Gertrude Aretz - Gesammelte Werke

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Gertrude Aretz war eine deutsche Historikerin, bekannt für das Schreiben von Biographien berühmter historischer Persönlichkeiten wie Napoleon Bonaparte, Elisabeth I., Kaiserin Katharina II und anderen.
Diese Sammlung enthält:
"Berühmte Frauen der Weltgeschichte" – Jede Frau in diesem Buch spielte eine Rolle in der Geschichte ihres Heimats oder in der Weltgeschichte.
"Königin Luise" – Dieses Buch erzählt über das Schicksal von Königin Luise nicht nur als Frau von Friedrich Wilhelm III, sondern auch über ihre persönlichen Erfahrungen, Leiden und die Opfer, die sie für den Aufstieg Preußens gebracht hat.
"Elisabeth von England" – Lebensgeschichte der der mächtigen jungfräulichen Königin
"Glanz und Untergang der Familie Napoleons" – Napoleon Bonaparte wäre nicht das, was er wurde, wenn seine Familie nicht wäre. Dieses Buch erzählt Ihnen von seinen Verwandten und ihrem enormen Einfluss auf die Geschichte Europas.
"Die elegante Frau" – Die Geschichte der Eleganz durch die Linse der Mode der verschiedenen Jahrhunderte

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Nach der Lektüre der Sévigné verfiel sie auf Voltaires Werke, dessen gelehrigste und begeistertste Schülerin sie wurde. Trotz Montesquieu, trotz Tacitus, Plato und vielen anderen Grossen blieb Voltaire stets ihr Meister, ihr Abgott, ihr Orakel. Sie hegte eine unbegrenzte Verehrung für den Philosophen von Ferney; mit unnachahmlichem Eifer studierte sie alles, was von ihm kam. Sie, die nicht besonders empfindsam war, strömte über in Bewunderung des Ausdrucks, wenn sie später von dem Manne sprach, dem sie ihr geistiges Leben verdankte, ohne ihn je persönlich gekannt zu haben. «Hören Sie», schrieb sie später einmal an Grimm, der ihren Briefstil gelobt hatte, «wenn wirklich Kraft, Tiefe und Anmut in meinen Briefen und meiner Ausdrucksweise sind, so danke ich alles Voltaire. Denn lange lasen, studierten und lasen wir von neuem alles, was aus seiner Feder kam. Ich kann wohl sagen, ich habe ein so feines Gefühl erlangt, dass ich mich nie über das getäuscht habe, was von ihm war oder nicht. Die Klaue des Löwen hat eine Weise, alles anzupacken, die noch kein Mensch bis jetzt nachahmen konnte.» Und nach diesem bedeutenden Vorbilde entwickelte sich Katharina langsam zu der grössten und freiesten Idealistin, die je auf einem Throne gesessen. Immer eifriger widmete sie sich dem Studium philosophischer, historischer und staatswissenschaftlicher Werke, gleichsam, als wolle sie sich für ihre künftige Regierungstätigkeit vorbereiten. Zu jener Zeit ihrer Entwicklung legte sie auch tagebuchartige Notizen an, in denen sich bereits jene optimistische Weltanschauung kundtut, der sie bis ans Ende treu blieb. In diesen Tagebuchblättern finden wir auch die ersten Anfänge ihrer Rechtspflege, ihrer Gesetzgebung und aller ihrer Regierungsprinzipien.

Währenddessen ging das Leben ihrer Ehe in vollkommener Banalität hin. Immer unerträglicher wurde ihr die Gesellschaft Peters. Die Jugend und ihr lebhaftes Temperament liessen sie jedoch auch während der Jahre ihrer geistigen Verinnerlichung nicht nur über Büchern hocken.

Es fehlte ihr nicht an Jugendfrische und der Lust zu allerlei Scherz und Streichen. Sie war eine gesunde Natur voll Leichtigkeit; der Gram über ihre traurige Ehe verzehrte sie nicht. Sie war gern in lustiger Gesellschaft und amüsierte sich, wo sie konnte. Scherz und Ernst, Arbeit und Genuss konnte sie gleichzeitig in ihrem reichen Charakter vereinigen, ohne dem einen oder dem andern zu schaden. Was die Gunst des Augenblicks ihr bot, wusste sie zu erfassen. Sie tanzte für ihr Leben gern und verfehlte nie die Gelegenheit dazu. Am meisten Vergnügen aber fand sie am Reitsport. Gleich nach ihrer Ankunft in Russland lernte sie reiten und betrieb es nachher mit wahrer Leidenschaft. Am liebsten ritt sie im Herrensattel. Da das jedoch die Kaiserin Elisabeth, die selbst eine vorzügliche Reiterin war, nicht gern sah, weil sie glaubte, es sei der Grund, warum Katharina keine Kinder bekomme, so hatte die junge Grossfürstin einen besonderen Trick erfunden. Sie hatte sich einen Sattel machen lassen, den man auf beide Arten benützen konnte. Sie schien gehorsam und unterwürfig gegen die Personen, die ihr zu gebieten hatten, aber im Innern war sie frei, unabhängig, eine Herrennatur und dem ganzen Hofe in allem überlegen. Vor ihr lag eine reiche Zukunft, Ruhm und Glanz, die volle Befriedigung ihrer wahren Herrschernatur. Trotz ihres Genusslebens dachte die Kaiserin Elisabeth bisweilen auch an die Zukunft des russischen Reiches, dessen Regierung nach ihrem Tode in den Händen ihres unvernünftigen Neffen Peter ruhen sollte. Längst hatte sie seine Fehler erkannt, aber längst auch war es ihr klar, dass die Grossfürstin Katharina keine gewöhnliche Frau sei, sondern sich einst eigenwillig ihre Stellung begründen würde, wie sie es selbst getan hatte. Sie liebte aber weder Peter noch Katharina.

Der Tod überraschte die alte Zarin am 5. Januar 1762. Er änderte vieles in der politischen Lage Europas, aber in Russland ging er ohne bemerkenswerte Zeichen vorüber. Peter III. bestieg ruhig, ohne irgendwelchen Widerstand von seiten des Volkes zu finden, den Zarenthron. Als Elisabeth ihren letzten Atemzug tat, befanden sich Peter und Katharina in ihrem Sterbezimmer. Der Senator Fürst Trubetzkoi proklamierte, aus dem Schlafzimmer der verstorbenen Kaiserin heraustretend, die Thronbesteigung des neuen Zaren.

Es schien, als wenn die ersten Schritte Peters III. als Herrscher von einer sehr vernünftigen Einsicht geleitet seien. Dieser günstige Eindruck wurde jedoch sehr bald durch Peters Bizarrerien aller Art verwischt. Er beging vor allem den grossen Fehler, das russische Volk in seinem Innersten zu verletzen, indem er alles Russische verbannte und es germanisieren wollte. Ausserdem schuf er sich in seiner klugen Frau seine grösste und gefährlichste Feindin. Friedrich der Grosse soll ihn gewarnt und ihm geraten haben, sich Katharinas Freundschaft zu erwerben. Peter achtete dieses wohlgemeinten Rates nicht. Er hätte es am liebsten gesehen, wenn Katharina überhaupt nicht Kaiserin geworden wäre. Absichtlich wurde sie bei allen offiziellen Angelegenheiten übergangen. In dem Manifest, das am Tage der Thronbesteigung Peters bekanntgemacht wurde, ist weder ihr Name, noch der des kleinen Grossfürsten Paul, ihres Sohnes, genannt. Angeblich, weil Peter ihn nicht für seinen Sohn hielt. Sobald Peter die Macht in Händen hatte, rächte er sich für die Ueberlegenheit, die Katharina ihm bisweilen gezeigt, als er noch nichts zu sagen hatte. Er behandelte sie mit der grössten Verachtung. Sie hatte nicht den geringsten Einfluss auf Geschäfte und öffentliche Fragen und musste täglich die gröbsten Beleidigungen von ihrem Gatten über sich ergehen lassen. Die Kaiserin musste es sich auch gefallen lassen, dass Peters Geliebte die besten und schönsten Gemächer im Schlosse bewohnte, während sie selbst einen entlegenen Flügel angewiesen bekam. Elisabeth Woronzoff wurde überall mit Ehren überhäuft, während Katharina nur einen kleinen Hof Getreuer um sich versammelte. Sie befand sich in einer äusserst kritischen und gefahrvollen Lage, um so mehr, da sie in jener Zeit dem Grafen Bobrinski, dem Kinde Orloffs, das Leben schenkte.

Alle Zeitgenossen bemerkten damals ihr niedergedrücktes Wesen, aber auch ihre würdevolle Haltung ihrem Gemahl gegenüber. Es kam nie eine Klage über ihre Lippen; sie hatte nur Tränen zu ihrer Verteidigung. Man kannte in ihr kaum die kühne Grossfürstin wieder. Sie lebte ganz für sich und abgeschieden und schien sich gegen alles mit Philosophie zu wappnen. Bei Katharinas leicht erregbarem Charakter musste ein solches Benehmen Verdacht erwecken. Die ihr Näherstehenden glaubten daher auch nicht an diese ergebene Selbstverleugnung. Man wusste ja, dass sie ihren Mann nicht nur wegen seiner Unbedeutendheit verachtete, sondern im Grunde ihres Herzens leidenschaftlich hasste. Nun galt sie nichts und war noch obendrein den tiefsten Demütigungen von diesem Manne ausgesetzt, dem sie doch geistig so sehr überlegen war. Wohl erschien sie äusserlich ruhig gegen alle Erniedrigungen, aber in ihrem Innern gewannen immer mehr die Pläne zu ihrer Befreiung Gestalt.

Bereits fünf Jahre früher hatte sie an den englischen Gesandten geschrieben: «Ich würde nicht, wie Iwan der Schreckliche, bei Ihrem Könige eine Zuflucht suchen; denn ich bin entschlossen, entweder zu regieren oder unterzugehen.» Und es kam so, wie sie gesagt hatte. Sie regierte! Sie gewann schliesslich die Oberhand. Peter schloss sich immer enger an die Gräfin Woronzoff an, und seine Anhänger, die Feinde Katharinas, waren bestrebt, in ihm den Gedanken an eine Heirat mit seiner Geliebten zu befestigen. Aber Katharina hatte neue Freunde, von denen sie alles verlangen konnte. Sie stützten und trösteten sie. Diese Freunde waren die junge und kühne Fürstin Katharina Daschkoff, Graf Nikita Panin, die fünf Brüder Orloff, Leo Narischkin und seine Schwägerin, Madame Siniawin, der Hauptmann Passek, Fürst Repnin, Teplow, ein Piemontese namens Odard, später Sekretär Katharinas, und mehrere andere Personen des Hofes. Die Fürstin Daschkoff und Graf Panin waren nicht nur miteinander verwandt, sondern auch sehr eng befreundet. Sie hatten beide die gleichen Ansichten, und die Fürstin, ein energischer, fast männlicher Geist, besass ungeheuren Einfluss auf den zukünftigen ersten Minister Russlands. Er, sie und die Brüder Orloff waren gewiss die Hauptbeteiligten an der Verschwörung gegen den Zaren Peter. Sie sahen das ganze Unheil voraus, das Katharina drohte; denn sie wussten, dass Peter III. die Absicht hatte, seine Gemahlin zu verstossen und ihren Sohn für illegitim zu erklären. Dass dies geschähe, musste durch einen Handstreich verhindert werden. Die allgemeine öffentliche Meinung gegen Peter hatte mit diesen persönlichen Verhältnissen jedoch nichts zu tun.

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