Für Herzog war dieser Tag und damit die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 1990 in Italien eine Sensation. Nicht umsonst spricht er von einer der „größten Erfolgsgeschichten aller Zeiten“ – doch noch zwei weitere außergewöhnliche Ausnahmemomente in der rot-weiß-roten Sportgeschichte bewegen ihn bis heute.
Das Erste war der Niki Lauda, als er den schweren Unfall gehabt hat mit Verbrennungen, wo er später den Helm wieder drübergezogen hat und wieder Weltmeister in der Formel 1 geworden ist, der Hermann Maier mit dem Sturz in Nagano beim Super G oder bei der Abfahrt, als er da so quer in der Luft liegt, 10, 15 Meter und am nächsten Tag oder zwei Tage später Olympia-Gold geholt hat, und dann das Heimspiel gegen die DDR, und der Toni Polster wird von 60.000 Zuschauern nur beschimpft und beleidigt. (Andreas Herzog)
Irritiert fragte ich nach: „Toni Polster ausgepfiffen? Bei einem Heimspiel?“
Andi bestätigte mit Nachdruck: „Ausgepfiffen, beim Aufwärmen, bei der Aufstellung, bei der Bundeshymne, nur ausgepfiffen!“
Ich schüttelte den Kopf, konnte ich doch gar nicht verstehen, wie ein eigener Spieler so beleidigt werden konnte: „Weil?“
Die eigenen Fans haben ihn ausgepfiffen. Weil er damals der einzige Legionär war, in Spanien, hat einen super Vertrag gehabt. Beim Toni war es so: Wenn er ein Siegestor geschossen hat, ist er gefeiert worden, wenn er kein Tor geschossen hat, haben die Zuschauer ihn kritisiert und beleidigt, weil er jetzt nicht so ein laufstarker Spieler war. So wie der Hans Krankl vorher auch. Du polarisierst. Entweder die Leute lieben dich wegen den Toren, oder sie schimpfen oder beleidigen dich. (Andreas Herzog)
Doch wieso bewegt Andreas Herzog dieses Ereignis bis heute noch so? Wie geschrieben: Neben Niki Lauda und Hermann Maier eine seiner Top-3-Geschichten, wenn es um Erfolg und Mentalität geht.
Vielleicht lag es an der eigenen Einstellung und der Tatsache, dass ihn eine gewisse Abgezocktheit, eine mentale Stärke, einfach eine Durchsetzungskraft gegen alles und jeden Widerstand immer schon begeisterte. Er selbst war gerade einmal 21 Jahre alt und in neuen Situationen, wir erinnern uns, nicht immer der Sicherste. Er brauchte einen leichten Stoß in die richtige Richtung oder einen Fürsprecher oder das Gefühl, es schon einmal erlebt zu haben – um aus dieser Situation heraus Kraft, Energie und Selbstglauben schöpfen zu können. Ein Toni Polster dagegen machte anscheinend einfach sein Ding. Und so eben auch im besagten historischen Match gegen die DDR. Während Herzerl – vielleicht aus Respekt vor dem wichtigen Duell – zu kränkeln begann, fuhr Anton Polster zur Hochform auf.
Vor dem Spiel war ich an der Schulter verletzt bei Rapid Wien, von Tag zu Tag ist die Aufregung größer geworden, bin immer nervöser geworden, am Spieltag hab ich Fieber gehabt, zwar nur erhöhte Temperatur, habe mich aber richtig schlecht gefühlt und hab von Beginn an nicht spielen können und dem Trainer das gesagt. (Andreas Herzog)
Toni Polster dagegen schienen Spiel und Pfiffe zu beflügeln. Vielleicht lag es daran, dass Österreich unbedingt gewinnen musste, um garantiert nach Italien fahren zu dürfen (man stand im Fernduell mit der Türkei, die in der Sowjetunion kickte), oder daran, dass man endlich einmal wieder in den traditionellen Farben, mit schwarzen Hosen und weißen Leibchen, auflaufen durfte – oder eben an den besagten Pfiffen. Jedenfalls schnappte sich Polster schon nach zwei Minuten den Ball, ging an einem Gegenspieler vorbei, täuschte einen Schuss an, um dann mit links und aus rund 17 Metern flach abzuziehen. Tor für Österreich!
„Toni, Toni“, hallte es laut Herzog plötzlich von den Rängen – eben noch ausgepfiffen, nun Jubel! Ein Umstand, den Herzerl bis heute nicht versteht, zumal sich dieses Schauspiel noch zweimal wiederholen sollte. Als Toni Polster in der 61. Minute zum dritten Mal mit links traf und damit das Ticket zur WM in Italien löste, gab es kein Halten mehr. Er sprang über die Werbebande und lief durch das weite Rund des Praterstadions.
Und i waß ned, ob es die Leute wissen, und i sag es jetzt einmal: Der Toni ist über die Bande gelaufen, wir sind hin zu ihm, i noch von der Ersatzbank, haben mit ihm gefeiert, haben uns auf ihn draufgehaut. Vorher haben die Leute ihn noch aufs Ärgste beleidigt, ausgepfiffen. Und die Leute jetzt alle: „Toni, Toni“ – und er ist so hingelaufen mit ausgestreckten Armen und hat geschrien: „Geht’s scheißen, geht’s alle miteinander scheißen.“ Und des weiß bisher, glaube ich, noch niemand. Und das möchte ich jetzt mal klarstellen. (Andreas Herzog)
Doch das sollte noch nicht der Höhepunkt dieses Spiels sein – zumindest nicht für unseren jungen, aufstrebenden Unterschiedspieler. Noch heute reflektiert Herzog jedenfalls offen und ehrlich über sich und seine Stärken – wie auch über seine sensitive Seite.
„Ich glaub, ich hab das Fieber wegen der Aufregung bekommen“, so Herzog in der Rückschau. Doch nachdem das 3:0 gefallen war, hatte sich die erhöhte Temperatur anscheinend verflüchtigt. Er rannte jedenfalls zur Ersatzbank und rief: „Trainer, ich wäre dann jetzt so weit.“
Hickersberger hatte schon zuvor mehrfach angedeutet: „Andi, wennst meinst, dass es geht, möchte ich dich gerne eintauschen.“ Nun war der Moment gekommen – doch das Glück sollte nicht lange währen. Nach nur einer Minute lief er aufs Tor, doch „Stahmann, so ein Hüne“, läuft ihm beim Solo in die angeschlagene Schulter – und nach vier Minuten war der Kurzeinsatz des Andreas Herzog wieder beendet.
Es war eine Wahnsinnserfahrung, weil wir uns für die Weltmeisterschaft qualifiziert haben. Und die Geschichte mit Toni vom Buhmann zum Liebling wird mir immer in Erinnerung bleiben. Da habe ich mit dem Toni noch nicht so ein freundschaftliches Verhältnis gehabt, und ab dem Zeitpunkt war er für mich ein absoluter Held. Wenn das mir passiert wär, ich wär zu dem Zeitpunkt heimgelaufen. Er steckt das weg und schießt die drei Treffer. Weißt, was mich da so bewegt hat? Die Scheiß-di-nix-Mentalität. Und die Überzeugung. Ernst Happel: „Zeig, was du kannst.“ (Andreas Herzog)
Drei Helden für Herzog – Lauda, Maier, Polster (li.): „Mit seinen drei Toren gegen die DDR, trotz Pfiffen!“
KAPITEL 13:
„TRAINER, I HÄTT GERN DIE NUMMER 20!“
RAPID WIEN/NATIONALTEAM 1988–1992
Wie muss sich wohl ein klassischer 10er fühlen, einer, der die Offensive liebt und immer den Drang hat, nach vorne zu spielen, zu lupfen, das eins gegen eins im Dribbling zu suchen oder den Torabschluss gekonnt zu vollenden, wenn er sich denn für das Doppelte entscheidet – zumindest, was die Nummer auf dem Rücken betrifft? Da backt anscheinend einer kleine Brötchen, wie man in Deutschland sagen würde. Oder hatte es wieder etwas mit dem eigenen Selbstbild zu tun?
Bei Andreas Herzog war es – wie bei vielen anderen jungen Menschen ebenso – so eine Sache mit dem Selbstvertrauen. Er musste es sich immer ein Stück weit spielerisch erarbeiten, in den U-Mannschaften genauso wie in der Kampfmannschaft. Und so manches Mal musste er an seine Grenzen gehen und darüber hinaus, um dann und bei einem Schritt zurück alles und im Flow abrufen zu können – beispielsweise an den legendären Wochenenden und dem Pendeln zwischen U21, den Rapid-Profis und der U18. Außerdem brauchte er seine Fürsprecher, enge Vertraute und Trainer, die an ihn glaubten. Mit Josef Hickersberger hatte er so einen Coach gefunden. Hickersberger wollte ihn unbedingt in der Auswahl spielen sehen, gab ihm Zeit, erkannte auch die sensible Seite des Ausnahmetalents aus dem offensiven Mittelfeld – und wollte seinem kreativen Kicker aus diesem Grund Sicherheit vermitteln. Wenngleich zu dieser Erkenntnis immer zwei gehören. Der Trainer, der seinem Spieler durch klare Botschaften bis zu einem gewissen Grad Glauben vermittelt, und sein Gegenüber, der dies auch wahrnimmt. Doch was, wenn nicht? Und das kurz vor einer WM …
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