Durch den Grund des Tals drang das Wimmern einer Sirene herauf. Eine zweite mischte sich dazu, eine dritte. Blaulicht blitzte auf wie fernes Wetterleuchten, spiegelte sich in den nassen Felsen der andern Talseite. Das Ende der Rettung, dachte er. Man bringt Andrea weg, nach Pietra Ligure, Ospedale Santa soundso.
«Ich muss sofort da hin, die bauen sonst Mist», sagte er laut vor sich hin. Den italienischen Spitälern und Ärzten traute er nicht, er hatte Horrorgeschichten gehört. Sinnlose Operationen, Organdiebstahl, selbst Amputationen, ohne die Patienten zu informieren, kamen vor, um Versicherungsgelder zu kassieren. Vor Kurzem war ein Skandal aufgeflogen, Ärzte und Versicherungsangestellte waren darin verwickelt. Die Mafia. Er musste Andrea herausholen.
Er folgte einem Felsband, bis zu einer Trockenmauer. Dahinter schien offenes Gelände zu sein. Er kletterte über die Mauer, ein Steinbrocken löste sich unter seinen Füssen, kollerte den Hang hinab. Dann gelangte er in einen Olivenhain, sah hoch über den Terrassen Licht in einem Steinhaus. Als er sich näherte, sprang ihm ein schwarzes Tier in den Weg, duckte sich und knurrte. Er blieb stehen, seine Hand krampfte sich um den Knirps. Das Biest musste sein Herzklopfen hören, seinen Angstschweiss riechen. Er versuchte, einen Stein aufzuheben, doch bei jeder Bewegung fletschte das schwarze Ungeheuer die Zähne, als wolle es ihm gleich an die Kehle.
«Chi è?» Die Stimme eines alten Mannes. Der Hund sprang auf, lief auf die Gestalt zu, die sich zwischen den Olivenstämmen näherte, Hut auf dem Kopf, eine Flinte unter dem Arm.
«I missed the way», stammelte Daniel. Der Schock hatte ihm beinahe die Sprache verschlagen.
Der Alte antwortete in Englisch mit amerikanischem Akzent. Er sei dreissig Jahre Koch in New York gewesen. Man nenne ihn l’Americano. Die Leute meinten, er sei reich. Man habe ihn auch schon überfallen. «Deshalb das Ding hier.» Er strich mit der flachen Hand über den Doppellauf seiner Flinte. Dabei seien die Oliven sein einziger Reichtum, «gli ulivi e il lavoro». Er gab ein glucksendes Lachen von sich, machte eine Kopfbewegung zur Steinhütte hin. Daniel folgte ihm, der Hund trottete hinterher.
Daniel erzählte, warum er durch die Gegend geirrt war, trank bei Kerzenlicht ein Glas sauren Wein, ass dazu Brot und salzige Oliven. Dann begleitete ihn der Alte zurück zum Friedhof von Orco.
14
Eine Kette von Lichtern kroch wie ein Glühwurm den steilen, von Felsstufen durchsetzten Hang hinab. Immer wieder rollten Steine in die Tiefe, gefolgt von Warnrufen und Geschrei. Felix hangelte sich an einem Seil hinab, das an einen Baum geknüpft war. Es war alt und ausgewaschen, einige Knoten gaben Halt. Der Weg war durch die Erosion zum Bachbett geworden, gefüllt mit losem Geröll. Er beeilte sich, damit er die Transportschale nicht aus den Augen verlor. Andrea war bei Bewusstsein und stöhnte leise, wenn einer der Träger ausrutschte und die Bahre umzukippen drohte. Kletterer aus verschiedenen Ländern lösten sich beim Tragen ab. Einer stolperte nebenher, hielt den Infusionsbeutel in die Höhe. Durch das Sprachengewirr schallten die Kommandos des Offiziers. «Capo», nannten ihn die Italiener.
«Avanti! En avant! Vorwärts!», krähte er. «Wenn wir unten sind, habe ich auch noch Deutsch gelernt.»
«Vorwärts ist ja schon unsere halbe Sprache», gab ein Deutscher zurück. Einige lachten.
Am Fuss der Schuttrinne erkannte Felix im Lichtkegel eines Scheinwerfers Tom und Sabine. Sie sassen auf einem Absatz, Tom stützte den Kopf in die Hände, wirkte erschöpft. Sabine massierte seinen Rücken. Sie sind ein Paar, dachte Felix. Volker hatte Hina ins Hotel begleitet. Während der Woche hatte er sich ständig mit Sabine gestritten. Er war wohl eifersüchtig, weil sie stärker kletterte, mit Tom wetteiferte und schäkerte. Tom, der eitle Kerl, war bei Andrea abgeblitzt, hatte auch bei Hina gescharrt. Doch sie liess sich nicht einmal sichern von ihm. Spiele junger Leute, oder war es mehr? Felix fiel ein, dass Tom die Unglücksroute vor ihm geklettert war. Vielleicht hatte er etwas manipuliert an der Umlenkung, schob nun die Schuld auf ihn. Ein absurder Verdacht, den er gleich von sich wies. Es war ein Unfall. Aus Erfahrung wusste er, dass Bergführer oft in banalen Situationen verunglückten. Sie stürzten unangeseilt in Gletscherspalten, rutschten auf Hüttenwegen aus, endeten unter Schneebrettern. Andrea war ihm den ganzen Tag schon unkonzentriert, in Gedanken abwesend erschienen. Etwas bedrückte sie.
Die Transportschale stockte, Träger wechselten sich ab. Felix trat heran: «Wie geht’s?»
«Okay», presste Andrea hervor.
«Schmerzen?»
«Es geht.»
«Wir sind bald unten.»
Sie schloss die Augen, ihre Gesichtszüge verkrampften sich.
Frische Träger packten an. Im gleichen Augenblick stockte der Generator, das Scheinwerferlicht ging aus. Rufe flogen durch die Dunkelheit hin und her, Steine krachten herab. Jemand schrie auf und fluchte, offenbar getroffen. Der Brennstoff war ausgegangen. Der Capo brüllte ins Telefonino, orderte Benzin.
«Keiner bewegt sich!», befahl er. Ohne Licht sei der Transport zu gefährlich, Steinschlag, Absturzgefahr. Die wenigen Stirnlampen, die noch funktionierten, genügten nicht. Also warten.
Sie befanden sich in der Nähe eines Bachs auf Felsplatten, die mit Moos bewachsen und glitschig waren. Zigaretten glommen auf. Eine Frau ging herum, verteilte Kaugummi. Felix zog sich einen, bedankte sich, rollte das Papier zwischen den Fingern und schnippte es weg.
«Unten gibt’s Freibier und Pizza», rief jemand. Gelächter kam auf, man erzählte Witze und Anekdoten, eine aufgeräumte Stimmung machte sich breit. Die Nationen Europas hatten sich zur Rettung vereint wie einst am Eiger, als man am Stahlseil den Italiener Claudio Corti aus der Nordwand holte, seinen Begleiter Stefano Longhi jedoch hängen und sterben lassen musste. Die Eigerwand war das Ziel gewesen, damals. Aber der Freund hatte sich am Vorabend unwohl gefühlt, und so waren sie zur Nordostwand ausgewichen. Sie hätten die Nordwand geschafft, davon war Felix überzeugt, sein Freund hätte überlebt, und auch sein Leben wäre anders verlaufen. Expeditionen, Achttausender, Anden. Er spuckte den Kaugummi aus.
Die Träger hatten die Transportschale abgesetzt, schief lag sie auf den Felsplatten in der Dunkelheit. Felix sass auf einem Baumstrunk, rieb sich Hände und Arme. Er hatte geschwitzt, nun fror er. Seine Kleider waren feucht, die Vliesjacke hatte er als Polster für die Verletzte weggegeben. Endlich setzte das Knattern des Aggregats ein, der Schweinwerfer ging wieder an.
«Forza, ragazzi! Vorwärts!» Die Männer hoben die Bahre hoch, langsam glitt sie auf die ausgewaschenen Felsen am Talgrund zu, über die ein Rinnsal floss. Auf der andern Seite des Bachs empfing sie eine Schar Neugieriger, die schwatzten und glotzten. Der Kommandant schritt voraus, scheuchte sie mit rudernden Armbewegungen zur Seite. Pfleger in weissen Kitteln kamen ihnen entgegen, Zigaretten zwischen den Lippen. Sie folgten der Bahre, die in einem langen Zug von Menschen daherschwebte wie eine Trophäe nach einer erfolgreichen Jagd. Blitzlicht zuckte auf, Journalisten mischten sich unter die Retter. Bei einer Steinbrücke erreichte die Kolonne die Fahrstrasse. Mehrere Feuerwehrfahrzeuge, zwei Ambulanzen, Polizeiwagen und Privatautos parkten in einer langen Kolonne. Polizisten in Uniform regelten mit Leuchtstäben den Verkehr. Die Zuschauer klatschten, als die Rettungsmannschaft eintraf. Presseleute drängten sich um den Offizier, der sich in der Rolle des Helden und Retters in Pose warf, nach allen Seiten Auskunft gab, Hände schüttelte.
Ein Arzt in grünem Kittel und feinen Schuhen dirigierte die Träger mit der Transportschale zu einer Ambulanz. Wieder blitzten Kameras. Pfleger hoben die Bahre aus der Schale auf einen Rollwagen, schoben ihn ins Fahrzeug. Sirenen gingen an, Blaulicht begann zu kreisen, die Ambulanzen fuhren los.
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