Gertrude Aretz - Gesammelte Werke

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Gertrude Aretz war eine deutsche Historikerin, bekannt für das Schreiben von Biographien berühmter historischer Persönlichkeiten wie Napoleon Bonaparte, Elisabeth I., Kaiserin Katharina II und anderen.
Diese Sammlung enthält:
"Berühmte Frauen der Weltgeschichte" – Jede Frau in diesem Buch spielte eine Rolle in der Geschichte ihres Heimats oder in der Weltgeschichte.
"Königin Luise" – Dieses Buch erzählt über das Schicksal von Königin Luise nicht nur als Frau von Friedrich Wilhelm III, sondern auch über ihre persönlichen Erfahrungen, Leiden und die Opfer, die sie für den Aufstieg Preußens gebracht hat.
"Elisabeth von England" – Lebensgeschichte der der mächtigen jungfräulichen Königin
"Glanz und Untergang der Familie Napoleons" – Napoleon Bonaparte wäre nicht das, was er wurde, wenn seine Familie nicht wäre. Dieses Buch erzählt Ihnen von seinen Verwandten und ihrem enormen Einfluss auf die Geschichte Europas.
"Die elegante Frau" – Die Geschichte der Eleganz durch die Linse der Mode der verschiedenen Jahrhunderte

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Lady Hamilton

Inhaltsverzeichnis

Wenn man die Sitten des englischen Hochadels im 18 Jahrhundert kennt kommt - фото 7

Wenn man die Sitten des englischen Hochadels im 18. Jahrhundert kennt, kommt einem der fast märchenhafte Aufstieg eines armen Mädchens aus den niedersten Schichten des Volkes, wie ihn Emma Lyon, spätere Lady Hamilton, erlebte, nicht mehr ganz so unglaublich vor, als es ohne Kenntnis der Zeit den Anschein haben könnte. Ausserdem gibt es Frauen, die Virtuosinnen des Lebens sind. Sie schenken und nehmen Genüsse und Glück durch den Reichtum ihres Wesens, ihrer Gaben und Talente oder ihrer Schönheit. Sie tauchen unter im Strudel des Lebens, ohne in ihrem Innern vom Schmutz berührt zu werden. Sie verkaufen vielleicht ihren Körper, nicht aber ihre Seele. Mit liebenswürdigem Leichtsinn überspringen sie alle Gesetze der bürgerlichen Moral; ihr Leben ist aufgelöst in Skandalaffären; sie sinken und steigen mit dem Mann und seiner Umgebung. Ihr Geschick, ihr Instinkt, ihre Anpassungsfähigkeit an alle Lebenslagen und Verhältnisse, und die Macht ihrer ausserordentlichen Schönheit öffnen ihnen alle Tore. Die Gesellschaft duldet und übersieht im Leben solcher Frauen Dinge, die sie bei anderen scharf kritisiert und verachtet. Unter vielen derartigen Frauen hat Lady Hamilton Aufsehen erregt. Und obwohl ihr Emporkommen durch die freieren Sitten einer toleranten Gesellschaft sehr erleichtert wurde, war sie eine der ausserordentlichsten Erscheinungen ihres Jahrhunderts. Ihr Leben bestand aus einer Kette von Abenteuern. Es werden ihr Glück, Ehren und Reichtum, eine angesehene Stellung in der Welt zuteil, und schliesslich endet ihr reiches Leben in Armut. Ein Schicksal, wie es im 18. Jahrhundert nicht selten war.

Als Tochter armer Eltern lernte sie früh Not und Elend kennen. Sie wurde in der Welt herumgeworfen. Anfangs Kindermädchen, dann Kellnerin in Matrosenkneipen, schliesslich «Gesellschaftsdame» in berüchtigten Vergnügungslokalen und Modell. Manche Künstler, die sie gemalt haben, wie Romney, sind durch ihre Schönheit berühmt geworden. Sie stellte ihnen für ihre Bilder nicht nur ihr schönes Gesicht und ihren herrlichen Körper zur Verfügung, sondern auch ihre hervorragende mimische Kunst. Alles, was der Maler von ihr verlangte, vermochte sie darzustellen: eine Bacchantin, eine Kalypso, eine Circe, eine Spinnerin, eine Kassandra, eine Magdalena, eine Heilige Cecilie, eine Pythia. Kein Gefühl war dem Ausdruck ihrer Züge fremd. Romneys Biograph sagt: «Die Natur beschenkte die schöne Emma mit den bezauberndsten Talenten für die beiden befreundeten Künste: die Musik und die Malerei. In der Musik erwarb sie sich grosse Fertigkeit und Gewandtheit. Für die Malerei bewies sie einen so ausgesuchten Geschmack und eine solche Kraft des Ausdrucks, dass sie für einen Maler ein ideales Modell sowohl für zarte und sanfte als auch für grosse Charaktere darstellte. Gleich Shakespeares Sprache vermochten ihre Züge alle Gefühle, alle Abstufungen der Leidenschaften mit hinreissender Wahrheit wiederzugeben. Romney war entzückt, wenn er die wunderbare Gewalt sah, mit welcher sie ihre ausdrucksvollen Gesichtszüge zu beherrschen wusste.»

Die Natur hatte Emma Lyon wirklich verschwenderisch mit Schönheit und Liebreiz ausgestattet, aber auch hilf- und haltlos ins Leben hinausgestossen. Es konnte nicht fehlen, dass sie als unerfahrenes, unbehütetes junges Mädchen in einer Stadt wie London Männern in die Hände fiel, die sich ihre Jugend und ihre reizvolle Schönheit zunutze machten. Sie besass eine wundervolle Gestalt und etwas unbeschreiblich Liebliches und Anziehendes im Ausdruck ihres Gesichts. Leicht und heiter schritt sie trotz Armut und Abhängigkeit durchs Leben. Ihre Strümpfe waren zerrissen, ihr Kleid ärmlich und abgenützt. Darum kümmerte sich Emma Lyon oder «Amy», wie sie in ihrem Heimatort genannt wurde, nicht. Der Gebrauch von Näh- und Stopfnadel war ihr fremd. Sie lebte in den Tag hinein. Um das Morgen machte sie sich keine Gedanken. Da ihre Mutter eine arme Näherin war, musste Amy sich frühzeitig ihren Lebensunterhalt selbst verdienen. Als sie dreizehn Jahre alt war, kam sie zu einer Doktorsfrau in Hawarden in Stellung. Mrs. Thomas gab sich die grösste Mühe, Amy zu Ordnung und Häuslichkeit zu erziehen, und da das Mädchen gut, willig und leicht zu leiten war, nahm sich die Dame seiner mit wirklich mütterlicher Liebe an. Lady Hamilton, auf dem Zenith ihres Glücks, hat darum auch Mrs. Thomas, deren Kinder sie gewartet und ausgefahren hatte, niemals vergessen und sich nicht geschämt, sie des öfteren zu besuchen.

Noch ein zweites Mal diente Amy als Kindermädchen in der Familie eines anderen Arztes. Dann aber lockte die Großstadt, lockte London. Amys Mutter hatte erfahren, dass in der Familie des Komponisten Linley ein Platz frei sei. Sie forderte ihre Tochter auf, nach London zu kommen und die Stelle anzunehmen. Mrs. Linley war Teilhaberin am Drury-Lane-Theater und hatte dort ihre Privatloge. Amy oder Emely, wie sie jetzt genannt wurde, musste sie zu den Vorstellungen begleiten und des öfteren von der nicht immer gutgelaunten Theaterdirektorin Aufträge für die Schauspieler und Schauspielerinnen hinter die Kulissen bringen. Das Kulissenleben machte Eindruck auf das junge Ding, das selbst in sich bereits ein mimisches Talent spürte. In dieser Schauspielerfamilie versuchte Emely zum erstenmal – vielleicht anfangs noch ganz heimlich in ihrer Kammer – die «Attitüden» oder, wie wir heute sagen, die lebenden Bilder zu stellen, die sie später so berühmt machten. Ihre Gestalt begann sich immer vorteilhafter zu entwickeln. In ihrer Haltung und ihrem Benehmen zeigte sich bereits jene Sicherheit, jenes kühne Selbstbewusstsein, die ihre vorwaltenden Charakterzüge blieben. Manche Familie der Aristokratie wäre froh gewesen, ein so reizendes Mädchen als Tochter zu haben. Ihre äussere Erscheinung war trotz der ärmlichen Kleidung vornehm. Ihre Gesichtszüge waren so fein und ihre Gliedmassen so edel und zierlich, dass man Amy den wunderbaren Schönheiten des englischen High-Life zur Seite stellen konnte. Als Kindermädchen bereits erregte sie im Hydepark Aufsehen. Die Spaziergänger blieben stehen und sahen ihr nach, bis sie ausser Sehweite war. Und mancher mochte denken, dass dieses schöne Mädchen eher zur Herzogin als zur Magd geschaffen wäre. Emely aber musste erst noch die harte Schule des Lebens durchmachen, ehe sie zu Glanz und Reichtum gelangte. Nachdem sie ihre Stelle bei der Schauspielerfamilie plötzlich verlassen hatte – angeblich, weil sie in dieser Umgebung den Tod des Sohnes des Hauses, den sie liebte, nicht verschmerzen konnte –, verdingte sie sich in St. James Market bei einem Weinhändler als Kellnerin. Zwar war und ist das zweifelhafte Genre der Kellnerin in England unbekannt, immerhin aber bedeutete es für Emely doch einen Schritt nach unten, da ihr jetzt nicht mehr der Schutz einer Familie zuteil wurde. Sie war jung, schön und unerfahren. Ihre seltene Schönheit gefiel auch bald einer sogenannten «Lady of Fashion». Sie engagierte Emely, die Vierzehnjährige, als «Gesellschaftsdame» für ihre «Salons». Hier sollte sie die eleganten Müssiggänger und Lebeleute unterhalten. Was diese «Lady» und ihre «Salons» waren, ist nicht schwer zu erraten. Sie besass eines jener Rendevouzhäuser, die es nicht nur in Paris, sondern auch in London in grosser Anzahl gab. Emely Lyon fiel es gewiss leicht, zu singen und zu tanzen und die Gäste im Hause der Mrs. Kelly zu unterhalten. Sie erlebte hier ihre ersten Triumphe als Schönheit und als Schauspielerin, denn sie spielte ihre Rollen in den zur Aufführung gebrachten Theaterstücken mit ausgesprochenem Talent. Noch ist die Kleine nicht ganz auf der Höhe ihrer berückenden Weiblichkeit, aber es ist bereits etwas in ihr, das jeden Mann bezaubert. Dem späteren Admiral John Willet Payne führt ein Zufall das junge reizende Mädchen in die Arme. Um für einen armen Vetter die Befreiung vom Kriegsmarinedienst zu erbitten, begibt sich Emely Lyon auf sein Schiff. Kapitän Payne ist ein junger schöner Mann. Das junge Mädchen übt einen unwiderstehlichen Zauber auf ihn aus. Als Preis für sein Entgegenkommen fordert er von ihr ihre Liebe. Vielleicht nicht nur aus Dankbarkeit, sondern weil auch ihr der hübsche Seeoffizier gefällt, schenkt sie sich ihm. Ein kurzes Glück. Als Kapitän Payne längst wieder auf See war, gab die Fünfzehnjährige einem Kinde das Leben. Noch einige Monate sorgte Payne für Mutter und Kind. Dann aber taucht ein wohlhabender Mann, Sir Henry Featherstonehaugh, in Emelys Leben auf. Er bringt sie auf seinen schönen Landsitz Up Park in der Grafschaft Surrey. Hier lernt das junge Mädchen zum erstenmal wirklichen Luxus und Wohlleben kennen. Featherstonehaugh ist freigebig. Er scheut keine Kosten, um die Schönheit Emelys ins rechte Licht zu setzen. Und das Proletarierkind passt sich mit verblüffender Leichtigkeit dem neuen Lebensstil an, als hätte es sein Leben lang nichts anderes gekannt. Aber dieses Glück währte nur einen Sommer. Featherstonehaugh kehrte nach London zurück. Er hatte mit seiner schönen Freundin ein Vermögen verbraucht. Nun musste sie sich mit einer kleinen bescheidenen Mietswohnung begnügen, und er konnte ihr nicht mehr bares Geld hinterlassen, als die Reisekosten für die Postkutsche ausmachten, mit der sie zu ihrer Grossmutter Kidd, einer armen Tagelöhnerin, reiste. Da die Grossmutter zu arm war, um für Emely zu sorgen, blieb das junge Mädchen nicht lange im Dorf. Sie kehrte nach London zurück, und aufs neue trat die Großstadt mit ihren Versuchungen an sie heran. Diesmal kreuzte ein Scharlatan Emelys Weg. Und sie verfiel auch ihm. Als «Vestina» oder «Göttin der Gesundheit» diente sie diesem Wunderdoktor Graham zur «Erläuterung seiner Lehre». Allabendlich stellte sie ihren Körper einer leichtgläubigen Zuschauermenge zur Schau, die in Scharen zu Grahams «Tempel der Gesundheit» gepilgert kam. Vielleicht hat Emely nie darüber nachgedacht, welchen Zwecken sie mit diesen Schaustellungen diente. In jenen Kreisen, in denen sie bisher gelebt hatte, wurde nie abgewogen, was man tun dürfe oder nicht. Emely Lyon diente Graham mit ihrer Schönheit ebenso wie sie anderen Männern gedient hatte. Vielleicht sah sie sogar bewundernd zu ihm auf. Man darf nicht vergessen: sie war ein Kind des Volkes. Ein Kind des an Scharlatanen und Quacksalbern so reichen 18. Jahrhunderts! Emely schien dieser Scharlatan ein hochgelehrter Mann. Liessen sich doch sogar Leute vom höchsten Rang von seinen Wunderkuren verblüffen.

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