Dem Raum ist deutlich anzusehen, dass er schon früher eine Sporthalle war. Allerdings hat er nichts von der miefigen Schäbigkeit, an die Ava sich aus ihrer Schulzeit erinnert. Der alte Boden wurde herausgerissen und durch glattes Parkett ersetzt, das farblich genau zu den Sprossenwänden passt, die sich noch immer über Teile der glatten Betonwände ziehen. Man sieht ihnen an, dass jemand viel Zeit darauf verwendet hat, sie abzuschleifen und zu ölen, sodass sie jetzt mehr Deko sind als Sportgeräte. Dasselbe gilt für die blank polierten Holzringe, die an dicken Tauen von der Hallendecke baumeln.
Alles wirkt so gepflegt, dass Ava sich fast in den Olympia-Raum ihrer Agentur versetzt fühlt, der mit Bänken und Hockern aus alten Sportgeräten eingerichtet ist und in dem eine Tischtennisplatte den Konferenztisch ersetzt.
Ava und Lina legen ihre Schuhe und Jacken ab und setzen sich zu einer der lose in der Halle verteilten Gruppen. Lina scheint ein paar Leute zu kennen, aber bevor Ava dazu kommt, sich vorzustellen oder vorstellen zu lassen, steht schon am anderen Ende der Halle jemand auf, winkt erst und legt dann beide Zeigefinger an die Lippen. Kurzgeschorene Haare, drahtiger Körper und eine helle Stimme, die seltsamerweise gut durch die gesamte Halle trägt.
»Schön, dass wieder so viele von euch da sind! Ehrlich gesagt hatte ich damit gerechnet, dass bei dem Wahnsinns-Wetter einige von euch eher mit einem Bier im Park sitzen würden, als sich hier von mir ins Schwitzen bringen zu lassen.« Sie wendet sich an jemanden, der gleich zu ihren Füßen sitzt. »Ja, Mark, wie du am Mittwoch. Du glaubst doch wohl nicht, dass uns nicht aufgefallen ist, dass du nicht da warst.« Die Halle lacht, als sie einen auf Lehrerin macht und in gespielter Strenge den Zeigefinger hebt, nur um ihre Vorstellung gleich wieder mit einem Armwedeln wegzuwischen. »Nene, kennen wir ja alle, oder?« Ein kollektives Nicken antwortet.
»Also, für alle, die heute zum ersten Mal hier sind, ich bin Luca. Vielleicht wird euch manches hier am Anfang etwas komisch vorkommen, aber macht einfach mal mit, und wenn ihr euch danach immer noch fragt, was das alles soll, sprecht mich einfach an oder unterhaltet euch ein bisschen mit den anderen. Die meisten von euch kennen das ja schon, wie immer, bevor wir mit der Körperarbeit anfangen, möchte ich auch eurem Kopf ein bisschen was zu tun geben. Dabei geht es nicht darum, dass ich euch sage, was ihr zu denken habt, sondern ich lass euch einfach ein bisschen an meinen eigenen Gedanken teilhaben und vielleicht bringen sie euch ja was. Wenn nicht, könnt ihr sie auch gerne danach gleich wieder vergessen. Okay?« Wieder nickt es um Ava herum. Wahrscheinlich ist es schon ein Ritual, dass diese Frage gestellt wird und als Antwort kommt sowieso nichts anderes als ein Nicken in Frage.
»Als ich bei einem meiner ersten connect-Treffen war, hat Dev etwas gesagt, was ich damals ziemlich bescheuert fand. Er meinte, ›Social Media verbindet uns nicht, sondern trennt uns voneinander.‹ Was für ein Quatsch, oder? Ich meine, klar war ich auch manchmal genervt davon, aber trotzdem war ich online mit Leuten in Kontakt, die ich sonst längst aus den Augen verloren hätte, denen ich vielleicht niemals begegnet wäre. Leute, die in anderen Städten leben oder sogar in anderen Ländern. Das geht euch wahrscheinlich ähnlich, oder?« Auch Ava kennt das, nur zu gut kennt sie es.
»Ja, also habe ich das erstmal abgehakt. Ich muss ja nicht immer mit Dev einer Meinung sein, dachte ich. Aber irgendwie … diejenigen von euch, die Dev kennen, wissen wahrscheinlich was ich meine … irgendwie hatte er da schon einen Haken in meinen Kopf gesetzt.« Ein paar vereinzelte Lacher sind zu hören. Demonstrative Lacher von Leuten, die Dev eben kennen. Wer auch immer Dev ist.
»Und der Haken hatte es ganz schön in sich, denn in den nächsten Wochen habe ich dann immer stärker darauf geachtet, was ich online wirklich mache. Mit wem bin ich in Kontakt? Und was ist das für ein Kontakt? Reden wir wirklich miteinander oder like ich nur ihre Bilder, damit sie meine Bilder liken?«
Überall im Raum ertapptes Lachen, unterdrücktes Gemurmel. Stimmt ja auch, denkt Ava. Zumindest oft, vielleicht sogar meistens.
»Aber trotzdem«, fährt Luca fort, »ist diese Art von Kontakt nicht besser als gar keiner? Und schließlich schadet es ja auch nicht, oder?« Sie blickt sich im Raum um. »Aber dann ist mir noch etwas anderes aufgefallen. Und vielleicht klingt das jetzt auch total banal, weil eigentlich wissen wir das ja alle, aber trotzdem hatte ich es mir vorher nie so klar gemacht … diese völlig nichtssagenden virtuellen Kontakte überlagerten immer mehr die Beziehung zu den Menschen, mit denen ich zusammen war. Immer war ich mit einem Auge bei meinem Handy. Es könnte mir ja irgendwer geschrieben haben. Es könnte ja irgendwer mein neues Profilbild kommentiert haben.« Sie wirft einen Blick durch den Raum. »Jetzt mal ehrlich, wer von euch kennt das auch?«
Zögerlich heben sich die ersten Arme, bis Ava schließlich niemanden mehr sieht, der seinen Arm nicht gehoben hat. Wie sie. Wie alle.
»Ah ja. Sieht so aus, als gäbe es zumindest eine Sache, auf die wir uns einigen können. Ist ja schonmal etwas.« Luca lacht. »Als ich das festgestellt habe, hab ich eine Entscheidung getroffen. Ich wollte zumindest eine Woche lang komplett auf Social Media verzichten. Das wird schon gehen, dachte ich, eine Woche. Ist ja eigentlich nicht viel, oder?« Wieder schaut Luca sich in der Halle um und hier und da antwortet man ihr mit einem Kopfschütteln. »Ja, dachte ich auch. Ich hab’s trotzdem nicht geschafft. Und das hat mich dann wirklich erschreckt. Dass ich nicht mal eine Woche darauf verzichten könnte, hätte ich nicht gedacht. Naja, ich will das jetzt hier nicht unnötig in die Länge ziehen, aber es gibt einen Grund, weshalb ich euch das überhaupt erzähle. Diese Woche bin ich nämlich seit genau drei Jahren Social-Media-frei!«
Spontaner Applaus bricht aus verschiedenen Ecken im Raum aus. Luca verbeugt sich leicht. »Danke, Danke«, sie lacht. »Ein bisschen wie Selbsthilfegruppe, oder? Aber ernsthaft, ich hatte noch nie das Gefühl, so intensiv mit Menschen verbunden zu sein, wie ich es jetzt bin. Ich meine, ich stehe jetzt hier vor euch und denke nicht gleichzeitig darüber nach, wer mir vielleicht inzwischen geschrieben hat und bei wem ich mich mal wieder melden müsste. Deshalb möchte ich euch dazu einladen, während der heutigen Stunde eure Handys gedanklich auszuschalten und euch wirklich ganz darauf zu konzentrieren, hier zu sein. Lasst euch nicht ablenken von Leuten, die vielleicht gerade auf dem Klo sitzen und euch aus Langeweile irgendein Video schicken.« Irgendwer hinter Ava lacht laut auf, vielleicht weil er sich ertappt fühlt. »Also«, sagt Luca und breitet die Arme aus, »lasst uns anfangen.«
Die Grüppchen lösen sich auf und man verteilt sich im Raum, kniet sich in gleichmäßigen Reihen auf den Boden, immer zwei Armlängen voneinander entfernt. Auch Ava reiht sich ein, geht in die Hocke, setzt sich auf die Fersen. Sie weiß nicht wohin mit ihren Händen, legt sie schließlich auf den Oberschenkeln ab, wartet. Als nichts passiert, schaut sie sich um und blickt rundum in geschlossene Augen. Sie macht es ihnen nach, sitzt blind da. Versucht an nichts zu denken, weil das wahrscheinlich erwartet wird, an nichts zu denken. Aber jedes Rascheln, Husten, Atmen lenkt sie ab. Sie öffnet die Augen einen winzigen Spalt, lässt ihren Blick über die glatten, leeren Gesichter streifen, die sich offenbar an keinem Geräusch stören. Es ist seltsam beruhigend, von lauter Menschen umgeben zu sein, die mit geschlossenen Augen dasitzen, die einen nicht anschauen, deren Gesichter man in aller Ruhe betrachten kann. Bis sie sich mit einem Mal voyeuristisch vorkommt, als wären die Gesichter in Wahrheit nackte Körper, die nicht wissen, dass man sie anstarrt.
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