Wäre als Dritter der großen K der Maler Paul Klee zu nennen, der ein ungeheueres visionäres Werk geschaffen hat. Allein im letzten Lebensjahr – er starb im Juni 1940 an Sklerodermie – waren es 365 Bilder. Nicht nur in seinen letzten Lebensjahren, als ihm seine Schweizer Heimat zum Exil bzw. Asyl wurde [Klee war deutscher Staatsbürger], sondern weit zuvor weist sein Werk auf die große Katastrophe hin. Doch anders als die Expressionisten, deren Bilder des Krieges sich gleichsam im Ausdruck trostlosen Grauens und Schmerzes vergruben, scheinen selbst die menschlichen Gestalten, die in ihren Gesichtern oder auf ihren Leibern die Stigmata des (nahen) Todes tragen, vom Standpunkt der Erlösung aus auf das ihnen zugefügte Leid herabzublicken – als Transfigurierte , als vom Leid Verklärte. Nirgendwo finden sich bei Klee, selbst da nicht, wo aus den Gesichtern Trauer, ja Verzweiflung sprechen, auch nur Anklänge von Hass oder ohnmächtiger Wut, die nach Rache schreit. Bezeichnenderweise trägt eine Bleistiftzeichnung aus dem Jahre 1939, die das Antlitz eines leidgeprüften Menschen zeigt, den Titel: vergib ihnen !
Möglich, dass Klee, der vor der Entscheidung stand, statt Maler Musiker zu werden und sich insbesondere von Mozart inspiriert zeigte, von ihm her jene geradezu kosmische Heiterkeit empfangen hat, in die alles Erdenschwere eingetaucht scheint. Zudem weist eine Tagebuchnotiz hinsichtlich seines eigenen künstlerischen Selbstverständnisses auf eine besondere Gottesnähe, die ihm – anders als seinem gefallenen Malerfreund Franz Marc – alles Faustische fremd erscheinen lässt, den Blick auf den Zustand der Erlösung hin ebnete: » Ich / suche mir bei Gott einen Platz für mich, und we
ich zu Gott / verwandt bin, will ich mir nicht einbilden, dass meine Brüder / nicht auch zu mir verwandt seien; doch das ist ihre Sache.« Weder das eigene Ego erscheint als absoluter Bezugspunkt, die Subjektivität, das Genie des Künstlers, noch das, was Klee mit Blick auf Marcs Malerei den »Erdgedanken« nennt. Vielmehr ist es die Gottebenbildlichkeit, in welcher die »Verwandtschaft« zu Gott und unter den Menschen gründet. Zwar kennt Klees Bilderkosmos zahlreiche Karikaturen, darunter auch sehr bissige, aber keine, die einen Menschen so verächtlich erscheinen lässt, dass sie im Betrachter das Gefühl von Hass oder Abscheu evozierte. Und er kennt auffallend wenige Aktdarstellungen, jedenfalls keine, die eine Frau in den Augen des Betrachters zum bloßen Lustobjekt abstempelt. Noch in Darstellungen beißender Ironie ist das Antlitz des Menschen gewahrt: Das Antlitz auch des Leibes – lautet bezeichnenderweise der Titel eines Bildnisses aus dem Jahre 1939; oder aus demselben Jahr: Gebärde eines Antlitzes . Darin berührt sich Klee aufs engste mit Kafka, dessen Porträts von Menschen, selbst wo es sich um willfährige Handlanger der Schlossherren oder die Henker im Prozess handelt, niemals so verzerrt erscheinen, dass sie verächtlich wirken. Im Gegenteil: Die physiognomischen Entstellungen weisen auf charakterliche Deformationen, die von Versklavung und Selbstversklavung herrühren, wie sie nicht allein die modernen Diktaturen kennen. Zählt doch in unserem aufgeklärten Zeitalter das Antlitz eines Menschen nicht mehr. Reichte es doch unter der NS-Herrschaft aus, Jude zu sein, um sein Todesurteil zu empfangen; und unter Stalin und unter den anderen kommunistischen Machthabern genügte es, freier Bauer oder Bürger zu sein, um sich in einem Arbeitslager wiederzufinden. Und vorab gerät in der sog. Freien Welt zur Karikatur, wer nicht dem jeweils herrschenden Schönheitsideal oder dem Selbstbildnis der Zeit genügt. Doch gerade die Stigmata sind es; insofern die Menschen buchstäblich als Gezeichnete erscheinen, was in Klees wie in Kafkas Bilderwelt Eingang findet – Ausdruck einer wahren Humanität, die einzig in der Gottebenbildlichkeit des Menschen gründet.
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