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Auch der Schutz vor „feindlichen“ Gläubigernlässt sich keineswegs durch einen Rückzug auf nationales Prozessrecht bewerkstelligen. Wenn bereits die Nichterfüllung einer titulierten Forderung bzw. ein vergeblicher Vollstreckungsversuch den Gläubiger dazu veranlasst, das Schuldnerunternehmen zu „sabotieren“, bietet zuweilen nur die Insolvenzanmeldung einen vernünftigen Ausweg, um sich aus einer „Nötigungssituation“ zu befreien. Auch versuchen zuweilen enttäuschte Geschäftspartner durch Beeinflussung von Meinungsmachern in Medien oder im Marktumfeld durch kritische Betrachtung, nachstellende Mängelbeanstandungen oder andere Formen des „Mobbing“, das Unternehmen in eine Krise zu bringen.
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Das deutsche Insolvenzrecht hat die Idee des US-amerikanischen Bankruptcy-Code Chapter 11 aufgegriffen, das eine „Flucht“ in die Insolvenzvor aggressiven Gläubigern ermöglicht. Der Insolvenzgrund der „drohenden Zahlungsunfähigkeit“ kann aber – jedenfalls bei grenzüberschreitenden Sachverhalten – durch eine von einem Gläubiger im Ausland angemeldete Insolvenz ohne Einfluss des Schuldners vorverlagert werden. Schon diese Handlung kann das Schuldnerunternehmen empfindlich treffen, selbst wenn die Entscheidung in Deutschland nicht vollstreckbar sein sollte (§§ 335 ff. InsO i. V. m. der EuInsVO).[168]
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Eine Abwehr solcher Anträge ist schwer, wenn nicht eindeutig gegen den ordre public verstoßen wird (vgl. aber § 353 InsO i.V.m. Art. 25 EuInsVO, §§ 31 ff. EuGVÜ). Die Flucht des Schuldners stellt in vielen Ländern (etwa Italien, der Schweiz oder der Türkei) einen Insolvenzgrund dar.[169] Wer sich seinen Gläubigern heimlich entzieht, kann diese offenbar nicht befriedigen. In England war der Flucht gleich gestellt, wenn der Schuldner sein Haus nicht mehr verließ. In der Schweiz und in Finnland ist bereits die Nichterfüllung einer titulierten Forderung nach dem ersten Vollstreckungsversuch ein Insolvenzgrund.[170]
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Faktisch ergibt sich ein Problem dann, wenn der ausländische Insolvenzantrag nach internationalem Kollisionsrecht in Deutschland nicht durchgesetzt wird, sowie dann, wenn eine Forderung, die nach ausländischem Recht tituliert ist, in Deutschland weder zur Vollstreckung angenommen noch bei den Berechnungen im Überschuldungsstatus berücksichtigt wird.
97
Wenn eine Unternehmensgruppe vorliegt und deshalb eine Konzerninsolvenzin Frage steht, kommt ein Verfahren nach Art. 56 ff. EuInsVO( Rn. 31 ff.) oder, wenn es sich um den rein inländischen Fall einer Unternehmensgruppe handelt, weil alle gruppenangehörigen Schuldner ihren Sitz in Deutschland haben, das Konzerninsolvenzverfahren nach §§ 3 ff. InsO in Betracht ( Rn. 34).
[1]
S. dazu oben Rn. 14.
[2]
Vgl. dazu NK-StGB -Kindhäuser Vor §§ 283–283d Rn. 91; Wabnitz/Janovsky- Pelz 9. Kap. Rn. 4 f.; Achenbach/Ransiek/Rönnau- Wegner VII 1 Rn. 16 ff.
[3]
MüKo-StGB- Radtke/Petermann Vor §§ 283 ff. Rn. 63.
[4]
Schönke/Schröder- Heine/Schuster Vor §§ 283 ff. Rn. 1; Achenbach/Ransiek/Rönnau- Wegner VII 1 Rn. 16.
[5]
NK-StGB- Kindhäuser Vor §§ 283–283d Rn. 91.
[6]
Zum Inhalt dieser Begriffe Rn. 56 ff.
[7]
Schönke/Schröder -Heine/Schuster Vor §§ 283 ff. Rn. 1; Steinberg/Valerius/Popp- Hagemeier S. 129, 134; ausführlich hierzu Rn. 881 ff.
[8]
BGH NJW 2005, 3062, 3065; Bitter/Kresser ZIP 2012, 1733, 1734; Thole S. 69 f.
[9]
Bittmann- Brand § 8 Rn. 4.
[10]
Schönke/Schröder -Heine/Schuster § 283 Rn. 50a.
[11]
So auch der Hinweis von Joecks § 283 Rn. 2.
[12]
S. dazu unten Rn. 87.
[13]
Für eine strenge Zivilrechtsakzessorietät SK-StGB- Hoyer § 283 Rn. 10 m.w.N.; Bieneck StV 1999, 43, 44.
[14]
S. Rn. 85 ff.
[15]
Hier erreicht das Eigenvermögen nicht die Eigenkapitalziffer.
[16]
Gemeint ist ein Missverhältnis von Eigenkapital und Geschäftsumfang, Anlagevermögen, Fremdkapital und Risiko.
[17]
BGH wistra 2003, 232; Kindhäuser § 283 Rn. 4; NK-StGB- Kindhäuser Vor §§ 283–283d Rn. 93; MüKo-StGB- Radtke/Petermann Vor §§ 283 ff. Rn. 66; LK - StGB- Tiedemann Vor § 283 Rn. 151; Achenbach/Ransiek/Rönnau- Wegner VII 1 Rn. 21 f.; Bittmann wistra 1999, 10.
[18]
Achenbach/Ransiek/Rönnau- Wegner VII 1 Rn. 24.
[19]
FK-InsO- Schmerbach § 19 Rn. 15; Uhlenbruck- Mock § 19 Rn. 10 m.w.N.; zur Bewertung der einzelnen Bilanzpositionen Weyand/Diversy Rn. 39 ff.
[20]
Hierzu Böcker/Poertzgen GmbHR 2008, 1289, 1292 m.w.N.
[21]
Vgl. Hirte/Knof/Mock ZInsO 2008, 1217, 1219.
[22]
Zu den Begrifflichkeiten Penzlin NZG 2000, 464, 465.
[23]
Vgl. Weyand/Diversy Rn. 34 m.w.N.; MüKo-InsO- Hohmann § 15a InsO Rn. 40; Grube/Röhm wistra 2009, 81, 82; Hölzle ZIP 2008, 2003.
[24]
BGHZ 119, 201, 214.
[25]
Grube/Röhm wistra 2009, 81, 82.
[26]
Vgl Penzlin NZG 2000, 464, 465 m.w.N.; zum Streit, ob die Zahlungs- oder Ertragsfähigkeit maßgebend ist, Grube/Röhm wistra 2009, 81, 83 m.w.N.; Frystatzki NZI 2011, 173 ff.
[27]
Vgl. z. B. MüKo-InsO- Hohmann § 15a InsO Rn. 41, „mittelfristig“ in Übereinstimmung mit BGH NJW 1995, 1739, 1743, allerdings damals zum modifizierten zweistufigen Überschuldungsbegriff.
[28]
Weyand/Diversy Rn. 37; Bittmann wistra 2009, 138, 140; Uhlenbruck- Mock § 19 Rn. 218 m.w.N.; a.A. Röhm S. 185: „maximal ein Jahr“.
[29]
Detailliert hierzu Hirte/Knof/Mock ZInsO 2008, 1217, 1219 f.; Grube/Röhm wistra 2009, 81, 82.
[30]
Vgl. Röhm S. 171; Weyand/Diversy Rn. 35; Grube/Röhm wistra 2009, 81, 82; Schmitz wistra 2009, 369, 371.
[31]
Zu den Einzelheiten MüKo-InsO- Hohmann § 15a InsO Rn. 41 ff.; zur Geschichte des Überschuldungsbegriffs Weyand/Diversy Rn. 34 ff.; Grube/Röhm wistra 2009, 81 ff.; Hirte/Knof/Mock ZInsO 2008, 1217, 1219 f.
[32]
FMStG vom 17.10.2008, BGBl. I, S. 1982 ff.
[33]
BGBl. I, S. 3151.
[34]
Zur Begründung vgl. BT-Drucks. 16/13927, S. 4.
[35]
Zum Inhalt der Fortführungsprognose Frystatzki NZI 2011, 173 ff.
[36]
Im Einzelnen Grube/Röhm wistra 2009, 81, 82.
[37]
Grube/Röhm wistra 2009, 81, 83; s. auch Böcker/Poertzgen GmbHR 2008, 1289; MüKo-InsO- Hohmann § 15a InsO Rn. 44.
[38]
Weyand/Diversy Rn. 39; Grube/Röhm wistra 2009, 81, 83; MüKo-InsO- Hohmann § 15a InsO Rn. 45.
[39]
Begründung des Gesetzesentwurfes der Bundesregierung, BT-Drucks. 16/10600, S. 12, 13.
[40]
Laut Ogiermann/Weber wistra 2011, 206, 210, ist die Überschuldung bei der Verfolgung von Insolvenzdelikten „nahezu bedeutungslos“.
[41]
S. hierzu Böcker/Poertzgen GmbHR 2008, 1289, 1292 ff.; Hölzle ZIP 2008, 2003, 2004 f.; Holzer ZIP 2008, 2108, 2110 f.
[42]
Dazu Müller-Gugenberger- Richter § 78 Rn. 10.
[43]
So auch Achenbach GedS Schlüchter, S. 257 ff.; a.A. Bittmann wistra 1999, 10, 17; für eine enge Auslegung im Strafrecht allerdings Tiedemann Wirtschaftsstrafrecht, Rn. 1116.
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