Götzl Wie haben sie im Untergrund gelebt?
Böhnhardt Ja, wir haben das auch gefragt. Es hieß nur: Wir sind zusammen, es geht uns gut. Wie kommt ihr zu eurem Lebensunterhalt, fragten wir. Sie meinten: Das sagen wir euch nicht, das würde euch vielleicht auch nicht gefallen. Ich habe an Internetgeschäfte gedacht, das war ja damals groß in Mode.
Götzl Gab es noch ein weiteres Treffen? Bitte berichten Sie.
Böhnhardt Es gab noch ein letztes Treffen im Jahr 2002. Das könnte schon Mai oder Juni gewesen sein, es war warm, wir hatten nicht mehr so dicke Sachen an. Diesmal war es ein Wochenende. Wir hatten viele Gesprächsthemen. Wir haben wieder gefragt, warum sie nicht zurückkommen: Warum nicht? Warum nicht? Warum nicht? Und sie sagten: Wir wollen nicht, wir wollen nicht, wir wollen nicht. Wir haben unseren Sohn in den Arm genommen und gedrückt. Wir haben auch über banale Dinge geredet, über Kochrezepte. Uns war in keiner Weise bewusst, dass es das letzte Treffen sein könnte. Der Tag verlief harmonisch, wir sind spazieren gegangen. Alle drei waren eigentlich wie immer. Am Schluss haben wir uns alle fünf umarmt. Da war’s dann bei mir aus mit meiner Beherrschung. Die einzige Hoffnung, die mir blieb: Vielleicht gründen sie noch mal eine Familie. Beate habe ich dann noch gefragt, ob sie sich das gut überlegt hat oder nicht doch aussteigen will. Nein, Frau Böhnhardt, sagte sie, ich geh mit den Jungs mit. Zu Uwe Mundlos habe ich gesagt: Pass auf den Uwe auf. Das war unser letztes Treffen, wir haben nie wieder von ihnen gehört. Wir waren überzeugt, ja, sie sind weggegangen. Wir waren todtraurig, dass wir an ihrem Leben nicht teilnehmen können. Manchmal dachten wir, vielleicht haben wir Enkelkinder und wissen gar nichts davon. Wir dachten, sie seien ganz, ganz weit weg.
Götzl Gab es noch Kontaktaufnahmen?
Böhnhardt Sie haben uns nie wieder eine Nachricht hinterlassen. Es wusste niemand etwas.
Götzl Haben sich die drei bei den Treffen in irgendeiner Weise politisch geäußert?
Böhnhardt Nein, sie wussten, dass wir ihre Ideen nicht richtig fanden. Ich hoffte, dass sie dieser rechten Ideologie nicht mehr anhängen, weil sie auch nicht mehr darüber gesprochen haben. Diese sinnfreien Transparente und dussligen Parolen – das durfte er daheim nie machen. Von wegen die Ausländer nehmen uns die Arbeit weg und diesen Müll. Ist doch schön, jetzt haben wir Italiener, Türken und Griechen und wir können überall essen gehen, habe ich Uwe gesagt. Und ihn gefragt: Möchtest du in der Pizzeria arbeiten oder den ganzen Tag im Dönerstand stehen? Nein? Dann sei doch froh, dass andere dort arbeiten.
Götzl Und wie hat Ihr Sohn reagiert?
Böhnhardt Er meinte, ich soll das mal nicht im Detail sehen, sondern allgemein.
Götzl Ich hab noch nicht verstanden, wie sich das entwickelt hat. Ich möchte Sie bitten, darüber nachzudenken, wann Ihnen das rechte Gedankengut aufgefallen ist.
Böhnhardt Die ersten Anzeichen waren, als er sich vom Lehrlingsgeld die Bomberjacke gekauft hat. Und dann die Springerstiefel. Bei der Bomberjacke haben wir noch nicht gezuckt. Als er dann mit den Schuhen ankam, das war uns zu viel. Die durfte er nicht in der Wohnung tragen. Das nächste Mal war, als wir ihn bei der Polizei abholen mussten, er war noch nicht achtzehn. Es hieß, dass er im Visier der Polizei ist wegen des Umgangs mit rechten Jugendlichen. Da haben wir uns gesagt, da müssen wir gut aufpassen. Ich sagte: Und wage es nicht, hier etwas zu deponieren, was in diese Richtung deutet. Ich zerreiße alles, und er wusste, ich tue es. Er war auch erschrocken, als ich ihn überrascht habe, als er eine rechte CD gehört hat. Übrigens: Auch Linke trugen schwarze Hosen, und selbst bei der Polizei trugen alle schwarze Hosen und Springerstiefel, da wusste man gar nicht, wer zu wem gehört. Er hat es immer vermieden, darüber zu reden. Da hätten wir ein bisschen hellhöriger sein müssen. Und hellsichtiger. Wobei ich nicht weiß, ob es was genützt hätte, wenn wir ihm gesagt hätten, du ziehst jetzt eine Cordhose an und ein Blouson.
20. November 2013
Manfred Götzl, Richter. Brigitte Böhnhardt, Mutter von Uwe Böhnhardt. Sie sagte auch an Tag 57 aus. Mehmet Daimagüler, Walter Martinek, Eberhard Reinecke, Anwälte der Nebenklage.
Böhnhardt Unsere beiden älteren Söhne wurden 1969 und 1971 geboren. Damit war die Familienplanung erst mal erledigt. Wir waren sparsam und fleißig, wir hatten Freunde, gute Kollegen. 1974 bekamen wir eine neue Wohnung, eine Vierraumwohnung mit Zentralheizung. Das war super. Die beiden Jungs passten gut zusammen, konnten gut miteinander aufwachsen. Dann kam der Wunsch auf, vielleicht noch ein Kind zu haben, ich wünschte mir ein Mädchen. Es wurde wieder ein Junge. Für die Größeren war der kleine Bruder das liebste Spielzeug, was sie hatten. Es war für sie ganz toll. Ich konnte mich hundertprozentig auf die Größeren verlassen, dass sie ihn von der Krippe abholten.
Peter und Uwe hatten ein ganz besonders inniges Verhältnis. Der Größere hatte frühzeitig eine Freundin. Wir waren eine normale Familie. Wir lehnten Gewalt in der Erziehung ab, das hat man uns später vorgeworfen, als es hieß, wir hätten Uwe mal verdreschen sollen. Wir versuchten, alles mit Ruhe zu klären. Es gab nie persönliche Kränkungen. Die Jungs haben Uwe das Lesen beigebracht. Und haben ihn in der Schule geschützt. Uwe kümmerte sich um die Mäuse von Peter, und umgekehrt kümmerte sich Peter um die Zierhasen von Uwe. Wir waren eine ganz normale Familie. Mein Mann war bei der Betriebsfeuerwehr. Es ging uns gut, zweimal pro Jahr fuhren wir in den Urlaub, in den Winterferien und im Sommer. Wir haben zum Beispiel Abenteuerurlaub in der ČSSR gemacht.
Die Großen haben sich vielleicht gedacht, der Kleine wird vorgezogen. Vielleicht haben wir bei Uwe mehr durchgehen lassen als bei den Großen. Und dann kam das für uns alle traumatische Ereignis, dass der Peter verunglückte. Wir haben versucht, Uwe zu schützen. Aber seine Leistungen in der Schule ließen nach. (Der damals 17-jährige Peter Böhnhardt lag an einem Morgen im September 1988 tot vor der Tür seines Elternhauses. Als Todesursache wurde Unterkühlung angegeben. Allerdings gab es auch Hinweise, dass er betrunken mit anderen Jugendlichen eine Ruine bei Jena bestiegen hatte und abgestürzt war. Was genau geschah, konnte nicht geklärt werden.) Er hat seinen Kummer durch Disziplinverstöße zum Ausdruck gebracht. Er durfte ein Bild von Peter aufstellen, er durfte weinen, er durfte trauern. Wir mussten halt immer die Starken sein. Der Verlust hat meinen Mann und mich sehr zusammengebracht. Wir haben gemerkt, dass wir einander brauchen. Uns ging es oft nicht gut. Bei Uwe kamen so viele Dinge zusammen: die politischen Umwälzungen und die Pubertät, das hat ihn aus der Bahn geworfen. Zum Teil standen wir der Situation auch hilflos gegenüber. Er sollte immer einen Rückhalt haben. Wir haben ihn nicht vor die Tür gesetzt. Der Unfall von Peter wurde nie geklärt. Man hatte keine Zeit und keine Lust, das aufzuklären, sagte uns die Polizei. Wir haben noch anderes zu tun, als die Eltern eines toten Jungen zu benachrichtigen. Vielleicht rührt daher mein gestörtes Verhältnis zur Polizei.
Götzl Können Sie uns die Persönlichkeit Ihres Sohnes beschreiben?
Böhnhardt Er war aufgeweckt, sportlich, kontaktfreudig. Für Verwandte war er immer der liebe Uwe, ein bisschen wild, wollte immer rumtoben. Er war viel draußen, nur die Schule hat er nicht so sehr geliebt.
Götzl Gab es auch problematische Eigenschaften?
Böhnhardt Außer dass er schulfaul war, fallen mir keine schlechten Eigenschaften ein. Er war nicht gewalttätig, hat sich nicht beschwert. Er hat mal dazwischengeredet im Unterricht, war an kleinen Prügeleien in der Pause beteiligt oder hat Hefte rumgeworfen. Aber er hat sich gehütet, über Lehrer zu schimpfen, weil er wusste: Damit komm ich bei meiner Mutter gar nicht durch.
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