Wenn ihr nun bei dieser Schau nach innen etwas entdeckt, das euch nicht gefällt, gibt es nur eines: es anschauen, akzeptieren und prüfen, ob und wie ihr es ändern könnt. Es gibt keinen Grund, Selbstkritik zu üben, denn sich selbst kritisieren, heißt auch andere kritisieren. Kritik ist immer unnütze Energieverschwendung.
Wenn man etwas in sich erkennt, das nicht heilsam ist, kann man dafür dankbar sein, dass man es erkannt und eine Möglichkeit gefunden hat, an sich zu arbeiten. Tadelt man sich indessen für seine Negativitäten, wird man nur frustriert und deprimiert, und dann ist keine Energie übrig, sich zu ändern.
Erkennen, nicht tadeln – und wenn irgend möglich ändern, heißt die Formel.
Es gibt zwar eine Unzahl Meditationsmethoden – ich komme im nächsten Kapitel darauf zu sprechen –, aber es gibt doch nur zwei Richtungen der Meditation. Es ist wichtig, das stets im Auge zu behalten. Beide Richtungen laufen parallel, vergleichbar einem zweispurigen Weg.
Die eine ist Ruhe (samatha), die andere Klarblick/Einsicht (vipassanā).
Sāriputta, einer der Hauptjünger des Buddha, hat einmal gesagt: Alle seine Schüler, die Erleuchtung vor ihm bestätigt haben, haben sie auf einem der drei Wege erlangt: Entweder hatten sie erst Einsicht und dann Ruhe oder erst Ruhe und dann Einsicht oder beides gleichzeitig und parallel praktiziert.
Auch wir praktizieren beides parallel, denn es ist leider kaum jemals einem Menschen vergönnt, sofort zur Ruhe oder sofort zum Klarblick zu kommen. Aber ein bisschen Einsicht bringt ein bisschen Ruhe und umgekehrt. Das heißt, wir müssen uns darin üben, den Geist zur Ruhe zu bringen und Klarblick zu schaffen, müssen erst einmal im Geist aufräumen, damit er nicht länger aussieht wie eine Baustelle.
Ruhe erlangen wir dadurch, dass wir mit der Konzentration auf dem Meditationsobjekt bleiben. Ein ganz einfacher Satz. Jeder, der es schon probiert hat, weiß, dass er die Wahrheit, nämlich Schwierigkeit, absolut nicht beschreibt.
Die Schwierigkeit liegt darin, dass der Geist gewöhnt ist zu denken – seit wir auf der Welt sind und schon viele Leben zuvor. Wir kennen den Geist gar nicht anders als aus Gewohnheit denkend. Solange er denkt, kann er natürlich nicht zur Ruhe kommen. Aber nur ein beruhigter Geist ist in der Lage, objektiv klar zu sehen, ohne emotionell zu reagieren.
Die Ruhe-Meditation ist das Mittel zum Zweck, der Zweck ist Klarblick. Er ist immer auf das gerichtet, was der Buddha die drei Charaktereigenschaften des ganzen Universums genannt hat, nämlich Unbeständigkeit (anicca), Leidhaftigkeit (dukkha) und Substanzlosigkeit, Leere (anattā), die in letzter Essenz immer die Ichlosigkeit bedeutet.
Die Ruhe-Meditation ist dazu ein unerlässliches Mittel, ohne sie geht es einfach nicht, auch wenn man sich das einreden möchte oder gehört oder gelesen hat. Man kann es mit dem Meer vergleichen. Wo die Wellen hochschlagen, kann man nicht auf den Grund schauen. Wenn die Wellen geglättet sind, kann man erkennen, was unter dem Meeresspiegel zu finden ist. Die Wellen, die in uns hochschlagen, sind die Gedanken und Gefühle. Gedanken laufen hin und her, Gefühle verstricken uns in die Leidenschaft des entweder Haben- oder Loswerdenwollens. Mit einem derart wogenden Geist ist es unmöglich, in die Tiefe zu schauen; man kann sich mit knapper Not vor dem Ertrinken retten.
Die Lehre des Buddha geht in die absolute Tiefe, in der es keine Gegensätze mehr gibt. Um das erkennen zu können, muss Ruhe walten. Wenn man nicht zu dieser Ruhe kommen kann, muss man so lange daran arbeiten, bis sie kommt, und arbeiten heißt täglich und mit Nachdruck und nicht, wenn es einem gerade einmal beliebt. Meditation ist nicht eine Art Hobby, das man so nebenbei betreiben kann, damit sie einem den Alltag ein bisschen erleichtert. Es gibt nur einen vernünftigen Grund zu meditieren: in die Tiefe schauen und erkennen können, wozu wir auf der Welt sind.
Dass der Alltag dadurch leichter wird, weil viele der Schwierigkeiten, die man bisher mit sich herumgeschleppt hat, automatisch von einem abfallen, ist ein angenehmer und auch wünschenswerter Nebeneffekt, mehr nicht.
Wenn man intelligent wiedergeboren werden will, muss man viel fragen.
(Buddha)
Frage (= F): Darf ich fragen, was der Name Ayya Khema bedeutet?
Antwort (= A): Ayya ist eine Höflichkeitsanrede und heißt verehrte Dame; khemā heißt Sicherheit und ist ein Synonym für Nibbāna.
F: Ab welchem Alter empfiehlst du zu meditieren? Hat der Buddha etwas gesagt, ob Kinder meditieren sollen?
A: Der Buddha hat das nicht direkt gesagt, aber er selbst ist im Alter von zwölf Jahren spontan in die erste meditative Vertiefung gegangen, das ist überliefert. Sein Sohn war sieben, als der Buddha als Erleuchteter nach Hause kam; es ist anzunehmen, dass er dann auch angefangen hat zu meditieren. Ich kann mich sogar, das ist aber eine Ausnahme, an eine Dreijährige erinnern, die mit ihren Eltern meditiert hat, im Lotussitz. Fast alle Kinder können mühelos im Lotussitz sitzen. Siebenjährige habe ich in der Weise angeleitet, dass ich ihnen Atembetrachtung und Liebende-Güte-Meditation erklärt habe. Die Letztere haben Kinder übrigens besonders gern. Beim ersten Mal genügen vielleicht fünf Minuten. In Sri Lanka habe ich auch manchmal in Schulen Meditation gelehrt, dort waren es Zwölf- bis Vierzehnjährige.
Wenn die Eltern meditieren, sind die Kinder neugierig und wollen es auch. Wenn ein Kind fragt, soll man sowieso antworten. Von sieben Jahren ab können sie ja auch alles verstehen.
F: Wir meditieren regelmäßig mit einer Gruppe Christen und wechseln uns darin ab, vor der Gruppe eine kurze Einführung zu geben. Was würdest du Christen über Meditation sagen?
A: Dasselbe, was ich euch sage; ich weiß nichts anderes.
Das mystische Erlebnis von Meister Eckhart, so wie ich es verstanden habe, deckt sich vollkommen mit den Erfahrungen des Buddha. Er hat sogar einen zwölffachen Pfad, wogegen der Buddha einen achtfachen Pfad lehrt. Von Teresa von Avila habe ich den Vergleich der meditativen Vertiefungen mit acht Zimmern im selben Haus übernommen – sie spricht von sieben Wohnungen – dies werde ich später noch ausführen. Teresa hat gebetet, nicht meditiert, und trotzdem dasselbe erlebt. Das Haus mit sieben Wohnungen ist der Palast des Königs, Gottes, Christus‘, dessen Schönheiten sie erlebt hat. Das ist ihre Bildhaftigkeit und ihre Terminologie. Ich habe mir einmal die Mühe gemacht, sie in unsere zu übersetzen; es kommt genau das Gleiche heraus.
Meister Eckharts Sprache und Bildhaftigkeit ist für uns nicht einfach zu verstehen; dennoch kann man klar erkennen, dass er dieselben Erlebnisse hatte.
Wenn sich der Geist erhoben hat von der gewöhnlichen Ebene, auf der er einkaufen geht und Auto fährt, auf eine Bewusstseinsebene, wo er das Innere erlebt, sind sie alle gleich, ob christlich oder buddhistisch, dann treffen wir uns alle am gleichen Platz.
Ich mag eigentlich das Vergleichen nicht, weil wir dann sehr oft auf die Dualität von gut und schlecht kommen. Ich versuche immer das zu finden, wo wir einander gleich sind. Auf der menschlichen Ebene geht das meistens schief. Man muss eine Stufe höher gehen, sich aus der gewöhnlichen Bewusstseinsebene herausheben.
In Indonesien hatte ich einmal Gelegenheit, mit einer holländischen Karmeliterin über ihre Praxis zu sprechen. Sie erklärte mir vier Stufen ihres Gebets. Die erste ist Hingabe an Jesus Christus. Auf der zweiten versucht sie sich vollkommen mit ihm zu identifizieren, also ihr Ich aufzugeben. Auf der dritten Stufe stand sie zum Zeitpunkt unseres Gesprächs. Sie versucht, Jesus Christus durch sie schalten und walten zu lassen, ständig seine Präsenz zu behalten. Auf der vierten Stufe ist es dann erreicht, dass das Ich aufgegeben ist und nur noch Jesus Christus existiert, der durch diesen Menschen waltet.
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