»Woher wissen Sie, wie ich heiße?«
»Da bin ich nicht der Einzige. Jeder hier kennt Sie! Wei Siqiang hat ein Lied für Sie geschrieben und singt es ständig, so laut er kann. Wir mussten ihn deshalb wiederholt abstrafen.« Der Mann klang jetzt sehr vergnügt.
Cuilan legte auf, das Gesicht flammendrot. Völlig verwirrt lief sie im Zimmer auf und ab. Vor lauter Wut knirschte sie mit den Zähnen. Schon als Kind hatte sie es gehasst, im Mittelpunkt zu stehen, und jetzt machte sie Schlagzeilen. Ihretwegen konnte jeder über sie denken, was er wollte, aber sie wollte ganz bestimmt nicht berüchtigt sein.
Da sie nicht schlafen konnte und morgen ohnehin nicht zur Arbeit musste, ging sie hinaus, spazieren.
Die nächtliche Stadt war wie tot. Das spärliche Licht der Straßenlaternen ließ vieles im Dunkeln. Plötzlich sah sie, wie sich etwas in der Dunkelheit bewegte, und hörte, wie das Etwas ein Huhuhu ausstieß. Es klang wehklagend, aber dennoch irgendwie besänftigend. Das Geräusch erinnerte sie daran, wie sie mit Jin Zhu in der Mandarinenten-Suite geplaudert hatte. Was für ein Mensch war diese Jin Zhu eigentlich? Sie schien vom Leben ganz andere Dinge zu erwarten als Cuilan. Nur was? Die beiden Frauen, die ihrer Arbeit in der Baumwollfabrik entflohen waren, haben anscheinend schon viele Erfahrungen gemacht. Obwohl Cuilan sie still bewunderte, wusste sie, dass sie nie so sein würde wie diese Frauen. Was für ein Mensch war sie selbst eigentlich? »Nenn es, wie du willst!«, sagte sie laut vor sich hin.
Da rief jemand aus den Schatten unter den Hochhäusern nach ihr. »He, Schwester!« Ein hochgewachsener, bulliger Kerl trat aus dem Dunkel heraus.
»Wer sind Sie?«
»Ich bin der, mit dem du eben telefoniert hast.« »Wie? Sie sind gar nicht am Lishan? Macht ihr Kerle euch über mich lustig?«
Wütend funkelte sie ihn an. Am liebsten hätte sie ihm eine Ohrfeige verpasst.
»Wei Bo ist dort. Ich nicht, ich habe heute frei. Ich bin ein guter Freund von Xiao He. Wir haben über dich und Wei Bo geredet und er hat gesagt, ich soll dir helfen.«
»Fahr zur Hölle!«
Sie bereute es, mitten in der Nacht ausgegangen zu sein. Schnell drehte sie sich um und ging zurück.
»Nun sei nicht wütend. Ich heiße Yuan Hei. Ich bin ein Wachmann im Untersuchungsgefängnis Nummer drei. Alles, was ich über Wei Bo gesagt habe, ist wahr, ich bin kein Lügner.«
Er ging ihr einfach nach.
Zu Hause angekommen, stieg Cuilan die Treppe zum ersten Stock hinauf. Er blieb ihr weiter auf den Fersen.
»Gut, komm herein!« Sie hielt die Tür auf.
Er zögerte und schien nun doch etwas beschämt. »Wirklich?«
Cuilan wollte ihm gerade die Tür vor der Nase zuschlagen, als er sich im letzten Augenblick doch noch in die Wohnung zwängte.
Er blieb mit verschränkten Händen mitten im Raum stehen. Tatsächlich wirkte er ziemlich harmlos. Cuilan fragte sich, was er von ihr wollte.
»Also, ich heiße Yuan Hei.«
»Das hast du bereits gesagt.«
»Wei Bo hat mir erzählt, dass dir der Ort nicht gefallen hat, den das Untersuchungsgefängnis für euer Stelldichein hergerichtet hatte. Die Leitung ist bereits informiert und wird in Zukunft für bessere Bedingungen sorgen.«
»Wird Wei Bo denn noch lange dortbleiben?«
»Keine Ahnung, aber du solltest dich darauf einstellen.«
»Will er selbst gar nicht mehr heraus?«
»Das habe ich ihn nicht gefragt. Frag ihn beim nächsten Mal am besten selbst.« Er wechselte das Thema. »Hör mal, Cuilan, Xiao He kannst du vertrauen. Typen von seinem Schlag werden immer seltener.«
»Was soll das heißen? Soll ich wieder seine Freundin werden? Bist du nicht hier, um mich wieder mit Wei Bo zusammenzubringen? Ich verstehe gar nichts mehr.«
»Nein, so war das nicht gemeint!« Er war sichtlich nervös. Im Schein der Lampe sah sie, wie er ganz rot wurde. »Ich wollte sagen, dass Xiao He ein außergewöhnlicher Kerl ist, ich wäre gern wie er. Was meinst du, ob ich das schaffe?«
»Was weiß ich. Ich bin völlig verwirrt.«
»Ich muss zurück. Gute Nacht!«
Noch lange, nachdem sie das Licht gelöscht hatte, ging Cuilan die Geschichte im Kopf herum. Wann hatte sie sich von Xiao He getrennt? Sie konnte sich nicht erinnern. Im Grunde waren sie immer in Kontakt geblieben, auch wenn sie nicht mehr miteinander schliefen. Meistens hatte er sich ein- oder zweimal im Jahr bei ihr gemeldet. Für sie war das in Ordnung, er war witzig und machte sie immer neugierig darauf, was er zu erzählen hatte. Oft stellte sie sich Xiao He als Spinne vor, die immerzu neue Netze aus sinnlosen Fäden wob. Vorhin war sie, kaum war er weg, sogar den Flur abgelaufen und hatte mit der Hand in der Luft nach möglichen Spinnweben gefischt. Anfangs war sie davon ausgegangen, dass Xiao He eifersüchtig auf Wei Bo sein müsste, aber so war es nicht, das war ihr jetzt klar. Was bedeutete, dass er nicht mehr in sie verliebt war, obwohl er sich weiter sehr für sie interessierte. Nur warum?
Vor Tagesanbruch sieht man die Dinge klarer. Cuilan rief sich den engen, gewundenen Pfad um den Lishan vor Augen, als ihr etwas einfiel, das sie ganz vergessen hatte: Die Luchse, die ständig oben zwischen den Felsen aufgetaucht und wieder verschwunden waren … und der Geruch nach Essen und Lagerfeuern, der in ihre Nase gedrungen war. Der Berg lebte also. Sie selbst hatte ihn gern hinaufsteigen wollen, aber Xiao He war dagegen gewesen: »Es gibt bestimmte Phänomene, die begreift man niemals, auch wenn man sie zwei- oder dreimal gesehen hat.« Er hatte sie gedrängt, bald wieder nach Hause zu fahren, und sie hatte nachgegeben. Ach, Xiao He, du durchtriebener alter Besserwisser . Der Gedanke daran ließ sie nicht mehr los. Dann bemerkte sie, wie es draußen allmählich hell wurde.
Im Sonnenlicht sank sie in einen tiefen Schlaf.
Am Fuß des Wohnhauses hockte ein junger Mann in einem Wunderblumenbusch und rauchte. Es war Yuan Hei vom Untersuchungsgefängnis. Der Liebe wegen hatte er schon so viel durchgemacht, dass er sich schon einmal umbringen wollte. Er war der erste von Fräulein Sis Liebhabern gewesen und bald von ihr verlassen worden. Mittlerweile hatte er sich in eine dreiundvierzigjährige Gefängniswärterin verliebt, die auch bald mit ihm brechen würde.
Xiao He hatte die ganze Geschichte der vergangenen Nacht nur in Gang gebracht, um Yuan Hei zu inspirieren. Warum er ihn inspirieren wollte, konnte er selbst nicht sagen. Fehlte Yuan Hei denn irgendetwas? Sie hatten zusammen getrunken und Unsinn geredet; irgendwann hatte Xiao He sich dann wieder einmal wichtig machen wollen und dem anderen seinen Plan unterbreitet.
Cuilan schlief, in einem Netz aus Andeutungen und falschen Spuren.
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