So ist zum Beispiel nach meinem Vorschlag in einer Schreibwerkstatt eine erstaunlich gute Geschichte entstanden. Sie wurde geschrieben gemeinsam von der ganzen Klasse und handelt davon, dass ein fiktiver neuer Schüler in die Klasse kommt und sich von Anfang an als schwul zu erkennen gibt. Jener Schüler, der die meisten Vorurteile gegen Schwule zu erkennen gab, hat bei der gemeinsamen öffentlichen Lesung dieser Geschichte den Part des Schwulen übernommen. Dieser Gruppentext befindet sich unter dem Titel ‚Der neue Schüler’ in der von der Robert Bosch Stiftung veröffentlichten Reihe über die Schreibwerkstätten im Ruhrgebiet 2013 an der GBR Realschule Dortmund – Klasse 8e.
Das gemeinsame Schreiben und Erzählen über das eigene oder erfundene Leben von Menschen oder Tieren, aus der Realität oder in der Märchenwelt, ermöglicht den Schreibwerkstättlern jedes Mal eine neue Gelegenheit, auch das nicht so einfach Aussprechbare aufzuschreiben und das zu erzählen, was im Innersten verborgen oder verdrängt schlummert. Über Vorurteile oder Tabuthemen zu schreiben scheint ein großes Anliegen bei den Schülern zu sein, was in den häufigen Zwischengesprächen herauszuhören ist.
Zu den Aktivitäten während der Schreibwerkstatt gehören auch Partnergespräche, in denen die Schüler zum Beispiel besprechen, warum sie Vorurteile haben und woher diese stammen, von wem sie übernommen wurden und wie die Gesellschaft damit umgeht. Eigene Erlebnisse werden erzählt und in eine Geschichte eingearbeitet. Die Schüler sollen ihre Texte gegenseitig austauschen und lesen und diskutieren. Inhalt und Erzählform werden beurteilt, Grammatik und Aussprache korrigiert.
Schüler schreiben in der Regel ihre Texte handschriftlich (wenn möglich, können sie gleich mit dem Computer geschrieben werden). Diese werden später in den Computer getippt. Die fertigen Texte erhalte ich und lektoriere sie und schicke sie zurück an die Schüler.
Eine Lesung der Texte aus der Schreibwerkstatt in der Schule oder extern, zum Beispiel in einer Bücherei, zu organisieren ist sehr wichtig. Die Schüler haben somit die Gelegenheit, ihre Ergebnisse der Schreibwerkstatt anderen Schülern und den Eltern und Lehrern vorzustellen. Die Möglichkeit, literarisches Schreiben in den Schulen zu realisieren, findet bei den Schülern große Aufmerksamkeit, Begeisterung und Dankbarkeit. Weil sie wissen, es ist ein wunderbarer Ausnahmezustand, der leider nur selten vorkommt und nicht jedem vergönnt ist.
Eigenes Schreiben und das auch dadurch erweckte Interesse am Lesen von Büchern ist sichtlich ein wichtiger Beitrag zur Entwicklung der Schüler.
Unzählige Möglichkeiten und Varianten des Zusammenspieles verschiedener Kunstrichtungen haben uns bisher allzeit und weltweit wunderbare Ergebnisse erleben, genießen und bestaunen lassen.
Literatur und Bildende Kunst
Es war ein glückliches Schicksal, dass ich Anfang der achtziger Jahre als junge Frau und Autorin mit einem Bildenden Künstler zusammenkam. Natürlich lag es da nahe, nicht nur die Liebe und das Leben miteinander zu teilen und zu verbinden, sondern auch in unseren künstlerischen Arbeiten gemeinsam zu wirken und diese Arbeiten miteinander zu präsentieren. Wir waren schon ein besonderes Paar.
Nicht nur, dass wir aus unterschiedlichen Generationen stammten, 20 Jahre Altersunterschied lagen zwischen uns, auch kamen wir aus verschiedenen Kulturkreisen und trugen die Prägungen unserer Herkünfte mit uns. 1960 in Istanbul geboren, mit drei Jahren nach Deutschland gekommen, wuchs ich selbst in zwei Kulturen auf. Doch hatte ich mich schon seit Beginn meines Schreibens für die deutsche Sprache entschieden.
Jürgen Walter, 1940 in Frankfurt am Main geboren, war ein Kriegskind und geprägt von der Nachkriegszeit. All dies hatten wir in unserem glücklich gefüllten gemeinsamen Lebenskoffer. Eine lange, aufregende und wunderbare Lebensreise hatte begonnen. Neben unserer großen Liebe zueinander war die gemeinsame Arbeit in der Kunst uns immer ein starkes verbindendes Band. Über dreißig Jahre lang habe ich Texte zu Bildern und Skulpturen von Jürgen Walter geschrieben. Gedichte und Prosaminiaturen.
Das fertige Objekt betrachtend, habe ich mir ein eigenes Bild zum Thema oder zum Inhalt des Kunstwerkes gemacht. So dachte ich mir eine Geschichte dazu aus, ein Gedicht oder eine Art WORTBILD entstand dazu. Das Bild oder die Skulptur für sich betrachtend erzählte etwas Eigenes. Der Text dazu war alleine gelesen ebenfalls eine eigene Geschichte. Doch beides zusammengetan erschuf eine neue, nochmals ganz besondere andere Welt.
Sich in ein Bild zu vertiefen und hinein zu geraten, um darin mitzuspielen oder in der Phantasie und gedanklich um es herum zu spazieren. Geistig darin herumzuwühlen und etwas ausgraben, was gar nicht vordergründig zu sehen ist. Das ist eine ganz andere Art, sich der Bildenden Kunst anzunähern: eine Weile darin mitzuleben. Dem Bild eine eigene Geschichte zu geben. Einen Text zu schreiben.
Diese wertvolle und schöne Erfahrung möchte ich in Schreibwerkstätten an den Schulen weitergeben. Die Schüler können mit diesem anderen Zugang zur internationalen Bildenden Kunst und mit ihren Schreibversuchen dazu ein Experiment begehen. Sie haben somit die Möglichkeit, mit ihren aus der eigenen Phantasie heraus in eigene Worte gepackten Texten sich selbst als Autor zu erfahren.
Die Schüler erhalten und verwenden für die Schreibwerkstattarbeit entweder vom Lehrer ausgesuchte Postkarten oder aus dem Internet selbst herausgesuchte und ausgedruckte Abbildungen von Malern oder Bildhauern aus möglichst unterschiedlichen Zeiten und mit verschiedenen Stilrichtungen. Diese Motive sollen die Phantasie anregen, um eine Geschichte dazu zu erfinden oder ein Gedicht zu schreiben. Der Text darf eine, aber sollte keine pure Bildbeschreibung sein. Das Bild dient als Tür und Fensteröffner in die eigene Phantasiewelt. Die Schüler können auch in kleinen Zweier- oder Dreiergruppen gemeinsam an einem Text arbeiten.
1. Stunde: Auswahl der Bildmotive
Beispiel 1: Abbildung des Gemäldes von Edward Hopper mit dem Titel „Morning sun“ von 1952.
Das Bild betrachten
Zu sehen ist die Seitenansicht einer Frau. Sie sitzt auf einem Bett vor einem großen Fenster. Draußen ist ein Teil des letzten Stockwerkes und des Daches eines ziegelroten Gebäudes und blauer Himmel zu sehen. Das Bild zeigt einen Ausschnitt eines kargen Raumes. Schlafzimmer, Hotelzimmer? Viel Licht viel Schatten. Die Frau schaut traurig, nachdenklich hinaus. Sie sitzt, ihre Arme um die aufgesetzten Beine geschlungen, mitten im Sonnenlicht. Sie trägt ein ärmelloses leichtes rosa Kleid oder Nachthemd. Das strahlend weiße glatt bezogene Bett, das Kissen und die Frisur der Frau sehen nicht so aus, als hätte sie darauf geschlafen. Überwiegend Pastelltöne.
Wir dürfen phantasieren
Was könnte geschehen sein? Was hat diese Frau gerade gemacht, bevor sie sich auf das Bett in die Morgensonne setzte? Was denkt sie gerade? Was hat sie erlebt? Etwas Trauriges wie eine Trennung? Oder ist sie nur noch nicht müde von einer langen erlebnisreichen Nacht? Kam
sie gerade von einer Nachtschicht nach Hause? Wartet sie auf jemanden? Oder hat sie soeben jemanden weggeschickt? Sitzt sie etwa verzweifelt schlaflos in einem Hotelzimmer? So viel kann geschehen sein, vielleicht ist es aber auch nur ein sonniger Morgen und sie hat für sich eine wichtige Entscheidung getroffen. Alle möglichen Situationen dürfen durchgedacht, durchgespielt und geschrieben werden.
Ein Gedicht von Zehra Çirak zum Bild: „Morning sun“ von Edward Hopper
Entscheidung in der Morgensonne
Mit diesem neuen grellen Tag
will mir ein helleres Leben beginnen
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