Böhnhardt Gut. Uwe war unser dritter Sohn, ein Nachzügler, ein Wunschkind. Ein ganz normales, aufgewecktes Kerlchen. Geliebt von allen, von allen ein bisschen verwöhnt. In der Schule gab es von Anfang an leichte Probleme. Lernen fiel ihm nicht so leicht. Sprachen haben ihm nicht gelegen, dazu kamen Disziplinschwierigkeiten. Er hat eine Klasse wiederholt, hatte dann aber in Fleiß und Betragen eine 2, da waren wir richtig glücklich und stolz, dass er das so gepackt hat. Im Schuljahr 1991/92 kam der große Einbruch. Die Schulreform im Osten wurde durchgesetzt. Klassen auseinandergerissen: Die guten Schüler wollten alle ins Gymnasium, die weniger guten mussten in der Hauptschule bleiben. Es gab sehr frustrierte Eltern, sehr frustrierte Kinder und sehr frustrierte Lehrer. Uwe merkte das ganz besonders. Er hatte keine Freunde mehr und befand sich voll in der Pubertät. Er fing an zu bummeln, mal stundenweise, mal tageweise. Wir haben davon erst in den Herbstferien erfahren, sieben Wochen nach Schulbeginn. Es ist eigentlich die verdammte Pflicht der Lehrer, die Eltern zu informieren, wenn ihre Kinder schwänzen. Da muss man ganz doll aufpassen. Er schloss sich älteren Schülern an, weil er sich in seiner Klasse nicht wohlfühlte.
In der Zeit fingen die ersten kleinen Diebstähle an. Die älteren Schüler haben ihn gern als Schuldigen vorgeschoben, weil er noch nicht strafmündig war. Er ging kaum mehr in die Schule. Keiner hat sich darum gekümmert, wie es den Problemfällen ging. Ich war immer wieder beim Schulamt. Aber keine Schule war bereit, Uwe aufzunehmen. Kein Internat, keine geschlossene Schule.
Es hat ihm nicht gefallen, dass er uns so wehtut. Er hat immer Momente gehabt, wo er sich weiterentwickeln wollte. Er war bereit, in ein Kinderheim zu gehen, von wo aus die Kinder zur Schule gebracht werden. Aber er hat weiter gebummelt und kam wieder nach Hause. Keiner wollte ihn.
Dann kamen die Sommerferien, wir haben ihn in der Förderschule angemeldet. Dort trafen sich sehr schwierige Schüler wieder. Es war ein Sammelbecken von Problemfällen. Er bummelte wieder und flog auch von dieser Schule. Viele Möglichkeiten hatten wir damals nicht mehr. Das Schulamt reagierte mit Schulterzucken, das Jugendamt auch.
Im Februar 1993 wollten wir mit ihm in den Urlaub fahren, um zu zeigen: Wir haben dich trotzdem lieb. Doch dazu kam es nicht mehr, er wurde in U-Haft genommen. Wegen Diebstahls, wegen Fahrens ohne Führerschein. Das war die bisher schlimmste Zeit für uns, für ihn, für alle. Wir waren am Ende mit unseren Nerven. Wir wussten nicht mehr weiter. Wir haben ihn jede Woche besucht. Aus unserem großschnäuzigen Kerl wurde wieder der kleine Uwe, der schon vorher heulte, wenn wir kamen, und hinterher heulte, wenn wir uns verabschiedeten. Und wir dachten: Jetzt hat er es gepackt. Er muss was machen aus seinem Leben. Er hat es uns versprochen.
Ich bin dann im Schulamt gesessen und gebe zu, ich habe gedroht, ich bleibe hier sitzen, bis Sie mir eine Schule geben. Er wurde für die letzten sechs Wochen aufgenommen, in Winzerla, bis zum Ende der Schulpflicht.
Als 16-Jähriger kam er erneut in U-Haft. Wir haben weiterhin zu ihm gehalten. Du bist unser Kind, haben wir gesagt. Die Schule hat einen Platz frei gehalten, für ein berufsvorbereitendes Jahr im Baugewerbe. Er hatte ganz wenig Fehlstunden. Vielleicht hat er es auch uns zuliebe getan. Er hat mit einem guten Ergebnis abgeschlossen und nahm dann eine Lehrstelle in Burgau an, um Hochbaufacharbeiter und Maurer zu werden. Das ist ein anständiger Beruf, dachten wir. Schließlich muss jemand die Häuser der Schönen und Reichen auch bauen. Die Lehre hat er mit »gut« abgeschlossen und dann ein Auto gekauft und seinen Führerschein bezahlt. Er hatte kurz Arbeit, dann war er neun Monate arbeitslos. Fand wieder kurz Arbeit, wurde krank, war wieder arbeitslos.
Wir mochten seine Freunde, wir mochten den Uwe Mundlos, wir mochten den Ralf Wohlleben, wir mochten auch die Beate Zschäpe. Sie waren nette, höfliche junge Menschen, leider alle arbeitslos. Sie hatten also alle viel Zeit.
1997 stand dann die nächste Anklage ins Haus. Wir wussten nicht, an welchen Demonstrationen er da teilgenommen hatte, und ich frage mich immer, wer das bezahlt hat, dass sie da hinkommen. Denn er hatte ja ganz wenig Arbeitslosengeld. Später erfuhr ich, das hat der Tino Brandt bezahlt oder der Verfassungsschutz.
Ja, und dann kam diese unselige Garagendurchsuchung. Möchten Sie das auch hören?
Götzl Ja, bitte.
Böhnhardt Es war gegen sieben Uhr, als die Polizei klingelte und klopfte. Es war nicht die erste Durchsuchung, ich ahnte schon, wer es war. Sie hatten einen Durchsuchungsbefehl für die Wohnung und die Garage.
Sie haben unsere Garage durchsucht, und ich sagte zu Uwe laut: Pass auf, dass sie nichts finden, was vorher nicht drinnen lag. Ich hatte zu den Polizisten kein Vertrauen. Sie haben auch nichts gefunden und haben die Nebengarage öffnen lassen, vom Schlüsseldienst.
Das, was ich jetzt sage, habe ich erst später durch Uwe erfahren. Er habe gewartet und gewartet, nach zwei Stunden waren sie endlich fertig. Uwe hat die Garage zweimal abgeschlossen und ist in unsere Wohnung gegangen. Er hat seinen Autoschlüssel geholt und ist mitgegangen zu der anderen Garage. Auf dem Weg hat ihm ein Polizist dann zugeraunt: Jetzt bist du fällig, der Haftbefehl ist unterwegs. Da hat sich Uwe umgedreht und ist weggefahren.
Götzl Wussten Sie, wo er sich aufhielt, nachdem er untergetaucht war?
Böhnhardt Nein. Ich habe Frau Mundlos angerufen, ich habe Ralf Wohlleben gefragt, keiner wusste was. Dann kam endlich, endlich, endlich die erlösende Nachricht, ein Zettel im Briefkasten. Wir sollten an einer Telefonzelle warten, wo Uwe dann anrief. Anfangs heulten alle nur. Die Polizei hatte gedroht, dass er auf der Flucht erschossen werden könnte. Deshalb war ich froh, dass er lebt. Er sagte, wir sollten uns keine Sorgen machen, sie seien alle drei zusammen. Wir haben vom ersten Anruf an verlangt, dass sie sich stellen. Er sagte: Nein, Mutti, jetzt nicht.
Im Herbst 1998 hatten wir mehrere Treffen mit einem Rechtsanwalt, der sagte, der Verfassungsschutz sei an ihn herangetreten: Die drei sollten sich stellen. Wir haben uns mit dem Anwalt mehrmals getroffen, in Gaststätten, weil wir vermuteten, dass wir abgehört werden. Es ging um die Bemessung der Strafe. Der Staatsanwalt hatte die irrwitzige Zahl von zehn Jahren genannt, die Uwe drohen. Das kriegt nicht mal ein Kinderschänder, der schon fünf Kinder getötet hat. Dann war es wie beim Sommerschlussverkauf. Es hieß, er bekommt fünf Jahre, wenn sie sich stellen. Und ist dann nach zweieinhalb Jahren raus. Das zog sich bis zum Frühjahr ’99 hin, dann wurde das Angebot plötzlich wieder zurückgezogen. Aus dem LKA hieß es: Wenn wir die aufspüren und die zucken nur, glauben Sie mir, unsere Leute sind schneller mit der Pistole. Die haben uns richtig bedroht.
Götzl Haben Sie Ihrem Sohn von dem Angebot erzählt?
Böhnhardt Ja. Er hat versprochen, dass er mit den anderen spricht. Bereitschaft war aber nur von Beate da und von meinem Uwe. Uwe Mundlos wollte noch nicht.
Götzl Was haben Sie beim ersten Telefonat mit Ihrem Sohn besprochen? Können Sie mir Details erzählen?
Böhnhardt Er hat gefragt, ob wir bedroht werden durch die Behörden. Ich habe ihm nicht alles erzählt, was vorgefallen war, weil ich nicht wollte, dass er sich Sorgen macht. Es kam Persönliches zur Sprache. Mein Sohn hatte Angst vor dem Gefängnis. Er hatte da wohl schlechte Erfahrungen gemacht. Welche genau, hat er mir nie erzählt. Ich habe mir die schlimmsten Dinge vorgestellt. Er hatte gesagt, das ist nicht so. Aber ich hatte keine Ruhe.
Götzl Und deshalb sind die drei geflohen?
Böhnhardt Ja. Ich sagte dann: Aber den anderen wird doch gar nichts vorgeworfen! Er meinte: Nein, aber wir bleiben zusammen, wir sind Freunde.
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