Gertrude Aretz - Gesammelte Werke

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Gertrude Aretz war eine deutsche Historikerin, bekannt für das Schreiben von Biographien berühmter historischer Persönlichkeiten wie Napoleon Bonaparte, Elisabeth I., Kaiserin Katharina II und anderen.
Diese Sammlung enthält:
"Berühmte Frauen der Weltgeschichte" – Jede Frau in diesem Buch spielte eine Rolle in der Geschichte ihres Heimats oder in der Weltgeschichte.
"Königin Luise" – Dieses Buch erzählt über das Schicksal von Königin Luise nicht nur als Frau von Friedrich Wilhelm III, sondern auch über ihre persönlichen Erfahrungen, Leiden und die Opfer, die sie für den Aufstieg Preußens gebracht hat.
"Elisabeth von England" – Lebensgeschichte der der mächtigen jungfräulichen Königin
"Glanz und Untergang der Familie Napoleons" – Napoleon Bonaparte wäre nicht das, was er wurde, wenn seine Familie nicht wäre. Dieses Buch erzählt Ihnen von seinen Verwandten und ihrem enormen Einfluss auf die Geschichte Europas.
"Die elegante Frau" – Die Geschichte der Eleganz durch die Linse der Mode der verschiedenen Jahrhunderte

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Bald erregten Emmas Schönheit, ihre «lebenden Bilder» und ihr verführerischer Schaltanz so grosses Aufsehen, dass sie in Frankreich sowohl wie in Deutschland Nachahmer fand. In Paris sind es die schöne Julie Récamier, die exzentrische Theresia Tallien und Josephine Beauharnais, die diesen berühmten Tanz in Mode bringen, in Deutschland die Schauspielerinnen Händel-Schütz und Sophie Schröder. Aber Emma Hart, die Geliebte des englischen Gesandten in Neapel, ist die Erfinderin. Ganz Europa ist begeistert von ihr. Selbst Goethe erwähnt in der «Italienischen Reise» ihre Kunst mit den Worten: «Sie ist sehr schön und wohlgebaut. Er (Sir Hamilton) hat ihr ein griechisch Gewand machen lassen, das sie trefflich kleidet. Dazu löst sie ihre Haare auf, nimmt ein paar Schals und macht eine Abwechslung von Stellungen, Gebärden, Mienen und so weiter, dass man zuletzt wirklich meint, man träume. Man schaut, was so viele Künstler gerne geleistet hätten, hier ganz fertig in Bewegung und überraschender Abwechslung: stehend, kniend, sitzend, liegend, ernst, traurig, neckisch, ausschweifend, bussfertig, lockend, drohend, ängstlich und so weiter, eins folgt aufs andere und aus dem andern. Sie weiss zu jedem Ausdruck die Falten des Schleiers zu wählen, zu wechseln und macht sich hundert Arten von Kopfputz mit denselben Tüchern. Der alte Ritter (Lord Hamilton) hält das Licht dazu, und hat mit ganzer Seele sich diesem Gegenstand ergeben. Er findet in ihr alle Antiken, alle schönen Profile der sizilianischen Münzen, ja den Belvederschen Apoll selbst.» – Der deutsche Maler Friedrich Rehberg hat die schönsten «Attitüden» Lady Hamiltons in einem Bande von 24 Kupferstichen der Nachwelt überliefert, und auch Tischbein liess sich von ihr zu einigen Bildern inspirieren. Barbey d'Aurevilly aber nennt Emma Hamilton den «besten Bildhauer», den dieses originelle und seltsame Land Italien besitze. Lady Hamilton sei würdig gewesen, Italienerin zu sein.

Merkwürdig ist es jedoch, dass diese schöne Frau in ihrem reiferen Leben nicht besonders graziös gewesen zu sein scheint; erst wenn sie diese lebenden Bilder stellte, kam Grazie in ihren Körper. Viele Zeitgenossen haben das festgestellt; auch dass ihre Füsse gross und unschön gestaltet waren. Aber die Gesamterscheinung war so ideal, dass man diese Mängel in Kauf nahm. Wenn sie früher, als Sechzehnjährige, mit Greville im Ranelagh erschien, erregten nach der Aussage eines anonymen Zeitgenossen ihre «Nymphengestalt», ihr entzückendes Gesicht, ihr goldbraunes Haar die allgemeine Aufmerksamkeit und solche Bewunderung, dass sie sich einmal in diesem Vergnügungslokal veranlasst sah, dem um sie versammelten Kreis mehrerer Freunde ihres Geliebten den Genuss «einiger höchst anziehenden Proben ihrer musikalischen und mimischen Talente zu geben». Greville scheint indes diese Art der Provokation nicht geschätzt zu haben, denn er machte ihr auf dem Nachhausewege Vorwürfe und nahm sie nie wieder in ein derartiges öffentliches Vergnügungslokal mit. Ebenso vermied er es, sie öfters ins Theater zu führen. Er hatte bemerkt, dass die Bühne eine zu grosse Anziehungskraft auf sie ausübte. Vielleicht wäre sie ihm eines Tages auf und davon gegangen, um als Girl eine Laufbahn zu beginnen, die für ein Mädchen wie Emma verderbenbringend gewesen wäre. Bei Sir William Hamilton war sie jedenfalls besser aufgehoben. Hier konnte sie, ohne die dornenvolle Künstlerlaufbahn durchmachen zu müssen, ihre mimischen Talente wie auf der Bühne ausbilden und verwenden. Und vielleicht hat sie sich als Dilettantin grösseren Ruhm erworben, als sie es je als Berufskünstlerin vermocht hätte.

Für ihre lebenden Bilder brauchte sie wenig Requisiten. Ein Stuhl, einige Schals, ein paar antike schöne Vasen, ein Blumengewinde, ein Tamburin, und für manche Posen ein oder zwei niedliche Kinder – das war ihr ganzer Apparat. Wenn sie mimte, waren alle Fenster verhangen. Ihre Gestalt wurde nur von einer einzigen Kerze beleuchtet. Sie verstand die türkischen oder indischen Schals so geschickt zu arrangieren, dass sie entweder ein griechisches oder ein orientalisches Gewand darstellten oder auch in den verschiedensten Formen als Turban um den Kopf geschlungen wurden. Diese Verwandlungen gingen dermassen schnell vor sich, dass keine Kostümveränderung länger als fünf Minuten dauerte. Archenholz ist ganz hingerissen von der Schnelligkeit der Verwandlung. Einmal stellte sie das lebende Bild einer Madonna des Guido. «In wenigen Augenblicken, infolge einer geringen Veränderung im Gewand und äusseren Schmuck, war die Madonna verschwunden und in eine vor Fröhlichkeit taumelnde Bacchantin, in eine jagende Diana und dann wieder in eine mediceische Venus verwandelt.»

Auch als Tänzerin leistet Emma Hervorragendes. Ihr Schaltanz ist, wie bereits erwähnt, wegen seiner überraschend graziösen Bewegungen berühmt. Sie hatte damit so grossen Erfolg, dass sie von mehreren grossen Bühnen Englands Engagementsanträge erhielt. In Madrid sollte sie an der Italienischen Oper als «erste Tänzerin» für eine Gage von 6000 Pfund Sterling für drei Jahre verpflichtet werden, und das Covent-Garden-Theater in London bot ihr 40 000 Schilling für eine Saison. Die ganze Skala der Empfindung wird bei ihrem Tanz zur Geste, zum getanzten Erlebnis. Jeder Schritt, jede Bewegung ihrer Arme und Hände ist eine tänzerische Offenbarung. Nationaltänze tanzt sie mit vollendeter Grazie und immer mit den ihnen zugehörigen volkstümlichen typischen Eigenarten und Temperamenten. Keine Italienerin tanzte eine so bacchantische, eine so wilde und leidenschaftliche Tarantella wie Lady Hamilton. Und der alte Lord ist zuweilen ihr Partner. Er, der für Sport, Jagd und alle Leibesübungen jederzeit Begeisterte, bleibt an der Seite dieses jungen, lebensprühenden Weibes jung und elastisch. Noch als naher Siebziger tanzt er mit Emma auf einem Fest in London diesen Nationaltanz so lebhaft und ausdauernd, dass er seine um vierzig Jahre jüngere Partnerin ziemlich erschöpft.

Mit solchen Tänzen, mit ihren verführerischen Reizen, ihrer Koketterie und Liebenswürdigkeit bezauberte diese englische Sirene auch den Sieger von Abukir und vom Nil, Lord Nelson. Er sah sie zum ersten Male im Jahre 1793. Schon damals schrieb er an seine Frau: «Ich hoffe, Dir eines Tages Lady Hamilton vorstellen zu können. Sie ist eine der ausserordentlichsten Frauen in dieser Welt, eine Ehre ihres Geschlechts. Ihre und Lord Hamiltons Liebenswürdigkeit mir gegenüber ist grösser, als ich in Worten auszudrücken vermag.» Aber erst fünf Jahre später, als Lady Hamilton immer noch schön und begehrenswert war, jedoch nicht mehr jene sylphenhafte Gestalt und Jugendfrische besass wie ehedem – sie wurde bereits anfangs Dreissig sehr stark –, verliebte Nelson sich wahnsinnig in sie. Sie war eine jener Frauenschönheiten, die jederzeit, ob alt oder jung, den Mann fesseln. Und viele fanden sie auch viel später noch ebenso reizvoll wie zu jener Zeit, da Romney sie seine «göttliche Lady» nannte.

Zu Ehren des Siegers veranstalteten Lord und Lady Hamilton ein grosses Fest. Mehr als 1800 Gäste, die schönsten und elegantesten Frauen Neapels und aus der Hofgesellschaft füllten die herrlich geschmückten Säle der englischen Gesandtschaft. Aber Nelson sah nur sie, die «Unvergleichliche», dieses «ausserordentliche Wesen», wie ein sonst kühl denkender Engländer, Sir Gilbert Elliot, sie nannte. Auf Nelson, den einfachen Pfarrerssohn, der trotz seiner Siege und Feldzüge die Welt wenig und noch weniger die Frauen kannte, wirkte die von allen umschwärmte Gattin des englischen Gesandten vollends wie ein Zauberwesen. Emma Hamilton besass von da an sein Herz, seine Sinne, aber auch sein ganzes Denken und Handeln. Er tat nur, was sie wollte. Er dachte nur durch sie und mit ihr, sah alles nur mit ihren Augen.

Seitdem Emma Lord Hamiltons rechtmässige Gattin geworden war, erlangte sie am neapolitanischen Hofe, vor allem durch die ausserordentliche Freundschaft, die ihr die Königin Carolina entgegenbrachte, bedeutenden Einfluss. Solange sie nur Hamiltons Geliebte war, konnte der Hof sie natürlich nicht offiziell anerkennen. Aber gleich nach der Rückkehr des Gesandten aus England, wo er Emma im Jahre 1791 geheiratet hatte, wünschte Königin Maria Carolina Lady Hamilton bei Hofe vorgestellt zu sehen. Ein Brief der überglücklichen Emma an ihren alten Freund Romney über diese grosse Auszeichnung zeigt uns ihren guten Charakter. Sie war dankbar für alles, womit das Schicksal sie verwöhnte und verbarg durchaus nicht ihre naive Freude über den ungeheuren Aufstieg, den sie, das kleine arme Modell und Kindermädchen, genommen hatte. «Mein lieber Freund», schreibt sie aus Caserta am 20. Dezember 1791, «ich habe das Vergnügen, Ihnen mitzuteilen, dass wir glücklich wieder in Neapel angekommen sind. Ich bin mit offenen Armen von allen Neapolitanern beiderlei Geschlechts, von allen vornehmen Ausländern empfangen worden. Auf ihren eigenen Wunsch bin ich der Königin vorgestellt worden. Sie bewies mir die grösste Liebenswürdigkeit und herzlichste Aufmerksamkeit. Kurz, ich bin die glücklichste Frau der Welt. Sir William liebt mich jeden Tag mehr, und ich hoffe, er wird nie Ursache haben, den Schritt zu bereuen, den er getan hat. Denn ich bin ihm so dankbar, dass ich glaube, niemals in der Lage zu sein, ihm seine Güte vergelten zu können. Aber warum sage ich Ihnen das? Sie kennen mich genug, Sie waren der erste Freund, dem ich mein Herz öffnete. Sie müssen mich kennen, denn Sie haben mich in meinen armen Tagen gekannt. Sie haben mich in meiner Armut und meinem Glück gesehen ... Oh, mein lieber Freund, ich gestehe, eine Zeitlang war meine Tugend durch Not und Elend besiegt, nicht aber mein Gefühl für das Gute. Wie dankbar bin ich meinem lieben Mann, der meinem Herzen den Frieden wiedergab, mir Ehren, Stellung und Rang verschaffte und, was mehr wert ist, Harmlosigkeit und Glück schenkte. Freuen Sie sich mit mir, mein lieber Freund; Sie sind mir mehr als ein Vater. Glauben Sie mir, ich bin immer noch die gleiche Emma, die Sie kennen. Könnte ich nur einen Augenblick vergessen, was ich war, ich würde es nicht ertragen. Befehlen Sie mir irgend etwas, was ich für Sie tun kann. Es wäre für mich die schönste Freude. Kommen Sie nach Neapel, und ich will Ihr Modell sein – oder etwas anderes, damit ich Gelegenheit habe, Ihnen meine Dankbarkeit zu zeigen ... Wir haben hier in Neapel viele Engländerinnen, wie Lady Malmsbury, Lady Malden, Lady Plymouth, Lady Carnegee, Lady Wrigth und so weiter. Sie sind alle sehr liebenswürdig und aufmerksam zu mir und setzen eine Ehre darein, ausgesucht höflich mir gegenüber zu sein. Das wird Sie besonders erfreuen, weil Sie wissen, wie prüde unsere Damen sonst sind. Sagen Sie bitte Hayly, dass ich immer sein Werk «Triumphs of temper» lese. Diesem Buch verdanke ich, dass ich Lady Hamilton bin. Denn, Gott ist mein Zeuge, vor fünf Jahren hatte ich genug, um meinen Charakter zu prüfen, und ich fürchtete, hätte ich nicht das gute Beispiel in seinem Werk gehabt, mein Temperament wäre mit mir durchgegangen. Und wäre das geschehen, so wäre ich verloren gewesen. Denn Sir William hält mehr vom Charakter als von der Schönheit. Er wünscht daher auch, Mr. Hayly möchte kommen, damit er ihm für seine gutgeartete Frau danken könne.»

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