Fördern Leitungs-Tools Beziehungen zwischen Menschen: innerhalb der Kirche, innerhalb und außerhalb der Kirche, zwischen Menschen und Gott? Bürokratie – die jede Organisation immer auch braucht – lässt leicht die Menschen vergessen. Erleichtert und fördert sie Beziehungen?
Fördern Leitungs-Tools Kommunikation und Partizipation? Können Menschen bei Strukturreformen ihre Visionen und Ideen, ihre Erfahrungen und Begabungen, Fragen und Sorgen einbringen? Besonderes Augenmerk gilt jenen, die in Gesellschaft und Kirche oft unsichtbar und ungehört bleiben: den Kindern und Jugendlichen, den Migranten und Marginalisierten, den Armen und Kranken. Freilich: Partizipation fördert Konflikte und Widerstand. Eine der wichtigsten Leitungskompetenzen ist daher der Umgang mit Pluralität und Differenz.
Setzen Leitungs-Tools Lernprozesse in Gang? Einer Kirche, die sich auf dem Weg befindet („Pilgerin“), entspricht das Selbstverständnis einer Lerngemeinschaft, die sich persönlicher und struktureller, gedanklicher und emotionaler Veränderung durch (Differenz)Erfahrung aussetzt. Spannend sind daher all jene Instrumente, die Zeiten und Räume eröffnen, glauben und leben zu lernen. Hier wäre auch die theologische Kompetenz von Leitungspersonen gefragt: Theologie kann helfen, den inneren Sinn der Praxiserfahrungen aus der Sicht des Glaubens zu erfragen.
Leitung ist aus theologischer Sicht nicht nur auf Leitungspersonen von Amts wegen beschränkt. Leitung ist eine geistliche Berufung, die sich an alle richtet. Als Verheißung und Zusage des Reiches Gottes ist sie von Gott allen anvertraut. So ist vor jeder Leitungskompetenz zuerst die Frage nach der speziellen Leitungsberufung zu stellen (vgl. Jacobs , 549–559): anhand der je persönlichen Begabungen, Aufgaben, biographischen Erfahrungen lässt sich fragen: worin besteht mein Leitungsauftrag für die Kirche?
Lumen Gentium denkt ganz in dieser Spur, wenn von der Teilhabe aller Getauften an den drei Ämtern Christi – König (leiten), Priester (heiligen) und Prophet (lehren) – oder am Hirtenamt der Kirche die Rede ist (vgl. z.B. LG 10–12; 34–36). Bereits der Aufbau der Konstitution zeigt diese Sicht: zuerst ist von Wesen und Auftrag der Kirche die Rede, sodann vom handelnden Subjekt, dem Volk Gottes. Erst danach wird von der speziellen Berufung zum Bischofsamt geschrieben. Der Gedanke der Teilhabe prägt das konziliare Leitungsverständnis. „Die geweihten Hirten [...] wissen ja, dass sie von Christus nicht bestellt sind, um die ganze Heilsmission der Kirche an der Welt allein auf sich zu nehmen, sondern dass es ihre vornehmliche Aufgabe ist, die Gläubigen so als Hirten zu führen und ihre Dienstleistungen und Charismen so zu prüfen, dass alle in ihrer Weise zum gemeinsamen Werk einmütig zusammenarbeiten“ ( LG 30).
Leitung betreibt also Empowerment und Capacity-Building. Sie soll die Gaben und Aufgaben der Gläubigen entdecken und fördern. Diese dienen der gemeinsamen Arbeit an einem Werk. LG nennt auch die Spannung zwischen individueller Förderung und Gemeinwohlorientierung. Leitung in der Kirche muss demnach differenzsensibel, pluralitätsgerecht und gemeinwohlorientiert handeln. Nach Heribert Hallermann findet sich ein solch modernes Leitungsmodell auch im Kirchenrecht ( Hallermann 2014). Alle Gläubigen haben Anteil am Leitungsamt der Kirche kraft ihrer Taufe. Leitung dient dem Aufbau, der Stärkung und der Bewahrung der kirchlichen communio , damit diese ihre Sendung verwirklichen kann.
Eines der „Zeichen der Zeit“ ist das Ende der konstantinischen Kirchengestalt. Nicht nur Organisations- und Sozialformen gehen zu Ende; der Glaube selbst befindet sich in einem gravierenden Transformationsprozess – außerhalb und innerhalb der Kirche. Darüber wird freilich noch vielfach geschwiegen, zu heftig und irritierend sind die damit verbundenen Fragen und notwendigen Denkanstrengungen.
Organisationstheoretisch nennt man einen solchen Prozess einen „Wandel zweiter Ordnung“: es ändern sich nicht nur die Bedingungen des Rahmens, in dem Veränderung stattfindet; es ändert sich der Rahmen selbst – noch zugespitzter: ein neuer Rahmen wird erforderlich. Die Kirche befindet sich also nicht bloß in einem Prozess des Downsizings, in dem sie Altbewährtes anpassen muss. Gefragt ist, organisationstheoretisch, ein substantieller „Change“; theologisch eine Metanoia, eine Umkehr. Dieser Change betrifft den Glauben selbst: was bedeutet Glauben im 21. Jahrhundert? Wie ist er zu lernen, zu denken, zu leben? Die wichtigste Aufgabe von Leitung in der Kirche besteht daher vielleicht wohl darin, die Notwendigkeit zu dieser Metanoia wahrzunehmen und den Wandel zweiter Ordnung anzudenken und zu riskieren.
Seht her, nun mache ich etwas Neues. Schon kommt es zum Vorschein, merkt ihr es nicht? (Jes 43,19)
geb. 1967, Dr. theol., Mag. phil., Mag. theol., MAS (Master of Advanced Studies; Spirituelle Theologie im interreligiösen Prozess), seit 2013 Associate Professor am Institut für Praktische Theologie der Universität Wien.
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Eigenmann, Urs,Das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit für die Erde. Die andere Vision vom Leben, Luzern 1998.
Hallermann, Heribert,Mehr als Strukturen. Chancen für Vielfalt und Kooperation. Beitrag im Rahmen der Tagung „Lebendige Kirche in neuen Strukturen. Herausforderungen und Chancen“, Schloss Hirschberg am 30. September 2013 (erscheint 2014).
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