Dieser Gleichstellung von Logistik und Supply Chain Management kann nicht gefolgt werden, da sich der Aufgabenumfang des Supply Chain Management nicht auf rein logistische Prozesse beschränkt. Das Logistikmanagement stellt vielmehr einen Teilbereich des Supply Chain Managements dar, da durch die explizite Einbeziehung von Marketing- und Produktionsprozessen oder Innovations- und Entwicklungsprozessen sowie der dazugehörigen Prozess- und Ressourcengestaltung der Aufgabenbereich des Supply Chain Management deutlich über den des Logistikmanagements hinausgeht. Diese Abgrenzung von Supply Chain Management zu Logistik zeigen auch die entsprechenden Definitionen des Council of Supply Chain Management Professionals (CSCMP): »Supply chain management encompasses the planning and management of all activities involved in sourcing and procurement, conversion, and all logistics management activities. Importantly, it also includes coordination and collaboration with channel partners, which can be suppliers, intermediaries, third party service providers, and customers. In essence, supply chain management integrates supply and demand management within and across companies« (CSCMP, 2018). Logistikmanagement wird dann als integraler Bestandteil von Supply Chain Management gesehen: »Logistics management is that part of supply chain management that plans, implements, and controls the efficient, effective forward and reverses flow and storage of goods, services and related information between the point of origin and the point of consumption in order to meet customers’ requirements« (CSCMP, 2018). Mabert/Venkataramanan (1998, S. 539) fassen entsprechend zusammen: »It is obvious that significant overlap exists between the ideas and concepts that define supply chain management and logistics management. Although both have similarities, practitioner applications and areas of research vary greatly due to circumstance.«
Die Interdisziplinarität des Supply Chain Managements führte zu dem Versuch, Supply Chain Management neben Logistik auch für andere Teildisziplinen zu vereinnahmen. Scheer/Borowsky (1999) betrachten Supply Chain Management als ein Konzept der Wirtschaftsinformatik. Dieser Betrachtungsweise kann jedoch nicht gefolgt werden, da moderne Informations- und Kommunikations- (IuK-) Technologien zwar ein wichtiges Instrument zur Unterstützung des Supply Chain Management darstellen, die Wirtschaftsinformatik aber nicht »[…] einen eigenständigen konzeptionellen Beitrag zu leisten […]« vermag (Corsten/Gössinger, 2008, S. 108). »Moreover, competitive advantage in supply chain management is not gained simply through faster and cheaper communication of data« (Shapiro, 2006, S. 3).
Zur Herleitung einer abschließenden Definition von Supply Chain Management analysieren Mentzer et al. (2001a und 2001b) bestehende Definitionen und ordnen diese in drei Kategorien ein: Supply Chain Management als Managementphilosophie, Supply Chain Management als Menge von Aktivitäten zur Implementierung dieser Managementphilosophie sowie Supply Chain Management als Menge von Prozessen. Als Ausfluss ihrer Studie ergibt sich: »[…] supply chain management is defined as the systematic, strategic coordination of the traditional business functions within a particular company and across businesses within the supply chain, for the purposes of improving the long-term performance of the individual companies and the supply chain as a whole« (Mentzer at al., 2001a, S. 18 und Mentzer et al. 2001b, S. 22).
Stock/Boyer (2009) kritisieren die von Mentzer et al. (2001a und 2001b) zu Grunde gelegte Stichprobe als zu niedrig und analysieren ihrerseits 173 unterschiedliche Supply Chain Management-Definitionen. Daraus leiten sie mit Prozessen des Supply Chain Managements, Vorteile durch Supply Chain Management und Elemente des Supply Chain Managements drei Hauptbestandteile einer abschließenden Supply Chain Management-Definition ab. Ihre Analyse führt zur zusammenfassenden Definition: »The management of a network of relationships within a firm and between interdependent organizations and business units consisting of material suppliers, purchasing, production facilities, logistics, marketing, and related systems that facilitate the forward and reverse flow of materials, services, finances and information from the original producer to final customer with the benefits of adding value, maximizing profitability through efficiencies, and achieving customer satisfaction« (Stock/Boyer, 2009, S. 706).
Die folgende Tabelle 1-9 zeigt eine kleine, subjektive Auswahl von Supply Chain Management-Definitionen in chronologischer Reihenfolge. Eine umfassende Darstellung von Supply Chain Management-Definitionen liefern Stock/Boyer (2009) in ihrer Analyse.
Mit diesem Vorlauf und dieser Analyse sollte es uns nun gelingen, eine deutschsprachige Definition für Supply Chain Management zu finden bzw. zu entwickeln, die wir diesem Lehrbuch zu Grunde legen können. In den Definitionsansätzen zu Supply Chain Management herrscht zunächst Konsens darüber, dass die Kundenorientierung (d. h. die Supply Chain wird gezielt an den Kundenbedürfnissen ausgerichtet), das Management von Güter- und Informationsflüssen sowie eine unternehmensübergreifende Kooperation und Koordination zu den Kernelementen eines Supply Chain Management zählen (Fettke, 2007 und Müller et al., 2003). Dies wird in der weiteren Definitionsentwicklung berücksichtigt.
Tab. 1-9: Ausgewählte Supply Chain Management – Definitionen
Ausgewählte Supply Chain Management - Definitionen
Supply Chain Management ist zunächst eine Kombination zweier Begriffe: »Supply Chain« und »Management«. Der Begriff »Management« kann auf den lateinischen Ausdruck »manus agere«, der sich mit »an der Hand führen« übersetzen lässt, zurückgeführt werden (Hülsmann, 2003 und Staehle, 1999). Als Teilaufgaben des Managements nennt Taylor (1984) die Planung und die Kontrolle. Porter (1996) hebt neben der Planungs- die Gestaltungsfunktion hervor. Koontz/O´Donnell (1976) beschreiben insgesamt fünf Funktionen: »planning, organizing, staffing, directing, controlling«. Nach Ulrich (1984) wird unter Management die Gestaltung, Lenkung und Entwicklung sozialer Systeme verstanden. Auch die Zielgerichtetheit ist ein wesentlicher Bestandteil des Managements und findet sich in dessen Definitionen wieder (Hungenberg, 2014). Somit kann unter Management die zielgerichtete Planung, Steuerung und Kontrolle eines Systems verstanden werden. Supply Chains sind reale, sozio-technische, offene, dynamische Systeme. Rufen wir uns daher nochmals »unsere« Supply Chain-Definition ins Gedächtnis: Eine Supply Chain ist ein produkt- oder produktgruppenbezogenes, unternehmensübergreifendes Wertschöpfungsnetzwerk.
Das aktive Management solcher komplexer Wertschöpfungsnetzwerke, erfordert die Kollaboration und Kooperation der in einer Supply Chain agierenden, rechtlich und wirtschaftlich eigenständigen Unternehmen (Barratt, 2004; Bechtel/Jayaram, 1997).
Kollaboration und Kooperation werden häufig im gleichen Kontext bzw. synonym als partnerschaftliche Zusammenarbeit verwendet. Während der Begriff Kollaboration historisch negativ besetzt ist und für eine Zusammenarbeit mit einer feindlichen Besatzungsmacht steht, bezeichnet collaboration gemäß Oxford Advanced Learner's Dictionary (2015) neben dieser Begriffsverwendung (»to help the enemy who has taken control of your country during a war«) vor allem eine partnerschaftliche Zusammenarbeit (»a piece of work produced by two or more people or groups of people working together«). Der Unterschied zwischen Kollaboration und Kooperation ergibt sich in der Form der Zusammenarbeit. So beschreibt Kooperation, dass eine gemeinsame Aufgabe in Teilaufgaben zerlegt wird, welche dann von verschiedenen Aufgabenträgern erfüllt werden: »[…] an activity where each person is responsible for a portion of the problem solving« (Roschelle/Teasley, 1995, S. 70). Bei einer Kollaboration hingegen findet im Vorfeld keine Arbeitsaufteilung statt und alle Teilnehmer einer Kollaboration bearbeiten die Aufgaben gemeinsam: »[…] collaboration as mutual engagement of participants in a coordinated effort to solve the problem together« (Roschelle/Teasley, 1995, S. 70). Kooperationen und Kollaborationen in Supply Chains sind somit eine auf freiwilliger, vertraglicher Vereinbarung beruhende Zusammenarbeit mindestens zweier rechtlich und wirtschaftlich selbständiger Unternehmen in bestimmten Teilbereichen (Knoblich, 1969, S. 503, Gerth, 1971, S. 17 und Kaupp, 1998, S. 96). Kooperationen und Kollaborationen unterscheiden sich danach, ob die gemeinsame Aufgabe auf die Supply Chain-Akteure aufgeteilt wird oder ob die Aufgabe gemeinsam bearbeitet wird. Kooperationen in Supply Chains sind Folge der Arbeitsteilung, z. B. wenn ein Endprodukt in einem mehrstufigen Produktionsprozess erzeugt wird, der sich auf mehrere Unternehmen aufteilt – die Gesamtaufgabe wird aufgeteilt. Eine Kollaboration in Supply Chains, d. h. die gemeinsame Lösung einer Aufgabe, ergibt sich beispielsweise bei der gemeinsamen Entwicklung oder Weiterentwicklung eines Produkts durch einen Lieferanten und einen Abnehmer, wenn hierzu ein gemischtes Projektteam gebildet wird.
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