Er versuchte sich abzulenken. Auf einem Sofa schräg vis-à-vis sass eine prächtig aufgemachte Dame in modisch vielschichtiger Kleidung. Das mit glitzernden Fäden durchzogene Jäckchen passte zu ihrem silbergrauen, eng anliegenden Rock. Ihr platinblondes, gestrecktes Haar war in der Mitte gescheitelt. Sie konnte sehr wohl Besitzerin einer der teuren Boutiquen im Quartier sein, die sahen sich alle ähnlich. Ein kleiner Schosshund sass neben seiner Herrin, stützte seine Pfoten auf ihrem üppigen Busen ab und schnappte Häppchen eines Kuchens von ihren aufgespritzten Lippen. Es war zum … Austrinken und Gehen!
Kaum hatte er das Glas an die Lippen gesetzt, erstarrte er. Vorgestern hatte er die letzte Stunde seines Unterrichts ausgelassen! Er schnappte verzweifelt nach Luft und zog damit die Aufmerksamkeit seiner Nachbarin auf sich. Sie starrte ihn zuerst fragend an, doch dann schien sie ihn zu erkennen und winkte ihm freudig zu. Er stand hastig auf, bedeutete ihr mit einer beschwichtigenden Geste, dass er in Eile sei, und schickte sich an zu gehen.
Da hörte er neben sich eine Stimme: «Eliane? Ich habe dich zuerst gar nicht gekannt – es ist ja auch schon lange her …» Unter der Türe drehte er sich nochmals um und sah, wie ein Mann in seinem Alter sich an den Tisch der blonden Dame setzte. Keller war erleichtert. Ihre Aufmerksamkeit hatte nicht ihm gegolten.
Jack sass an einem der ovalen Tische mit marmoriertem Steinsockel in der Onyx-Bar, und stürzte ein Bitter Lemon hinunter. Die vergangene Nacht hatte ihre Spuren hinterlassen, und zum Ausgleich hatte er am Nachmittag drei Stunden im Fitness-Club trainiert. Jetzt war er völlig geschafft. Als er das Glas vorsichtig auf der Glasplatte absetzte, bemerkte er die hinreissende Rothaarige, die schräg gegenüber an einem andern Tisch sass. Vor der schwarzen Wand im Hintergrund leuchtete ihr krauses Haar im Licht der Deckenspots wie ein roter Lampion – ein faszinierendes Bild! Jack beobachtete sie eingehend. Ende dreissig, feines Gesicht, elegante Kleidung und sicheres Auftreten, wahrscheinlich eine Geschäftsfrau, die im Hyatt übernachtete. Er hatte schon einige nette Abende mit einsamen Damen verbracht, die er hier aufgegabelt hatte, und diese gefiel ihm besonders. Nach der vergangenen Nacht brauchte er zwar dringend etwas Ruhe, aber in diesem Fall wollte er nicht klein beigeben. Er versuchte, Blickkontakt mit der Schönen aufzunehmen, doch sie schaute teilnahmslos durch ihn hindurch und schenkte ihm keine Beachtung. Das würde er schon noch hinbekommen.
«Herr äh … auch wieder einmal in Zürich? Das trifft sich gut. Ich muss Sie etwas fragen.» Jack hatte Mühe, seine Augen von der roten Verlockung loszureissen und wandte sich unmutig dem Störenfried zu. Robert Schnyder, gepflegt, in tadellosem anthrazitfarbenem Anzug hätte ebenso gut Banker sein können, führte jedoch die exklusive Galerie Flair an der Talstrasse und kam öfters allein oder mit wichtigen Kunden auf einen Drink im «Onyx» vorbei. Jack kannte ihn flüchtig von solchen Gelegenheiten. Umso mehr interessierte ihn, was der Kunsthändler von ihm wollte.
Dieser kam auch gleich zur Sache. «Entschuldigung, wenn ich Sie so unverblümt frage. Sie sind doch HK, der bekannte Experte für afrikanische Kunst? Ich hätte eine grosse Bitte an Sie.»
Jack antwortete vorsichtig: «Sie irren sich, ich bin nicht der, den sie meinen.»
Schnyder runzelte die Stirn. «Seltsam. Ich war kürzlich in London und habe zufällig bei einer Auktion afrikanischer Kunst hineingeschaut und gesehen, wie Sie gegen harte Konkurrenz eine Skulptur ersteigert haben. Ein Bekannter hat mir zugeflüstert, Sie seien der Kunsthistoriker, der Artikel in den einschlägigen Journalen schreibe und oft mit Beispielen aus der eigenen, grossartigen Sammlung illustriere, wünschten jedoch anonym zu bleiben und unterzeichneten deshalb bloss mit dem Kürzel HK. War diese Information falsch? »
«Teilweise. Ich war an dieser Auktion, aber leider bin ich nicht HK. Ich kenne seine Sammlung sehr gut und hätte nichts dagegen, wenn sie mir gehörte! HK ist menschenscheu und will nicht in der Öffentlichkeit in Erscheinung treten. Deshalb schickt er mich manchmal an seiner Stelle auf Auktionen mit Angaben, bei welchem Angebot ich bis zu welchem Preis mitbieten soll.»
Damit schien die Sache abgetan, und Jack sah sich wieder nach der Rothaarigen um. Zu seinem Erstaunen lächelte sie ihn – oder vielleicht seinen Gesprächspartner – strahlend an. Bevor er reagieren konnte, hob Schnyder die Hand und winkte ihr zu. «Meine Frau ist bereits hier, früher als abgemacht. Ich werde Sie nachher bekannt machen. Zuvor möchte ich doch noch mein Anliegen vorbringen.»
Für Jack hatte der Galerist dank seiner Gemahlin gewaltig an Interesse gewonnen, und er schenkte ihm volle Aufmerksamkeit.
«Eine Erbengemeinschaft hat mich angefragt, ob ich den Verkauf der bedeutenden Sammlung Gerster in Kommission nehmen würde. Sie haben diesen kürzlich verstorbenen Industriellen sicher auch gekannt. Seine Gemäldesammlung ist weltbekannt: Braque, Picasso, Jawlensky, alles, was in dieser Zeit Rang und Namen hat – das Ganze ist x Millionen wert. So eine Chance bekommt man nur einmal im Leben. Ein solcher Auftrag würde unserer Galerie gewaltigen Auftrieb verleihen. Ich kenne mich da aus und habe einige Kunden, die sich um die Werke reissen würden. Der Haken ist bloss, dass auch eine Sammlung afrikanischer Kunst zum Nachlass gehört und die Erben der Einfachheit halber alles an denselben Agenten übergeben wollen. Von primitiver Kunst verstehe ich leider nichts. Ich weiss nicht einmal, ob der Ausdruck primitive Kunst politisch korrekt ist – sollte ich besser Stammeskunst sagen?»
Jack zuckte bloss die Schultern. Er hielt nichts von politischer Korrektheit. Nach seiner Erfahrung bemühten sich vor allem Leute um political correctness, die rassistische oder anderswie voreingenommene Ansichten vertuschen wollten.
Schnyder zögerte kurz, dann kam er auf sein Anliegen zurück: «Ich hoffe, Sie können mir helfen. Verraten Sie mir, wie dieser HK mit vollem Namen heisst und wie ich ihn erreichen kann. Ich würde mich sehr erkenntlich zeigen». Das «sehr» war vielversprechend in die Länge gezogen.
Jack zuckte bedauernd die Schultern. «Bedaure, ich habe dem Herrn geschworen, seine Identität zu wahren.» Als er das enttäuschte Gesicht seines Gegenübers sah, fügte er bei: «Vielleicht kann ich Ihnen trotzdem helfen. Ich kenne mich in der Branche selbst gut aus. HK und ich haben zusammen studiert und wir sind befreundet, soweit dieser Eigenbrötler überhaupt Freundschaft schliesst. Alles, was ich über Stammeskunst weiss, habe ich von ihm gelernt. Als sein gelegentlicher Agent kenne ich seine Sammlung und die Kriterien für seine Ankäufe sehr gut. Ich habe ein ausgezeichnetes Gedächtnis und bin dank meinem Kontakt mit ihm selbst zum Kenner geworden. Seit Jahren beschäftige ich mich als Experte für afrikanische Kunst bei Auktionshäusern, berate Kunsthändler und vertrete Kunden an Auktionen – manchmal auch HK.»
Schnyder nickte anerkennend, und Jack machte ihm einen Vorschlag: «Wenn Sie möchten, kann ich den Nachlass sichten und einschätzen. Um die Erben zu beruhigen, kann ich danach HK bitten, meine Bewertung zu überprüfen. Die wertvollsten oder eventuelle zweifelhafte Stücke müsste ich ihm allerdings mitbringen. Eine genaue Beurteilung auf Grund von Bildern ist nicht möglich. Er wird mir diesen Gefallen bestimmt tun, nur braucht das Vorgehen etwas mehr Zeit.»
Der Kunsthändler machte Anstalten, ihn zu umarmen, beschränkte sich jedoch darauf, ihn an den Schultern zu packen und kräftig zu schütteln. «Zeit spielt keine grosse Rolle! Ihr Vorschlag ist genial. Das müssen wir begiessen, natürlich zusammen mit Lucie – gehen wir zu ihr.»
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