Keine Ahnung wie lange wir ritten, ich hatte das Zeitgefühl schon lange verloren. Wir bewegten uns langsam den Hügel hinunter. Es war sehr steil, und Bill erklärte mir, ich sollte die Füsse nach vorne strecken, den Oberkörper leicht nach hinten lehnen und Kholàya einfach machen lassen. Ich liess mich von Kholàya sicher ins Tal tragen. Ich spürte meinen Hintern deutlich und auch das Ziehen in den Oberschenkeln hatte nicht nachgelassen, es wurde noch stärker. Aber ich beklagte mich nicht. Ich genoss den Ritt. Das leichte Schaukeln und die Natur um mich herum … traumhaft. Es wurde immer heisser. Im Tal bei einem Bach, der nur ein kleines Rinnsal war, machten wir eine Pause. Wir liessen die Pferde trinken und holten unsere Wasserflaschen aus den Satteltaschen. Ich trank gierig ein paar Schlucke, genoss die Erfrischung.
Bill blickte zu mir rüber: «Du machst es gut.»
«Naja, das Reiten macht mir grossen Spass.»
Nach einer Weile stiegen wir wieder in unsere Sättel und folgten dem Flüsschen bergwärts. Das Gras war hier zwar grüner als an anderen Stellen, aber vergleichbar mit dem Grün des Grases zu Hause war es noch lange nicht. Ich war froh, einen Sattel zu haben, das gab mir Halt. Ich schmunzelte: Wer hätte gedacht, dass ich jemals reiten würde. Ich am allerwenigsten.
Wir ritten weiter nordwärts, immer noch im Tal. Wir redeten kaum, wir ritten einfach. Irgendwann folgten wir einem Trampelpfad den Berg hinauf. Oben führte der Weg eine Weile dem Grat entlang. Wir hielten auf einem kleinen Plateau, wo Bill ins Tal hinunter zeigte. Weit unten konnte man eine kleine Herde sehen. Ich dachte zuerst es seien normale Rinder, dann sah ich genauer hin: Es waren Bisons. Waschechte Bisons. Ich staunte nicht schlecht. «Sind das eure Bisons?», fragte ich Bill.
«Ja, sie gehören der ganzen Familie. Ich habe dir ja von unserer Herde erzählt.»
Wir ritten einen steilen Pfad hinab, bis wir auf einer kleinen Anhöhe die Bisons aus nächster Nähe bewundern konnten.
Diese Tiere waren beeindruckend. Sie strahlten eine unbeschreibliche Kraft aus. Sie waren so gross und anmutig und schienen einer anderen Zeit entsprungen zu sein. Wenn ich sie betrachtete, konnte ich mir gut vorstellen, wie die Indianer früher auf ihren Pferden Bisons jagten. Ein lebhaftes Bild von farbig bemalten Pferden und Männern, die mit Pfeil und Bogen im vollen Galopp einen Bison erlegten, erschien in meinem Kopf. Das Geheule und Gejohle der Krieger dröhnte in meinem Kopf. Ich war fasziniert und verstand, warum die Bisons den Indianern so viel bedeuteten. Einst waren die Bisons die Lebensgrundlage aller Prärieindianer. Nun waren sie eine Erinnerung an längst vergangene Zeiten und ein Zeichen der Hoffnung für eine bessere Zukunft.
Es war nach Mittag, als wir auf den Hof zurückkamen. Ich war hungrig und müde, meine Beine und mein Po schmerzten, ich schwitzte und brauchte dringend eine Dusche. Zuerst mussten wir die Pferde versorgen. Kholàya hatte mein Herz gewonnen, und ich nahm mir Zeit, ihr verschwitztes Fell mit einem nassen Schwamm abzuwaschen und sie abzukühlen. Sie genoss es sichtlich und schnaubte zufrieden, als ich sie auf die Koppel zu den anderen Pferden brachte. Ron war müde, es war für ihn ein langer Ritt gewesen, und obwohl er herummeckerte, musste er sein Pferd alleine versorgen, das war Bill wichtig.
Nach dem Essen wollte ich duschen, mich aufs Bett werfen, Musik hören und entspannen. Doch Jul rief mich zu sich ins Büro. Ich stöhnte auf: Was will sie denn jetzt noch von mir? Ich war müde und wollte meine Ruhe haben.
Ich war noch nie in ihrem Arbeitszimmer gewesen. Es war ein kleiner Raum auf der Vorderseite des Hauses mit einem wunderschönen Ausblick ins Tal. Vor dem Fenster stand ein grosser Arbeitstisch mit vielen Schubladen. Davor sass meine Tante und tippte geschäftig auf der Tastatur ihres Computers.
Ich lehnte im Türrahmen und fragte: «Was ist?»
«Einen Moment, ich bin gleich fertig.» Schliesslich drehte sie sich um und bat mich Platz zu nehmen.
Ich setzte mich auf den Stuhl an der Wand und schaute sie erwartungsvoll an. Irgendwie hatte ich kein gutes Gefühl, denn ich hatte keine Ahnung, was sie wollte.
Jul fragte: «Wie war der Ritt? Hast du die Bisons gesehen?»
«Es war toll. Kholàya ist ein super Pferd, auf sie ist Verlass. Ja, die Bisons haben wir gesehen. Das sind sehr eindrückliche und mächtige Tiere.»
«Schön. Ich dachte mir, Reiten könnte dir gefallen. Aber dass du so schnell begeistert bist, überrascht mich etwas, denn nach den Schilderungen deiner Mutter warst du in einem ziemlichen Tief und hattest auf nichts Lust. Sie erzählte, du hättest angefangen zu rauchen und zu kiffen und viele wilde Nächte durchgemacht.»
Ich verstand nicht, worauf meine Tante hinauswollte. Ich hatte keine Lust darüber zu reden, was war und was ich alles falsch gemacht hatte.
Jul redete weiter, als ich nichts erwiderte: «Ich habe dich beobachtet, seit du hier bist, und ich finde, du machst einen offenen, neugierigen und zufriedenen Eindruck. Es ist alles neu hier, ich weiss, es kann beängstigend sein, aber auch spannend. Schau, was ich dir sagen will: Mir ist egal, was du zu Hause gemacht hast, aber hier gelten meine Regeln: 1. Ich will immer wissen, wo du bist! Wir sind hier nicht in Zürich, du kannst nicht überall alleine herumlaufen. 2. Ich kann dir den Alkohol- und Drogenkonsum nicht verbieten, aber ich möchte dich auf keinen Fall aus der Ausnüchterungszelle herausholen müssen. 3. Wenn du unbedingt Rauchen musst, okay, tu es. Ich verstehe es zwar nicht, und ich bin mir sicher, du weisst, wie ungesund es ist. Pass bitte auf, wo du die glühende Kippe hinwirfst. Das Land ist sehr trocken, und es kann unglaublich schnell ein Feuer entstehen. Du magst nun denken, ich sei paranoid und wolle dir alles verbieten, doch das sind drei simple Sachen, die mir wichtig sind. Ich will, dass du wieder Spass hast und lernst, was wirklich wichtig ist im Leben. Dass nicht immer alles rund läuft, ist normal.»
«Okay.» Ich wollte aufstehen und gehen.
Meine Tante hielt mich zurück: «Samira! Hast du verstanden, was ich dir gesagt habe?»
«Jaa, ich habe verstanden. Ich muss immer sagen, wo ich bin. Kein Alk, keine Drogen, keine Kippen wegwerfen.»
«Samira, schau mich an. Ich habe dir nichts verboten, denn, soviel ich weiss, bringen Verbote nichts. Ich sagte nur, sei vorsichtig. Das richtige Mass zu finden, kann schwer sein, aber es ist wichtig, dass man es hat.»
Ich wurde langsam ungeduldig, ich wollte endlich meine Ruhe. «Ist schon gut, Tante Jul. Ich werde keinen Ärger bauen, und ich kann auf mich selbst aufpassen.»
«Okay», meinte Tante Jul, seufzte und lehnte sich zurück in ihren Stuhl. «Na los, geh, ich bin fertig.»
Ich stand auf und ging schnell aus dem Zimmer. Als ich die Treppe hochlaufen wollte, hörte ich Jul rufen: «Ach, Samira, ich hätte es fast vergessen, Liam hat angerufen. Er holt dich um 18 Uhr ab.»
«Oh, okay, danke!», sagte ich und rannte die Treppe hinauf. In meinem Zimmer zog ich meine Schuhe aus, schlüpfte aus den Jeans und den restlichen Kleidern. Ich wickelte mein Badetuch um, nahm mein Necessaire unter den Arm und huschte ins Bad. Ich liebte es, zu duschen. Ich liess mir das kalte Wasser auf Rücken, Schultern und Kopf prasseln und schloss die Augen. Herrlich. Ich wusch meine Haare, und während ich meine Beine rasierte, liess ich die Haarmaske einwirken. Dann stieg ich aus der Dusche, rieb mich trocken und zog mich an. Ich flocht mein Haar zu zwei langen Zöpfen und ging in mein Zimmer. Ich steckte meinen iPod an die kleine Box, die ich mitgebracht hatte und hörte Musik, während ich meine Nägel schnitt, feilte und mit einem dunkelroten Nagellack lackierte. Dann legte ich mich aufs Bett und surfte im Internet herum. Ich vergass die Zeit. Verdutzt bemerkte ich, dass es bald sechs war. Ich musste mich beeilen. Ich schminkte mich vor dem kleinen Spiegel an der Wand und öffnete meine Zöpfe. Noch ein zwei Spritzer Parfum und fertig. Ich leerte meine Tasche auf dem Bett aus und räumte ein, was ich brauchte: Lippenpomade, Zigaretten, Feuerzeug, Kaugummis, Kamera und einen dicken Pulli, falls es kalt würde. Ich legte mich wieder aufs Bett und schaute aus dem Fenster. Wie lange war ich schon hier? Es kam mir vor, als wäre ich seit einer Ewigkeit in Amerika und nicht erst seit wenigen Tagen. Ich spürte, wie mir die Zeit hier gut tat. Abstand von allem, das war gut, auch wenn ich das am Anfang total schrecklich gefunden hatte.
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