Auch hier zeigte sie sich als vollendete Schauspielerin und Beherrscherin der Situation. Kurze Zeit nachdem Alexis Orloff ihr die fürchterliche Nachricht überbracht hatte, erschien sie wie gewöhnlich vor versammeltem Hofe mit lächelnder, liebenswürdiger Miene, zum Scherzen aufgelegt, in bester geistiger Verfassung und ohne die geringste Erregung zu verraten. Erst als am nächsten Tag ein Manifest den Tod Peters bekanntmachte, weinte Katharina heisse öffentliche Tränen und erschien nicht bei Hofe. Sie spielte die vom Schmerz gebeugte Frau. So verlangte es der Anstand, die Hofsitte. Und Katharina hielt jederzeit streng auf äussere Etikette an ihrem Hofe. Das hinderte sie jedoch nicht, dem toten Peter nicht die Ehren zu erweisen, die ihm als Zaren bei seiner Bestattung zukamen. Ohne Prunk wurde der Leichnam in der holsteinischen Paradeuniform drei Tage ausgestellt. Seine Hände waren mit weissen Handschuhen bekleidet, an denen Augenzeugen Blutspuren gesehen haben wollen. Der Kopf war ganz verbunden und die Züge waren vollkommen unkenntlich. Darnach wurde der Leichnam nicht wie die der übrigen russischen Herrscher in der Festung beigesetzt, sondern in das Alexander-Newskikloster überführt, wo sein Grab vollständig in Vergessenheit geriet. Erst der Sohn, der furchtbarste Hasser seiner eigenen Mutter, zog nach 35 Jahren, bei Katharinas Tode, wie eine schreckliche Anklage gegen sie selbst die Gebeine seines Vaters ans Tageslicht. Er liess den toten Kaiser krönen und ihm die gleichen Ehren erweisen, wie der eben verstorbenen Kaiserin. Und, gleichsam wie zum Hohne, liess er beide Seite an Seite in der Gruft ruhen, als habe sie niemals etwas im Leben getrennt.
Katharina war gross. Aber auf ihrem Ruhme hätten die Zweifel an ihrer Unschuld am Tode des Gatten nicht wie brennende Flecken der Schande leuchten dürfen. Noch heute sind diese Zweifel nicht ganz behoben. Sie selbst tat nichts, sie aus der Welt zu schaffen; denn keiner der Beteiligten wurde von ihr verfolgt oder bestraft. Im Gegenteil, alle, die die letzten Stunden Peters geteilt hatten, kamen zu Ehren und Würden. Damit erklärte sie sich, wenn nicht mit der Absicht selbst, so doch mit der Tatsache einverstanden.
Es ist hier nicht der Ort, auf historische Untersuchungen über die Mitschuld Katharinas an diesem bedauerlichen Ereignis einzugehen oder zu ermitteln, auf welche Weise Peter den Tod fand. Man kann nur annehmen, dass die wahren Urheber des Verbrechens die Orloffs waren. Alexis Orloff, Teplow und die anderen Offiziere, die mit der Ueberwachung des gefangenen Zaren betraut waren, sollten ihn bei der Abendmahlzeit betrunken gemacht und vergiftet haben. Andere wieder nehmen auf Grund eines vorgefundenen Briefes Alexis Orloffs an die Kaiserin an, Alexis habe den Zaren mit eigener Hand während eines Gelages, bei dem alle, und Peter am meisten, betrunken waren, erdrosselt. Sicher ist, dass die Orloffs das grösste Interesse hatten, ihn ganz von der Bildfläche verschwinden zu lassen. Dann war Katharina auch von der ehelichen Kette frei und konnte sich wieder verheiraten mit einem Manne, der mit ihr die Macht teilte. Gregor Orloff hatte genug Einbildungskraft, sich bereits an der Seite Katharinas auf dem Throne zu sehen. Es wäre indes von schwerwiegenden Folgen für ihn gewesen, hätte er sich selbst zum Hauptschuldigen an dem Morde Peters gemacht. Daher übernahm diese Rolle sein Bruder Alexis. So sehr Katharina vielleicht auch eine Zeitlang gewünscht hatte, Orloff durch feste Bande der Ehe an sich zu fesseln, so sehr unterlag sie doch ihren Leidenschaften, die sich aber meist auf ihr Schlafzimmer beschränkten. Ihre Liebe ging zwar oft mit der Politik Hand in Hand, niemals aber gewann sie die Oberhand über die Staatsgeschäfte. Katharina war jetzt Selbstherrscherin; einen Gatten brauchte sie nicht auf dem Thron. Hingegen führte sie das Günstlingswesen in einer Weise ein, wie man es nie an einem weiblichen Hofe gesehen hatte. Sie errichtete zu diesem Zwecke ein Hofamt, mit dem ein hohes Gehalt, Ehren und Auszeichnungen, Würden und Titel verbunden waren. Mehr als zwölf offizielle Günstlinge folgten aufeinander während ihrer Regierung. Einige dieser Männer, wie Orloff, Patiomkin, Lanskoi, Zubow, besassen Ehrgeiz, Kühnheit, Kenntnisse, bisweilen Geist und Gefühl. Mancher behielt bis zu seinem Tod die Freundschaft der Kaiserin, nachdem er längst aufgehört hatte, ihr als Mann zu gefallen. Er wurde der treue Kamerad, der Freud und Leid mit ihr teilte. Fast jedem, der eine Zeitlang ihr Leben geteilt hatte, blieb Katharina in dankbarer Freundschaft gewogen. Er konnte sicher sein, die höchsten Aemter und Würden zu erlangen und von ihr mit Reichtümern und Wohltaten überhäuft zu werden. Nie hat sie einen verabschiedeten «persönlichen Adjutanten» bestraft oder mit ihrem Hass verfolgt. Auch diejenigen, die aus eigenem Willen von ihr gingen, wie Mammoff, brauchten nichts von ihr zu fürchten. Nie hatten sie unter Katharinas Rache zu leiden. Einen einzigen ihrer Freunde nur demütigte sie, nachdem sie ihn auf die höchste Stufe des Glanzes und der Macht, auf einen Thron erhoben hatte. Poniatowski, der zärtliche Geliebte ihrer Jugend, an dessen ritterliche, leidenschaftliche, bewundernde Liebe sich für Katharina die schönsten Erinnerungen knüpften, er allein fühlte die Schmach, von der mächtigen Geliebten erniedrigt zu werden. Sie hatte ihn als König schwach und feige gesehen. Katharina aber verachtete die Schwächlinge und Feiglinge sowohl im Leben als auch in der Politik. Sie war nachsichtig und versöhnlich in der Liebe, aber unerbittlich und streng in allen politischen Angelegenheiten. Sie liess den einstigen Geliebten nach Petersburg kommen. Er musste seine entthronte Grösse vor aller Welt zur Schau tragen. Stolz, Ruhmessucht, Ehrgeiz und Eitelkeit waren ihre stärksten Leidenschaften. Die Liebe kam erst an zweiter Stelle, obwohl ihr Leben anscheinend das Gegenteil beweist. Sie liess sich nie vom Gefühl beherrschen. Ihr Genie, ihr Geist, ihre staatsmännischen Fähigkeiten standen über den Leidenschaften ihrer Veranlagung und ihres intimen Lebens.
Trotzdem sie sich mehr wie jede andere Frau dem Genusse hingab, regierte sie ihr ungeheures Reich mit bewundernswerter Geschicklichkeit. Vieles in ihrem Leben war nur Schein, aber sie wusste diesen Schein als Echtheit wirken zu lassen. Sie verstand es, in allem zu imponieren. Man wusste nicht, was man mehr bewundern sollte, ihre Eigenschaften als Staatsmann oder als Frau. Man war in beständiger Begeisterung über ihre grenzenlose Güte, ihre gewinnende Liebenswürdigkeit und ihre physische Schönheit. Könige, Staatsmänner, Gelehrte, Philosophen und Dichter, alle sahen in Katharina ihresgleichen. Voltaire wusste nicht, was er mehr hervorheben sollte, ihre grossen politischen Handlungen oder ihre literarischen Arbeiten. In lyrische Ekstase und Bewunderung gerät Diderot. «Grosse Fürstin», schreibt er, «ich werfe mich Ihnen zu Füssen; ich breite meine Arme aus, ich möchte sprechen, aber mein Herz krampft sich zusammen, mein Kopf schwindelt, meine Gedanken verwirren sich, ich bin gerührt wie ein Kind. Wie von selbst gleiten meine Finger über eine alte Leier, und ich muss singen: Vous qui de la divinité, nous montrez, sur le trône, une image fidèle ...» Selbst Friedrich der Grosse, der im allgemeinen nicht viel von weiblichen Herrschern hielt, erkannte die Fähigkeiten der grossen Katharina. Ihr Genie prägte sich auch in ihrem Aeussern aus. Obgleich klein von Gestalt, erschien sie allen gross, imponierend, majestätisch, wenn sie an ihrem Hofe erschien. Die Malerin Vigée-Lebrun konnte sich über dieses Phänomen nicht genug wundern. Graf Ségur fand zwar, als er Katharina bei einer Audienz zum erstenmal in der Nähe sah, manches an ihr theatralisch, vieles in Szene gesetzt, aber auch er wurde bald gepackt von der Erscheinung dieser merkwürdigen Frau. Ganz selten begegnen wir in der Geschichte Katharinas tadelnden Urteilen ihrer Zeitgenossen. Man warf ihr höchstens einen zu grossen, zu hochmütigen Optimismus vor. Sie war indes überzeugt, dass ihr alles gelingen müsse, dass sie alle Hindernisse beseitigen werde.
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