Hermann Broch - Der Tod des Vergil

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"Der Tod des Vergil" ist ein Roman, in deren erzählt der Autor von den letzten Lebensstunden des römischen Dichters Virgil im Hafen von Brundisium nach. Virgils gesteigerte Wahrnehmungen während seines Todes erinnern an sein Leben und an die Zeit, in der er lebt. Der Dichter befindet sich in der Zeit zwischen Leben und Tod, so wie seine Kultur zwischen dem heidnischen und dem christlichen Zeitalter schwankt. Während er darüber nachdenkt, erkennt Virgil, dass die Geschichte an einem Scheitelpunkt steht und dass er in seinem Versuch, Schönheit zu schaffen, die Realität verfälscht haben könnte.

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Er rückte ein wenig in den Kissen hinauf, um die schmerzende Brust zu entlasten, sehr vorsichtig, damit die hingebreiteten Landschaften seines Ichs, die ihm Klarheit zu verbürgen schienen, nicht in Unordnung gerieten und nicht etwa sich ineinanderschüttelten, wie dies beim aufgerichteten Menschen der Fall ist, und dann tastete er neben sich nach dem Manuskriptkoffer hin, über dessen rauhlederne Deckelfläche er beinahe zärtlich die Hand hinfingern ließ: heiß und erregend war das Gefühl der Arbeit, das zwingende Entdeckergefühl, das große Wanderergefühl des Schaffens in ihm erwacht, und wäre nicht zugleich auch die große Wanderangst aufgekeimt, die gräßliche Angst des Wegverlorenen, der im Nachtdickicht umherirrt, diese seltsam tiefste Angst, von der alles Schaffen begleitet wird, es hätte das heiß-glückhaft Auffallende in seiner Brust sogar die Todesbereitschaft der mahnenden Schmerzen übertönt, hätte vielleicht sogar die Atemnot gelindert, hätte Fieberhitze und Fieberkälte zum Vergessen gebracht, und nichts hätte ihn mehr hindern dürfen sich sofort an die Arbeit zu setzen, leistungsbereit aufs neue zu beginnen, eingedenk jener Aufgabe, die er bis zum letzten Atemzuge zu erfüllen hatte und die ihm erst mit dem letzten Atemzuge wahrhafte Erfüllung bringen sollte. Nein, nichts hätte ihn von der Arbeit abhalten können, nichts hätte ihn davon abhalten dürfen, und alles hielt ihn ab, tat es so sehr, daß die Fertigstellung der Äneis nun schon seit Monaten völlig stockte und nichts übriggeblieben war als Flucht und wieder Flucht. Und nicht die Krankheit, nicht die Schmerzen, die längst gewohnten, längst gemeisterten, waren daran schuld, wohl aber die unentfliehbare, unerklärbare Beunruhigung, dieses beängstigte Gefühl ausweglosen Verirrtseins, dieses deutlich wissende Ahnen um ein ständig drohendes, ständig vorhandenes übermächtiges Unheil, dessen Wesen unerkennbar war, unentscheidbar seine Herkunft, unentscheidbar ob es im Innen oder Außen lauerte. Sehr vorsichtig atmend, lauschte er regungslos ins Dunkel. Die Kerzen auf dem Kandelaber erlosehen eine nach der anderen, bloß der Öllampe kleingeduldiges Licht neben dem Lager harrte aus, manchmal im Lufthauch an der leise klingenden Silberkette sanft hin und her baumelnd, widergespiegelt in einem schmetterlingsweichen, spinnwebigen Schattenpendeln an der Wand, und während draußen mählich die Straßenwildheit erstarb, und das wirre, ununterscheidbare Getöse sich zu allerlei Gewieher, Gejaunze, Gequake auf löste, das Geschwirr des Festes sich herausschied, mit hellerem und tieferem Gesumm in dem kaleidoskopisch gewordenen Lärmbild versprenkelt, wurde grundbaßähnlich der Gleichschritt abziehender Truppen vernehmbar, anzeigend, daß ein Teil der Wache in die Quartiere einrückte; dann wurde es still, freilich in einer Stille, die alsbald, seltsam schwirrend, ja sie selber das Schwirren, sich zu beleben begann, da plötzlich von weither, von überallher - kam es von den Feldern vor der Stadt, von denen in Andes ? - das Grillengezirpe zu hören war, der Myriadenton der Myriadengeschöpflichkeit, endlos in der Stille, die über das Endlose sich hinerdehnte. Still und mählich verblaßte nun auch der rötliche Widerschein des lichtglänzenden Straßenfestes, schwarz wurde die Zimmerdecke, schwarz bis auf den hellen Fleck oberhalb der Lampe, der nun wie ein sanft hin und her gleitendes Pendelmalen war, und die Sterne vor dem Fenster standen im Schwarzen. War dies das Beunruhigende, nach dessen Ursprung er suchte? Warum war es beunruhigend, da doch das Abflauen des niedrigverzweifelten Gegröles weit eher eine allgemeine Befriedigung hätte bedeuten können? Nein, das Unheil war geblieben, und nun erkannte er es, mußte er es erkennen : es war das Unheil der eingekerkerten Menschenseele, für die jede Befreiung immer nur wieder neue Einkerkerung ist.

Er starrte zum Fenster hin, und die Nacht kreiste in ihrem ungeheueren Raum, die Kuppel von Atlas gedreht, ruhend auf der Schulter des Riesen und besät mit funkelnden Gestirnen, die ungeheuere Nachthöhle, die nichts entläßt; er lauschte den Geräuschen der Nacht, und sie wurden ihm, dem Fiebernden, den es hingestreckt hatte, daß er unter seiner Decke friere und glühe, sie wurden ihm in seiner Überwachheit mit verschärfter Gleichzeitigkeit zur Wahrnehmung angetragen, die Bilder, die Gerüche, die Geräusche des Jetzt zusammen mit denen eines jeden gelebten und erlebbaren Einst, in zweifachem Erinnern des Rückwärts und Vorwärts, so sehr geschwellt von der unabweislichen, unerklärlichen Unheimlichkeit, so sehr unhabhaft entfliehend, so sehr geheimnisverborgen trotz all ihrer Nacktheit, daß er, aufgepeitscht und erlahmt zugleich, ins Chaotische zurückgestürzt wurde, in das Dickicht aller Einzelstimmen -, das Gestaltlose, dem er zu entrinnen geglaubt hatte, war neuerdings über ihn gekommen, nicht als das Ununterscheidbare des Herdenanfangs, hingegen sehr unmittelbar, ja geradezu handgreiflich, als das Chaos der Vereinzelung und einer Auflösung, die durch kein Belauschen, durch kein Festhalten je wieder zur Einheit zu fügen war; das dämonische Chaos aller Einzelstimmen, aller Einzelerkenntnisse, aller Einzeldinge, gleichgültig ob sie der Gegenwart oder der Vergangenheit oder der Zukunft angehören, dieses Chaos drang jetzt auf ihn ein, diesem Chaos war er aus geliefert, ja, dies war es gewesen, seitdem der brausend ununterscheidbare Lärm der Straße sich zu einem Dickicht von Einzelstimmen zu verwandeln angehoben hatte. Dies war es. Oh, jeder ist vom Stimmengestrüpp umgeben, jeder wandert sein Leben lang darin umher, wandert und wandert und ist dennoch in der Undurchdringlichkeit des Stimmenwaldes an die Stelle gebannt, ist verfangen im Nachtsprießenden, verfangen in Waldeswurzeln, die jenseits jeglicher Zeit und jeglichen Raumes ansetzen, oh, jeder istvon den unzähmbaren Stimmen und deren Fangarmen bedroht, von Stimmen gezweige, von den Aststimmen, die einander umschlingend ihn umschlingen, die auseinander herauswachsen, gerade aufschießend und wieder ineinander verkrümmt, dämonisch in ihrer Selbständigkeit, dämonisch in ihrer Vereinzelung, Sekundenstimmen, Jahrstimmen, Äonenstimmen, die sich zum Weltengeflecht, zum Zeitengeflecht verschränken, unverständlich und undurchdringlich in ihrer brüllenden Stummheit, feucht von Schmerzensgestöhn und harsch von der Freuden Wildheit einer ganzen Welt; oh, keiner entgeht dem Urgetöse, keinem ist es zu ersparen, da jeder, ob wissend oder nicht, selber nichts anderes ist als eine der Stimmen, selber zu ihnen gehört und zu ihrer unauflösbar-unzerteilbar undurchdringlichen Drohung -, wie konnte man da noch Hoffnung hegen! unrettbar ist der Verirrte im Dickicht eingekerkert, keine Bresche, keine Lichtung ist zu legen, und wollte er seine Hoffnung noch darüber hinausspannen, darüber hinausschicken, dorthin ins unausdehnbar Unendliche, wo die Einheit, die Ordnung, die Allerkenntnis der Stimmengesamtheit erahnt werden darf, der ahnungsvoll große Akkord ihrer selbst, stimmenschließend, stimmenlösend, der aus letzten Räumen wiedererklingende Echoakkord der Welteneinheit, der Weltenordnung, der Weltenallerkenntnis, die letzte Echolösung der Weltenaufgabe, es wäre solche Hoffnung des Sterblichen vermessen und den Göttern ein Greuel, sie zerbräche an den Wänden der Unhörbarkeit, verhallend im Stimmendickicht, im Erkenntnisdickicht, im Zeitendickicht, verhallend zu einem sterbenden Seufzen; denn unerreichbar ist der Stimmenquell des Zeitenanfanges, er liegt unter allen Wurzeltiefen, er liegt unter allen Stimmen, er liegt unter aller Stummheit, unerdringlich der Wurzelbrunnen der Wälder, in dem der Sternenplan der Einheit der Ordnungen und der Sprache aufbewahrt wird, unerschaubar das Sinnbild aller Sinnbilder, denn unendlich und mehr als unendlich ist die Vielfalt der Richtungen im übexunendlichen Raume, unendlich ist die Anzahl der Vereinzelungen, unendlich ist die Anzahl der Wege und ihrer Verschlingungen, und sogar die Vielräumigkeiten der Sprache und Erinnerung, sogar deren Richtungsreichtum und deren eigene Abgrundsunendlichkeit sind nur ein sehr schwacher, ein sehr spärlicher, ein in den irdisch-geringen Bildern gewobener Widerschein dessen, das von keinem Denken zu erfassen ist, dessen, das in seinem Atem jegliehen Sphärenraum aufbewahrt und dabei von jedem noch so kleinen Sphärenpunkt aufbewahrt wird, sich selbst ein- und ausatmend, sich selbst ein- und ausstrahlend, Widerschein eines vor Sinnbildhaftigkeit schier unaussprechbaren, schier unerinnerbaren, schier unverkündbaren Erkenntnisheils, das mit seinen Strahlen jeglichen Zeitenablauf überholt und jeden Sekundenbruchteil zur Zeitlosigkeit verwandelt: Kreuzungspunkt aller Wege, auf keinem erreichbar, das unverrückbar ewige, das unverrückbar entrückte Wegziel! schon der erste, der allererste Schritt, der in irgendeiner Richtung des Wegdickichts erfolgte, würde zu seiner Ausführung, und sei sie noch so eilig, ein ganzes Leben und mehr als ein ganzes Leben erfordern, es wäre ein unendliches Leben nötig, um eine einzige dürftige Erinnerungssekunde festzuhalten, ein unendliches Leben, um einen einzigen Sekundenblick in die Tiefe des Sprachabgrundes zu werfen! Lauschend in diese Sprachentiefe, hatte er gehofft das Sterben belauschen zu dürfen, hatte er gehofft ein Wissen, wenn auch nur den ahnenden Schimmer eines Vorwissens um jene Grenzerkenntnis zu erhaschen, die bereits Erkenntnis außerhalb der irdischen Erkenntnis wäre, doch selbst die Hoffnung war bereits Vermessenheit angesichts des Unerhaschbaren, das aus den Echowänden des Abgrundes heraufdrang, ein Blinken, das kaum mehr Blinken war, kaum mehr die Erinnerung an ein Blinken, kaum, mehr das Echo einer Erinnerung, ein hauchflüchtiger Hauch, so unsichtbar, daß nicht einmal Musik aus gereicht hätte, solche Unsichtbarkeit festzuhalten, geschweige denn sie als Ahnung des unfaßbar Unendlichen zum Ausdruck zu bringen; nein, nichts Irdisches vermag das Dickicht zu zerreißen, kein irdisches Mittel reicht aus die ewige Aufgabe zu lösen, die Ordnung aufzudecken und zu verkünden, vorstoßend zur Erkenntnis jenseits der Erkenntnis, nein, überirdischen Mächten und überirdischen Mitteln ist dies Vorbehalten, einer Ausdruckskraft, die jeden irdischen Ausdruck weit hinter sich läßt, einer Sprache, die außerhalb des Stimmengestrüpps und aller irdisehen Sprachlichkeit stehen müßte, einer Sprache, die mehr wäre als Musik, einer Sprache, die es dem Auge gestattete, herzschlagend und herzschlagrasch, die Erkenntniseinheit des Seins zu erfassen, wahrlich einer neuen, einer noch nicht gefundenen, überirdischen Sprache bedürfte es, um diese Leistung zu vollbringen, und Vermessenheit war die Bemühung, mit armseligen Versen sich an solche Sprache heranzuwagen, fruchtlose Bemühung und lästerliche Vermessenheit! ach, es war ihm vergönnt gewesen die ewige Aufgabe zu sehen, des Seelenheiles Aufgabe, es war ihm vergönnt gewesen den Spaten anzusetzen, und er hatte nicht gemerkt, daß er sein ganzes Leben hieran verschwendet hatte, das Leben verschwendet, die Jahre vergeudet, die Zeit vertan, nicht etwa, weil er gescheitert war und sich unfähig erwiesen hatte, unfähig nur ein einziges Würzelchen freizulegen, sondern weil schon der bloße Entschluß den Spaten anzusetzen, ein unendliches Leben erschöpfen würde, mehr noch, weil der Tod jedwede Seele überholt und selber durch nichts einholbar ist, auch nicht mit Hilfe der belauschten Sprache und einer vorbelauschten Erinnerung, übermächtig der Tod, übermächtig das Dickicht, das durch nichts zu lichten ist und den Verirrten unbarmherzig verkerkert, hilflos der Verirrte, er selber nur eine hilflose Stimme im Gestrüpp der Vereinzelungen. Wie konnte man da noch Hoffnung hegen?! entpuppte sich da das menschliche Geschehen, wie immer und wo immer es statthatte, nicht unweigerlich als Ausfluß der kreatürlichen Angst, als ein besessenes Angstgeschehen, aus dessen Dämmerkerker es kein Entrinnen und kein Ausbrechen mehr gibt, da es die Angst der im Dickicht verirrten Kreatur ist? Tiefer denn je war er dieser Angst inne geworden, besser denn je verstand er der verirrten Seele niemals erschweigenden Wunsch nach todesaufhebender Zeitüberwindung, besser denn je verstand er die unverlöschliche Hoffnung der kreatürlichen Massen, verstand er, was die dort drunten, Stimmen und Aber-Stimmen auch sie, mit ihrem wildverzweifelten Gegröle begehrten, verstand er sie, wenn sie an ihrer Inbrunst, an ihrer Pöbelinbrunst unverbrüchlich und unbelehrbar hafteten, aus sich herausschreiend, in sich hineinschreiend, es möge und es müsse in dem Gestrüpp eine ausgezeichnete, eine stärkste, eine außergewöhnliche Stimme geben, eine Führerstimme, der sie sich bloß anzuschließen brauchten, um in deren Abglanz, im Abglanz des Jubels, des Rausches, der Nacht, der cäsarischen Gottähnlichkeit sich mit einem letztatmig wilden, stierhaft machtbrüllenden Anstürmen doch noch einen irdischen Weg aus der Verstrickung ihres Daseins bahnen zu können, und dies erkennend sah er, verstand er, erkannte er besser denn je, daß sein eigenes Trachten zwar in der Form und in der Überheblichkeit, nicht jedoch durch Sinn und Inhalt, sich von diesem rohen, aber ehrlicheren Vergewaltigungswillen der rasend gewordenen Herde unterschied, daß er die schlichte, kreatürliche Angst, die ihn mit genau derselben Stärke umfangen hielt, nur getarnt hatte, umgelogen in eine Sehnsucht nach allerkennender Ordnungseinheit, umgelogen in ein vergebliches und darum doppelt scheinheiliges Lauschen und Vorlauschen, daß er die Hoffnung auf die wegbereitende, außergewöhnliche Führerstimme, diese irdischeste Pöbelhoffnung, die auch die seine war, einfach an den Rand des Irdischen geschoben hatte, sich vortäuschend, daß sie ihm einstens von dorther ertönen und dann überirdisch sein werde, Phantom seiner Überheblichkeit, dem Irdischen verhaftet und der Vergeblichkeit alles Irdischen verfallen; oh, er erkannte besser denn je die Vergeblichkeit der massentierischen Ausbruchsversuche und ihrer Furchtgejagtheit, deren Fluchtangriffe, aufbrüllend vor Hoffnung, abschweigend vor Enttäuschung, immer wieder in die starre Schattenlosigkeit des Nichts münden mußten, zeitenverirrt und der Zeit nicht entrinnend, und er erkannte, daß ihm das nämliche Los beschieden war, ebenso unausbleiblich, ebenso unentrinnbar, der Absturz in die Starrheit eines Nichts, das den Tod nicht auf hebt, sondern selber der Tod ist. Oh, sein Leben war verirrt und vertan, denn der Weg, den er gegangen war, der war von vomeherein Ausweglosigkeit gewesen, beladen mit dem Wissen um die falsche Richtung, beladen mit dem Wissen um die Verirrtheit, von vorneherein ein Irren und Herumtasten und Herumdämmern im Dickicht, ein Leben des falschen Verzichtes und des falschen Abschiedes, beladen mit der Furcht vor der unausbleiblichen Enttäuschung, die er ebendeshalb, nicht anders eben wie die Hoffnung, an den Rand des Lebens und des Irdischen geschoben hatte. War dieser Rand nun erreicht, da nichts geblieben war als die Enttäuschung? da nichts geblieben war als der kalte Schrecken, lähmend und atemberaubend, uneingestanden vielleicht, der Schrecken des Sterbens, sicher aber und vielleicht noch stärker der Schrecken der Enttäuschung? nichts war geblieben als die Erstarrung, die wie eine geheimnisvolle, von den Sternen bestimmte Strafe auf ihm lastete, eine Sünde bestrafend, die aus dem vorschicksalshaft Unwiederbringlichen herstammte, eine Sünde, die er nicht begangen hatte und die, ehe sie noch begangen werden konnte, Vermessenheit war, eine ewig unbegangene Sünde, ewig hinter ihm stehend, ewig der ewigen Erkenntnisaufgabe entgegenstehend, ewig ihm auferlegt, damit er seine Aufgabe, damit er die Erfüllung nicht sehe, unsichtbare Strafe in unsichtbarer Erstarrung, die Sünde und die Strafe der Nicht-Erweckung, zeiterstarrend, spracherstarrend, erinnerungserstarrend, das Dämmerlauschen, erstarrt im Nichts, im Ödfeld des Todes, und sehr verlassen in solcher Starrheit lag sein Leib da, siech und müdegealtert, hingebreitet und saturnisch hingedämmert über die Zonen seines Ichs, die durchsichtiger und durchsichtiger, verschwindender und verschwindender wurden, und die, verlassen sogar von den Dämonen, immer mehr und mehr verödeten, regungslos, als wären sie leere Fenster ohne Aussicht: nichts war daneben geblieben, nichts war daneben noch erinnerbar, da alles, was ihm einstmals Lebensgewinn bedeutet hatte, das einstmals Zeitlose, das einstmals Erinnerungspflichtige,' ihm vorgealtert war, noch rascher gealtert als er selber, ihm entschwunden und versunken ins Kaum-Erschaffene, Kaum-Gelebte, und gealtert und verwelkt und abgestorben waren die einstmals so überaus hellen, durchklärt-hartschimmernden Bilder seiner Lebenslandschaft, abgestorben und abgefallen waren die Verse, die er darum gerankt hatte, dies alles war verweht wie braunes Laub, nicht mehr erinnert, nur noch gewußt, jahrzeitverweht, jahrzeiterschöpft, ein vergessenes Rascheln; vieles, oh, vieles war gewesen, Altvergangenes, Jüngstvergangenes, war gewesen in tausendfacher Vielfalt und millionenfacher Vereinzelung, doch nie war es bis zu ihm gelangt, nie hat es zur Gesamtheit werden dürfen, unabgeschlossen der Gedächtnisring, nie wird es bis zu ihm gelangen, es war bereits im Erleben abgelehnt zum Nichterlebten und blieb ungetan, gleichwie die Erfüllung seiner unendlichen Aufgabe im Ungetanen versandete, stockend bereits in ihrem ersten Schritte, gleichwie dieser Schritt, obwohl er nun schon ein ganzes Leben andauerte, noch immer, ja sogar von vorneherein ungetan war, verharrend in einer schaurig-unüberwindlichen Lähmung, für die es kein Vor und kein Zurück mehr gab, so daß auf den ersten ungetanen Schritt kein zweiter mehr wird folgen können, weil der Abstand zwischen den einzelnen Lebenssekunden zu einem unermeßlich unüberbrückbaren leeren Raum gewachsen ist und von hier aus überhaupt nichts mehr folgen kann, weder rasch noch langsam, weil sich überhaupt nichts mehr fortsetzen läßt, unfortsetzbar das Getane und Ungetane, unfortsetzbar das Gedachte und Ungedachte, das Ausgesprochene und Unausgesprochene, das Gedichtete und Ungedichtete, oh, - ihr Götter! auch die Äneis wird unabgeschlossen bleiben müssen, unfortsetzbar, unabgeschlossen wie dieses ganze Leben! Sollte dies tatsächlich so von den Sternen bestimmt sein? sollte dies tatsächlich das Los des Gedichtes werden?! das Schicksal der Äneis, sein eigenes Schicksal, unvollendet ! War dies denkbar, oh, war dies denkbar?! Das schwere Tor des Schreckens war aufgesprungen, und dahinter tat sich mächtig-allumfassend das Gewölbe des Entsetzens auf. Etwas Fürchterliches, das ihn von außen und von innen zugleich anpackte, etwas gräßlich Unbekanntes riß ihn hoch, jählings, aufschmetternd-bösartig, überschmerzlich-schmerzhaft, riß ihn hoch mit all der wüsten, lähmungsprengenden, erstickungsverzweifelten Kraft, die dem ersten Blitzdonner eines ausbrechenden Gewitters innewohnt, so fuhr es würgend in ihn hinein, todbringend, toddrohend, dennoch die Sekunden wieder aneinanderrückend und den Leerraum zwischen ihnen blitzartig mit jener Unfaßbarkeit anreichernd, welche Leben heißt, und fast war es ihm, als blitzte in dem Blitz nochmals die Hoffnung auf, fast war es ihm, während er, gefügt unter die eherne Klammer, atemrasch, blickrasch emporgerissen wurde, als geschähe es, damit das Versäumte und Verlorene und Nichtfertiggestellte nun doch noch, vielleicht sogar nur in dem Nu des wiederaufgelebten Sekundenatems nachgeholt werden könne; Hoffnung oder Nichthoffnung, er wußte es nicht, schmerzbetäubt, schreckensbetäubt, lähmungsbetäubt, wußte er es nicht, aber er wußte, daß jede Sekunde neuaufgelebten Lebens sehr vonnöten und wichtig war, er wußte, daß er nur für dieses Lebensaufflammen, mochte es kurz oder lang währen, emporgejagt wurde, weggejagt vom Lager der Starrheit, er wußte, daß er der Unatembarkeit des starrumwandeten geschlossenen Raumes zu entrinnen hatte, daß er den Blick nochmals hinaussenden mußte, abgewendet von sich, abgewendet von den Zonen des Ichs, abgewendet vom Ödfeld des Todes, daß er noch einmal, ein einziges Mal noch, vielleicht das letzte Mal, den All-Raum des Lebens würde umfassen müssen, oh, er mußte noch einmal, ein einziges Mal die Sterne sehen, und steif vor dem Bett emporgerichtet, gehalten von der Klammerfaust, die seinen ganzen Körper durchgriff und doch von außen umfing, bewegte er sich steifgliederig, marionettenhaft geleitet, drahtig-eckig und unsicher-stelzig zum Erkerfenster zurück, an dessen Wandung er erschöpft sich anlehnte, ein wenig abgeknickt wegen seiner Schwäche, trotzdem noch aufgerichtet, um mit zurückgezogenen Ellbogen und taktmäßig tiefem Atem seinem Lufthunger Genüge zu tun, damit das Sein sich wieder öffne, teilnehmend am Atemfluten der wiederersehnten Sphären.

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