Genau so war es. Parallel zum Studium begann ich in der Sportredaktion eines Regionalradios zu arbeiten. Texte schreiben, Anmoderationen auf den Punkt bringen, Nachrichten knapp und präzise formulieren – das alles fiel mir relativ leicht, obwohl ich journalistische Anfängerin war. Die Arbeit als rasende Reporterin machte mir vor allem großen Spaß und ich bekam prima Feedback von Kollegen und Hörern. Mein ursprüngliches Berufsziel (ver-) wandelte sich von Lehrerin zu Journalistin! Plötzlich profitierte ich von der ungeliebten Germanistik, den scheinbar nutzlosen Linguistik-Vorlesungen. Ich konnte das mühsam Gelernte und Studierte erst beim Radio, dann bei der Tageszeitung »Schwäbisches Tagblatt« praktisch anwenden. Der endgültige Abschied vom Lehrerinnendasein und der Beginn meiner Ausbildung zur Redakteurin ließ nicht lange auf sich warten.
Als Journalistin konnte ich einige meiner Leidenschaften und Charakterzüge voll ausleben: mit interessanten Menschen reden, neue Leute kennenlernen, neugierig sein, Augen und Ohren aufsperren. Auf dem Fußballplatz, im Gemeinderat oder bei den Kleintierzüchtern. Das Schöne am journalistischen Arbeiten bringen acht Worte auf den Punkt: Es gibt keine blöden Fragen, nur blöde Antworten. So bin ich doch noch Forscherin geworden, wenn auch nicht in der Biologie, sondern in den Medien. Lange Jahre war das für mich der optimale Job – als freie Journalistin oder festangestellt in Redaktionen, beim Radio, bei Tageszeitungen, Agenturen und Magazinen. Doch das Unterrichten fehlte mir, die Lehrerin in mir kam mit den Jahren nicht mehr auf ihre Kosten. Also berufliche (Ver-)Wandlung, die Zweite. Selbstständige Trainerin, Autorin und Coach bin ich nun und mit diesem Trio voll in meinem Element. Und noch immer profitiere ich von meinem Germanistikstudium, wenn ich Schreibwerkstätten für Kunden abhalte und Öffentlichkeitsarbeit unterrichte.
Bis ich jedoch so weit war, hatte ich einige schlaflose Nächte, öfters Minus auf dem Konto, schlechte Laune und die immer wiederkehrende Frage im Kopf: Wo und wann kommt endlich der nächste Auftrag? Von Leichtigkeit weit und breit nichts zu sehen. Weder bei mir noch bei vielen Freunden, Kunden und Seminarteilnehmern.
Sackgassen beschwingt verlassen
Das kann doch nicht sein, dachte ich mir. Was sind die Ursachen für diese Unzufriedenheit und Verbissenheit? Muss das sein, kann es nicht mal nur flutschen im Leben? Immer dieses ständige Auf und Ab, drei Schritte vorwärts, zwei zurück. Manche Menschen stehen sich gar selbst im Weg und machen sich das Leben schwer, bauen sich ihre eigenen Einbahnstraßen und Sackgassen. Von persönlicher Weiterentwicklung ist wenig zu sehen, immer derselbe Trott und dieselben Geschichten. Andere hingegen schaffen es trotz Liebeskummer, Kündigung oder Krankheiten, beschwingt nach vorne zu schauen. Was macht den Unterschied und wie sehen die Erfolgsrezepte aus?
Ich fing an zu suchen. Im Internet, in Büchern, in Fortbildungen, in Gesprächen mit Experten und Freunden, in Workshops und Seminaren. Im Münchner Tierpark Hellabrunn – für den Zoo habe ich schon eine gefühlte Ewigkeit eine Jahreskarte –, in den Bergen, an meinem Lieblingssee und im Botanischen Garten München-Nymphenburg. Während der Wintermonate kann man dort in einem umgebauten Gewächshaus tropische Schmetterlinge aus direkter Nähe beobachten. Waren Sie vielleicht schon mal mit Ihren Kindern in einer Schmetterlingsfarm oder Ausstellung? Ich bin praktisch eine Wiederholungstäterin und bei jedem Besuch immer wieder fasziniert von der wundersamen Metamorphose: Erst liegt da ein winziges Ei, aus dem eine gefräßige Raupe wird und schließlich – nach einer Ruhe- und Entwicklungsphase im Kokon – verwandelt sich die Puppe in einen (farbenfrohen) Schmetterling. Ein Wunderwerk der Natur mit faszinierenden Eigenschaften. Finden Sie nicht auch?
Falls Sie schon immer mal mehr über Schmetterlinge erfahren wollten, doch weder Zeit noch Muße hatten und sowieso überhaupt keine Lust auf dicke Wälzer, kein Problem. Die Recherche in Schmetterlingsausstellungen und in der (Online-)Literatur habe ich übernommen und die wichtigsten Punkte, Eigenschaften und Besonderheiten der farbenprächtigen und filigranen Insekten zusammengefasst. Biologen können jetzt schon mal die Nase rümpfen und sich über fehlende Fachbegriffe sowie mangelnde wissenschaftliche Details mokieren. Für die anderen Leser und Leserinnen gilt: Tauchen Sie mit mir in die Geheimnisse von Metamorphose, Mimese und Mimikry ein. Lassen Sie sich überraschen und staunen Sie!
Acht Eigenschaften von Schmetterlingen
Je länger ich mich mit Schmetterlingen beschäftigt habe, umso größer wurde nicht nur mein Wissen, sondern auch mein Respekt vor diesen Wesen. Wirken sie auf den ersten Blick unscheinbar und zerbrechlich, haben sie es bei genauerer Betrachtung faustdick hinter den Ohren – Näheres wird bei »Strategen mit ausgeklügelten Sinnen« beschreiben – und sind ganz schön ausgebufft. In vielen verschiedenen Bereichen. Mit allerlei Tricks halten angehende und erwachsene Schmetterlinge beispielsweise ihre Feinde auf Abstand und schaffen es so, munter und unbehelligt von einer Blüte zur anderen zu kommen. Weitere Besonderheiten und Fähigkeiten, die ich bei meinen praktischen und theoretischen Exkursionen im Schmetterlingsreich entdeckt habe, stelle ich Ihnen auf den nächsten Seiten vor. Sie sind die Basis für das von mir entwickelte MARIPOSA-Prinzip, in dem ich sozusagen das kleine Einmaleins der Schmetterlingskompetenzen und Fähigkeiten zusammengefasst, »übersetzt« und menschentauglich gemacht habe. Doch dazu später.
Bei meinen Besuchen bei den Nymphenburger Schmetterlingen und meinen Forschungen ist mir aufgefallen, dass die Metamorphose die Zeit braucht, die sie eben braucht. Keine Phase kann übersprun gen werden, jede ist nötig, damit sich aus dem Ei irgendwann ein Schmetterling entwickelt. Das hat die Natur so festgelegt. Eine Phase folgt auf die andere. Punkt. Da ist nichts zu machen, man kann nur zuschauen, abwarten, genießen und staunen. Ein Blick auf die Uhr ist zwecklos: Der Schmetterling schlüpft trotzdem nicht schneller aus dem Kokon. Wie schön wäre es, wenn wir unsere eigene Entwicklung und die dafür benötigte Zeitspanne auch so gelassen hinnehmen könnten! Und was wäre, wenn das meine Coaching-Klienten so sehen würden? Etwa Harry Groß, der immer völlig gehetzt zu unseren Terminen erscheint und dem alles nicht schnell genug geht? Der Teamleiter eines Automobilzulieferers würde am liebsten seinen Mitarbeitern von heute auf morgen neue Arbeitsabläufe diktieren, die sie sofort umsetzen sollen. Harry Groß würde wahrscheinlich einen mittelschweren cholerischen Anfall bekommen, wenn er Schmetterlinge beim Schlüpfen beobachten sollte. Denn Geduld, stillsitzen, beobachten, sich auf wechselnde äußere Umstände einstellen – diese Dinge gehören definitiv nicht zu seinem Repertoire. Da könnte er sich von den geflügelten Insekten einiges abschauen, dachte ich im gut geheizten Gewächshaus. Die erste Idee für dieses Buch flatterte durch mein Hirn … Bis es den richtigen Aufbau hatte, geschrieben, überarbeitet und gedruckt war, durchlief es auch verschiedene Stadien, genau wie ich selbst. Und benötigte seine Zeit.
Lassen Sie uns mit den kleinen, feinen Charakterzügen von Schmetterlingen beginnen. Auch wenn manche Leser bereits an dieser Stelle gerne erfahren würden, was sie von Schmetterlingen lernen können. Doch auch hier gilt: Eins nach dem anderen.
Mimese, die Kunst der Tarnung
Dass am Ende der Entwicklungskette, also der von Experten so genannten Metamorphose, tatsächlich ein Schmetterling aus dem Kokon schlüpft, klappt nur im günstigsten Fall. Im Botanischen Garten stehen die Chancen gut – bei optimalen Temperaturen und ohne hungrige Fressfeinde. In freier Wildbahn sind Schmetterlinge hingegen für Vögel, Fledermäuse, Wespen und Fliegen ein Leckerbissen. Um nicht gefressen zu werden, haben sich Schmetterlingsraupen verschiedene Abwehrmechanismen angeeignet: Sie imitieren giftige und gefährliche Tiere, Mimikry (Warntracht) ist dazu der Fachbegriff. Tagpfauenauge und Nachtpfauenauge etwa haben Augenflecke auf ihren Flügeln. Die angedeuteten Tieraugen verwirren Räuber dermaßen, dass sie an der falschen Stelle zubeißen. Schwalbenschwänze sind noch raffinierter: mit ihren zwei Augenflecken plus entsprechender Körperhaltung führen sie ihre Fressfeinde erfolgreich in die Irre.
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