Mit der Pflanze konnte man dem oder der so innig Begehrten eine unausweichliche, »heiße, brennende Liebe« anzaubern. Dazu musste man an einem Freitag, dem Tag der Liebesgöttin Venus, vor Sonnenaufgang heimlich auf eine Nesselstaude urinieren, den Namen des oder der Begehrten aufsagen und die Pflanze mit Salz besprengen. Nach Sonnenuntergang desselben Tages grub man die Nessel aus, legte sie in die Glut und beschwor drei Dämonen:
»Öl, Ammel und Ingrimm,
So wie die Nessel hier brennt,
So brenne auch sein (ihr) Herz nach mir!«
Wenn wir annehmen, dass Gedanken und Wünsche eine Art von Energie darstellen und dass es so etwas wie Telepathie gibt, dann hat man mittels dieses Rituals gewiss eine Wirkung erzielt. Der davon Betroffene, der vermutet, auf diese Art und Weise verzaubert worden zu sein, vermag sich dennoch zu wehren: Wenn er etwas Johanniskraut oder eine Wegerichwurzel bei sich trägt, wird man ihm nichts anhaben können.
Die Brunst des Mars ist also nicht nur eine physische, mit dem Thermometer messbare Hitze, sondern ebenso die Hitze des Kampfes, der Begeisterung und der sinnlichen Leidenschaft. Die kühle Venus hat den Hitzkopf zu ihrem Liebhaber auserkoren, er ist ihr Eroberer. Mars verkörpert immer das eindringende, begattende Prinzip, die holde Göttin immer das empfangende Prinzip.
Liebesfeuer und Manneskraft lassen sich tatsächlich mit Brennnesselsamen anfachen. In mittelalterlichen Klöstern, wo es unter den Bettstellen nur so von Buhlteufeln wimmelte, unterlagen Brennnesselsamen einem strikten Verbot. Schon die Ärzte der Antike hatten verkündet, dass der Brennnesselsamen feurig in der Liebe mache und die Wehen der Geburt lindere. Dioskorides, der griechische Feldarzt im Dienst der römischen Kaiser Claudius und Nero, bemerkt, dass »Nesselsamen, in Wein getrunken, macht ein Begierd zu Unkeuschheit und öffnet die verstopfte Gebärmutter«. Otto Brunfels (1489–1534), einer der »Väter der Botanik«, fügt hinzu: »Der Same in süßem Wein getrunken reyzet zur Unkeuschheit und thut auf die Macht (Scheide). Ettliche andere, wenn sie wöllen eheliche Werk treiben, essen sie den Samen mit Zwiebeln und Eidottern und Pfeffer.« In abgelegenen Winkeln des Schwabenlandes gibt es noch heute Kräuterfrauen, die den Samen der »Nessele« als fruchtbarkeitsfördernd ansehen. Sie sammeln die Samen im Feuermonat August, wenn sich der Mond in einem Feuerzeichen (Schütze, Widder, Löwe) befindet. Im Emmental sammelt man im Augustmond Nesselsamen gegen Wassersucht.
Tatsächlich bewirken die Samen eine deutlich spürbare Kräftigung der Konstitution. Man kann sie im Herbst sammeln, trocknen und bis zur nächsten Ernte im Glas aufbewahren. Brennnesselsamen sind eine Schatztruhe wertvollster konzentrierter Mineralien, Vitamine und Phytohormone. Sie regen die Körperfunktionen an, helfen bei chronischer Müdigkeit und Leistungsschwäche und fördern bei stillenden Müttern die Milchbildung. Als immunstärkendes Mittel sind die Brennnesselsamen wahrscheinlich dem teuren, aus Korea importierten Ginseng ebenbürtig. Mit den Samen kann man nach Belieben Suppen würzen oder zur Stärkung einen Teelöffel pro Tag kauen. Die winzigen Nüsschen schmecken gut und werden beim Kauen recht schleimig, wie es sich für Träger von Lebenskraft gehört.
BLUT, EISEN UND BLATTGRÜN
Bestimmte Pflanzengattungen und -familien spezialisieren sich auf ganz bestimmte Stoffe. Schmetterlingsblütler zum Beispiel saugen sich mit Hilfe kleiner Wurzelbakterien mit Stickstoff voll. Gänseblümchen, die gewöhnlich auf kalkarmen Wiesen wachsen, sammeln Kalk. Der Stechapfel ist auf Phosphor spezialisiert. Und der Schachtelhalm ist dermaßen auf Kiesel (Silizium) versessen, dass man einst mit seinen harten, kieseligen Stängeln die Zinnbehälter polierte. Jeder Pflanzengattung kommt im Haushalt der Natur eine besondere Aufgabe zu. Auch der Brennnessel. Sie hat als zünftige Marspflanze ein besonderes Verhältnis zum Eisen, dem Metall des roten Planeten. Nesselkolonien besetzen mit Vorliebe Böden, auf denen Schrott und alte Maschinen dahinrosten. Gierig saugen die Nesseln das Metall auf und regulieren auf diese Art und Weise den Eisenstoffwechsel des Bodens.
Brennnesseln enthalten viel Eisen, bis zu sechs Prozent des Aschengehalts. Das Eisen der Brennnessel ist von großer biologischer Verfügbarkeit, es kann leicht von unserem Organismus aufgenommen werden. Wir alle brauchen Eisen. Als Baustein der roten Blutkörperchen hilft es, den Sauerstoff, der für jede einzelne Zelle lebensnotwendig ist, zu transportieren und zu speichern. Gelegentlich kann es vorkommen, dass Menschen nicht genug von diesem Marselement in sich haben. Sie sind dann blass, lustlos, träge und schlapp: Sie leiden an »Blutarmut«. Besonders Schwangere sind davon betroffen. Werdende Mütter – so der Bergbauer Arthur Hermes, der Mystiker aus dem waadtländischen Jura – wären gut beraten, jeweils morgens, mittags und abends einen Esslöffel frischen Brennnesselsaft einzunehmen.
Auch willensschwachen Menschen, jenen, denen es schwer fällt, ihren irdischen Leib voll in Besitz zu nehmen, gibt Arthur Hermes diesen Rat. »Eisen macht wach«, sagt der passionierte Brennnesselteetrinker, »es zieht unser höheres Ich in unseren Körper hinein und lässt uns als geistige Wesen voll inkarnieren. Das ist bei uns Menschen der Fall ebenso wie bei unserer Mutter Erde, der Gaia. Ein Eisenkorn gliedert ihren Leib in zwei magnetische Pole und durchzieht ihn mit jenen Kraftlinien, die der Kompass registrieren kann. Vergleichsweise vermittelt uns das Eisen im Blut einen Bezug zu den Gesetzen des materiellen Raums und ermöglicht unsere irdische, karmische Betätigung. Ohne Eisen könnte das spirituelle Selbst gar nicht innerhalb materieller Dimensionen agieren. Ohne Eisen kann sich dieses Selbst gar keinen Körper als irdisches Fahrzeug aufbauen, also brauchen Schwangere viel davon.«
Fleißige Chemiker haben die molekulare Struktur des Hämoglobins, des roten Blutfarbstoffes, genau untersucht. Das Molekül besteht aus einem ringförmigen Porphyrgerüst, in dessen Mitte sich ein Eisenmolekül befindet. Nun ist es äußerst interessant, dass das Chlorophyllmolekül (das Blattgrün), welches die Sonnenenergie auffängt und allen Lebewesen das Leben ermöglicht, genau dieselbe molekulare Struktur besitzt wie das Hämoglobin! Das Blattgrün ist praktisch ein Spiegelbild des roten Blutfarbstoffes. Es stellt dem Rot die Komplementärfarbe Grün entgegen. Es sondert den Sauerstoff ab, den das Hämoglobin aufnimmt; es atmet den Kohlenstoff ein, den das Hämoglobin absondert.
Was nun den Unterschied zwischen diesen Zwillingen ausmacht, ist, dass das Chlorophyllmolekül in der Mitte des Porphyrringes anstatt eines Eisenatoms ein Magnesiumatom aufweist. Dennoch braucht jede Pflanze Eisen, um nicht bleichsüchtige, weißliche Blätter zu bekommen, ebenso wie jeder tierische Organismus Magnesium braucht. Hätte die Pflanze aber Eisen inmitten des Chlorophyllmoleküls, dann hätte sie keinen grünen Saft, sondern rotes animalisches Blut; dann würde sie aus ihrem vegetativen Schlaf erwachen; dann wäre auch sie eine Art Mikrokosmos. Aber die Pflanze ist dazu bestimmt, ein makrokosmisches Wesen zu bleiben ohne seelisches und geistiges Innenleben, wie es bei Organismen mit rotem Blut der Fall ist. Sie braucht keine inneren Organe, kein rotes Blut; sie bleibt notgedrungen der äußeren Natur, dem Kosmos zugewendet; sie bleibt offen für die Energien, die ihr aus den Weiten des Alls und von der Sonne zuströmen.
Die grünen Chloroplasten im Blatt gleichen in verblüffender Weise den Stäbchen in der Netzhaut des menschlichen Auges. Blätter sind tatsächlich lichtsensible Organe, Augen, die Energiequanten aus dem Kosmos empfangen und damit die stofflichen Elemente (Wasser, Luft, Mineralien) beleben und zu Biomasse aufbauen. Die komplementären roten Blutkörperchen nehmen dann einen Teil dieser Lebensenergie auf und lassen sie den tierischen und menschlichen Mikrokosmen zukommen.
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