Und noch ein Bild aus der Erinnerung, aber wahrscheinlich handelt es sich auch dabei um eine Fotografie: Mein Vater sitzt auf einem Moped, er trägt einen langen Ledermantel, wie man ihn von Gestapo-Leuten kennt. Auf diesem Moped fuhr er in der zweiten Hälfte der fünfziger Jahre Tag für Tag von Lengerich zur Hochschule nach Osnabrück, wo er ein Lehramtsstudium aufgenommen hatte. Dann ein Unfall: Mein Vater wurde angefahren von einem englischen Militärtransporter, das linke Bein war gleich mehrfach gebrochen. Habe ich den Schrecken, den dieses Ereignis in unserer Familie hervorrief, wirklich bewusst mitbekommen? Ein langer Krankenhausaufenthalt schloss sich an, hinterher ging mein Vater viele Monate am Stock. Ans Mopedfahren war nicht mehr zu denken, ans Weiterstudieren glücklicherweise schon, fortan nahm er den Bus nach Osnabrück.
In dieser Zeit verdiente meine Mutter das Geld, sie arbeitete als Sprechstundenhilfe. Nicht bei irgendeinem Arzt, sondern bei einer äußerst wohlhabenden westfälischen Ärzte-Dynastie, den Steinmanns. Manchmal nahm mich meine Mutter mit in die Praxis, sie befand sich in einem Herrenhaus, das aussah, als sei es einem Edgar-Wallace-Film entsprungen: ein großer Eingangsbereich, links und rechts führten Treppenstufen nach oben, sie endeten auf einer Galerie, von der aus es in die einzelnen Räume im ersten Stock ging. Dazu kam noch die zu jeder Viertelstunde dumpf schlagende Standuhr. Eigentlich fehlte nur Klaus Kinski, der wie in Neues vom Hexer fragt: »Noch einen Wunsch, Mylady?« Ich bin sehr zufrieden mit dem Haus, in dem ich nun schon so lange wohne. Aber wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich noch immer sofort meine Sachen packen und in solch ein Krimi-Schloss umziehen. Ich bin mir sicher, in mir hätte Inspektor Wesby den idealen Assistenten.
»Take me back«, singt Van Morrison, führ mich zurück, ganz weit zurück, zurück in der Zeit, ganz, ganz, ganz weit zurück, führ mich zurück in ein Damals, in dem das Leben noch voller Sinn war, als sich alles so gut angefühlt hat, als ich noch keine Sorgen hatte und keine Angst, führ mich dahin zurück, ins Licht goldener Nachmittage, als alles voller Wunder war, und lass die Zeit stillstehen, noch einmal, für einen ewigen Moment des Erinnerns, für ein ewiges Jetzt, führ mich dahin zurück, führ mich zurück.
Zuerst in die Erinnerung kommt das nie verstummende, weithin vernehmbare Keuchen der Ölpumpen, es war, als würde die Landschaft selbst atmen, ein, aus, sie lag hingestreckt unter einem weiten Himmel, eine Moorlandschaft, eine Welt für sich. Jemand hielt seine Hand über mich, wenn ich durch die Wiesen lief, die im Winter gefroren waren und im Sommer nach dem Mähen so gut rochen. Die Jahre ergaben sich dem Rhythmus der Wolken, ich war drei, ich war vier und sang Hymnen auf die Stille. Dies war mein Combray, mein Jerichow, mein Kindheitsparadies, das ich niemals vergessen werde. Ich war engelsgoldgelockt und unverwundbar klein, als der Wind von Westen kam und über die einzige Straße des Dorfes wehte, an der sich die Gehöfte der Bauern aneinanderreihten, eins am anderen, unterbrochen nur vom Kramladen, in den auch ging, wer einen Brief aufgeben wollte oder ein amtliches Dokument brauchte.
Der Ort hieß Alte Piccardie und lag in der Grafschaft Bentheim, ganz nah an der niederländischen Grenze. Der Krieg war gerade einmal fünfzehn Jahre vorbei, und noch hatte man sich nicht zu mögen gelernt. Wer konnte es den Holländern verdenken, wenn sie gelegentlich die Faust ballten oder ausspuckten beim Anblick eines deutschen Autokennzeichens. Aber davon bekam ich nichts mit. Für mich hatte der Sündenfall noch nicht stattgefunden. Ich wusste nicht, dass ich Kind war, alles an mir war beseelt. Ich half mit, am Abend die Kühe zurück in den Stall zu treiben. Ich ließ mich fallen, und das Heu fing mich auf. Ich aß das frisch geschlachtete Fleisch, das uns die Bauern vorbeibrachten, direkt aus dem Kessel.
Die Menschen waren gut zu uns, die schweigsamen Männer ebenso wie die Frauen mit den rosigen Gesichtern und den vom Wind zerzausten Haaren. Sie nahmen meine Eltern, meine Oma und mich in ihre Gemeinschaft auf. Dabei hatte man uns doch vorher so eindringlich vor ihnen gewarnt, verstockt seien die Moorbauern, feindselig gar zu allen Fremden, besonders zu denen ›von drüben‹. Doch sie trugen uns auf Händen, und das nicht nur, weil der Lehrer, den alle nur »Meester« nannten, genau wie der Pastor über jeden Zweifel erhaben war. Mein Vater hatte sein Examen bestanden, und nun trat er seine erste Stelle an, als Lehrer in Alte Piccardie. Die Dorfschule bestand aus zwei kleinen, durch einen Gang verbundenen Häusern, wir wohnten im ersten Stock des linken. Morgens, wenn er zum Unterricht ging, musste mein Vater nur die Treppe nach unten gehen, dann stand er im Klassenzimmer und sah die ersten Bauernkinder hereinkommen und ihre abgewetzten Ranzen neben die Stühle stellen.
Er unterrichtete die Kleinen. Die Älteren gingen ins rechte Haus, ihr Lehrer war Alfred Serwatka, der Leiter der Dorfschule. Die Serwatkas wohnten nebenan, ihre beiden Töchter Elfriede und Hannegret wurden meine ersten Spielkameradinnen, und wenn mir meine Eltern mal wieder das Fernsehen verboten hatten, rannte ich hinüber, um dort zu schauen. Alide Serwatka wurde für mich zu einer zweiten Mama. Ich war ihr Liebling, und sie hatte mich so in ihr Herz geschlossen, dass es meine Mutter eifersüchtig machte. Bei Alide durfte ich alles, aber ich nutzte es nicht aus. Ich blieb ein schüchterner, braver Junge, meine Tage verliefen ohne Arg. Als die Serwatkas einige Jahre später noch einen Sohn bekamen, nannten sie ihn Karl-Heinz.
Am liebsten war meinem Vater der Sportunterricht. Wenn er mit den etwas Größeren hinausgehen wollte, um Fußball zu spielen, durften die Erst- und Zweitklässler währenddessen nicht ohne Aufsicht bleiben. Also rief er mich zu sich, fragte: »Heinzi, willste?«, ich sagte: »Ja, klar!«, ging ins Klassenzimmer und begann zu unterrichten. Ich ließ vorlesen und Diktate schreiben, ich war vier und beherrschte das schon gut, aber es klappte nur, weil die Kinder mitmachten und mich akzeptierten. Sie hätten es mir übelnehmen können, dass mich ihre Mütter als leuchtendes Vorbild hinstellten, während sie selbst Ohrfeigen bekamen wegen ihrer Schwierigkeiten, nach der Schrift zu sprechen. Aber sie taten es nicht. Sie waren gutmütig und machten es mir leicht, glücklich zu sein.
An eine Begebenheit in Alte Piccardie muss ich oft denken. In der Erinnerung läuft sie wie in Zeitlupe ab. Ich bin fünf und stehe im Verbindungsgang zwischen den beiden Dorfschul-Teilen, ich gerate ins Träumen und starre wie blind hinaus auf die Felder. Plötzlich hebe ich die Faust meiner rechten Hand. In der nächsten Sekunde blutet sie, denn ich habe die Fensterscheibe vor mir eingeschlagen. Smash the Mirror. Für einen langen Moment ist es ganz still, viel stiller als zuvor, ich habe Angst, denn ich bin mir sicher, nun schlimm bestraft zu werden. Und wirklich, da kommt schon Alfred Serwatka herbeigestürzt, aber er schimpft nicht, er sagt nur, um Gottes willen, Junge, was hast du denn gemacht, zieht sein Taschentuch aus der Jacke und verbindet meine blutende Hand. Ich habe nie einen Vorwurf wegen der zerbrochenen Scheibe gehört, wahrscheinlich glaubten alle an ein Versehen, aber das war es nicht. Ich habe es absichtlich getan, wahrscheinlich weil ich herausfinden wollte, wie es sich anfühlt, etwas kaputtzumachen.
»Ich schlug träumend eine fremde Fensterscheibe ein, / denn ich wollte bei den blutenden Soldaten sein«, schrieb ich fast vierzig Jahre später in dem Song »Nicht mal das«. Vielleicht ging es darum – um den Versuch, den Schmerz nach außen zu tragen und zum Leben selbst durchzudringen. »Nicht mal das« liefert nach, was einem meiner bekanntesten Lieder, dem autobiographischen »Brille«, fehlt: die Innensicht. Eine psychedelische Rocknummer, die mit dem Keith-Jarrett-Klavier von Matthias Ulmer und dem die ganze Welt schreddernden Gitarrensolo von Heiner Lürig mein wichtigstes Lied und mein größtes Tondokument ist. Näher vermag ich dem Ausdruck meiner Verzweiflung wohl nicht zu kommen. Ich würde es wieder tun.
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