Stefan R. Ja, das waren Demonstrationen, bei denen die Kollegin im Einsatz war.
Anwalt Bliwier Gab es Anlass zur Vermutung, dass die Ermordung mit ihren früheren Einsätzen zu tun haben könnte?
Stefan R. Das weiß ich nicht, ich sollte nur eine Liste ihrer Einsätze erstellen.
Anwalt Bliwier Haben andere Kollegen diese Frage untersucht?
Stefan R. Ich weiß es nicht mehr, tut mir leid.
(Der letzte Zeuge des Tages ist Martin A., der beim Anschlag mit Michèle Kiesewetter im Fahrzeug saß.)
Martin A. Es war ein schöner Tag, wir hatten schon am Morgen auf der Theresienwiese eine Raucherpause gemacht. Zur Mittagspause haben wir was vom Bäcker geholt. Davor sind wir noch kurz aufs Präsidium, und dann haben wir uns direkt auf die Theresienwiese gestellt. Und da hört es auch schon langsam auf … Gut, wir haben vorher dort noch zwei Gruppen kontrolliert, am Hallenbad. Das waren aber unrelevante Personen. Und eine Frau mit Platzverweis hat glaubhaft versichert, dass sie auf ihren Jungen wartete, der mit der Schulklasse im Bad war. Einen Drogensüchtigen haben wir noch kontrolliert, der hat uns sofort seine alten Einspritzlöcher gezeigt, er sei jetzt clean.
Götzl Was haben Sie noch in Erinnerung?
Martin A. Eigentlich nur noch, dass wir auf den Schotterplatz (die Theresienwiese) raufgefahren sind. Alles andere habe ich mir rekonstruiert. Aus Presseberichten. Dass wir geparkt haben und wie wir geparkt haben, weiß ich nur aus den Medien.
Götzl Wann setzt Ihre Erinnerung wieder ein?
Martin A. Eigentlich gar nicht.
Götzl Was wissen Sie noch von Ihrem Krankenhausaufenthalt?
Martin A. Ich dachte, ich lag sieben Wochen im Koma. Es waren aber nur viereinhalb Wochen. Als ich aufwachte, wusste ich nicht, was ich da soll. Meine Arme waren voll mit Infusionen. Ich hab mir alles rausgerissen, weil ich dachte, das ist ein Scherz meiner Kollegen, die trainieren sehr praxisnah. Daraufhin habe ich viel Blut verloren und bin sofort wieder umgefallen.
Meine Mutter und meine Schwestern waren da. Sie haben mir nur gesagt, dass ich einen Unfall hatte. Ich dachte, einen Motorradunfall. Aber dann fiel mir ein: Ich hab ja gar kein Motorrad, nicht mal einen Motorradführerschein. Irgendwann kamen Angehörige der Soko Parkplatz. Sie haben mir gesagt, dass Michèle nicht mehr da ist. Ich hatte keinen Spiegel im Zimmer, auch nicht im Bad, und es gab keine Medien, kein Radio, kein Fernseher. Ich lag zwei Wochen einfach nur da, ohne wirklichen Kontakt zur Außenwelt. Ich habe gefragt, ob ich der Einzige bin, der angeschossen wurde, und was mit Michelé ist. Nee, die liegt nicht im Krankenhaus. Das war’s. Ich bin in Tränen ausgebrochen und wollte das nicht wahrhaben. Ich habe den Kollegen in den Bauch geboxt, weil ich dachte, der will mich auf den Arm nehmen.
Ich habe viel Gewicht verloren im Koma. Meine Oberschenkel konnte ich mit der Hand umgreifen, so viel an Muskeln hatte ich verloren.
Der Tag in Heilbronn war der letzte Tag, an dem ich eine Waffe trug. Ich habe danach keine mehr bekommen. Ich will auch keine mehr.
Götzl Wie unterscheidet sich Ihr Leben von früher?
Martin A. Ich habe einen hohen Grad an Schädigungsfolgen. So ein Attentat steckt man nicht einfach so weg. Dass die Kollegin einfach so aus dem Leben gerissen wurde. Ich habe schlaflose Nächte und die Bilder andauernd im Kopf. Mein Kindertraum, normaler Polizist zu sein, ist komplett zerstört. Mein Innenohr ist zerstört, ich höre nicht mehr gut. Die Ärzte sagen, ich soll mehr zu meinen Schäden stehen. Mein Gleichgewichtssinn ist gestört, das ist vor allem nachts problematisch. Ich schwanke beziehungsweise falle um, wenn es dunkel ist. Und ich habe Narben ohne Ende. Mein Kopf sieht aus wie eine Landkarte, die Schädeldecke wurde mir abgenommen bei den Notoperationen nach ein paar Wochen, da sind überall Löcher für die Kanülen und gegen die Schwellungen des Gehirns. Und die Epilepsiegefahr ist jetzt höher.
Götzl Könnte da noch was auf Sie zukommen?
Martin A. Könnte sein. Die Kugel ist in meinem Kopf in drei Teile zersplittert. Ein Teil steckt noch drin und liegt so ungünstig, dass sich die Ärzte nicht trauen, es herauszuoperieren. Ich bin gottfroh, dass ich lebe. Wenn es nicht unbedingt nötig ist, lass ich keinen mehr an meinen Kopf. Ich kriege demnächst ein Hörgerät. Ein Implantat wollte ich nicht. Ich habe noch ein gesundes Ohr, das reicht. Aktuell mache ich noch eine Traumatherapie.
Götzl Welche Behandlungen wurden genau nötig?
Martin A. Man hat aus dem Oberschenkel Muskeln im Kopf eingesetzt. Der Knochen am Kopf wächst nicht mehr nach, da ist eine Weichstelle, das ist der Grund, warum ich nicht mehr rausgehen möchte. Der ist nicht mehr so geschützt. Dann habe ich studiert, von mittleren in gehobenen Dienst.
Nach dem Studium hatte ich eine posttraumatische Belastungsstörung, da ist alles über mich hereingebrochen. Ich war ein halbes Jahr zu Hause, konnte nicht mehr auf die Dienststelle gehen. Wenn ich Polizeifahrzeuge gesehen habe, dachte ich sofort: Hoffentlich geht es denen gut, hoffentlich machen die nirgendwo Pause. Ich hab die Fahrzeuge gezählt und gedacht: Hoffentlich kommen die alle abends wieder nach Hause. Bei uns ist es halt ein Auto weniger gewesen.
Götzl Wie haben Sie die Ermittlungen der Polizei erlebt?
Martin A. Ich war unzufrieden. Das Motiv war unklar, alles war unklar. Ich dachte, die Tat wird nicht mehr aufgeklärt.
Götzl Hatten Sie eigene Überlegungen angestellt?
Martin A: Eigentlich gar nicht. Ich wollte den Ermittlern um jeden Preis helfen. Ich dachte, wenn irgendwas in mir drin ist, dann holt es raus. Ich habe gehofft, dass Kommissar Zufall hilft. Aber das Motiv hat Kommissar Zufall auch nicht herausgefunden.
Götzl Es wurde sogar mit Hypnose bei Ihnen versucht?
Martin A. Ja, aber während der Tat, da ist ein schwarzes Loch von zehn Minuten. Die konnte keiner ausfüllen.
Götzl Wann waren Sie wieder im Dienst?
Martin A. Im September noch im gleichen Jahr. Ich habe gehofft, dass ich wieder in den aktiven Dienst kann. Von Herbst 2008 bis Frühling 2011 habe ich studiert. Danach habe ich zwei Monate gearbeitet. Dann war ich ein halbes Jahr zu Hause.
Götzl Wie war es für die Angehörigen?
Martin A. Das war schlimm für sie, ist es immer noch. Ich war ein lebenslustiger Mensch. Polizist zu sein, war mein Kindheitstraum. Dafür habe ich das Wirtschaftsinformatikstudium hingeschmissen und habe die Ausbildung gemacht. Und dann war ich in Heilbronn. Jetzt bin ich zwar Polizist, aber nur noch im Innendienst. Mit meinem Lebenstraum hat das nichts mehr zu, jetzt ist es meine Arbeit. Daran haben sie sehr, sehr zu knuspern gehabt. Das hat ihnen das Herz zerrissen. Mir auch.
Götzl Kannten Sie Frau Kiesewetter schon vor dem gemeinsamen Einsatz?
Martin A. Ich habe sie Anfang 2007 kennengelernt. Sie war eine der Ausbilderinnen. Richtigen Kontakt hatten wir da nicht.
Götzl Könnten Sie sie trotzdem beschreiben?
Martin A. Sie war ein natürliches Mädchen, sehr aufgeschlossen, sehr freundlich. Ich hab keinen traurigen Moment bei ihr gesehen. Sie hat die Fachhochschulreife nachgemacht, sie wollte auch in den gehobenen Dienst. Sie war engagiert, zielstrebig und wusste, wie es weitergehen sollte.
21. Januar 2014
Manfred Götzl, Richter. Susann Eminger, 32, Ehefrau des Angeklagten André Eminger. Ahmed A., 23, arbeitssuchend, aus Frankfurt. Er war Kunde in dem Internetcafé in Kassel, in dem Halit Yozgat ermordet wurde. Wolfgang H., 67, Rentner aus Heilbronn.
Götzl Frau Eminger, Sie haben ein Zeugnisverweigerungsrecht. Sie brauchen keine Angaben zur Sache zu machen. Wie wollen Sie es handhaben?
Eminger Ich werde keine Angaben machen.
Götzl Sie sind ja im Verfahren schon mal von Ermittlern vernommen worden. Sind Sie einverstanden, dass die Beschuldigtenvernehmung hier eingeführt und verwertet wird?
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