»Vielleicht wird es nie eine Forderung geben«, sagte jemand von ganz hinten, »vielleicht wurde das Kind verschleppt, oder es ist bereits tot.«
»Das glaube ich nicht«, meinte die Kommissarin, »das Baby musste überleben. Der oder die Täter haben einen Plan.«
»Okay«, sagte Weber, »Sie sehen, das wird hier ganz großes Kino. Mord, Kindesentführung, islamistischer Hintergrund, internationale Verflechtungen. Es gibt also viel zu tun. Aber fangen wir ganz unten an, so wie wir es gelernt haben. Ein Kleinkind unbemerkt zu versorgen, das geschieht nicht einfach mal so. Also Spurenauswertung, ermitteln in alle Richtungen, auf Täterkontakt bei Anderson einstellen, präventive Gespräche mit allen Betroffenen und bitte alles, was wir über Ali Naz und seine Komplizen in unserer Stadt herausfinden können. Hat noch jemand eine Frage?«
»Wenn nicht, dann Herr Mann – Sie noch zum Abschluss?« »Gerne. Wir werden zusätzlich den Generalbundesanwalt informieren. Noch aber ist das eine Sache unserer Behörde. Ich setze absolute Verschwiegenheit voraus. Medienarbeit ist Chefsache. Ich werde diese SoKo bis auf Weiteres eng begleiten. Joe Weber hat die volle Unterstützung des Hauses. Wir sehen uns morgen früh um acht Uhr wieder. Ich danke Ihnen, meine Damen und Herren!«
Jelke hatte Marcs Schuldvorwurf nicht kommentiert, wissend, dass sie niemandem Schuldgefühle nehmen konnte. Im Gegenteil, so konnte Marc die Illusion aufrechterhalten, dass in Zukunft so etwas nicht mehr passieren kann, wenn er besser aufpassen würde. Hauptsache er redete, sprach sich aus. Das Relativieren der starken, bohrenden Schuldgefühle, so hatte sie erfahren, würde ohnehin später von selbst eintreten, wenn alles wieder normal liefe. Wenn.
Marc hatte sich etwas gefangen. Er war sogar in die Küche gegangen und hatte gefragt, ob jemand einen Kaffee haben möchte. Er selbst wollte einen Tee trinken, doch die Hand zitterte so stark, dass Jelke dazu kam und ihm die Zubereitung abnahm.
»Wo ist meine Frau jetzt, Herr Holms?«
»Sie wurde in die Rechtsmedizin gebracht und wird dort obduziert.«
»Wann?«
»Ich weiß es nicht.«
»Wie sieht sie aus?«
»Ich weiß es auch nicht, Herr Anderson. Aber was ich vermittelt bekommen habe ist, dass alles sehr schnell ging und sie nicht gelitten hat.«
»Sagen Sie das, um mich zu beruhigen?«
»Nein, das ist Fakt.«
»Ich möchte sie auf jeden Fall noch vor der Obduktion sehen.«
»Das werde ich durchgeben.«
»Und wirklich keine Hinweise zu Pia?«
»Leider nein, Herr Anderson. Die Kollegen arbeiten intensiv. Sobald wir etwas wissen, sind Sie der Erste, der es erfährt.« »Danke, Herr Holms, ich brauche jetzt eine Pause.«
»Natürlich, Herr Anderson, ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid es mir tut. Ich fühle mit Ihnen. Ich wünsche Ihnen alle Kraft und Gottes Segen.«
Marc sah ihn verbittert an und sprach leise: »Den brauche ich jetzt wirklich nicht, der hat mir gerade meine Familie genommen.«
Er schwankte leicht, doch es gelang ihm, den Polizeibeamten zur Tür zu bringen. »Danke, Herr Holms, für Ihren Einsatz.«
Marc hockte zusammengesunken auf der Couch. Das Zittern seines Körpers verstärkte sich. Jelke eilte in die Küche, kam mit einem Glas Wasser zu ihm und legte sanft ihre Hand auf seine Schulter, so, als wolle sie das Zittern abmildern. Als Nächstes würde sie ihn bitten, sich auf die Couch zu legen, die Beine anzuwinkeln, und sie würde ihn zudecken. Doch das schien nicht nötig. Noch nicht. Sie reichte ihm das Wasser. Er blickte sie kurz wie aus weiter Ferne an, schien zu verstehen, trank.
Schüttelfrost. Sie legte eine Decke über ihn.
Jelke sagte nichts. Kein Wort der Beruhigung, kein Wort des Trostes, kein Wort über das verschwundene Kind, kein Wort über die tief empfundene Schuld.
SCHULD.
Schuld hatte ihn in Sekundenbruchteilen mit einem galaktischen Sog in das schwärzeste aller Löcher des Universums gezogen. Marc war nicht mehr in seiner alten Haut. Schuld hatte die Regie übernommen.
Niemand sagte etwas.
Die Notfallseelsorgerin war einfach nur da. Sie gab keine Ratschläge, Analysen oder Deutungen. Ihre völlige Zurückhaltung war nicht feige oder Ausdruck der Unsicherheit, ganz im Gegenteil. Sie wartete. Irgendetwas würde passieren. Aber nicht proaktiv von ihrer Seite, sie wartete auf eine Aktion von Marc.
Hier geschah, was Jelke in der Ausbildung als für sie schwerste psychosoziale Intervention überhaupt gelernt hatte: qualifiziertes Schweigen. Wenn notwendig über lange Zeit. Es war sogar möglich, dass überhaupt nicht geredet wurde. Darauf stellte sie sich jetzt ein.
Er legte sich auf die Seite – von ihr abgewandt.
»Bleib’ bitte hier«, sagte er unvermittelt.
»Ich bleibe, solange du möchtest.«
»Marie ist deine beste Freundin, Pia ist dein Patenkind.«
»Ja, Marc.«
Ihr Herz schlug bis zum Halse. Er hatte logischerweise die persönliche Beziehungsebene hergestellt.
»Wie wirst du damit fertig?«
»Schlecht, Marc, miserabel. Doch jetzt geht es um dich.«
Er warf die Decke zur Seite und sprang auf.
»Ich muss sehen, wo es passiert ist!«
Jelke war kurz entsetzt aber realisierte auch, dass er so versuchte, die Situation anzunehmen und war doch noch vollkommen instabil.
»Okay, dann machen wir das.«
Sie wusste nicht, was am Tatort wenige hundert Meter weiter geschehen würde und fragte sich, ob das wirklich eine gute Idee sei. Doch Marc war nicht aufzuhalten. Sie ging voraus zur Tür, öffnete sie und warf sie sofort wieder ins Schloss.
Draußen standen Journalisten und Fotografen.
Einer rief: »Können Sie uns sagen, wo das Baby ist?«
Marc drängte Jelke – völlig die Beherrschung verlierend – zur Seite, riss die Tür auf und schrie in die Kameras:
»Ihr Bastarde, lasst uns in Ruhe!«
Jelke zog ihn energisch zurück, schloss die Tür und führte ihn zur Couch.
Er kippte in die Kissen. Ein erneuter Schüttelfrost überkam ihn. »Entschuldige, Jelke. Es ist zu viel. Ich weiß nicht, wie ich das klar kriegen soll.«
»Soll ich dir etwas zu essen machen?«
»Danke, nein. Wir gehen nachher zum Tatort, wenn die Meute weg ist.«
»Ich mach’ dir trotzdem ein Brot. Du entscheidest, ob du es möchtest. Darf ich an den Kühlschrank gehen?«
Er antwortete nicht. Es war ihm vollkommen gleichgültig.
Sie saßen sich gegenüber. Er bekam keinen Bissen herunter, vergrub seinen Kopf in den Händen, versuchte sich zu konzentrieren. Es war nicht möglich. Sein Gehirn war wie abgestellt. Dann rasten die Gedanken wieder wie wild, überschlugen sich.
Er rannte zur Toilette. Jelke hörte, wie er sich erbrach.
Er kam zurück, sah sie verweint an. »Jelke, sag’, dass es nicht wahr ist. Das ist alles ein furchtbarer Irrtum. Marie ist mit Pia bei ihren Eltern. Sie ist bei den Eltern, ganz bestimmt.«
Sie kam zu ihm, schaute ihn so fest und eindringlich an, wie es ihr möglich war.
»Nein, Marc, Karina Marie ist tot. Ich bete, dass Pia lebt und ihr nichts geschieht.«
Er beugte sich zu ihr herunter. Sie ließ ihn an ihrer Schulter weinen.
Nach einer Weile sagte er fast flüsternd: »Wir müssen ihre Eltern benachrichtigen.«
Marc hatte selbst die Jokerfrage in der Erstberatung initiiert. Benachrichtigung von Angehörigen oder Freunden bedeutete Handeln. Wer benachrichtigte, war gleichgültig, Hauptsache, die Notwendigkeit war bewusst geworden. Es war der erste kleine Schritt zurück in die Welt da draußen.
»Ein Kollege ist bereits bei ihnen«, erwiderte sie.
»Das ist gut, danke, Jelke, danke, ich könnte das jetzt nicht. Mein Gott, ihre Mutter ist dement und der Mann schwer herzkrank.«
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