»Es ist einfach unglaublich, wenn man sieht, was da noch für eine Energie in diesen Kindern steckt. Echt das komplette Gegenprogramm zum Gericht.«
»Du warst Juristin?«, fragt Ava und Sonja verdreht die Augen. »Ja, ich hab den ganzen Zirkus mitgemacht. Prädikatsexamen und dann auf dem besten Weg zur Staatsanwältin. Aber scheiße war ich unglücklich«, sie lacht. »Zum Glück haben diese großartigen Menschen hier mir klar gemacht, dass das praktisch seelischer Suizid war.«
»Wow, das ist eine ziemlich heftige Formulierung.«
Sonja wiegt den Kopf. »Weißt du, das Problem ist ja, dass man gar nicht so richtig merkt, wie schlimm es eigentlich ist, während man noch mittendrin steckt. Und wenn du dann irgendwem erzählst, dass du keine Lust hast, zur Arbeit zu gehen, dann sagen alle bloß ›Das ist völlig normal, das geht doch allen so.‹ Und so ist es ja auch. Aber das heißt noch lange nicht, dass es auch richtig ist. Oder dass es so sein müsste.«
Ava nickt. »Und jetzt machst du eine Ausbildung?«
»Zur Erzieherin, ja«, wieder leuchtet Sonjas Gesicht auf und Ava fragt sich, wie jemand bloß so glücklich darüber sein kann, den ganzen Tag von brüllenden Kindern umgeben zu sein und dafür auch noch schlecht bezahlt zu werden. Doch sie lächelt bloß höflich und sagt: »Anscheinend war es ja die richtige Entscheidung.«
»Oh ja!«, Sonja gerät regelrecht ins Schwärmen, als sie von den ganz alltäglichen kleinen Szenen im Heim erzählt. »Und das Beste ist, dass man wirklich das Gefühl hat, etwas Sinnvolles zu tun. Ich meine, ich kann einen echten Unterschied machen im Leben dieser Kinder. Bei Gericht, da geht es immer nur um Strafen, aber die machen aus niemandem einen besseren Menschen. Gerichte sind nichts weiter, als der verzweifelte Versuch, ein schlimmes System nicht noch schlimmer werden zu lassen.«
Und während Ava Sonja weiter zuhört, wird ihr immer unangenehmer bewusst, dass es in ihrem Kopf Job-Hierarchien gibt, die es ihr schwer machen zu verstehen, wieso man Erzieherin werden möchte, wenn man stattdessen Staatsanwältin sein könnte. Und sie fragt sich, ob in einem anderen System nicht vielleicht die Erzieher den höchsten sozialen Status hätten – und ob das nicht das bessere System wäre.
»Ava?«, sie hat nicht gemerkt, dass jemand ihr eine Frage gestellt hat, doch jetzt schaut ein bärtiges Gesicht sie erwartungsvoll an. Als »Paul der Pädagoge«, hat Lina ihn vorgestellt und Ava weiß nicht, ob er wirklich einer ist oder ob Lina bloß die Alliteration mochte. Aber es würde zu ihm passen, denkt Ava, würde passen zu der Art, wie er die Erzählungen der anderen mit seinem unaufhörlichen Nicken begleitet.
»Wenn du überhaupt nicht mehr arbeiten müsstest«, wiederholt Paul, »würdest du dann noch den gleichen Job machen wie jetzt?«
»Ich weiß nicht«, sagt Ava. »Vielleicht.«
Als Lina und Ava spät am Abend die Halle verlassen, werfen sie Geld in ein Glas neben der Tür. Ava hat kaum Bargeld dabei, schüttelt aus Verlegenheit all ihr Kleingeld ins Glas.
»Hat es dir gefallen?«, fragt Lina, während Ava das Schloss ihres Fahrrads öffnet.
»Ja«, sagt Ava, »ja, ich glaube schon.«
»Das Tanzen ist etwas gewöhnungsbedürftig, oder?«
Ava fühlt sich ertappt. »Ein bisschen. Ich glaube, ich sah ziemlich bescheuert aus dabei.«
»Tun wir das nicht alle?«, lacht Lina. »Irgendwann ist es dir einfach egal. Bei mir hat das auch ein bisschen gedauert. Aber wenn du es das erste Mal schaffst, dich einfach reinfallen zu lassen, dann ist das echt ein Wahnsinnsgefühl.«
»Vielleicht«, stimmt Ava zögernd zu. »Aber ich war noch nie so die Tänzerin.«
»Musst du auch gar nicht«, Lina unterbricht sich selbst mir einem leichten Kopfschütteln, »aber ich will dich gar nicht überreden. Du kannst ja einfach schauen, ob du noch mal Lust hast, mitzukommen. Ich würde mich freuen. Und wenn nicht, dann gehen wir eben beim nächsten Mal einfach nur Wein trinken.«
Sie umarmen sich zum Abschied, und auch wenn Ava nicht so weit gehen würde zu sagen, dass es ihr angenehm ist, ist es ihr zumindest nicht so unangenehm wie sonst. Ob es an Lina liegt oder daran, dass sie den ganzen Abend andere Leute berührt hat, kann sie selbst nicht sagen.
Sie genießt es, mit dem Fahrrad durch die warme Nacht zu fahren, sieht sich kurz selbst von außen, wie sie mit neben den Pedalen baumelnden Beinen den Hügel zu ihrer Wohnung hinunterrollt.
Erst als am nächsten Tag irgendwann die Spannung in ihren Nacken zurückkehrt, merkt Ava, dass diese für einige Stunden verschwunden war. Und vielleicht deshalb geht sie am nächsten Freitag wieder mit, als Lina sie fragt.
Schon seit zwei Stunden klickt Ava sich durch die immer gleichen Seiten. Nichts zu tun heute. Das sollte sie genießen, kommt selten genug vor. Ungewöhnlich ruhig ist es im Büro. Liz ist bei ihrem monatlichen Social-Media-Workshop und Mel schreibt Funkspots. Nur gelegentlich ist ein leises Murmeln zu hören, wenn Mel testet, ob die Spots in zwanzig Sekunden passen.
Ava könnte über Goldideen nachdenken, die braucht man immer. Aber ihr Kopf ist träge, nicht in der Verfassung, sich Ideen auszudenken, die Awards gewinnen. Außerdem hat sie genug gearbeitet in den letzten Tagen, den letzten Wochen, um auch mal nichts tun zu dürfen.
Und wie als Reaktion auf diesen Gedanken öffnet sich die Tür und – panisch wie immer – steckt Krissi den Kopf zur Tür herein. »Ava, könntest du kurzfristig auf nem Job aushelfen? Mir fehlt dringend ein Art Director.«
»Sorry«, Ava setzt ihr zerknirschtes Gesicht auf, »bin bis obenhin dicht«, schaut zurück auf ihren Bildschirm und klickt auf einen Artikel über eine Frau, die mit ihrem Igel durch die Welt reist.
»Jaja, bis obenhin dicht«, sagt Mel, sobald die Tür ins Schloss gefallen ist. Ava zuckt die Schultern. »Die braucht doch immer ganz dringend irgendwas. Nicht mein Problem, wenn die dem Kunden gegenüber nie nein sagen kann. Muss sie eben auf die Fresse fliegen, vielleicht lernt sie es dann mal.« Mel lacht und wendet sich wieder ihren Funkspots zu.
Avas Hände liegen unentschieden auf der Tastatur. Was könnte sie lesen, sich anschauen? Die News hat sie schon durch und auch die Blogs, denen sie folgt. Sie könnte Serien schauen, aber das geht ihr dann irgendwie doch zu weit. Einige Minuten starrt sie nur auf den Bildschirm, tippt schließlich »connect« in das Suchfeld ihres Browsers. Mehr Ergebnisse, als sie erwartet hat. Einige Zeitungsartikel, Blogeinträge und eine Website. Ava fängt mit den Zeitungsartikeln an.
Eine Journalistin berichtet begeistert von ihrem ersten connect-Workshop. »Eine Mischung aus Achtsamkeits-Training, Yoga und Kontaktimprovisation«, »völlig neue Körpererfahrung« , »lässt einen wünschen, dass jeder diese Erfahrung einmal machen darf«, »bestimmt nicht mein letzter Workshop«.
Ava klickt weiter. Ein verschwörungstheoretischer Artikel, der behauptet, connect sei nur ein schlecht verschleierter Versuch, den Kommunismus durch die Hintertür einzuführen.
Klick. Einige kurze Meldungen darüber, dass connect einen schon lange leerstehenden Hangar kaufen will, dass der Kauf stattgefunden hat, dass die Umbauarbeiten gut vorangehen, dass connect das Gebäude bei der Einweihung für alle Interessierten öffnet.
Unter einigen dieser Meldungen finden sich die unvermeidlichen Kommentare von Leuten, die »Sekte« brüllen und sich plötzlich brennend für das Gelände interessieren, das vorher jahrelang niemanden gekümmert hat, weil es zu weit außerhalb der Stadt liegt.
Ava klickt sich weiter zu Blog-Einträgen von Leuten, die connect ausprobiert haben und über ihre Erfahrungen berichten. »Völlig neues Erlebnis«, »unglaubliche Atmosphäre im Hangar«, »ganz nett, aber eigentlich nur Altbekanntes neu verpackt«, »wusste gar nicht, welche große Distanz ich normalerweise um mich aufbaue«, »magische Atmosphäre«, »befreiend«, »connected hat da bei mir nix«, »wem’s gefällt«, »eine Oase der Liebe und des gegenseitigen Verständnisses«.
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