Gertrude Aretz - Gesammelte Werke

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Gertrude Aretz war eine deutsche Historikerin, bekannt für das Schreiben von Biographien berühmter historischer Persönlichkeiten wie Napoleon Bonaparte, Elisabeth I., Kaiserin Katharina II und anderen.
Diese Sammlung enthält:
"Berühmte Frauen der Weltgeschichte" – Jede Frau in diesem Buch spielte eine Rolle in der Geschichte ihres Heimats oder in der Weltgeschichte.
"Königin Luise" – Dieses Buch erzählt über das Schicksal von Königin Luise nicht nur als Frau von Friedrich Wilhelm III, sondern auch über ihre persönlichen Erfahrungen, Leiden und die Opfer, die sie für den Aufstieg Preußens gebracht hat.
"Elisabeth von England" – Lebensgeschichte der der mächtigen jungfräulichen Königin
"Glanz und Untergang der Familie Napoleons" – Napoleon Bonaparte wäre nicht das, was er wurde, wenn seine Familie nicht wäre. Dieses Buch erzählt Ihnen von seinen Verwandten und ihrem enormen Einfluss auf die Geschichte Europas.
"Die elegante Frau" – Die Geschichte der Eleganz durch die Linse der Mode der verschiedenen Jahrhunderte

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Graham hatte es für besser gehalten, dass Emely Lyon ihren Namen änderte. Sie trat bei ihm als Emma Hart auf. Man nannte sie jedoch allgemein «die englische Venus», und ganz London schwärmte von ihrer Schönheit. Die Zahl ihrer Verehrer wuchs ständig. Viele Maler, darunter auch der exzentrische George Romney, begehrten sie zum Modell. Emma sass Romney unzählige Male zu den verschiedensten Gemälden. Sie berauschte den Maler jedesmal aufs neue durch ihre ideale Schönheit. Er nannte sie seine «göttliche Lady». Auch später, als Emma Hart längst die gefeierte Lady Hamilton war, gewährte sie ihm Sitzungen für Gemälde, die ihn unsterblich gemacht haben.

Als Emma Hart den Malern Modell stand, kannte sie einen jungen Weltmann, Sir Charles Greville, den Sohn des zweiten Earl of Warwick. Da er Emmas Talente sehr bald entdeckte, sorgte er nicht nur für ihren Unterhalt, sondern auch für ihre geistige und künstlerische Ausbildung. Er hielt ihr Musik- und Tanzlehrer und unterwies sie in allen Dingen eines guten Lebensstils. Er las mit ihr gute Bücher, liess sie in der französischen und italienischen Sprache unterrichten; kurz, er machte aus ihr eine Dame, mit der er sich in der besten und geistreichsten Gesellschaft hätte sehen lassen können, wenn er das gewünscht hätte. Dass Emma Hart nicht orthographisch schrieb, war keine Ausnahme in der damaligen Zeit. Die Damen der höchsten Kreise schrieben nicht besser.

Emma lebte einige Jahre sehr glücklich, wenn auch sehr zurückgezogen, mit Greville. Es war ihre erste echte Liebe, vielleicht die einzige und grösste in ihrem Leben, denn später liebte Nelson sie mehr als sie ihn. Greville riss sie aus dem Schmutz, bewahrte sie vor dem Abgrund, in den sie zu versinken drohte. Er war der erste Mann, der sie anständig behandelte. Sie liebte ihn und war ihm dankbar dafür. Sie war nicht nur eine sehr intelligente und gelehrige Schülerin, sondern auch eine entzückende Frau, eine Zauberin in jeder Beziehung. In ihr ist etwas Zartes, Feines, etwas unendlich Weibliches und Gütiges. Sie ist das Prototyp der englischen Schönheit. Ein echtes englisches Mädchen aus dem Volke: freimütig, wenig sentimental, gutmütig und äusserst dankbar gegen ihre alten und neuen Freunde. Lord Hamilton schrieb später von ihr: «Sie ist besser als sonst ein Wesen, das die Natur hervorgebracht hat. In ihrer Eigenart ist sie feiner als irgend etwas in der antiken Kunst.» Die Männer, die in ihren Bann geraten, kommen schwer von ihr los und sind ihr, wie Charles Greville, auch nach der Trennung noch Freunde. Selbst wenn sie sie betrügt, sind sie ihr noch zugetan.

Vielleicht hätte Greville sich nie von einer so schönen und reizenden Geliebten getrennt, wenn er nicht durch seine zerrütteten Vermögensverhältnisse dazu gezwungen gewesen wäre. Emma liebte ihn wirklich. Sie folgte stets ihrem Impuls. Sie nahm das Leben, wie es sich ihr bot. Sie war freigebig, aber nicht verschwenderisch im wahren Sinne des Wortes. Ihr Lebensstil war immer den Umständen angepasst. Reich, grosszügig, anspruchsvoll, wenn der Mann die Mittel dazu besass; bescheiden und einfach, wenn er nicht im Ueberfluss lebte. Dem Manne, der sie aus dem Sumpf gerettet hatte, war sie ewig dankbar, und nie hat sie ihre von so ausserordentlichem Glück und Reichtum begünstigte Karriere hochmütig gemacht. Immer gedachte sie ihrer armen Herkunft und schämte sich auch nicht später, als Freundin einer Königin, einzugestehen, woher sie gekommen war. Als sie längst die Gattin des englischen Gesandten in Neapel war und bereits viele Jahre am Hofe gelebt hatte, schrieb sie im Jahre 1799 von Nelsons Schiff «The Foudroyant» aus an ihren alten Freund Greville: «Meine Mutter ist in Palermo (bei der Königin) ... Sie können sich nicht vorstellen, wie sie von allen geliebt und geachtet wird. Sie hat sich eine Lebensart angeeignet, die entzückend ist. Sie hat eine schöne Wohnung in unserem Hause, lebt stets bei uns, isst mit uns, und so weiter. Nur wenn sie es selbst nicht mag (zum Beispiel zu grossen Diners), sagt sie ab und hat dann immer eine Freundin bei sich. Und «La Signora Madama dell' Ambasciatora» ist in ganz Palermo bekannt, geradeso, wie sie es in Neapel war. Die Königin ist in meiner Abwesenheit sehr freundlich zu ihr gewesen. Sie hat sie besucht und ihr gesagt, sie könne sehr stolz auf ihre berühmte Tochter sein, die in den letzten qualvollen Monaten soviel getan hätte. Ich sage Ihnen das, damit Sie sehen, dass ich nicht unwürdig bin, einst Ihre Schülerin gewesen zu sein. Gott segne Sie.»

Greville war, obwohl der Sohn eines Earls und Mitglied des Parlaments, kein sehr reicher Mann. Er konnte seiner Emma weder eine Equipage noch ein eigenes Palais halten. Auch konnte er ihr keine aussergewöhnlichen Toiletten, Brillanten und Schmucksachen kaufen, sie nicht mit Glanz und Luxus umgeben. Er wünschte nur, sie glücklich zu sehen und aus ihr einen guten, gebildeten Menschen zu machen. So lebte sie in seinem schönen, künstlerischen Hause in Edgware Row ebenso diskret vornehm und elegant wie eine andere Lady, die einen wohlhabenden, aber nicht reichen Aristokraten geheiratet hatte. Emmas Mutter lebte mit in Grevilles Haus und ersetzte ihr eine sehr wichtige Hausangestellte. Mrs. Cadogan – sie hatte inzwischen, ebenso wie ihre Tochter, mehrmals ihren Namen geändert – war eine vorzügliche Köchin und, wie es scheint, ein äusserst verträglicher und gutmütiger Mensch. Denn alle stellen dieser Mutter nur das beste Zeugnis aus. Sie war immer bei ihrer Tochter und stieg mit ihr von Stufe zu Stufe. Sowohl Greville als auch Sir William Hamilton und Lord Nelson achteten Mrs. Cadogan und behandelten sie so ehrfurchtsvoll, als wäre sie eine Dame aus ihren Kreisen.

Im Jahre 1786 trat ein Mann in Emmas Leben, der ihrem Schicksal die entscheidende Richtung gab. Sir William Hamilton, englischer Gesandter am Hofe von Neapel, ein noch gut aussehender Weltmann von 60 Jahren, kam in Privatangelegenheiten, vielleicht um sich eine zweite Frau zu suchen, auf einer Urlaubsreise nach London und besuchte bei dieser Gelegenheit seinen Neffen Sir Charles Greville. Er sah die schöne Freundin, «the pretty teamaker» des jungen Grandseigneurs und war sofort von ihren Reizen gefangen. Als er sie tanzen sah und singen hörte, war er vollends bezaubert. Und er beschloss, sie mit nach Neapel zu nehmen, unter dem Vorwand, ihre Talente noch weiter auszubilden, in Wahrheit aber, um diese göttliche Frau zu seiner Geliebten zu machen. Sir Charles Greville willigt ein. Er sieht darin den einzigen Ausweg, sich von Emma zu trennen, ohne sie einer ungewissen und für ihren leicht zu beeinflussenden Charakter gefährdeten Zukunft auszusetzen. Er selbst ist nicht mehr in der Lage, pekuniär für sie zu sorgen. Schliesslich wird alles zur gegenseitigen Zufriedenheit geregelt. Sir William Hamilton übernimmt das Mädchen, das bald darauf im März 1786 in Gesellschaft der Mutter und des Malers Gavin England verlässt und über Deutschland nach Neapel reist. Vorläufig weiss Emma nicht, welcher Pakt zwischen Neffen und Onkel geschlossen wurde. Noch sieht sie in dem alten Herrn einen Gönner. Zahllose ihrer Briefe an Greville beweisen es. Sie hängt an ihrem Freund; sie sehnt sich nach ihm, aber sie begreift schliesslich, dass der englische Gesandte nicht ganz uneigennützig gehandelt hat, als er sie zu sich nahm, und dass auch Greville mit dieser Handlungsweise einverstanden war. Sie ist enttäuscht über den einen und von Bewunderung und Dankbarkeit erfüllt für den andern, der sie mit galanter Aufmerksamkeit umgibt, und ihr mit seinem Herzen seinen Reichtum, sein Haus und seine Stellung in der Welt zu Füssen legt.

Ein neues Leben umgibt sie in Neapel. Sir Hamilton verwöhnt sie mit Luxus und Reichtum. Kein Land, keine Stadt war besser als Rahmen für Emmas Schönheit und reiche Gaben geeignet. Neben den grossen Vergnügungszentren Paris, London und Wien ist Neapel um diese Zeit die Stadt, die die meisten Zerstreuungen bietet und an Eleganz keiner der grösseren Städte Europas nachsteht. Sir Hamilton war einer «jener Epikuräer», die sich seit der Mitte des 18. Jahrhunderts im sonnigen Italien niedergelassen hatten, um hier in einer milden Natur und umgeben von den herrlichsten Kunstschätzen, im Verkehr mit Gelehrten und Künstlern, die Freuden des Lebens in reichstem Masse zu geniessen. In seinem Hause lernte Emma ein äusserst vielseitiges Leben kennen. Ihre Kunst wird durch die Bekanntschaft mit den berühmten griechischen Kunstwerken veredelt, die ihr Freund und Gönner als Archäologe sammelt. Sie beginnt in der neapolitanischen Gesellschaft, besonders in der englischen Kolonie in Neapel, eine Rolle zu spielen. Man scheut sich nicht, die schöne und liebenswürdige Mätresse Lord Hamiltons als gleichberechtigt anzuerkennen, und die in solchen Dingen sonst strengen Engländer, die nach Neapel kamen oder dort ansässig waren, suchten eifrig Emmas Bekanntschaft zu machen. Die Herzogin von Argyll, Lord und Lady Elcho und viele andere Mitglieder des hohen englischen Adels hatten dieses Mädchen aus dem Volke so ins Herz geschlossen, dass sie bald ihre engsten Freunde wurden. Emmas vertrauter Umgang mit der schönen und vornehmen Herzogin von Argyll und mit Lady Elcho wurde in der ganzen englischen Gesellschaft mit Staunen bemerkt. Allerdings sollen diese englischen Freunde sich selbst eingeredet haben, Emma sei längst Hamiltons heimliche Gattin. Damit beruhigten sie entweder ihr moralisches Empfinden oder sie wollten wenigstens nach aussen hin den Schein wahren. Denn ein Lord konnte, wie gesagt, im 18. Jahrhundert wohl eine Dirne zu seiner Gattin erheben, ohne Anstoss in der Gesellschaft zu erregen, aber die Gesellschaft konnte nicht im Hause einer Frau verkehren, die nur seine Mätresse war. So legten sich also auch die Gäste, die im Hause des Gesandten in Neapel aus- und eingingen, das Verhältnis Sir Williams zu Emma Hart zurecht, wie sie es wünschten. Hamilton widerlegte die Gerüchte über seine heimliche Ehe mit Emma nie, aber in Wahrheit heiratete er sie erst nach fünf Jahren. Und nicht nur die englischen durchreisenden Aristokraten und die vornehme neapolitanische Gesellschaft bemühten sich um das junge Mädchen. Die Befehlshaber der fremden Schiffe, die im Hafen von Neapel vor Anker lagen, luden sie mit dem Gesandten an Bord und veranstalteten zu Ehren der jungen Schönheit Bälle und Feste. Die eleganten Seeoffiziere waren ihre glühendsten Bewunderer. Als der Kommodore Melville von der holländischen Flotte mit zwei anderen holländischen Schiffen im Jahre 1787 vor Neapel lag, veranstaltete er ein Bankett, zu dem er ausser Sir William und dessen Freundin auch Emmas Mutter, Mrs. Cadogan, einlud. Der Kommodore, der Kapitän und vier andere Offiziere erwarteten die Gäste, als wären sie die allerhöchsten Persönlichkeiten, am Ufer und brachten sie in ihrer Pinasse zu dem Schiff. Emma trug bei solchen Gelegenheiten stets ihr Lieblingskostüm: ein weisses, duftiges Musselinkleid mit einer breiten blauen Seidenschärpe. Ihre goldbraunen Haare waren aufgelöst und fielen in langen Locken fast bis zu den Füssen hinab. Als sie die Pinasse bestieg, wurde sie mit den Salutschüssen von 20 Kanonen begrüsst, und während das Boot sich langsam dem Schiffe näherte, feuerte die Fregatte der holländischen Schiffe alle ihre Geschütze ab. Die Tafel an Bord des Kommodoreschiffes war für 30 Personen gedeckt, und Emma Hart hatte daran den Ehrensitz. In ganz Neapel hörte man die Ehrensalven, die um eines jungen, aus den untersten Schichten des Volkes hervorgegangenen Mädchens willen abgegeben wurden. Das Diner verlief glänzend. Abends war der Besuch der Oper vorgesehen. Emmas und Hamiltons Loge befanden sich ganz in der Nähe der Hofloge. Die Geliebte des englischen Gesandten gedachte an diesem Abend ganz besonders elegant zu sein, denn sie wusste, dass der ganze Hof erscheinen und sie neugierig betrachten werde. Noch war sie nicht offiziell von der Hofgesellschaft anerkannt.

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