Das heißt grundlegend nichts anderes, als dass unsere Selbstbilder sich aus der Geschichte unserer Beziehungserfahrungen ergeben. Freudianisch ist dabei der Akzent, dass das Selbst damit zu tun hat, libidinöse Wünsche und Besetzungen aufzugeben oder zumindest zu sublimieren, das heißt, ihnen eine sozial akzeptable Form zu geben.
Die Bildung des Selbst beziehungsweise des Ichs (bei Freud eben uneinheitlich oder vermischt verwendet) ist an Sexuelles angebunden beziehungsweise an Körperliches. Freud postuliert, das »Ich« sei »vor allem ein körperliches, es ist nicht nur ein Oberflächenwesen, sondern selbst die Projektion einer Oberfläche.« (Freud, 1923b, S. 253) Damit ist gemeint, dass sich körperliche Empfindungen (z. B. bei »schmerzhaften Erkrankungen«, aber auch viel grundlegender in jeder Berührungserfahrung; vgl. Storck, 2020d) dem Erleben vermitteln und so eine erste Umgrenzung des Körpers erlebt werden kann, eine Grenze zwischen dem, was zum »eigenen« Körper gehört und was diesem nur berührend oder schmerzend begegnet. Wie sich derart »der eigene Körper aus der Wahrnehmungswelt heraushebt« (Freud, 1923b, S. 253), ist zugleich das Vorbild für das Erleben einer Umgrenztheit des Selbst, sowie von dessen Getrenntheit, aber Bezogenheit auf Andere und Anderes. Daher meint Freud, »das Ich leitet sich letztlich von körperlichen Gefühlen ab, hauptsächlich von solchen, die auf der Körperoberfläche entstehen. Es könnte deswegen als eine psychische Projektion der Körperoberfläche angesehen werden« (a. a. O.). Leibliche Interaktion ist also entscheidend dafür, wie jemand sich selbst erleben kann, als wie getrennt und bezogen auf ein Gegenüber.
Das ist mitnichten ein »reibungsloser« oder einzig reifend-progressiver Vorgang. Zum einen hat er mit dem »Aufgeben« libidinöser Besetzungen zu tun, zum anderen bleibt es ein spannungshafter Prozess. Freud kennzeichnet das Ich im Instanzen-Modell (und hier ist wiederum eher das Ich in seinen Funktionen und Aufgaben statt des Selbst als Bezeichnung der inneren Selbstbilder gemeint) als Vermittler zwischen dreierlei Ansprüchen. Er bezeichnet es »als armes Ding, welches unter dreierlei Dienstbarkeiten steht und demzufolge unter den Drohungen von dreierlei Gefahren leidet, von der Außenwelt her, von der Libido des Es und von der Strenge des Über-Ichs.« (1923b, S. 286; vgl. Hartmann, 1956, S. 283) Das Ich als ein »Grenzwesen« (Freud, 1923b, S. 286) muss die Balance halten zwischen Triebhaftigkeit, Gewissenhaftigkeit und sozialer Orientierung. Es muss permanent nach genügend funktionalen Kompromissbildungen suchen, psychische Symptombildung und Störungen werden in Richtung solcher Konflikte beschrieben, etwa als Ich-Über-Ich-Konflikt. Dem Ich stehen dazu im Freud’schen Verständnis (
Kap. 3.2.2zum Ansatz von Hartmann zu einer erweiterten Perspektive) vor allem die Abwehrmechanismen zur Verfügung. Die Entwicklung des Instanzen-Modells gründet wesentlich auf der erforderlichen Annahme, dass die Abwehr, um darin erfolgreich zu sein, etwas vom bewussten Erleben fern zu halten, ihrerseits unbewusst ablaufen muss. Die Abwehr ist ein unbewusster Ich-Anteil, der nötig ist, um das Über-Ich zufrieden zu stellen (also vor Beschämung oder Schuldgefühlen sowie der darauf bezogenen Angst zu schützen), um geeignete Formen für Triebwünsche zu finden, um soziale Folgen eigenen Handelns einzubeziehen oder auch um vor überflutender Angst zu schützen.
Im Instanzen-Modell wird also zum einen die Abwehr anders als zuvor beschreibbar, zum anderen verändert sich die Konfliktkonzeption (dieser ist nun einer zwischen unterschiedlichen Instanzen), und schließlich lassen sich auch die Widerstände in ihren unterschiedlichen Formen genauer beschreiben, nämlich als Es-Widerstände, Über-Ich-Widerstände und Ich-Widerstände (Freud, 1926d, S. 192f.; vgl. Storck, 2021a, Kap. 3.4).
Während also das, worauf der »Schatten des Objekts« fällt, oder das, was sich körperlichen »Grenz«-Erfahrungen verdankt, eher als Selbst bezeichnet werden kann, geht es beim »Ich« hier um (regulierende) Funktionen. In diesem Kontext gebraucht Freud daher auch die Konzeption von Ich-Funktionen. Unter diesen nennen Laplanche und Pontalis (1967, S. 195): »Kontrolle der Motilität und der Wahrnehmung, Realitätsprüfung, Antizipation, zeitliche Ordnung der seelischen Vorgänge, rationales Denken etc., aber auch Mißverständnis, Rationalisierung, Abwehr der Triebforderungen.« (vgl. Freud, 1930a, S. 81ff.) Zepf (2006b, S. 142) zählt Realitätsprüfung, Gedächtnis, Sprache, Wahrnehmung, Fantasieren, prälogisches, vorstellungsmäßiges und logisch-begriffliches Denken auf (vgl. a. Althoff, 2019, S. 14f.). Auf diesen Denkfiguren gründet sich die heute gängige Auffassung, das Ich als »ein Teilgebiet der Persönlichkeit« zu verstehen, das »durch seine Funktionen bestimmt« wird (Hartmann, 1964, S. 13) (
Kap. 3)
Sigmund Freud gilt gemeinhin nicht selbst als Vertreter der Ich-Psychologie, dafür ist sein Ich-Begriff zu uneinheitlich und unausgearbeitet und der Hauptakzent liegt deutlich auf einer »trieblogischen« Konzeption psychischer Vorgänge. Besonders seine Tochter Anna Freud und Heinz Hartmann gelten als diejenigen Psychoanalytikerinnen, die die Ich-Psychologie entwickelt und systematisiert haben. Nichtsdestoweniger nutzt S. Freud die Konzeption des Ichs im Instanzen-Modell in der Zeit zwischen 1920 und 1939 zur Grundlegung der späteren Ich-Psychologie.
So geht es Freud (1921c) beispielsweise in Massenpsychologie und Ich-Analyse um das Zusammenspiel von Identifizierung der Mitglieder einer »Masse« (als Beispiele nennt er Kirche oder Heer) untereinander und das Ersetzen des (individuellen) Ich-Ideals durch die Person eines Führers. Wie oben gezeigt versteht Freud Identifizierung als Teil der psychischen Entwicklung und zwar in zweierlei Weise: einmal im Kontext eines »Schattens des Objekts«, als des nun vorgestellten, weil in der Wahrnehmung abwesenden Objekts, und einmal im Kontext einer aufgegebenen Objektbesetzung, als Identifizierung mit derjenigen Person, die den Zugang zum Objekt verstellt oder reglementiert. Freud kontrastiert die Psychodynamik der Verliebtheit mit der Figur einer aufgegebenen Objektbesetzung und deren Folge der Identifizierung: In der Verliebtheit wird das Objekt (bzw. seine Besetzung) nicht aufgegeben, sondern »[d]as Objekt hat sich an die Stelle des Ichideals gesetzt« (1921c, S. 125; Sperrung aufgeh. TS). Massenpsychologisch betrachtet ist es für Freud daher die Liebe zum Führer, die dazu führt, dass Einzelne (in der Masse aber auf dieselbe Weise) ihren inneren Maßstab an Stolz oder Selbstwert an einem äußeren Objekt orientieren (und sekundär auch Moralität, Legitimation, Recht): Ziel ist es, vom Objekt/Führer geliebt zu werden, das heißt die eigene Liebe erwidert zu finden. In einem zweiten Begründungsschritt wird so Massenkohäsion begreifbar: Die Mitglieder einer Masse, die ihr Ich-Ideal durch die Figur des Führers ersetzt haben, identifizieren sich miteinander aufgrund dieser Ähnlichkeit: »Eine […] primäre Masse ist eine Anzahl von Individuen, die ein und dasselbe Objekt an die Stelle ihres Ichideals gesetzt und sich infolgedessen in ihrem Ich miteinander identifiziert haben.« (a. a. O., S. 128; Sperrung aufgeh. TS) Das Ich-Ideal (genauer
Kap. 4.1) versteht Freud hier als »eine Stufe im Ich«, gleichsam als einen Teil, in dem zwischen dem Selbst- und einem Idealbild verglichen wird. Freud meint, die »Sonderung« zwischen Ich und Ich-Ideal sei »bei vielen Individuen nicht weit fortgeschritten […] das Ich hat sich oft die frühere narzißtische Selbstgefälligkeit bewahrt« (a. a. O., S. 144f.). Nebenbei taucht hier also auch die Figur auf, dass narzisstische Dysregulation Menschen anfälliger für massenpsychologische Dynamiken oder »Führerglauben« macht.
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