniete vor dem Toten. Außerdem waren wir eben alle dabei, als sie selbst den Mord gestanden hat!«
»Schauen Sie mal ganz genau hin. Das Blut ist schon seit längerer Zeit in den Teppichboden gelaufen. Der Fleck ist groß und an den Rändern eingetrocknet. Ich bin kein Gerichtsmediziner, doch nach meiner Einschätzung ist dieses Blut schon seit mindestens einer halben Stunde geflossen. Warum sollte der Mörder, oder die Mörderin, so lange bei dem Toten bleiben?«
»Das sind ja interessante Beobachtungen. Haben Sie mal in der diagnostischen Forensik gearbeitet?«
»Nein, aber ich bin eine Frau, und Frauen kennen sich mit Blut aus. Soll ich Ihnen das noch näher erläutern?«
»Nein, nein, vielen Dank, ich verzichte. Aber um auf Frau Zwingli zurückzukommen: Wir haben es alle selbst gesehen – Frau Zwingli ist nach der Tat ohnmächtig geworden und über ihrem Opfer zusammengebrochen. Sie kann da schon längere Zeit gelegen haben.«
»Herr Storz, Sie legen sich ja sehr ins Zeug, ihr den Mord in die Schuhe zu schieben! Frau Zwingli ist erst vor fünf Minuten in den Lesesaal gekommen, also kann sie den Mann nicht erstochen haben.«
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