Der Vater erkannte früh die außerordentlich gute Auffassungsgabe Michelangelos und schickte ihn daher auf eine Grammatik-Schule in der Absicht, ihn die juristische Laufbahn einschlagen zu lassen. Doch diese Hoffnung wurde bitter enttäuscht. Michelangelo machte zwar einige Fortschritte, verbrachte jedoch den größten Teil der Unterrichtsstunden mit der Anfertigung von Zeichnungen.
Eine wichtige Rolle spielte in dieser Zeit seine Freundschaft mit dem einige Jahre älteren Francesco Granacci, der sich bereits in einem Ausbildungsverhältnis in der Werkstatt von Domenico Ghirlandaio befand, des damals berühmtesten Malers von Florenz. Granacci versorgte seinen Freund heimlich sowohl mit Zeichenpapier als auch mit Vorlagen zum Kopieren und ermutigte ihn offensichtlich immer wieder, seiner Begabung und seinen Neigungen nachzugehen. Heftigste Auseinandersetzungen mit dem Vater konnten nicht ausbleiben. Für Ludovico Buonarroti waren nach dem damaligen Zeitverständnis sowohl Bildhauer als auch Maler Handwerker, ein Berufsstand, der für ein Mitglied der Familie Buonarroti Simoni weder standesgemäß noch akzeptabel war. Und doch gelang es, dass der damals dreizehnjährige Michelangelo am 1. April 14881 offiziell und mit Vertrag als Lehrling in die Werkstatt Domenico Ghirlandaios aufgenommen wurde.
1Vasari (V1.2.949), zit. nach Murray, Michelangelo, S. 13.
Am Hofe der Medici
Eine entscheidende Wende im Leben des damals 14jährigen Michelangelo trat 1489 ein. Noch während seiner Lehrzeit bei Ghirlandaio wurde er in den Garten der Medici aufgenommen. In diesem Garten in der Nähe von S. Marco in Florenz versammelte Lorenzo de’ Medici, genannt „Il Magnifico, der Prächtige“, junge, begabte Talente, die unter Anleitung erfahrener Lehrer sich entwickeln konnten. Und hier erfüllte sich erstmals Michelangelos sehnlichster Wunsch, sich mit der Arbeit am Marmor auseinanderzusetzen. Unter der Anleitung des hochbetagten Bildhauers Bertoldo, eines Schülers Donatellos, des berühmtesten Bildhauers der Renaissance, gab es die Möglichkeit, die dort vorhandene Antikensammlung zu studieren und die eigenen Fähigkeiten auszuprobieren.
Darüber hinaus wohnte Michelangelo im Palast der Medici, gehörte nicht nur zur Tischgesellschaft, sondern nahm auch an den im Palast stattfindenden Diskussionsrunden teil. Cosimo de’ Medici, genannt „Il Vecchio, der Alte“, hatte 1459 am Hofe der Medici die Platonische Akademie gegründet. 1453 war Konstantinopel in die Hände der Türken – und damit des Islam – gefallen. Viele bedeutende Gelehrte flüchteten und versammelten sich damals in Florenz. Zum Leiter dieser Akademie war der humanistische Philosoph Marsilio Ficino berufen worden, für dessen Philosophie der Satz kennzeichnend ist: „Wahre Philosophie ist Religion. Wahre Religion ist Philosophie“ (Epist. I). Als weitere führende Denker gehörten zu diesem Kreis dessen Schüler und Freund Pico della Mirandola, der Dante-Forscher Cristofero Landino und der Humanist und Dichter Angelo Poliziano.
Eingebunden in diesen Kreis erschloss sich für den jungen Michelangelo eine völlig neue Gedankenwelt. Hier wurde nicht nur nach alten griechischen Überlieferungen geforscht und deren Bedeutung für die Gegenwart diskutiert, sondern auch die Werke der Neuzeit, vor allem Dante und damit seine Göttliche Komödie. Condivi berichtet, dass Michelangelo sich eifrigst den Studien widmete, keinerlei Ansporns bedurfte und „sein überlegener Geist“ von den Gelehrten erkannt und er von ihnen geliebt und gefördert wurde (AC.X).
In diese Zeit fiel ein für die Folgezeit außerordentlich wichtiges Ereignis: Das Auftreten des Dominikanermönches Savonarola, der 1491 als Prior des Klosters San Marco nach Florenz berufen worden war. Dieser asketische Mönch trat als Bußprediger auf, forderte eine grundlegende Reform der Kirche und rückte die Verworfenheit des damaligen Papsttums ins Licht der Öffentlichkeit. Er prophezeite das bald bevorstehende Strafgericht Gottes und rief jedermann zur Buße auf. Michelangelo war von diesen Predigten tief beeindruckt.
Doch diese wichtige Zeit endete für Michelangelo schlagartig: 1492 starb Cosimo de’ Medici plötzlich im Alter von nur 44 Jahren und Michelangelo kehrte in die Enge seines Vaterhauses zurück. Es wird vermutet, dass Michelangelo den Garten der Medici, für den er einen eigenen Schlüssel besessen haben soll, weiterhin aufsuchte. Auf Einladung Piero de’ Medicis zog er 1494 noch einmal kurzfristig in den Palast, verließ aber wenige Monate später fluchtartig mit einigen Begleitern Florenz wegen der dort ausbrechenden Unruhen in Richtung Bologna.
Erste bildhauerische Werke
Die Jahre am Hofe der Medici hatten jedoch nicht nur den geistigen Horizont des jungen Michelangelo beträchtlich erweitert, es entstanden in dieser Zeit auch seine ersten bildhauerischen Werke. Ein nach antikem Vorbild gestalteter Faunskopf legte Zeugnis ab von der außergewöhnlichen Begabung Michelangelos und fand die uneingeschränkte Zustimmung Lorenzo de’ Medicis. Es folgten das Relief Die Madonna an der Treppe, das Hochrelief Die Kentaurenschlacht und – wahrscheinlich noch im Auftrag Lorenzo de’ Medicis – ein überlebensgroßer Herkules, die erste freistehende Skulptur Michelangelos. Sie soll sich nach Quellenangaben 1495 noch im Besitz des Künstlers befunden haben, wurde dann von der Familie Strozzi erworben, ging 1529 als ein Geschenk an den französischen König Franz I. und wurde in den königlichen Gärten von Fontainebleau aufgestellt.2 Seit 1725 ist sie verschollen. Herkules galt in Mittelalter und Renaissance als Präfiguration Christi und es ist mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit anzunehmen, dass Michelangelo diese Gedankenverbindung bekannt war.
In dieser Zwischenzeit entstand außerdem ein hölzerner, etwas unter lebensgroßer Chruzifixus, der nach Quellenangaben als Geschenk an den Prior des Klosters Santo Spirito ging und laut Vasari über dem Hauptaltar angebracht wurde.3 Der Prior dieses Augustinerklosters hatte es Michelangelo auf dessen inständiges Bitten hin ermöglicht, für ihn unbedingt erforderlich erscheinende anatomische Studien an Verstorbenen vorzunehmen und ihm hierfür sogar geeignete Räumlichkeiten zur Verfügung gestellt.
2Christina Acidini Luchinat, Michelangelo, Der Bildhauer, S. 28.
3Ebda., Abbildung S. 29.
Flucht nach Bologna
Über seine Ankunft in Bologna findet sich bei Condivi ein Bericht, der einen wichtigen Einblick in die Persönlichkeit des jungen Michelangelo gewährt: „Aber nach wenigen Tagen musste er aus Geldmangel (denn er hielt die Begleiter frei) an die Rückkehr nach Florenz denken; und als er nach Bologna kam, stieß ihm folgendes zu. Es gab in jenem Gebiet zur Zeit des Giovanni Bentivoglio ein Gesetz, wonach jeder Fremde, der nach Bologna kam, ein Siegel aus rotem Wachs auf den Daumennagel erhalten sollte. Da nun Michelangelo unbedachterweise ohne das Siegel hereingekommen war, wurde er mitsamt den Begleitern auf das Zollamt geführt und zu fünfzig Bologneser Lire verurteilt. Wie er nun ohne Mittel, diese zu bezahlen, in der Amtsstube stand, bemerkte ihn ein Herr Gianfrancesco Aldovrandi, ein Bologneser Edelmann, der damals einer der Sechzehn war, und als er den Fall gehört hatte, sorgte er für seine Freilassung, hauptsächlich weil er erfahren hatte, dass er ein Bildhauer sei. Und als er ihn in sein Haus einlud, dankte ihm Michelangelo, entschuldigte sich aber, da er zwei Begleiter habe; diese wolle er weder verlassen noch ihm mit ihrer Gesellschaft beschwerlich fallen. Darauf der Edelmann: „Auch ich möchte mit dir durch die Welt spazieren, wenn du mich freihalten wolltest.“ Durch diese und andere Worte ließ sich Michelangelo überreden, entschuldigte sich bei seinen Begleitern, entließ sie, indem er ihnen das wenige Geld gab, das sich vorfand, und nahm bei dem Edelmann Wohnung.4
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