Das übergreifende Ziel der Indianerpolitik blieb die Assimilation, das Aufgehen der Indianer in die weiße Gesellschaft. Nach dem Bürgerkrieg hatten sich die KirchenKirchen verstärkt dieser Umerziehungsaufgabe angenommen, doch mit ihrem Bemühen, alle „heidnischen“ Sitten und Gebräuche auszumerzen, trugen sie nur noch zur Demoralisierung der Indianer bei. In den 1880er Jahren wuchs allerdings die Kritik an den Zuständen in den ReservatenNative AmericansReservate und an der schon fast sprichwörtlichen Korruption des Bureau of Indian Affairs Native AmericansBureau of Indian AffairsBureau of Indian Affairs. Die Vorschläge der Reformgesellschaften, die sich nun bildeten ( Women’s National Indian Rights Association ; Indian Rights Association Native AmericansIndian Rights AssociationIndian Rights Association), waren am Modell der weißen Farmerfamilie orientiert, obwohl den IndianernNative AmericansReservate die privatwirtschaftliche Nutzung von Grund und Boden unbekannt war. Dem Drängen der Reformer nachgebend, verabschiedete der Kongress 1887 den Dawes Severalty Act Native AmericansDawes Severalty Act (1887)Dawes Severalty Act (1887), der jeder indianischen Familie, die es wünschte, 65 Hektar Farmland oder 130 Hektar Weideland aus der Reservatfläche übereignete. Der Verkaufserlös des restlichen ReservatslandesNative AmericansReservate – das oft die fruchtbarsten Gebiete umfasste – sollte als Startkapital für die indianischen Farmer verwendet werden. Obwohl die Regierung auf 25 Jahre die Treuhandschaft für das zugewiesene Land übernahm, ging ein großer Teil des indianischen Grund und Bodens recht bald an Spekulanten und Betrüger verloren, die ihn mit hohem Gewinn an weiße Siedler weiterverkauften. Die ungewollten Hauptergebnisse der Reformen waren also eine beträchtliche Verkleinerung der Reservate und eine fortschreitende Verarmung der indianischen Bevölkerung.
Im Oklahoma-Territorium, das ursprünglich nicht unter den Dawes Act fiel, zeitigte der unersättliche weiße „Landhunger“ ganz ähnliche Ergebnisse. 1889 kam es hier zum ersten von mehreren land rushes , bei dem sich weiße Siedler Land aneignen konnten, das man den IndianernNative AmericansGilded Age auf verschiedene Weise abgenommen und „freigegeben“ hatte. Nach und nach wurden die Führer der „fünf zivilisierten Stämme“ dann überredet, die Bestimmungen des Dawes Act anzuerkennen und zusammen mit den Weißen eine Staatsverfassung zu entwerfen. Als Oklahoma 1905 in die Union aufgenommen wurde, besaßen die Native Americans Native AmericansReservate nur noch einen kleinen Teil des Landes, das ihnen die Bundesregierung ursprünglich als Reservat zur Verfügung gestellt hatte. Dieser Prozess der Reduzierung der Reservate und der Verelendung ihrer Bevölkerung vollzog sich fast überall mit scheinbarer Naturgesetzlichkeit. Nur ganz wenige Stämme, hauptsächlich Pueblo-IndianerPueblo-Indianer im SüdwestenSüdwesten, lebten am Ende des Jahrhunderts noch auf dem Land ihrer Vorfahren. Die Krise nahm existenzbedrohende Ausmaße an: Der Zensus von 1890 verzeichnete in den gesamten USA noch knapp 250.000 Indianer, und bis zur nächsten Volkszählung von 1900 sank die Urbevölkerung auf unter 240.000 ab, was ihren historischen Tiefpunkt markierte. Die Native Americans Native AmericansGilded Age hatten ihre kulturelle Identität weitgehend verloren, und ihre physische Existenz hing von den Zuwendungen der Bundesregierung und den Spenden wohltätiger Organisationen ab. Die stille Hoffnung mancher Amerikaner, das Indianerproblem werde sich bald „von selbst erledigen“, ging jedoch nicht in Erfüllung. Wider Erwarten fanden die Überlebenden der Indianerkriege die Kraft, durch Anpassung an die veränderte Lage und Rückbesinnung auf alte Stammestraditionen der Gefahr einer vollständigen ethnischen Auslöschung zu entgehen.
5 Der Aufstieg der USA zur führenden Industriemacht
Besonderheiten der amerikanischen IndustrialisierungWirtschaftIndustrialisierungGilded Age
Der säkulare wirtschaftliche Wachstums- und Modernisierungsprozess, der die Geschichte der Vereinigten Staaten im Grunde seit ihrer Entstehung bestimmte, trat nach dem Bürgerkrieg in eine neue Phase: Im Innern wurde die Industrie zum beherrschenden Sektor, und im Weltzusammenhang rückten die USA von der Peripherie des kapitalistischen Systems allmählich näher zum Zentrum. Bereits 1851, anlässlich der ersten Weltausstellung in LondonLondon, hatte es ein Kommentator im Economist Economist für „so sicher wie die nächste Sonnenfinsternis“ gehalten, dass die USA letztlich EnglandGroßbritannien überflügeln würden. Unter Wissenschaftlern ist immer noch umstritten, ob der BürgerkriegBürgerkrieg diese Entwicklung beschleunigte oder eher etwas verzögerte; im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts brach sie sich jedenfalls stürmisch Bahn. Wenn in diesem Zusammenhang von einem amerikanischen „ExzeptionalismusExzeptionalismus“ gesprochen wird, dann meint das vor allem zwei generelle Trends: Erstens vollzog sich die forcierte IndustrialisierungIndustrialisierungGilded AgeIndustrialisierung in den USA dezentraler und weniger staatlich gelenkt oder reguliert als in fast allen anderen Ländern; es entstand deshalb auch kein bürokratischer Leviathan in Gestalt eines übermächtigen Zentralstaates, der die Freiheit seiner Bürger bedrohen konnte. Zweitens gab es zwischen kapitalistischer Marktwirtschaft und politischer Demokratie zwar erhebliche Spannungen, aber keinen unüberwindlichen Gegensatz. Obwohl die Interessenkonflikte an Zahl und Härte zunahmen, blieb eine Spaltung der Gesellschaft in klar unterscheidbare, sich prinzipiell bekämpfende Klassen aus. Werner SombartsSombart, Werner Frage aus dem Jahr 1906, warum es in den USA keinen Sozialismus gebe, wird heute in erster Linie mit dem Hinweis auf die vielfach fragmentierte, pluralistische Einwanderergesellschaft der Vereinigten Staaten beantwortet. Immer noch im Gespräch ist auch der Erklärungsansatz von SombartsSombart, Werner Kollegen Max WeberWeber, Max, der einen Zusammenhang zwischen den religiös-kulturellen Sprüngen der USA und ihrer WirtschaftsordnungWirtschaft postulierte. Seine 1920 veröffentlichte Schrift „Die protestantische Ethik und der Geist des KapitalismusDie protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus (1920)“ entfaltete ähnlich weitreichende Wirkungen wie TurnersTurner, Frederick J. Frontier -TheseFrontier-These. Gewiss spielte aber auch die amerikanische Verfassungstradition eine wichtige Rolle, die den Menschen die Überzeugung vermittelte, alle notwendigen Änderungen und Anpassungen könnten ohne revolutionäre Umwälzungen unter Berufung auf die Prinzipien der UnabhängigkeitserklärungUnabhängigkeitserklärung und im Rahmen der 1787/88 geschaffenen Ordnung vorgenommen werden. Trotz gelegentlich heftiger Kritik an den Erscheinungsformen des Kapitalismus stand die Verwirklichung eines alternativen Wirtschafts- und Gesellschaftskonzepts in den USA deshalb niemals ernsthaft zur Debatte.
Der seit Beginn des Jahrhunderts bekannte Kreislauf von Aufschwung und Krise, Boom und Bust , setzte sich nach 1865 in noch schnellerer Folge fort. In jedem Jahrzehnt war ein mehr oder minder harter und lang anhaltender wirtschaftlicher Einbruch zu verzeichnen: 1866/67; 1873–1878; 1884–1887; 1893–1897WirtschaftAspekteDepression der 1890er. Die komplexen Ursachen solcher KonjunkturzyklenWirtschaft blieben selbst den gebildeten Zeitgenossen verborgen, und die Panik, mit der Unternehmer und Gläubiger auf wirtschaftliche Schwankungen reagierten, verschlimmerte regelmäßig ihre Folgen. Selbst unter heutigen Wirtschaftshistorikern sind die relative Gewichtung und das Zusammenwirken der verschiedenen Faktoren noch umstritten. Es lässt sich allerdings bereits für diese Zeit eine lebhafte Wechselwirkung zwischen rein inneramerikanischen Investitions-, Produktions- und Konsumentscheidungen und den weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen – etwa im Bereich der Rohstoffpreise und der internationalen Kreditbedingungen – beobachten.
Читать дальше