Sie dachte nicht daran, in ihrem Reiche so radikale Reformen einzuführen wie Peter der Grosse. Mit ihrem gesunden Menschenverstand begriff sie sofort, dass es zu grosser und weitgreifender Veränderungen bedürfe, um etwas ganz Neues aus diesem unermesslichen Staate zu machen. Deshalb war ihre Regierung eine der klügsten, die Russland je gehabt; sie ging vollkommen mit den Ideen der Zeit und ihres Landes Hand in Hand. Zwar besass Katharina nicht die Gabe, sich bedeutende Staatsmänner und Helfer auszusuchen – ihr erster Minister Panin war ein sehr durchschnittlicher Mann –, aber sie verstand es wundervoll, ihre Leute auszunützen und den grössten Vorteil aus ihren Diensten zu ziehen. Und das gelang ihr allein durch ihr gewinnendes Wesen, ihre grosse Liebenswürdigkeit, mit der sie Schmeicheleien zu sagen verstand, und die wahrhaft königliche Art, die geleisteten Dienste mit Reichtümern und Auszeichnungen zu belohnen. Dadurch schuf sie sich die ergebensten Freunde und stärksten Stützen ihrer Macht und Volkstümlichkeit. Ihre Generale, von denen einige genial und unternehmend waren, gingen für sie durchs Feuer und mit Begeisterung in den Tod. Ihre Siege belohnte Katharina glänzend. Niemals tadelte sie eine Niederlage oder eine unkluge diplomatische Handlung. Sie munterte im Gegenteil die vom Pech verfolgten Truppenführer zu neuen Taten auf und versicherte sie einer baldigen Rehabilitierung. Dadurch fühlten sich die Betreffenden doppelt verpflichtet, alles daran zu setzen, um ihren Fehler wieder gutzumachen. Schliesslich erfasste Katharinas unverwüstlicher Optimismus in allen Dingen auch ihre Feldherren und Staatsmänner. Erleidet sie irgendeine Niederlage, ob militärisch oder diplomatisch, es ist in ihren Augen stets nur ein «unbedeutender Zufall», ein Nichts, das nicht in Betracht kommt. Aber selbst der geringste Erfolg ihrer Waffen wird zum grössten, herrlichsten Siege, und nie verfehlt sie, ihn lauttönend der Welt zu verkünden und das Lob ihrer unvergleichlichen Feldherren und Soldaten zu singen.
Katharina behauptete von sich selbst, sie betriebe ihre Politik stückweise, ohne Zusammenhang. Ist auch in den äusseren politischen Angelegenheiten nicht immer alles von ihr gut ausgedacht, so fehlt doch nie eine gewisse gesunde Beurteilung der Dinge und Situationen. Sie schickt ihre Truppen nur gegen Staaten, die sich im Verfall befinden, und trägt infolgedessen stets den Sieg davon. Ihr Ruhm, ihr Reich, ihre Schätze wachsen zu ungeheurer Grösse an; die nordische Semiramis steht auf dem Gipfel ihrer Macht. Sie besucht ihre ausgedehnten Staaten wie eine wahre Herrscherin aus einem Feenreich. Ueberall sehen ihre Augen nur Glanz, Pracht, Fortschritt, Wohlstand. Nicht alles ist echt, was sie sieht. Vieles ist Schein. Patiomkin, der grosse Arrangeur, bereitet die Reise seiner Gebieterin vor. Das Schiff, das Katharina den Dnjepr hinabträgt, hat die höchsten Persönlichkeiten, die Grössen der Wissenschaft und Staatskunst an Bord, damit sich die Herrscherin überzeugen kann, welche Intelligenz, welche weisen Männer Russland hervorbringt. An den Ufern des Flusses sind wie auf Zauberworte neue Städte, Dörfer und Flecken entstanden. Eine Unmasse von Einwohnern drängt sich an den Ufern, um jubelnd das Schiff zu begrüssen, das Katharina, das «Mütterchen von Russland», vorüberträgt. Die Felder sind alle wohlbestellt, es ist eine Freude, sie anzuschauen. Auf den Wiesen weiden ungeheure Herden – alles Schein, alles Szenerie! Patiomkin, der phantastische Taurier, hat das alles für ein paar Tage hergezaubert. Aus den bevölkerten Bezirken Kleinrusslands, aus den Orten, wo die Kaiserin auf ihrer Reise nicht hinkommt, hatte man mit Gewalt die Einwohner an die einsamen Ufer des Dnjepr gebracht. Tausende von Dörfern wurden auf diese Weise in Kleinrussland auf eine gewisse Zeit entvölkert und die Bauern mit ihren Herden in die verschiedenen Gegenden geschleppt, an denen Katharina vorüberreiste. Es wurden Scheindörfer und Scheinstädte von leichtgebauten Holzhäusern errichtet, denen man ein gefälliges Aeusseres verlieh. Als die Reise der Kaiserin zu Ende war, trieb man die unglückliche Bevölkerung wieder in ihre Heimat zurück. Viele von ihnen gingen durch diesen Wechsel zugrunde. Katharina aber hatte die Genugtuung gehabt, sich selbst zu überzeugen, dass ihr Land und Volk glücklich und reich seien!
Wiederum war es eine sehr kluge Politik von Katharina, dass sie ihre Regierung, ihren Thron mit so ungeheurem Glanze umgab. Er verbarg den noch ziemlich wilden Hintergrund des Landes und seiner Bewohner. Mit ausserordentlichem Geschick verstand sie es, den Fremden an ihrem Hofe in die Illusion zu versetzen, dass er sich in der zivilisiertesten Stadt, an dem schöngeistigsten Hofe, in einem vollkommen gebildeten Staate befinde. Ohnedem wäre schwerlich die Orientierung Russlands gegen Europa zustande gekommen, und niemand kann der genialen Frau den Beinamen die «Grosse» versagen.
Die grössten Leidenschaften Katharinas waren ihre Liebe zum Manne und ihre Ruhmessucht, verbunden mit einer Eitelkeit, die einer so genialen Natur schlecht zu Gesicht stand. Diese Eitelkeit liess sie viele Handlungen begehen, die besser unterblieben wären. Viele unnütze Kriege hätten vermieden und viel vergossenes Blut erspart werden können. Aber sie hatte die Genugtuung und das Glück, den Erfolg sich an ihre Fersen heften zu sehen. Ihre Fehler und Schwächen haben dennoch nicht vermocht, ihre Grösse zu verdunkeln. Unter allen Menschen, die die Bewunderung der Welt durch Genie, Macht, Fähigkeiten und Erfolge auf sich gezogen haben, wird Katharina von Russland immer eine der ersten Stellen einnehmen. Als Frau steht sie in der modernen Geschichte sogar einzig da; denn schwerlich wird man eine zweite finden, die so Grosses vollbracht, oder besser, unternommen hat, wie sie. Sie wollte stets herrschen, nicht nur in ihrem Lande, sondern auch ausserhalb, in der Meinung der Menschen, in der Meinung und im Ansehen ganz Europas. Und sie sorgte dafür, dass man sich mit ihrer Person beschäftigte, dass man sie pries und lobte. Leider war ihr oft selbst die niedrigste, in die Augen springendste Schmeichelei nicht zu schlecht zu diesem Zweck. Das wussten ihre Freunde und Vertrauten ganz genau. Wollte einer sich bei der Kaiserin besonders beliebt machen, so rieten ihm die Eingeweihten: «Schmeicheln Sie der Kaiserin, schmeicheln Sie, soviel Sie können, und Sie werden alles erreichen.» Diese Eitelkeit war es, die Katharina auch mit den berühmtesten Geistern der damaligen Zeit in persönliche Berührung brachte. Es galt für rühmlich, ein aufgeklärter Herrscher zu sein, sich mit den Führern der Geisteswelt zu umgeben. Katharina verfehlte deshalb nicht, gleich im Anfang ihrer Regierung diesen Punkt ins Auge zu fassen. Sie hätte um alles in der Welt in dieser Beziehung nichts ihrem genialen Rivalen Friedrich dem Grossen nachgeben wollen. Aber sie war freigebiger, verschwenderischer; sie belohnte die geleisteten Dienste königlicher und hatte daher auch einen grösseren Hof von Schmeichlern um sich. Ausserdem verstand sie es, ein gewisses Zartgefühl in ihre Freigebigkeit zu legen. Dem bedrängten Diderot kaufte sie seine Bibliothek ab und setzte ihn selbst zum Bibliothekar mit einem Jahresgehalt von 1000 Francs ein. Die Gastfreundschaft, die sie Grimm angedeihen liess, das Anerbieten, das sie d'Alembert machte, die in Frankreich bedrohte Enzyklopädie in Russland weiter zu veröffentlichen, sind schöne, vornehme Züge eines weitschauenden Geistes und grosszügigen Charakters. Aber auch ihnen fehlte nicht der Grundgedanke der Eitelkeit. Alle diese Menschen hatten in der öffentlichen Meinung eine Stimme. Sie verfehlten nicht, Katharina als die grosse Herrscherin des Ostens, die Vorkämpferin der Zivilisation in dem weiten russischen Reiche zu preisen. Sie aber liebte es ungemein, sich mit solchem Weihrauch zu umgeben. Sie besass das grösste Selbstbewusstsein ihres Ruhmes und wusste, wie man es machen musste, um ihn der Nachwelt zu überliefern. An Grimm, ihren eifrigsten Korrespondenten, schrieb sie einst: «Der Ruhm ist oft nur das Ergebnis eines Wortes, das gesät, einer Zeile, die hinzugefügt worden ist; die werden die Gelehrten suchen mit der Laterne in der Hand und werden mit der Nase darauf stossen und nichts davon begreifen, wenn es ihnen am Genie dazu fehlt. Ach, lieber Herr, ein Scheffel solchen Nachruhmes wiegt alle Rühmchen auf, von denen sie mir soviel vorreden.» – Sie konnte sich nicht beklagen. Die grossen Männer, deren Bibliotheken oder Uhren sie kaufte, oder die sie mit Wohltaten überschüttete, bemühten sich redlich, den Ruhm der Semiramis des Nordens durch ein «gesätes» Wort, eine «hinzugefügte Zeile», in Scheffeln auf die Nachwelt übergehen zu lassen. Immer enger und fester schnürte sie auf diese Weise das Band, das sie mit den Freidenkern des Okzidents verknüpfte.
Читать дальше