◽Multiple Choice
Das deutsche Wort Tugend ist von taugen (Tauglichkeit) abgeleitet. Das altgriechische Wort «arete» und das lateinische Wort «virtus» werden mit Tugend ins Deutsche übersetzt. «Arete» bezieht sich auf die Vortrefflichkeit einer Person und «virtus» auf die Mannhaftigkeit und Tapferkeit. Zwar hat sich die Bedeutung des Begriffs der Tugend gewandelt, jedoch bleibt die Vorstellung bis heute erhalten, dass Tugend durch Erziehung erworben wird. In der Folge sind einige Bedeutungen von Tugend aufgeführt.
Welche Bedeutung von Tugend entspricht Ihren eigenen Vorstellungen von Werteerziehung am besten?
◽ Platon:Tapferkeit, Gerechtigkeit, Besonnenheit, Weisheit
◽ Aristoteles:Wissenschaft, Kunst, Klugheit, Weisheit, Wohlberatenheit, Verständigkeit (Verstandestugenden)
◽ Kardinaltugenden:Einsicht, Tapferkeit, Gerechtigkeit, Besonnenheit
◽ Thomas von Aquin:Kardinaltugenden plus Glaube, Liebe, Hoffnung (theologische Tugenden) (Hoffmeister 1998: 675 f.)
◽ Kant: «Tugend ist also die Stärke der Maxime des Menschen in Befolgung seiner Pflicht» (Kant 1907: 405)
◽ Bedeutung vor der helvetischen Umwälzung:Liebe zu den Gesetzen und tapferer Wille zur Verteidigung des Vaterlandes
◽ Bedeutungsänderung ab der Helvetik:vernünftige Teilnahme an der Öffentlichkeit und Gemeinwohlorientierung (Bütikofer 2006: 231 f.)
◽ Himmlische Tugenden:Demut, Mildtätigkeit, Keuschheit, Geduld, Mässigung, Wohlwollen, Fleiss
◽ Bürgerliche Tugenden:Gehorsam, Ordentlichkeit, Sparsamkeit, Fleiss, Reinlichkeit und Pünktlichkeit
◽ Mögliche heutige Bedeutung:die Stärke einer Person, sich gemäss ihren Werten zu verhalten
◽ Anderes:…
3.Lektüre
Zschokke, Heinrich (1799): Ideen zur Verbesserung des öffentlichen Unterrichts in der helvetischen Republik . In: Der helvetische Genius, Nr. 1, S. 38–88 (Ausschnitte aus den S. 38–59).
▼Fragen zum Text
1Gibt es Stellen im Text, die Sie bei der Lektüre aus heutiger Sicht irritieren? Weshalb?
2Untenstehend finden Sie eine stark verkürzte Position von Zschokke. Hätten Sie in dieser Zusammenfassung weitere oder andere Punkte aus dem Quellentext berücksichtigt?
• Zielvorstellung: Volksbildung soll die Tugend stärken und dadurch die Freiheit des Volkes und das Überleben des Staates garantieren. Die Liebe zum Vaterland ist der moralische Zweck der Volksbildung und Grundlage der Tugend. Volksbildung bildet die Vernunft aus. Der Glauben ist hingegen Sache der Kirche und der Erziehung. Zwischen der Vernunft und dem Glauben besteht kein Widerspruch; vielmehr gebietet die Vernunft den Glauben an Gott, an eine moralische Weltregierung und an eine Seele.
• Inhalt: Die Liebe zum Vaterland basiert auf Kenntnissen in Geografie und Geschichte. In den grossen Kantonsschulen wird die Unterweisung ergänzt mit Latein, Griechisch, Hebräisch, Literatur, Staatenlehre, Physik, Botanik, Chemie, Anthropologie, Moralphilosophie und Geometrie.
3Stimmen Sie Zschokkes Position zu? Wo sind Sie nicht einverstanden mit Zschokke? Nehmen Sie Bezug auf die entsprechenden Textstellen und begründen Sie.
4Unten stehende Satire von Zschokke zum Zustand der Schulen ist dem Schweizerboten entnommen. Dieser Text erschien nach dem Ende der Helvetischen Republik und ist ein Hinweis darauf, dass die Schulreformen wenig Wirkung zeigten. Trotzdem sind im Quellentext einige Gemeinsamkeiten zum heutigen Schulsystem erkennbar.
•Gibt es Übereinstimmungen mit dem heutigen Schulsystem? Welche sind das? Überrascht Sie das?
•Wie erklären Sie sich, dass Zschokkes Konzeption immer noch Ähnlichkeiten mit dem heutigen Schulsystem aufweist?
Neuigkeiten aus fremden Ländern: Lalenburg.
Da man von allen Seiten vernimmt, dass weise Obrigkeiten überall die Schulen verbessern: so haben wir nun endlich auch in Lalenburg damit einen ruhmvollen Anfang gemacht, wie man aus folgendem sieht.
Weil das Schreiben, Lesen und Rechnen sehr unnütz ist, besonders für die Bauern, so wird darauf wenig Mühe verwendet, denn wenn die Bauern zu gut rechnen, so verrechnen sich meistens die Herren; und wenn ein Wirth zu gut schreibt, so schreibt er gewönlich mit doppelter Kreide. Töchter sollen gar nicht schreiben lernen, damit sie nicht zu früh Liebesbrieflein machen. Auch das Lesenlernen ist dem Bauersmann sehr entbehrlich, denn es ist zu besorgen, dass die Pintenschenken über Mangel an Verdienst klagen würden, wenn die Bauern, statt ihren Lohn bei ihnen zu vertrinken, ein Buch lesen sollten. Ein Unterschied muss doch in der Welt seyn; ein Bauer muss daher nicht Alles wissen.
Statt dieser entbehrlichen Dinge soll nun künftig in den Schulen zu Lalenburg das gelehrt werden, was dem Menschen das Unentbehrlichste und Wichtigste ist, wie z. B. das Essen und, wenn man Durst hat, auch das Trinken. Desgleichen wird man junge Leute frühzeitig von der grossen Wahrheit zu überzeigen suchen, dass man weit besser auf beiden Füssen, als auf dem Kopfe gehe. Weltweisheit wird nur auf der hohen Schule getrieben. Alle Montage in der Woche, ausgenommen der Oster-Sonntag, wird in der Naturgeschichte unterrichtet. Die tiefsinnigsten Fragen über die Ursach der Dinge werden dort sonnenklar beantwortet. So wissen wir z. B. jetzt bestimmt, dass man deswegen zweimal hinter einander zu niessen pflegt, weil man zwei Naselöcher hat.
Quelle: Heinrich Zschokke (1804): Neuigkeiten aus fremden Ländern: Lalenburg. Schweizerbote, Nr. 15, S. 117. Zitiert nach Böning und Ort (2007: 192).
◗ Ideen zur Verbesserung des öffentlichen Unterrichts in der helvetischen Republik
4.Kontroverse
Читать дальше