Neben den Kindern waren es die Tiere, die sich Katharinas besonderer Sorgfalt erfreuten. Sie hatte stets eine zahlreiche Hundefamilie um sich, und die berühmte «Familie Anderson» spielt in ihren Briefen an Grimm und andere eine nicht geringe Rolle.
Bis vier Uhr blieb Katharina gewöhnlich in ihrem Salon, teils mit einer Arbeit, teils mit den Kindern beschäftigt. Dann begab sie sich bis sechs Uhr mit dem Günstling in die Eremitage, ihrem Lieblingsaufenthalt. Dort hatte sie alles nach ihrem Geschmack eingerichtet. Sie hatte die Etikette ganz aus diesen wohnlichen, künstlerischen Räumen verbannt. Hier durfte man Mensch sein. Katharina selbst fühlte ein grosses Bedürfnis nach diesem freien Menschentum, nach dieser ganzen Natürlichkeit und Ungezwungenheit, die bei ihr oft in Derbheit überging.
Die «Eremitage» nahm einen ganzen Flügel des Petersburger Schlosses ein. Den grössten Teil bildete die sehr wertvolle und reiche Bildergalerie und die unschätzbaren Sammlungen von Kunstgegenständen und Büchern, die Katharina mit grossem Geschmack hier vereinigt hatte. Ferner waren zwei grosse Spielsäle und ein Speisesaal vorhanden, wo man an zwei nicht zu grossen Tischen in engster Vertrautheit speiste. Neben diesen Räumen lag ein herrlicher Wintergarten mit den seltensten Pflanzen und Blumen. Man wandelte unter tropischen Bäumen und exotischen Gewächsen wie in einem Feenreich. Buntgefiederte, reizende Vögel sangen ihre süssen Liebeslieder, und abends wurden diese bezaubernden Räume in ein magisches Licht gehüllt.
Am angenehmsten war aber die unumschränkte Freiheit, die in diesen intimen Gemächern Katharinas herrschte. Ein mächtiges Schild am Eingange des Tuskulums schrieb dem Eintretenden den Ton vor, der hier gebräuchlich war. «Es ist verboten», heisst es da, «sich zu erheben, wenn die Kaiserin erscheint, selbst wenn man sitzt und sie auf sich zukommen sieht, oder wenn sie wünscht, die Unterhaltung stehend weiterzuführen. Ferner ist es verboten, schlechte Laune mitzubringen, beleidigende Worte zu wechseln, von jemandem Schlechtes zu sprechen, sich irgendwelcher Streitigkeiten oder Gehässigkeiten zu erinnern, die man mit einem Anwesenden ausserhalb der Eremitage eventuell haben könnte; man soll sie mit seinem Hut und seinem Stock vor der Tür lassen. Es darf auch weder gelogen noch gefaselt werden.» Jeder, der diesen Vorschriften zuwiderhandelte, musste 10 Kopeken Strafe in die aufgestellte Büchse werfen. Der Ertrag – und er war nicht gering – war für die Armen bestimmt. Bezborodko war der Kassierer. Der Abend endigte meist mit einer Partie Whist oder Robber. Und da geschah es nicht selten, dass der eine oder der andere Beteiligte seine Karten wütend auf den Tisch warf, weil er meinte, die Kaiserin spiele zu seinem Nachteil. Das geschah sogar auch bisweilen während der offiziellen Spielabende vor versammeltem Hofe. Der Kammerherr Tscherthoff geriet jedesmal in hellen Zorn, wenn die Kaiserin mit ihm spielte. Eines Abends stand er brüsk vom Spieltisch auf, warf der Kaiserin die Karten vor die Füsse und behauptete, sie spiele falsch. Katharina war durchaus nicht beleidigt, sondern verteidigte sich und nahm die Mitspielenden als Zeugen.
Ganz anders verbrachte sie die Stunden, wenn sie nachmittags mit dem Günstling dort verweilte. In seiner Gesellschaft, besonders zur Zeit Lanskois und Patiomkins, gab es entweder neue Kunstsammlungen zu besehen oder ihre Anordnungen zu bestimmen, oder auch eine Partie Billard mit dem Bevorzugten zu spielen. Das waren für Katharina die liebsten Stunden des Tages. Aber punkt sechs Uhr wurde sie aus diesem beinahe bürgerlichen Leben herausgerissen. Es begann die Zeit des Diners und des öffentlichen Empfanges.
Von neuem begab sich die Kaiserin in ihre inneren Gemächer, um ein wenig ihre Kleider zu ordnen, denn sie zog sich abends nie um, nur bei besonderen Gelegenheiten. Dann legte sie die Hoftoilette an, gewöhnlich ein dunkelrotes Plüschkleid nach russischer Mode. Ihr üppiges Haar schmückte eine Diamantenkrone. Und nie stand eine Krone einem Haupte besser, als Katharinas klugem, majestätischem Kopfe. Aber es war auch, als wenn sie mit den offiziellen Kleidern ein ganz anderer Mensch würde. Sobald sie die Handschuhe angezogen hatte und in den Empfangssälen erschien, war sie nicht mehr die heitere Frau, die soviele menschliche Schwächen hatte, sondern nur noch die Herrscherin, majestätisch und würdig, huldvoll und gütig. Sie ging langsam, mit kleinen gemessenen Schritten durch die Reihen der sich vor ihr bis zur Erde neigenden Höflinge, grüsste nach allen Seiten mit einer leichten, anmutigen Verbeugung des Kopfes, richtete an diesen oder jenen ein paar verbindliche Worte, oder reichte einem Fremden, der ihr auf dem Wege zu ihren Spieltischen vorgestellt wurde, die Hand zum Kusse. Beim Spiel war sie wieder ganz menschlich, scherzte oft und lachte über ein geistreiches oder auch nur schlagfertiges Wort der Gesellschaft. Punkt zehn Uhr aber zog sie sich zurück. Der Günstling verbeugte sich vor ihr, reichte ihr den Arm und begleitete sie allein in ihr Zimmer. Er erschien nicht wieder. Der ganze Hof, ihr Sohn, ihre Enkelkinder waren auf diese Weise Zeuge ihres intimen Lebens. In diesem Augenblick war sie für sie nicht mehr die Kaiserin, die Mutter, die Grossmutter, sondern nur Frau. Von ihren Enkeln wurde sie heiss geliebt. Mit der ängstlichsten Sorgfalt wachte sie über ihr moralisches Leben, so frei und frivol sie in ihrem eigenen Leben sein konnte. Vom ersten Tage an beobachtete sie die körperliche und geistige Entwicklung der Kinder, und entzückt berichtete sie in ihren Briefen an die Freunde alles Neue von den kindlichen Einfällen, den besonderen Charakterzügen und Anlagen, der Kraft und Gesundheit der kleinen Grossfürsten.
Katharina hielt in ihrer engeren Familie streng auf Moral. Sie selbst dachte ja auch nicht, dass sie durch ihren Lebenswandel ihren Kindern und Kindeskindern ein schlechtes Beispiel gab. Es erschien ihr alles, was sie tat, natürlich, und deshalb machte sie auch kein Hehl daraus. Katharinas Unsitten waren weniger die ihres Herzens, als die ihrer Zeit und der ausserordentlichen Umstände, infolge deren diese ehrgeizige, ruhmsüchtige, eitle, aber schwache Frau auf den mächtigsten Thron gelangte.
Die letzten zehn Jahre der Regierung Katharinas setzten ihrem Ruhm und ihrer Macht die Krone auf. Nachdem ihr grosser Partner Friedrich der Grosse gestorben war, regierte ihr Genie allein über Europa. Sie zog den politischen Faden, der sich in ihrer Hand befand, nach Willkür an. Die gekrönten Häupter, die miteinander im Streite lagen, wählten die russische Kaiserin zur Schiedsrichterin und liessen von ihr die Interessen ihrer Staaten regeln. Ihr unermessliches Reich, die unerschöpflichen Hilfsquellen, über die sie verfügte, der glänzende Hof, der sie umgab, der barbarische Prachtaufwand ihrer Höflinge, das fabelhafte Glück, das sich an alle ihre Unternehmungen heftete, und die Riesenpläne, die ihr unersättlicher Ehrgeiz entwickelte, erfüllten die ganze Welt mit Bewunderung und Erstaunen.
Und doch war nicht alles so glänzend im Innern des Reiches, wie es in den Augen der Aussenwelt erschien. Russland war in seinem Innersten verfault und verdorben. Unter dem Schutze des Günstlings der Kaiserin teilten sich ein paar Dutzend Grandseigneure in das Reich, plünderten die Staatskassen und -einkünfte, und bedrückten auf alle Weise das arme russische Volk. Katharina war nicht mehr die junge, kräftige Herrscherin, sondern eine alternde Frau, die sich ganz von der Leidenschaft zu einem jungen, von ihr vergötterten Manne leiten liess. In seine Hände hatte sie das Wohl ihres Staates gelegt. Und dieser junge, willkürliche Herrscher hiess Plato Zubow.
Mit sechzig Jahren sprachen noch einmal Katharinas ewig junges Herz und ihre unersättlichen Sinne. Und der in der Liebe so leichtgläubigen Frau fiel es sogar nicht schwer, sich einen neuen Liebesfrühling vorzuzaubern. Der 22jährige Zubow wusste nämlich noch besser Komödie zu spielen wie seine Vorgänger. Er nahm die Sentimentalität zu Hilfe, um den Weg zum Herzen Katharinas zu finden.
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