Götzl Welche Gefängnisstrafen standen denn im Raum?
Böhnhardt Beim ersten Mal ging es um Einbruch und Fahren ohne Führerschein, beim zweiten Mal auch wieder um Fahren ohne Führerschein, vielleicht auch um die Verbreitung verbotener Symbole, aber das können Sie ja aus den Akten ersehen. Beim dritten Mal hat er CDs gehört mit rechter Musik, ich war wütend: Entweder bringst du die wieder weg oder ich mach sie kaputt! Er hat versucht, die zu verkaufen. Das hat man ihm dann angekreidet. Warum ist es erlaubt, die Bücher und CDs herzustellen, aber nicht weiterzuverbreiten, fragte er. Da gab er mir eine kleine Lektion in Warenkunde.
Bei der Verhandlung hatte ich den Eindruck, dass der Staatsanwalt nicht so glücklich war, dass ich dabei war. Ein Jugendrichter warf mir an den Kopf, warum ich den Kerl nicht endlich rausschmeiße. Ich sagte: Glauben Sie, eine Mutter lebt ruhiger, wenn ihr Sohn unter der Brücke schläft? Ich war so wütend.
Götzl Haben Sie gefragt, was bei der Durchsuchungen gefunden wurde?
Böhnhardt Angeblich eine Armbrust. Ich frage mich, wie soll er das verstecken vor mir, in einem Kinderzimmer von drei mal drei Metern? Dann noch drei Dolche. Ich hatte Angst vor scharfen Messern, das hätte mir mein Junge nicht angetan. Ich glaube das einfach nicht, dass sie das gefunden haben wollen. Ich habe kein Vertrauen mehr.
Götzl Haben Sie auch über die Garage von Frau Zschäpe gesprochen, die durchsucht worden war?
Böhnhardt Ich wusste gar nicht, dass Beate noch eine Garage hatte. Erst später hat die Polizei uns gesagt, was man dort gefunden hätte – Sprengstoff. Natürlich habe ich Uwe darauf angesprochen. Er meinte: Mutti, seid doch nicht so naiv. Du weißt doch, wie das ist: Das haben die erst hingelegt und dann gefunden.
Götzl Gehen wir zurück zu den Telefonaten, die Sie mit Ihrem Sohn geführt haben. Was hat er denn gesagt auf Ihre Frage: Was habt ihr vor?
Böhnhardt Er sagte: Wir sind nicht in Deutschland, wir sind im Ausland. Erst wenn es sicher ist, kommen wir zurück. Im Nachhinein ist das für mich natürlich der Super-GAU, dass die nur eineinhalb Autostunden von uns entfernt gewohnt haben.
Götzl Was hat er zu seiner Situation berichtet?
Böhnhardt Ich habe immer gefragt: Junge, von was lebt ihr denn? Wir haben Freunde, die uns unterstützen, sagte er. In der Zeitung habe ich gelesen, dass Sammlungen stattfinden. Ich habe auch gefragt, wie können wir euch denn helfen? Was können wir denn noch machen? Er sagte, ihr könnt nichts machen.
Götzl Dann gab es ja ein zweites Telefonat mit Ihrem Sohn. Worum ging es da?
Böhnhardt Ich habe ihn gefragt, ob Uwe und Beate bereit wären, sich zu stellen. Er sagte mir nur, ich sollte in dieser Angelegenheit auf keinen Fall Kontakt herstellen zu den anderen Eltern. Ich sagte: Aber die leiden doch genauso wie wir. Aber er blieb dabei. Ich habe die Familie Mundlos später mal an einer Tankstelle getroffen. Herr Mundlos war der Meinung, an allem ist unser Sohn schuld. Er habe seinen Sohn reingezogen. Jeder leidet anders, er ist auch ein Vater, der leidet. Aber auch Beate und Uwe Mundlos hätten Nein sagen können. Sie waren alle drei erwachsen. Wenn sie gemeinsam in den Untergrund gegangen sind, dann sind sie auch alle drei verantwortlich.
Götzl Woran hat Herr Mundlos das festgemacht, dass Ihr Sohn schuld war?
Böhnhardt Sein Sohn hatte keinen Grund abzutauchen, aber unser Sohn war vorbestraft. Ich war immer der Meinung: Es sind drei Erwachsene gewesen. Und jeder hatte etwas zu sagen. Wissen Sie, habe ich zu Herrn Mundlos gesagt, unter diesen Bedingungen rede ich nicht mehr mit Ihnen. Dann habe ich mich umgedreht und bin gegangen.
Götzl Erzählen Sie uns von dem ersten Treffen mit Ihrem Sohn im Frühjahr 1999.
Böhnhardt Es war in einem kleinen Park, an der ersten Autobahnabfahrt nach Chemnitz. Die drei waren schon da. Ich war da gerade stinksauer und wütend, dass die Staatsanwaltschaft ihr Angebot zurückgezogen hatte. Uwe sagte, das Angebot sei eh nicht ehrlich gemeint gewesen. Heute sage ich: Wenn der Verfassungsschutz und die Staatsanwaltschaft zu ihrem Wort gestanden hätten, was hätte man da verhindern können!
Götzl Wie haben Sie sich das denn vorgestellt? Dass die Strafen einfach erlassen werden?
Böhnhardt Nein, wir wollten nur, dass die Fahndung ausgesetzt wird. Ich hatte immer die Drohung der Polizei im Kopf: Wenn wir sie finden, dann schießen wir.
Götzl Was haben Sie bei dem Treffen noch gesprochen?
Böhnhardt Das waren private Gespräche.
Götzl Auch die interessieren uns natürlich. Haben sie erzählt, wie sie leben?
Böhnhardt Das hätte uns schon interessiert, aber sie wollten uns keine Einzelheiten mitteilen. Dann kommt ihr nicht in Schwierigkeiten, sagten sie. Sie haben sich erkundigt, was in Jena gebaut wurde, und ob wir noch Arbeit haben. Mein Gott, er hängt immer noch an der Familie, dachte ich. Das hat mich gefreut. Wir haben Bilder von daheim mitgebracht. Sie waren erstaunt, wie sich die Straßenzüge verändert hatten.
Götzl Wie sahen die drei aus?
Böhnhardt Sie hatten sich überhaupt nicht verändert, waren nur etwas älter geworden. Beate war weiterhin eine hübsche junge Frau.
Götzl Wie lange hat das Treffen gedauert?
Böhnhardt Maximal zwei Stunden. Wir waren sehr ängstlich und hatten uns ein Auto ausgeliehen, weil wir nicht wussten, ob wir verfolgt werden.
Götzl Zwei Stunden ist doch eine lange Zeit.
Böhnhardt Nein, das ist nicht lang, wenn man seinen Sohn fast ein Jahr nicht gesehen hat.
Götzl Also noch mal, man kann viele Informationen in dieser Zeit austauschen. Woran erinnern Sie sich noch?
Böhnhardt Ich habe gefragt, ob sie zusammenleben. Weil ich dachte, dass es zu dritt schwierig ist zu leben, ohne aufzufallen. Ich dachte, dass sie einzeln leben oder Beate mit dem einen der beiden Uwes zusammen. Darauf habe ich keine Antwort bekommen. Ich fragte: Müsst ihr denn nicht zum Arzt? Waren wir, sagten sie. Ohne Karte, fragte ich. Doch, wir werden unterstützt von Freunden, sagten sie. Habt ihr genug zu essen? Und eine ordentliche Wohnung, wollte ich wissen. Ja, da gibt es auch eine Unterstützung. Wir wollten ja nicht, dass er wieder stehlen geht.
Götzl Haben Sie Ihrem Sohn auch selbst Unterstützung angeboten?
Böhnhardt Diese Frage habe ich erwartet. Wenn ich Ja sage, kann gegen mich ermittelt werden.
Götzl Das ist aber eine Frage des Zeitpunktes, das wäre inzwischen verjährt.
Böhnhardt Sie wissen ja, dass wir sie unterstützt haben. Da machen wir uns jetzt mal nichts vor, das haben ja auch die V-Leute berichtet. Wir haben ihm Geld gegeben, damit er was zu essen hat und nicht wieder klaut.
Götzl Welche Größenordnung?
Böhnhardt 500 Mark, und später noch mal 500 Mark.
Götzl Wie lief die Geldübergabe ab?
Böhnhardt Da haben Leute geklingelt, eine Parole gesagt und das Geld mitgenommen.
Götzl Welche Parole?
Böhnhardt Weiß ich jetzt nicht mehr.
Götzl Kannten Sie die Leute?
Böhnhardt Einen kannte ich: André Kapke. Den anderen kannte ich nicht, das war ein junger hübscher Mann, der eigentlich nicht wie ein Rechter aussah.
Götzl Von wem hatten Sie die Parole?
Böhnhardt Von Uwe. Das war etwas Besonderes, was nur Uwe und ich wissen konnten.
Götzl Dann liegt es ja nah, dass Sie sich erinnern können.
Böhnhardt Gut, dann sage ich es: »Rippchen«. Uwe hatte sich als Kind zwei Rippen gebrochen, er war ein sehr lebhaftes Kind.
Götzl Wo fand das nächste Treffen statt, im Jahr 2000?
Böhnhardt Am gleichen Ort. Ich habe mir auch den Uwe Mundlos zur Brust genommen, den Ältesten und Klügsten, dass sie sich endlich stellen sollten. Zu Beate habe ich gesagt: Auch du hast eine Mutter. Egal wie du zu ihr stehst. Wir haben die Emotionen angesprochen, aber sie waren nicht umzustimmen.
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