Ernst Guggisberg - Pflegekinder

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In der Schweiz entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf private Initiative hin Vereine mit Bildungszweck; in den Kantonen Aargau, Basel-Land, Solothurn und Thurgau wurden sie Armenerziehungsvereine genannt. Durch Fremdplatzierung in «rechtschaffenen» Pflegefamilien und Anstalten wollten sie «verwahrloste» Kinder nicht nur versorgen, sondern auch erziehen und so einen Beitrag zur Überwindung von Armut leisten.
Ernst Guggisberg legt in seiner Studie dar, welche Bedeutung die Armenerziehungsvereine als Vertreterinnen der privaten Armenpflege in der schweizerischen «Fürsorgelandschaft» hatten und in welchem Verhältnis sie zur öffentlich-rechtlichen Armenpolitik standen. Damit leistet er einen wichtigen Beitrag zur historischen Armutsforschung, der ausserfamiliären Erziehung und bietet eine weitere Perspektive zur aktuellen Diskussion um Verdingkinder und weitere Formen fürsorgerischer Zwangsmassnahmen.

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Im Vereinswesen vollzog sich aber nicht nur eine äussere, sondern auch eine innere Entwicklung. Die älteren Vereinsstrukturen waren stark hierarchisch ausgerichtet, doch konnten sich alle Mitglieder aktiv am Vereinsleben beteiligen. Die Vollversammlung traf sich regelmässig zum Gedankenaustausch, sodass ein reger Kontakt zwischen den Teilnehmern zustande kam und Beschlüsse von allen Mitgliedern aus erster Hand mitverfolgt und mitgestaltet werden konnten. Dies war auch explizit gewünscht, weswegen bei einigen Vereinen die Mitgliederzahl bewusst klein gehalten wurde. Darüber hinaus engagierte sich ein Vereinsmitglied meist nicht nur in einem Verein, sondern in mehreren – was ein Netzwerk und eine Verflechtung der bürgerlichen Gesellschaft, die sogenannte Soziabilität, mit sich brachte. 8Nach der Gründung des Bundesstaats trat eine Öffnung der Gesellschaften für weitere Bevölkerungskreise ein, indem nicht zuletzt auch die zuvor meist sehr hoch angesetzten Mitgliederbeiträge gesenkt wurden. Die Vergrösserung der Vereine brachte die Ausdifferenzierung der Vereinsstrukturen mit sich, sodass die leitenden Entscheide im Vorstand gefällt und die Mitglieder nur noch zur Jahresversammlung eingeladen wurden. Im Verein gab es somit in Form des Vorstands Aktivmitglieder, die an der Generalversammlung durch die Passivmitglieder ergänzt wurden. 9

Das Vereinsleben in der Schweiz des 19. Jahrhunderts war erklärtermassen ein sehr aktives und breit gefächertes. Der erste Versuch, diese Vielzahl an Vereinen gesamtschweizerisch zu erfassen, wurde vom Eidgenössischen Departement des Innern unternommen. 10Um Aufschluss über Anzahl, Mitgliederbestände und Finanzverhältnisse derselben zu erhalten, richtete es am 31. Dezember 1858 einen Aufruf an «sämmtliche Vereine des In- und Auslandes». 11Motiv zur Erhebung war einerseits die Unterstützung der Sozietäten mittels eines eigens bereitgestellten Bundeskredits, andererseits wurde aber auch geprüft, inwiefern die Vereine dem zu gründenden Statistischen Amt zur Erhebung von Basisdaten dienlich sein könnten. 12Das Eidgenössische Departement des Innern interessierte sich darüber hinaus für die politische, nationalökonomische und intellektuelle Gesinnung der Vereine. Insgesamt gingen 2746 Antworten von 2706 Gesellschaften im Inland und 40 im Ausland ein. 13Diese wurden einander in sechs Kategorien gegenübergestellt: «Vaterländische und gemeinnützige Vereine», «Wohltätigkeits- und Humanitätsvereine», «Wissenschaftliche Vereine», «Wirthschaftliche Vereine», «Ersparnisskassen» und «Andere Vereine». 14

Die Zusammenstellung verdeutlicht, dass das Schweizer Vereinswesen Mitte des 19. Jahrhunderts bis auf 14 gesamtschweizerische Vereine ein ausgesprochen kantonales war. Die Mehrzahl waren in den Kantonen St.Gallen, Luzern und Aargau beheimatet. 15Das Departement schätzte die tatsächliche Anzahl an Vereinen 5000 bis 6000, da die Angaben der Kantone Wallis, Neuenburg, Appenzell Innerrhoden, Freiburg, Glarus, Zürich, Graubünden, Thurgau, Tessin und Waadt als unvollständig taxiert wurden. Beim finanziellen Aspekt bemerkte das Departement, dass die gegenwärtige Aufstellung ebenfalls nicht vollends schlüssig sei, «weil bei den meisten Kantonen noch neue Aufschlüsse zu gewärtigen sind; es mag indessen […] genügen, hier zu sagen, dass auch nur die materiellen Leistungen der Vereine in einigen Kantonen den Staatsbudgets theils sehr nahe kommen, theils dieselben übertreffen.» 16Die saumseligen Vereine wurden erneut angeschrieben, um die Statistik nach Möglichkeit zu vervollständigen. Danach wurde die Gesamtzahl an Schweizer Vereinsmitgliedern auf rund 420 000 Personen geschätzt. 17Als Nachwirkung dieser ersten Erhebung erstellten die Kantone Basel-Stadt, Thurgau und Genf Zusammenstellungen über einzelne Vereinstypen wie Sparkassen, wohltätige «Hülfsgesellschaften» oder öffentliche Bibliotheken. 18

Weltausstellungen als Schaubühne für eine moderne, sozial engagierte Schweiz

Auf die Umfrage des Jahres 1858 folgte im Vorfeld der Weltausstellung in Wien 1873 eine weitere Enquête zur Erfassung des Schweizer Vereinswesens mit Akzent auf sozial ausgerichteten Institutionen. Der Basler Professor Hermann Kinkelin (1832–1913) konnte für die Koordination gewonnen werden und holte das statistische Material ein. Die Drucklegung fand hingegen nicht rechtzeitig zur Weltausstellung statt, sodass lediglich das Manuskript auflag. Veröffentlicht wurden «Die Schweizerischen Vereine für Bildungszwecke» erst 1877 von Eduard Keller und Wilhelm Niedermann (1845–1906). Dies insbesondere auf das Betreiben von Bundesrat Carl Schenk (1823–1895), der insistierte, dass das gesammelte Material nicht in den «Archiven des statistischen Bureaus vergraben, sondern einem weitern Publicum zugänglich gemacht werden [sollte], da in demselben ein bedeutendes culturhistorisches Moment von allgemeinem Interesse zur Darstellung gelange». 19

Die beiden Autoren bemerkten in ihrem Vorwort, dass «die Arbeit selbst, wie sie vorliegt, bei weitem noch nicht auf Vollständigkeit den Anspruch machen kann – was überhaupt kaum je möglich sein wird, da der Bestand der Vereine zu oft wechselt und die Angaben der Vereine vielfach sehr ungenau oder dürftig sind». 20Dennoch glaubten sie ein realistisches Gesamtbild der Entwicklung des schweizerischen Vereinswesens, zumal der Vereine für «Bildungszwecke», gezeichnet zu haben. 21Nach ihrer Zählung existierten in der Schweiz im Jahr 1871 insgesamt 3552 Vereine mit vorherrschendem Bildungszweck, wobei auf 751 Einwohner somit ein Verein zu stehen käme. 22Im 17. und 18. Jahrhundert bestanden lediglich sechs Vereine mit Bildungszweck, zwischen 1831 und 1840 bereits 237, zwischen 1841 und 1850 schon 359, zwischen 1851 und 1860 sogar 509 23und zwischen 1861 und 1870 insgesamt 1216. 24Unter Ausschluss der hauptsächlich religiösen Vereinigungen 25wurden die Gesellschaften in fünf Kategorien unterschieden, die den weit gefassten Begriff der «Bildungszwecke» genauer umrissen: gemeinnützige Vereine, wissenschaftliche Vereine, künstlerische Vereine, Vereine für allgemeine Bildung und Vereine für Körperbildung. 26

Innerhalb der Kategorie gemeinnütziger Vereine wurden neun Unterkategorien ausgewiesen, 27darunter 55 sogenannte «Armenerziehungsvereine» (siehe Tabelle 3). 28Bei dieser Unterkategorie fällt auf, dass nicht zwischen Vereinen und Institutionen unterschieden wurde. 29Die meisten existierten im Kanton Aargau. Danach folgten der Kanton Bern mit sieben Anstalten, St. Gallen mit sechs Institutionen sowie der Kanton Zürich mit vier Anstalten und zwei Vereinen. 30Auffallend viele Armenerziehungsvereine befinden sich in der Ostschweiz, dagegen sehr wenige in der französischsprachigen Schweiz.

Wie eingangs erwähnt, entstanden die ersten umfassenden Überblickswerke der karitativen Schweiz explizit für die Weltausstellungen von 1873 in Wien und 1876 in Philadelphia. 31Unter den zahlreichen Teilnehmern Letzterer war auch die Schweiz mit verschiedenen Verwaltungsbehörden, Firmen, Verbänden und Institutionen vertreten. 32

1860 Schweizerischer Armenerziehungsverein 33
1860 AG Armenerziehungsverein des Bezirks Aarau
1855 AG Armenerziehungsanstalt Kastelen bei Aarau
1862 AG Armenerziehungsverein des Bezirks Baden
1862 AG Armenerziehungsverein des Bezirks Bremgarten
1857 AG Freiwilliger Verein für Erziehung armer und verwahrloster Kinder im Bezirk Brugg
1867 AG Meyersche Rettungsanstalt in Effingen
1866 AG Armenerziehungsverein des Bezirks Kulm
1860 AG Armenerziehungsverein des Bezirks Lenzburg
1851 AG Erziehungsanstalt Friedberg bei Seengen für arme Mädchen
1856 AG Kinderversorgungsverein des Bezirks Zofingen
1864 AG Armenerziehungsverein des Bezirks Zurzach
1870 AR Hülfsverein für Waisenunterstützung in Speicher
1824 AR Waisenanstalt zur Schurtanne in Trogen
1849 AR Rettungsanstalt Wiesen bei Herisau
1840 BE Schweizerische Rettungsanstalt Bächtelen
1825 BE Privatarmenerziehungsanstalt auf der Grube in Bern
1837 BE Armenerziehungsanstalt für Mädchen im Steinhölzli in Bern
1824 BE Moriah, Asyle français de jeunes filles pauvres à Wabern
1861 BE Armenerziehungsanstalt Enggistein bei Worb
1835 BE Bezirksarmenerziehungsanstalt für Knaben Trachselwald
1839 BE Waisenhof auf Schachenhof bei Wangen – Erziehungsanstalt für arme verwahrloste Knaben
1848 BL Armenerziehungsverein Baselland
1853 BL Armenerziehungsanstalt Baselaugst
1868 BL Erziehungsanstalt für arme und verwahrloste Mädchen in Frenkendorf
1852 BL Armenanstalt Sommerau bei Gelterkinden
1824 BS Landwirthschaftliche Armenschule in Basel
1853 GL Armenerziehungsanstalt Bilten
1864 GL Zöglingsverein der Erziehungsanstalt Bilten
1843 GL Verein ehemaliger Zöglinge der Linthcolonie
1819 GL Landwirthschaftliche Armenanstalt Linthcolonie
1846 GL Cantonale Mädchenarmenanstalt in Mollis
1836 GR Bündnerische Rettungsanstalt in Foral
1845 GR Hosangsche Stiftung auf Plankishof bei Chur
1859 LU Rettungsanstalt Sonnenberg bei Luzern
1848 NE Orphelinat de Grandchamps près Boudry
1815 NE Institut des Billodes au Locle
1818 NE Colonie pour filles abandonnées à La Chaux de Fonds
1868 SG Schule der Rettungsanstalt zum guten Hirten in Altstädten
1854 SG Rheinthalische Rettungsanstalt in Balgach
1840 SG Rettungsanstalt in St. Gallen
1851 SG Rettungsanstalt Hochsteig bei Wattwyl
1846 SG Werdenbergische Rettungsanstalt Stauden bei Grabs
1870 SG Rettungsanstalt Thurhof in Wyl
1826 SH Freiwillige Rettungsherberge Friedeck in Buch
1869 SO Discheranstalt für verwahrloste Kinder
1842 TG Landwirthschaftliche Armenanstalt Bernrain
1863 VD Orphelinat de Daillens-Cossonay
1863 VD Colonie agricole et professionelle de la Suisse romande à Sérix
1838 ZH Freienstein bei Rorbas
1863 ZH Sonnenbühl bei Embrach
1847 ZH Friedheim bei Bubikon
1846 ZH Pestalozzihülfsverein Wädenswil
1865 ZH Commission für Versorgung verwahrloster Kinder des Bezirkes Zürich
1867 ZH Pestalozzistiftung in Schlieren

Tabelle 3: Übersicht der Armenerziehungsvereine nach Keller und Niedermann, 1877

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