Aber was ist schon dabei? Sie wird ein paar Fotos machen und wenn sie nichts werden, muss sie die Bilder ja niemandem zeigen. Aber damit, das weiß sie selbst, hat ihre Angst nichts zu tun. Es geht nicht darum, sich vor anderen zu blamieren. Es geht darum, sich vor sich selbst zu blamieren. Wenn sie Bilder macht, das weiß sie, sollen sie mehr sein als bloßes Geknipse. Dass ihr das nicht gelingen könnte, ist ihre eigentliche Sorge. Trotzdem nimmt sie die Kamera mit, als sie die Wohnung Richtung Arbeit verlässt. Sie muss sie ja nicht benutzen, sagt sie sich. Wenn sie wirklich nicht will, kann sie noch immer behaupten, sie hätte sie vergessen.
Dass sie es nicht tut, liegt an Lina. Es ist Zufall, dass sie im gleichen Moment an der Halle ankommen. Ava schließt gerade ihr Fahrrad ab, als sie eine Hand auf der Schulter spürt. Lina umarmt sie ein wenig stürmischer als sonst, fast aufgeregt. »Du machst Fotos heute, oder?«, fragt Lina mit einem Blick auf Avas Tasche. Und in dem Blick liegt eine so offensichtliche Freude, dass es Ava rührt.
Mehr um Lina nicht zu enttäuschen als aus eigenem Antrieb, setzt sie sich nicht mit den anderen hin, als die Körperarbeit beginnt, sondern zieht die Kamera aus der Tasche, bleibt unschlüssig am Rand der Halle stehen.
Würde sie die Konzentration der anderen nicht stören, wenn sie jetzt fotografiert? Vielleicht sollte sie besser warten, bis das Klacken der Kamera überlagert würde von den schwerer gehenden Atemzügen.
Ihr Blick wandert über die ruhig dasitzenden Körper und bleibt an Luca hängen, die ihren Blick erwidert und mit einem halben Lächeln und einem kaum wahrnehmbaren Neigen des Kopfes Ava auffordert, anzufangen.
Ava hebt die Kamera und durch den Sucher scheinen die Gesichter ein Stück von ihr weg zu rücken, lösen sich auf in grafische Formen aus Licht und Schatten.
Sie drückt den Auslöser das erste Mal. Klack. Der Spiegel schlägt zurück.
Das Geräusch scheint ihr zu scharf und metallisch für die Stille des Raums, doch die Gesichter im Sucher bleiben ruhig, entspannt. Also schweift Avas Blick weiter durch den Raum, sucht nach Formen, nach Farben, lässt den Spiegel wieder und wieder klackend zurückschlagen.
Als die anderen beginnen, sich zu bewegen, bewegt sie sich mit, lässt die Belichtungszeiten länger werden, löst Formen in Bewegung auf, bewegt sich selbst immer näher an die Körper heran, dann zwischen ihnen hindurch, lässt Körperteile sich in mehreren Ebenen überlagern, übereinander wischen, bis sie keine Körperteile mehr sind, sondern bloße sich vermischende, sich streifende Bewegung.
Als die Übungen vorbei sind, atmet auch sie schwer, spürt das Gewicht der Kamera in den Schultern, spürt die vertraute Anspannung im Nacken.
Während der Meditation sitzt sie aufrecht mitten zwischen den liegenden Körpern und fühlt sich viel mehr mit ihnen verbunden als jemals zuvor. Eine Euphorie steigt in ihr auf, und als endlich wieder die Musik einsetzt, bewegt sie sich mit den anderen, tanzt und schaut nicht mehr durch den Sucher, während sie wieder und wieder den Auslöser drückt. Im Rhythmus der immer schneller werdenden Beats.
Als der letzte Ton verklungen ist, richtet sie, schwer atmend, die Kamera auf sich selbst. Löst ein letztes Mal aus.
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