Die anderen waren anscheinend schon fertig mit Essen. Der Reis in der Schüssel – „das nennt der Pilau“, sagte Belal – sah gräulich aus und war schon halb kalt. Ich aß trotzdem, denn man wusste ja nie, wann man das nächste Mal etwas zu essen bekam. Später erfuhr ich, dass die anderen, die alle schon am Vortag in dieser Pension zusammengefunden hatten und deshalb wussten, was sie am Abend erwartete, sich am Nachmittag in einem kleinen afghanischen Restaurant in der Nähe sattgegessen hatten. Faizal und Belal schienen über Geld zu verfügen, denn sie hatten ihrem neuen Freund Malik sogar das Essen bezahlt. Das hat der mir aber erst am nächsten Tag erzählt, als die beiden nicht in der Nähe waren.
Die Nacht habe ich kaum geschlafen. Der Raum erinnerte mich an das Zimmer, in das man Abdul und mich in Herat eingesperrt hatte, nur dass es hier noch schmutziger und die Matratzen noch durchgelegener waren. Die anderen schnarchten. In meinem Magen grummelte es die ganze Zeit. Die Zahl der Kakerlaken, die man schon bei Licht vereinzelt über Boden und Wände hatte huschen sehen, schien sich im Dunkeln – den leisen Kratz- und Raschelgeräuschen nach – vervielfacht zu haben. Ich verkroch mich so tief wie möglich in meinen Schlafsack, zog den Reißverschluss bis ans Kinn und zog die Kapuze über beide Ohren fest zu.
Kaum hatte der Wirt uns vier in den kleinen Lieferwagen gescheucht, der direkt vor dem Eingang der Pension bereitstand, warf er die Türen hinter uns zu. Wir saßen noch nicht einmal richtig auf dem Boden des ansonsten leeren Laderaums, da fuhren wir auch schon los.
Wieder schien es kreuz und quer durch die Stadt zu gehen, und immer wieder musste der Fahrer scharf bremsen. Da man sich nirgendwo festhalten konnte, blieb uns nichts anderes übrig, als uns jedes Mal schnell aneinander zu klammern, um nicht quer durch den Laderaum zu schlittern. Durchgeschüttelt und mit verkrampften Muskeln waren wir froh, als wir endlich hielten und die Türen geöffnet wurden. Draußen stand wieder der junge Mann mit Lederjacke und Sonnenbrille. Der Busbahnhof aber, vor dem wir standen, sah ganz anders aus, als der am Abend zuvor.
Zeit, uns näher umzusehen, hatten wir aber nicht. Der Lederjackentyp drückte jedem von uns einen Busfahrschein in die Hand und lief los. Wir drängelten uns hinter ihm her durch die Menge. Bevor wir in den Bus nach Täbris einstiegen, schärfte der Mann uns noch ein, uns unauffällig zu verhalten und so zu tun, als wären wir Touristen. Nach der Ankunft in Täbris sollten wir wieder so lange vor dem Busbahnhof warten, bis wir abgeholt würden.
Wie wir feststellten, hatte er für uns jeweils zwei Sitze nebeneinander gebucht. Belal und Faizal hatten Plätze im vorderen Teil des Busses bekommen. Ich freute mich, dass ich weiter hinten mit Malik zusammensaß.
Schnell entdeckten wir Gemeinsamkeiten. Seine Eltern hatten sich genauso wie meine in einem Flüchtlingslager in Pakistan kennengelernt und waren ebenfalls nach dem Sturz der Taliban Ende 2001 nach Afghanistan zurückgekehrt. Seine Mutter war eine Hazara aus Mazar-i-Sharif. Sie war die einzige aus ihrer Familie gewesen, die dem großen Massaker entkommen war, dass die Taliban 1998 unter den Hazara der Stadt angerichtet hatten. Als ich ihm sagte, dass mein Großvater mir von diesem schrecklichen Blutbad erzählt hatte, zeigte er sich gerührt. Die meisten wollten davon ja schon gar nichts mehr wissen, meinte er. Sein Vater stammte aus einer Familie mit Landbesitz in der Nähe von Jalalabad. Als erklärte Gegner der Taliban – einer der Brüder seines Vaters diente auch in der Armee – hatten sie bei deren Machtübernahme in der Provinz Nangarhar ebenfalls nach Pakistan fliehen müssen.
Nachdem die Taliban in letzter Zeit in der Provinz Nangarhar erneut immer stärker geworden waren, hatte Maliks Vater beschlossen, seinen Sohn auf den Weg nach Europa zu schicken. Mit dem Argument, ‚unser Malik soll es einmal besser haben‘, hatte er sich damit gegen den Widerstand seiner Frau und seines in der Armee dienenden Bruders durchgesetzt. Er hatte aber alles getan, seinem Sohn die Flucht so sicher wie möglich zu machen. Bis Maschhad hatte er Maliks Reise selbst organisiert – samt Pass und einem Studentenvisum, für das ein entfernter Verwandter mit Beziehungen zu einer Universität dort gesorgt hatte. Maliks Onkel, der Soldat, hatte die Fahrt über die pakistanische Grenze nach Peschawar arrangiert. Von dort war Malik direkt bis nach Maschhad geflogen. Ab da hatte sein Vater Kadér für Schlepperdienste bis nach Frankreich bezahlt. Wir hatten also auch noch das gleiche Ziel!
Als Malik hörte, was ich bei der Überquerung der Grenze in den Iran durchgemacht hatte, zeigte er sich ehrlich betroffen. Kurz vor unserer Ankunft in Täbris warnte er mich auch noch davor, Faizal allzu sehr zu vertrauen. Der habe ihm erzählt, dass er von Islamabad aus direkt mit dem Flugzeug nach Teheran gekommen sei, scheine eine Menge Geld dabeizuhaben, und als er am Anfang in der Pension etwas aus seinem Rucksack gekramt habe, sei ihm versehentlich ein Pass heruntergefallen. Den habe er zwar hastig wieder versteckt, aber Malik war sicher, es war ein türkischer Pass. „Warum ist er dann nicht gleich in die Türkei oder bis nach Europa geflogen?“, fragte ich. Das wusste mein neuer Freund natürlich auch nicht.
Schon als unser Bus einparkte, fiel mir ein Mann mit der Statur eines Boxchampions auf, der in einiger Entfernung an einen Betonpfeiler gelehnt unsere Ankunft beobachtete. Um diese Zeit, es muss schon gegen Mitternacht gewesen sein, waren im überschaubaren Busbahnhof von Täbris nur wenige Menschen unterwegs. Der Boxer wartete, bis sich die anderen Passagiere zu verlaufen begannen und kam dann breitbeinig direkt auf uns zu.
„Kadér?“, fragte er. Fünf Minuten später saßen wir in seinem alten Peugeot und fuhren in die Nacht hinaus. Während der Fahrt erklärte er uns etwas in einer Sprache, die wie Farsi klang, aber mit Worten durchsetzt war, die ich nicht verstand. Mit dieser typischen Mischung aus Persisch und Kurdisch wurde ich erst später etwas besser vertraut. Immerhin wurde klar, dass wir erst mal in seinem Haus auf dem Land übernachten würden, und es noch nicht ganz sicher war, wann es weitergehen würde.
Nach etwa anderthalb Stunden Fahrt – der letzte Teil in steilen Kurven durch ein zerklüftetes Gebirge, das im fahlen Licht des Dreiviertelmonds richtig gespenstisch aussah – bogen wir auf ein baumbestandenes Grundstück ein und hielten neben einem recht ansehnlichen Steinhaus. Der Boxer führte uns hinter das Haus zu einem Anbau, ließ uns ein und forderte uns auf, es uns bequem zu machen. Beim Hinausgehen rief er uns – diesmal in klarer verständlichem Farsi – noch zu, er werde uns gleich etwas zu essen bringen, wir hätten ja sicher Hunger.
Wir sahen uns an. Wir hatten wohl alle zuerst ein mulmiges Gefühl gehabt, als dieser bullige Mann auf dem Busbahnhof auf uns zugekommen war. Malik hatte ich noch im Bus von Abdul erzählt, den ich in Taybad hatte zurücklassen müssen, und dass der dort jetzt praktisch als Sklave in einer Ziegelei schuften musste. Da gebe es noch Schlimmeres, hatte Malik erklärt. Er habe unterwegs Geschichten von Jungen gehört, die noch ganz anderen Männern in die Hände gefallen seien. Ich wusste, was er meinte.
Wir aber fanden uns in einem großen sauberen Raum wieder, sogar mit einer Waschgelegenheit nebenan, und kurze Zeit später brachte uns ein Junge – schon von der Statur her unverkennbar Sohn des Boxers – eine Schüssel voll duftendem, dampfendheissem Pilau mit großen Fleischstücken drin und eine Riesenkanne grünen Tee.
„Hier bleibe ich“, sagte Belal und strahlte.
Als der Sohn unseres ungewohnt freundlichen Wirts uns am nächsten Morgen das Frühstück brachte, sagte er, wir könnten uns auch draußen hinter dem Haus aufhalten. Dort haben wir dann viele Stunden verbracht, haben uns unter einem der Aprikosenbäume im Gras sitzend unterhalten, Karten gespielt oder gedöst. Am Nachmittag des zweiten Tages überbrachte uns der Boxer die Nachricht, dass es am nächsten Morgen losgehen würde. Wir sollten möglichst viel schlafen, die kommenden zwei bis drei Tage würden sehr anstrengend werden.
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