Jedenfalls lässt jemand nun über die spiegelglatte Oberfläche dieser frühmorgendlichen Konformität einen Kieselstein in Gestalt eines knallgelben Huts springen. Genau genommen ist unser Neuankömmling komplett gelb: gelbe Schuhe, gelbe Bluse, gelbe Strickjacke, gelbe Fingernägel. Aber den Ausschlag gibt der Hut. Wenn ich knallgelb sage, dann meine ich wirklich knallig. Ein ausladender, runder Hut, der zugleich steif wirkt. Oben flach, wie ein umgekehrter Topf, den man auf dauergewelltes Haar gedrückt hat, aber mit äußerst breitem Rand, vielleicht 60 Zentimeter im Durchmesser. Dieser Hut scheint alles Licht im Raum in sich hineinzuziehen, um es dann als einen grellen, zitronigen Nebel wieder zurückzuwerfen. Seine Trägerin bewegt sich mit einem äußerst weiblichen Hüftschwung und hat neben einer Wolke aus ziemlich schwerem Parfum einen weitaus weniger aufregenden Ehemann im Schlepptau. Das Parfum ist blumig-fruchtig. Der Ehemann ist in Weiß gekleidet.
Auch wenn Farben und Gerüche nur ein subjektiver Schwindel sind, ist diese Frau, deren Alter ich auf Anfang sechzig schätze, doch ganz offensichtlich in der Lage, unsere Reaktion auf farbliche Reize vorherzusagen und zu manipulieren. Alle drehen sich nach ihrem Hut um. Sie setzt sich an einen Tisch am Fenster, schickt ein betörend selbstzufriedenes Lächeln in den Raum, so als wolle sie uns alle in ihrem Dunstkreis aus sonniger Wohlgefälligkeit willkommen heißen – sogar ihr Lippenstift ist gelb –, und ruft dann mit fröhlicher Stimme die junge Kellnerin, deren Namen sie kennt. Ihr Mann nimmt ihren Exhibitionismus mit bewundernswerter Gelassenheit hin. Womöglich ist er sogar stolz auf sie. Auch er begrüßt die Kellnerin und schlägt dann die Frankfurter Allgemeine auf.
»Das Gelb existiert natürlich nur in unseren Köpfen«, erinnere ich meine Partnerin. »Auch der Duft.«
»Trotzdem können wir ihm nicht entkommen«, gibt sie zu bedenken. »Selbst wenn wir wollten, könnten wir nicht aufhören, es uns einzubilden. Und wir nennen es beide Gelb.«
Eigentlich wollte ich unser Frühstücksgespräch nutzen, um über Professor Pauens Experimente zu reden und mich so auf das Interview vorzubereiten. Aber es ist unmöglich, nicht über dieses Gelb zu sprechen. Es nimmt uns in Beschlag. Die Frau ist aufwendig geschminkt, strahlt aber dennoch eine Art gespielte Natürlichkeit aus. Und ihr Auftritt ist berückend. Wieso ist sie so anders als der Rest von uns? Wie kommt es, dass sie und ihr Mann sich Essen an den Tisch bestellen können, während wir aufstehen und das Buffet plündern mussten und uns eine ordentliche Tasse Tee erst nach einigem Herumprobieren vergönnt war? Ist es so, dass unsere Gehirne auf Konformität gepolt sind oder sich damit abgefunden haben, während diese Frau, nachdem sie im Laufe der Jahre anderen Eindrücken ausgesetzt war als wir oder, wahrscheinlicher, die gleichen Eindrücke völlig anders verarbeitet (was immer das bedeutet) hat, ein freier Geist ist? Oder gehorcht sie nur anderen Normen? Ihr Benehmen ist, wie meine Partnerin mithilfe einer italienischen Redewendung feststellt, » tutt’un programma «. Sie hat ihren Look nicht selbst erfunden. Er scheint den Kodachrome-Fotografien in einer Modezeitschrift aus den 1960er-Jahren zu entstammen. Ich äußere die Vermutung, dass sie so etwas irgendwann einmal gesehen hat und es seitdem so tief in ihrer Psyche verankert ist, dass sie es immer wieder reproduziert.
Nein. Meine Partnerin sieht diese Frau nicht als eine Person, die sich einer Prägung unterworfen hat, sondern eher als eine Strategin, die sich ausrechnet, wie sie am effektivsten alle Aufmerksamkeit auf sich ziehen kann. Frauen sind immer die schärfsten Kritikerinnen anderer Frauen. Jedenfalls wird mir, während ich meine Serviette zusammenlege, klar, dass der gelbe Hut bei mir einen so starken Eindruck hinterlassen hat, dass ich mich allein seinetwegen für immer und ewig an dieses Frühstück und an dieses Hotel erinnern werde. Ich werde mit dem Hut anfangen und dann den Rest der Szene daraus ableiten können: meine Position im Raum im Verhältnis zur Trägerin des Huts, und damit auch zu allen anderen Anwesenden, den Japanern, den Arabern, dem deutschen Paar im mittleren Alter, den Fenstern und dem herrlichen Frühstücksbuffet, das in all seiner glänzenden, fruchtig-bunten Pracht von den Wänden gespiegelt wird, ganz ähnlich wie man sich an einen Traum erinnert, indem man mit einem Fragment anfängt, das man beim Aufwachen noch im Sinn hat, etwa dem Blick durch die hohen Bäume des Waldes auf den schmalen Fluss.
Aber jetzt wird es Zeit, nach oben zu gehen und mich auf mein Interview vorzubereiten.
Mir bleiben noch vierzig Minuten, um vor dem ersten Interview meine Notizen noch einmal durchzugehen. Aber fassen wir kurz zusammen. Vor etwa zwei Jahren erhielt ich eine E-Mail von einem Mann namens Jakob Köllhofer, der mich einlud, an einem Projekt teilzunehmen, bei dem »Schriftsteller zu Wissenschaftlern unterschiedlicher Institute der Universität Heidelberg geschickt werden« sollten, um herauszufinden, »ob die ›Naturwissenschaften‹ in der Lage wären, ein Konzept für eine ›neue Metaphysik‹ zu entwickeln«. Ich war fasziniert von Köllhofers Gebrauch der Anführungszeichen, zugleich aber verblüfft von der Idee. Wie kann die Beobachtung der Welt und selbst die daraus folgende Reflexion und Spekulation uns je zu dem Warum der Existenz der Welt führen? Man kann die Urknall-Theorie beweisen und trotzdem nichts darüber erfahren, warum der Urknall sich ereignet hat oder warum er sich in dem betreffenden Moment ereignet hat. Oder ob er sich ereignen musste . Und selbst wenn man all das herausfände, bliebe es immer noch ein Geheimnis, was davor war, und dann wiederum davor.
Im weiteren E-Mail-Austausch stellte sich jedoch heraus, dass sich Köllhofer in erster Linie für die Frage interessierte, ob die Wissenschaft in den Köpfen der Menschen allmählich die Religion ersetzte. Das schien eher ein anthropologisches Thema zu sein als harte Wissenschaft, etwas, zu dem ich unter Umständen tatsächlich etwas beisteuern könnte. Hinzu kam, dass in der ursprünglichen Einladung gestanden hatte, Köllhofers Arbeitgeber, das Deutsch-Amerikanische Institut, könne mir dafür »ein ansehnliches Honorar« anbieten. Wer wäre nicht neugierig, was in einem solchen Satz wohl mit »ansehnlich« gemeint war? Zudem hätte ich Gelegenheit, ein paar Spitzenwissenschaftler zu treffen und mit ihnen über das menschliche Bewusstsein zu sprechen.
Denn das Bewusstsein fasziniert mich schon seit einigen Jahren, ich brenne förmlich darauf, über das Thema zu reden und nachzudenken. Womit ich sagen will, dass ich seit ein paar Jahren im Gespräch mit Riccardo Manzotti bin und mit ihm eine der intensivsten und längsten Debatten meines Lebens führe. Und bei der Rückkehr in unser Hotelzimmer machte ich jetzt tatsächlich, als ich mich an den kleinen Schreibtisch dort setzte, den Fehler, vor der Durchsicht meiner Notizen über Sabina Pauen noch meine E-Mails zu checken. Und natürlich war eine Mail von Riccardo eingetroffen, mit einem Link zu einer Rezension des Philosophen Alva Noë über den Film Alles steht Kopf . Eine Filmkritik von einem Philosophen bekommt man nicht alle Tage zu lesen, daher machte ich gleich anschließend den nächsten Fehler, indem ich, statt Pauens Aufsatz über »Object Categorization and Socially Guided Object Learning in Infancy« noch einmal zu lesen, diese Kritik überflog.
An den Pixar-Zeichentrickfilm Alles steht Kopf werden Sie sich sicherlich erinnern. Ein Mädchen namens Riley macht darin eine emotional turbulente Phase durch, als ihr Vater eine Stelle in einer anderen Stadt annimmt und sie mit dem Umzug und ihrer neuen Umgebung klarkommen muss. Aber das Konzept des Films besteht darin, Rileys Psyche mithilfe von fünf winzigen Gestalten darzustellen, die in ihrem Kopf herumflitzen und um die Kontrolle über die Schaltknöpfe wetteifern, die Rileys emotionale Reaktionen steuern. Diese kleinen Homunkuli, die den Figuren anderer Pixar-Filme unheimlich ähnlich sehen, stehen explizit für die Gefühle Freude, Kummer, Wut, Angst und Ekel, aber da sie gleichzeitig auch voll ausgeprägte Individuen sind, wirft der Film die Frage auf, von der Alva Noë behauptet, sein Sohn hätte sie ihm schon beim Anschauen des Films gestellt, nämlich ob diese kleinen Gestalten in Rileys Kopf ihrerseits weitere, noch kleinere Gestalten in ihren eigenen Köpfen haben. Und die Frage, warum Riley das Gefühl hat, nur eine einzige Person zu sein und nicht fünf, oder fünf mal fünf oder fünf mal fünf mal fünf? Und so weiter.
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