denn wer die erste Pforte des Schreckens hinter sich gelassen hat,
der ist in den Vorhof der Wirklichkeit eingezogen,
da seine Erkenntnis, sich selbst entdeckend und wie zum ersten Male
auf sich selbst gerichtet,
das Notwendige im All,
das Notwendige jeglichen Geschehens
als das Notwendige der eigenen Seele zu begreifen anhebt;
denn der, dem solches widerfährt,
der ist hinausgehalten in die Einheit des Seins,
in das reine Jetzt, das dem All und dem Menschen gemeinsam ist,
seiner Seele unveräußerlichster Besitzstand,
kraft welchem sie schwebt, schwebend vor Notwendigkeit,
überschwebend den drohend geöffneten Nichts-Abgrund,
überschwebend die Blindheit des Menschen;
denn er ist hinausgehalten in das ewigwährende Jetzt der Frage,
in das ewigwährende Jetzt nicht-wissenden Wissens, in des Menschen göttliches Vor-Wissen,
nicht-wissend weil es fragt und fragen muß,
wissend weil es jeder Frage vorangeht,
göttlich dem Menschen und nur ihm von Anbeginn verliehen
als seine innerste menschliche Notwendigkeit,
um derentwillen
er stets aufs neu die Erkenntnis zu befragen hat und
stets aufs neu von ihr befragt wird,
antwortsbang der Mensch, antwortsbang die Erkenntnis,
erkenntnisgebunden der Mensch, menschheitsgebunden die Erkenntnis,
sie beide ineinandergebunden und antwortsbang,
überwältigt von der Gotteswirklichkeit des Vor-Wissens,
von der Wirklichkeitsweite der wissenden Frage, die
von keiner irdischen Antwort, von keiner irdischen Erkenntniswahrheit
je zu erreichen ist und doch nur hier
im Irdischen beantwortet werden kann, beantwortet werden muß,
im Irdischen verwirklicht
als das Wechselspiel der verdoppelten Weltgestaltung,
Wirklichkeit zur Wahrheit umgestaltet, Wahrheit zur Wirklichkeit,
gemäß dem Befehl, dem die Seele untertan ist,
ihre Notwendigkeit;
denn die zur Frage gespannte Seele
ist hineingehalten in ihr Wahrheitsheil, das
erkenntnisbefohlen, fragebefohlen, gestaltungsbefohlen,
gespannt zwischen Wissens Sicherheit und Erkenntnisfähigkeit,
die Wirklichkeit sucht,
und solcherart
aufgerufen vom Ur-Wissen, aufgerufen von dieser wissenden Frage,
die um des Seins einheitsstiftende Zufallslosigkeit weiß,
hingerufen darob zum erkenntnisgeborenen Wissen,
hingerufen zu seiner Verwirklichung,
hingerufen zur Erkenntnis des Gesetzes, des zufallsentblößten,
ist die Seele in stetem Aufbruch begriffen,
aufbruchsbereit und aufbrechend zur eigenen Wesenheit hin,
zu ihrer Kreatürlichkeit und Außerkreatürlichkeit,
zufallsentblößt beides in der Erkenntnis des Gesetzes,
ihr Ausgangspunkt und ihr Ziel sphärenvereinigt,
den Menschen zum Menschen machend;
denn in den wissenden Erkenntnisgrund seiner Seele
ist der Mensch hineingehalten, in den Erkenntnisgrund
seines Tuns und Suchens, seines Wollens und Denkens, seines Träumens,
und er ist aufgetan der unendlichen Zufallslosigkeit im Wirklichen,
diesem umfassendsten und gewaltigsten,
ehernsanft wahrhaftigsten Wirklichkeitssinnbild seines Selbst,
in das er heimkehren will und heimkehrt
für immerdar,
hineingehalten in das Jetzt seines eigenen Sinnbildes,
auf daß es ihm zur steten Wirklichkeit werde;
denn es ist das Trotzdem seines Aufrufs,
in das der Mensch hineingehalten ist,
das Trotzdem des Ein gekerkerten,
das Trotzdem seiner unverlöschlichen Freiheit
und seines unverlöschlichen Erkenntniswillens,
so unbeugsam,
daß er größer als die irdische Unzulänglichkeit wird,
über sich hinauswachsend
das titanische Trotzdem des Menschentums;
wahrlich, in seine Erkenntnisaufgabe ist der Mensch hineingehalten,
und nichts vermag ihn davon abzübringen,
auch nicht die Unentrinnbarkeit des Irrtums,
verschwindend dessen Zufälligkeit vor der
zufallsenthobenen Aufgabe;
denn so sehr der Mensch in der Verkerkerung seiner irdischen Unzulänglichkeit gehalten wird - und gar einer, der mühselig ans Fenstersims angeklammert als ein Kranker und Todesgezeichneter mühselig nach Atem ringt -, und so sehr er bestimmt ist zur Enttäuschung, ausgeliefert jeglicher Enttäuschung im Großen wie im Kleinen, vergeblich jegliche Bemühung, fruchtno los im Vergangenen, hoffnungslos im Zukünftigen, und so sehr ihn die Enttäuschung vorwärtsgejagt haben mag, von Ungeduld zu Ungeduld, von Ruhelosigkeit zu Ruhelosigkeit, den Tod fliehend, den Tod suchend, das Werk suchend, das Werk fliehend, gehetzt und liebend und nochmals gehetzt, schicksalsgetrieben von einem Erkennen zum ändern, weggetrieben vom einstigheimatlichen Leben eines schlichten Schaffens und hingetrieben zur Mannigfaltigkeit jedweden Wissens und weitergetrieben zur Dichtung und weitergetrieben zur Erforschung der alten und verborgensten Weisheit, erkenntnisungeduldig, wahrheitsungeduldig, und wieder zurückgetrieben zur Dichtung, als könnte sie sich für eine letzte Wirklichkeitserfüllung mit dem Tode verschwistern - oh, Enttäuschung auch dies, Fehlweg auch dies -, oh, so sehr dies alles als schierer Fehlweg gelten mußte, ja, einfach Fehlweg war und ist, ja, kaum ein Ansatz zu einem ersten Schritt und bereits fehlgeschlagen vor dem ersten Ansatz, oh, so sehr dieses ganze Leben sich nun als gescheitert zeigt, gescheitert ist, versandet im Unzulänglichen von Anbeginn an, für immer und ewig zum Scheitern verdammt, weil nichts das Gestrüpp je zu durchbrechen vermag, weil der Sterbliche dem Dickicht niemals entkommt, weil er im bewegungslosen Herumirren auf der Stelle, verzweiflungsgebunden und zufallsgebunden, jedweder Furchtbarkeit des Irrtums verhaftet bleibt, oh, trotzdem und trotzdem, nichts ist ohne Notwendigkeit erfolgt, nicht erfolgt ohne Notwendigkeit, da das Notwendige der Menschenseele, da das Notwendige der menschlichen Aufgabe alles Geschehen und sogar den Fehlweg, sogar den Irrtum überwaltet; denn nur im Irrtum, nur durch den Irrtum, in den er unentrinnbar hineingehalten ist, wird der Mensch zum Suchenden, der er ist,
der suchende Mensch;
denn der Mensch braucht die Erkenntnis der Vergeblichkeit,
er muß ihren Schrecken, den Schrecken jeden Irrtums
auf sich nehmen und, ihn erkennend, bis zur Neige auskosten,
er muß des Schreckens inne werden,
nicht aus Selbstqual, wohl aber
weil nur in solch erkennendem Innewerden
der Schrecken zu überwinden ist,
weil nur dann es möglich wird,
durch des Schreckens hörnerne Pforte hindurch
ins Sein zu gelangen;
darum ist der Mensch hineingehalten in den Raum aller Unsicherheit,
hineingehalten, als trüge kein Schiff ihn mehr,
obwohl er dahinschwebt auf schwebender Barke;
darum ist er hineingehalten in die Räume und Aber-Räume
seines Innewerdens,
in die Räume seines innewerdenden Ichs,
Schicksal der menschlichen Seele,
aber derjenige, hinter dem
die schweren Torflügel des Schreckens sich geschlossen haben,
der hat den Vorhof der Wirklichkeit erreicht, und
das nicht-erkannt Fließende, über das er schwebend dahingleitet,
das Nicht-Erkennen, es wird ihm zum Wissensgrund,
da es das fließende Wachstum seiner Seele ist,
das unvollendbar Unvollendete des eigenen Selbst,
dennoch als Einheit sich entfaltend,
sobald das Ich seiner selbst inne wird,
unvergänglich vor Wachstum die fließende Einheit des Alls
ihm inne geworden, von ihm gesehen
in einer Gleichzeitigkeit, die kraft ihres Jetzt
all die Räume, in die er gehalten ist, zu einem einzigen macht,
zum ein-einzigen Raum des Ursprunges,
und gleich diesem
das Ich in sich birgt, um doch vom Ich gehalten zu werden,
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