An diesen deutschesten der Franzosen hatte sich, schon ehe Diderot den Glanz des russischen Hofes kennenlernte, der französischste Deutsche, Baron Grimm, angeschlossen. Gewissermassen infolge dieser Freundschaft war er der Vertrauteste unter den Vertrauten des geistigen Lebens Katharinas geworden. Mit keinem anderen wie mit Grimm gab sie sich so ungezwungen, so ganz menschlich. Ihr Briefwechsel mit ihm füllt zwei starke Bände und erstreckt sich auf einen Zeitraum von 20 Jahren. Wie viele Blätter und Briefe dieser interessanten Korrespondenz mögen jedoch in den geheimen Archiven von Petersburg begraben worden sein! Wieviel mag verlorengegangen sein, denn der Gedankenaustausch mit Grimm ward ihr zur unentbehrlichen Gewohnheit. Sie schrieb ihm, so oft sie konnte, in tagebuchartigen Blättern. Von Politik ist in diesen Briefen wenig die Rede. Erst später, vom Jahre 1787 an, werden politische Ereignisse des öftern erwähnt. Namentlich spielt dann die französische Revolution in diesen Meisterstücken der Briefschreibekunst Katharinas eine grosse Rolle.
Grimms Bekanntschaft machte Katharina durch seine literarischen Berichte, die «Correspondance littéraire», die er an die meisten deutschen und an einige auswärtigen Höfe schickte. Die russische Kaiserin war seit dem Jahre 1764 eine seiner ersten Abonnentinnen, und zwar eine sehr freigebige, denn sie bezahlte dafür 1500 Rubel im Jahr, während Friedrich der Grosse gar nichts und der König Stanislaus von Polen nur 400 Franken bezahlte. Im Laufe der Zeit entpuppte sich der in allen literarischen und künstlerischen Fragen wohlunterrichtete Grimm als ein sehr brauchbares Faktotum Katharinas, wie er sich später selbst zu nennen pflegte. Die enge Freundschaft, die ihn mit ihr wirklich jahrelang verband, datiert jedoch erst vom Jahre 1773.
Um diese Zeit erschien Grimm im Gefolge der Grossen Landgräfin, deren Tochter den Grossfürsten Paul heiratete, am Hofe in Petersburg. Er machte Eindruck auf Katharina, aber sie hielt ihn damals noch nicht an ihrem Hofe zurück. Er selbst spürte nicht die Lust und das Verlangen, sich in Petersburg niederzulassen, denn er liebte Paris über alles. Aber er gedachte sich von dort aus ganz dem Dienste der russischen Kaiserin zu widmen, um so mehr, da sie ihm gestattet hatte, direkt an sie zu schreiben, eine Gunst, deren sich nur wenige Auserlesene erfreuten.
Für Katharina war Grimm sehr nützlich; sie legte den grössten Wert auf seine Freundschaft. Er war ihr Agent in Westeuropa. Er verwaltete für sie bedeutende Summen, kaufte Bilder und Kunstgegenstände, Karten, Bücher, Reisewerke für sie ein, zahlte manchem armen Künstler, Schriftsteller oder Royalisten die bestimmte Pension aus, und war der Zarin stets mit seinem Rate zur Hand. Ferner liebte Katharina ausserordentlich, brieflich zu plaudern. Mit niemand konnte sie das besser als mit Grimm. Für dieses verständnisvolle Eingehen auf ihre langen Briefe ist sie ihm unendlich dankbar und behauptet, niemand wäre imstande, so auf ihre Ideen einzugehen als Grimm. Weil sie ihn fast mit Briefen bombardiert, gibt sie ihm den Namen «Souffre-douleur», wie jeder, der mit ihr in Berührung kommt, einen Spitznamen haben muss. Sie selbst nennt sich «schwatzsüchtig». «Wir sind Schwätzer», schreibt sie, oder: «Es ist nun einmal mein Beruf, zu kritzeln ... ich glaube, wir beide sind geschaffen, fortwährend die Feder in der Hand zu haben, um uns endlose Briefe zu schreiben.» «Sie brauchen ja meine Briefe nicht zu lesen», empfiehlt sie ihm ein andermal. «Ich sage Ihnen, werfen Sie sie ins Feuer.» Ueberhaupt liebt sie es, über ihren Briefwechsel zu scherzen. «Wenn Sie sich verheiraten», spottet sie, «so können Sie lange Zeit die Frau Liebste gratis mit Haarwickeln versehen, denn Sie brauchen nur diese schönen Briefe dazu zu verwenden.» Und so durchzieht ein köstlicher Humor diesen ganzen Briefwechsel. Sie war glücklich, sich gegen Grimm ganz natürlich geben zu können, während sie sich mit Voltaire immer etwas zusammennehmen musste, weil sie in ihm den Beherrscher der Geisteswelt erblickte. In weit stärkerem Masse wie mit ihm witzelte sie mit Grimm über die Grossen der Welt. «Wissen Sie, warum ich den Besuch der Könige fürchte?» fragt sie ihn und gibt sofort die Antwort: «Weil sie gewöhnlich langweilige, fade Personen sind, und man sich mit ihnen steif und gerade halten muss. Auch berühmte Leute halten meine Natürlichkeit in Respekt. Ich will witzig sein, ‹comme quatre›. Und oft brauche ich diesen Witz ‹comme quatre›, sie anzuhören; und da ich zu schwätzen liebe, langweilt es mich, zu schweigen.» Und Grimm selbst musste sich oft den grössten Spott gefallen lassen. Sie nennt ihn bisweilen «Du» oder gibt ihm die drolligsten Beinamen «Monsieur le hérétique», «George Dandin», «Monsieur le Freiherr», «Heraklit», «Monsieur le philosophe» und andere. Kurz, in diesen Briefen ist sprudelnder Humor und unverwüstliche Heiterkeit.
Als Grimm im Jahre 1776 zur Heirat Pauls nach Petersburg kam, war er persona grata. Katharina konnte stundenlang mit ihm schwatzen, und diese langen «Audienzen» erregten natürlich den Neid und die Aufmerksamkeit der fremden Diplomaten. Grimm war eine Persönlichkeit. Aber er missbrauchte seine bevorzugte Stellung nicht. Er nahm keinen der hohen Posten an, die ihm Katharina in Russland anbot. Als er, nach einem Jahre Aufenthalt, im August 1777 aus Petersburg schied, setzte ihm die Kaiserin ein Jahresgehalt von 2000 Rubel aus. Später, als er in der Revolution einen grossen Teil seines Vermögens und Einkommens verlor, machte sie ihm verschiedene Geldgeschenke. Sie beliefen sich im ganzen auf 60 000 Rubel.
Nach dem zweiten Aufenthalt Grimms in Petersburg wurde seine Freundschaft zur Kaiserin noch vertrauter, ihr Briefwechsel noch lebhafter als zuvor. Sie hatten beide den grössten Gefallen aneinander gefunden. Vielleicht hätte Katharina aus ihrem Freunde einen Minister gemacht, aber Grimm wollte nur ihr «Faktotum» sein, ihr «Souffre-douleur».
Es war kein Wunder, dass Grimm während der siebenundzwanzigjährigen Freundschaft mit einer solchen Frau ganz in ihr aufging. Katharinas Individualität war viel stärker als die seine. Sie absorbierte ihn schliesslich vollkommen. «Dieser Briefwechsel», schrieb er, als er ein alter Mann und dem Tode nahe war, «ist die einzige Wohltat, der einzige Schmuck meines Lebens geworden, die Hauptstütze meines Glücks und dermassen wesentlich zu meinem Leben, dass mir das Atmen weniger zu seiner Erhaltung scheinen würde ... Ich war dazu gelangt, mir fern von ihr (Katharina) eine Art Religion zu schaffen, die nur sie und den Kultus zum Gegenstand hatte, mit dem ich sie umgab. Der Gedanke an sie war mir so zur Gewohnheit geworden, dass er mich weder am Tage noch des Nachts verliess und alle meine Ideen sich darauf konzentrierten ... Ob ich spazieren ging, ob ich reiste, mich irgendwo aufhielt, ob ich sass, lag oder stand – mein Dasein war vollkommen mit dem ihrigen verschmolzen.» Und schliesslich kam er so weit, dass er überhaupt nur noch für sie lebte und dachte. Kurz vor ihrem Tode ernannte ihn Katharina noch zum russischen Ministerresidenten in Hamburg, und Paul I. bestätigte den Freund der Mutter in diesem Amte.
Grimm verdiente das Wort «Freund» im wahren Sinne. Nie hatte Katharina einen treueren, ergebeneren und ehrlicheren Ratgeber und Diener. Sie brauchte nie eine Indiskretion und Ungeschicklichkeit bei ihm zu befürchten; er war beinahe der einzige unter ihren Bewunderern und Freunden, der die hohe Gunst, mit der sie ihn auszeichnete, nicht missbrauchte. Ihr Tod riss eine grosse Lücke in sein Leben. Obwohl er sechs Jahre älter war als Katharina, überlebte er sie noch elf Jahre und starb als 84jähriger Greis in Gotha.
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Das Privatleben Katharinas ist im allgemeinen in den krassesten Farben geschildert worden. Man stellt sich die Kaiserin vor, als habe sie täglich Orgien mitten unter leichtfertigen, zynischen Frauen und Männern gefeiert. Die Schlösser von Petersburg, Zarskoje-Selo, Oranienbaum und besonders die Eremitage werden als Brutstätten der Roheit und sittlichen Verderbnis hingestellt, und Katharina geht allen mit dem schändlichsten Beispiel voraus.
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