Betrachtet man jedoch das Leben dieser in allen Dingen und in jeder Hinsicht aussergewöhnlichen Frau etwas genauer, so erscheint es uns in einem nicht so unmoralischen Lichte, wie es Legende, Verleumdung, Klatsch und Prahlsucht uns überliefert haben. Das harmonische Gleichgewicht in ihren Charaktereigenschaften und Lebensgewohnheiten, die genaue Regelung ihrer ungeheuren Arbeitstätigkeit, ihrer Zerstreuungen und Vergnügen stehen allerdings im Widerspruch mit ihrem intimen Leben, aber sie werfen auch gleichzeitig einen Schleier der Nachsicht über das Genie, das glaubte, sich mehr gestatten zu können als eine andere ihres Geschlechts. Katharina war wohl ausschweifend, oft schlüpfrig, unersättlich in der Liebe wie im Ehrgeiz. Aber sowohl ihre sinnlichen Genüsse wie ihre ehrgeizigen Pläne wusste sie in gewisse Regeln zu lenken, die sie fast nie überschritt. Sie verlor sich weder in dem einen noch im andern. Ihre Günstlinge haben in ihrem Leben und in ihren Schlössern einen ungeheuren Platz eingenommen, sie hatten auf das wirtschaftliche, politische und moralische Leben des Staates einen verderblichen Einfluss, aber Katharina wusste sich stets und in allen Lagen ihre Stellung sowohl als Herrscherin als auch als Frau zu bewahren. Sie war die Seele ihres Hauses, ihrer Familie, ihres Hofes, ihres geselligen Kreises. So prunkvoll und luxuriös alles nach aussen hin war, so einfach waren ihre Gewohnheiten im Privatleben. Es war ihr sehr lästig, viel Dienerschaft um sich zu haben. Zwei, drei, auf die sie wirklich zählen konnte, genügten ihr. Am liebsten tat sie alles selbst, weil sie, die rastlos Tätige, damit weniger Zeit verlor, als wenn sie erst um alles bitten musste. Alle ihre Untergebenen behandelte sie mit der grössten Höflichkeit. Nie befahl sie, immer bat sie selbst den geringsten ihrer Lakaien, wenn er etwas für sie tun sollte. Stets stand das Wort «bitte» vor ihren Wünschen und Anordnungen. Da sie ein sehr heftiger Charakter war, geschah es mitunter, dass sie unwillig wurde, wenn man sie beim Schreiben oder bei einer anderen Arbeit störte. Es entfuhr ihr dann vielleicht ein hartes Wort. Im nächsten Moment tat es ihr schon leid, und sie suchte ihr Unrecht, das oft keines war, durch das Bekenntnis ihrer Heftigkeit wieder gutzumachen. «Werde ich es wohl dahin bringen, dass man mich nicht fürchtet?» sagte sie in Hinsicht auf ihre Dienstboten. Oft ging ihre Nachsicht zu weit, und ein Undankbarer missbrauchte ihre Güte, aber im allgemeinen liebte und verehrte man sie unter ihrer Dienerschaft und ging für sie durchs Feuer.
Katharinas Tagewerk begann in früher Stunde. Gewöhnlich stand sie um sechs Uhr morgens auf. In früheren Zeiten trieb sie die Rücksicht auf ihre Umgebung so weit, dass sie sich selbst das Feuer im Kamin anzündete, Kerzen ansteckte, um die müden Diener zu so früher Stunde nicht zu wecken. In späteren Jahren änderte sich das, nicht aber, weil Ihre Majestät diese kleinen häuslichen Arbeiten als ihrer unwürdig befunden hätte, nein, weil ihre Zeit zu kostbar war. Aus diesem Grunde hatte sie auch nur ein kleines Lever eingeführt, das erst gegen 1 Uhr mittags stattfand. An ihm nahmen nur wenige Freunde und einige hohe Würdenträger teil. Inzwischen arbeitete sie von sechs Uhr an teils allein, teils mit ihren Sekretären, empfing Minister, Generale und Diplomaten, Gelehrte und Künstler und fand auch noch Zeit, dem jeweiligen Günstling eine Stunde zu widmen.
Ehe sich Katharina zur Arbeit setzte, trank sie einige Tassen sehr starken Kaffee, den niemand anders vertragen konnte als sie. Ihr Koch verwendete dazu ein Pfund Kaffee auf fünf Tassen, und selten liess sie eine davon stehen. Jeder andere hätte von diesem konzentrierten Gift Herzbeschwerden bekommen; Katharina aber brauchte es zu ihrer Gesundheit.
Bis neun Uhr blieb die Kaiserin allein in ihrem Kabinett, ganz in ihre Korrespondenz vertieft oder mit Lektüre und anderen Arbeiten beschäftigt. Wir wissen, sie war eine grosse Briefschreiberin. Wenn sie auch die meisten Briefe von ihren Sekretären, deren sie immer drei bis vier beschäftigte, schreiben liess, so blieben ihr doch noch genug, die sie eigenhändig verfasste. Während der Arbeit schnupfte Katharina beständig, auch in jungen Jahren. Es galt damals durchaus nicht für unweiblich oder ungraziös, wenn eine junge hübsche Frau eine Prise nahm.
Sobald es neun schlug, stand die Kaiserin von ihrem Arbeitstische auf und begab sich wieder in ihr Schlafzimmer. Hier empfing sie die hohen Staatsbeamten, die ihre Rapporte abstatten, Generale und Minister, die irgendeine Audienz erbeten haben, sowie ihren Geheimsekretär, dem sie ihre Aufträge erteilte. Er war der erste, der von ihr gerufen wurde. Katharina reichte ihm freundlich die Hand, die er ehrerbietig küsste. Auf ihre Aufforderung «Setzen Sie sich», nahm er an einem Tische Platz, um ihre Befehle zu erwarten. Er wurde oft in seiner Arbeit unterbrochen, und die Kaiserin musste dann in ihren Anordnungen innehalten, denn jeden Augenblick wurden Minister, hohe Beamte und Offiziere gemeldet, die sie alle mit grosser Liebenswürdigkeit und Würde empfing.
Sobald Katharina mit ihrer Toilette fertig war, begab sie sich ins offizielle Ankleidezimmer, um ihre «Lever» abzuhalten, währenddem ihre vier Kammerfrauen vor einem prachtvollen Spiegeltisch aus massivem Gold noch kleine Handreichungen leisteten. Das Becken, in dem sie sich die Finger netzte, die Schale, in welcher eine Kammerfrau die Nadeln fürs Haar reichte, waren ebenfalls aus purem Golde. Inzwischen hatte sich das nicht sehr grosse Zimmer mit den Höflingen angefüllt, die die Ehre hatten, an dem Lever der grossen Herrscherin teilzunehmen. Sie ist ganz natürlich, lebhaft, liebenswürdig, geistreich, witzig. Sie sieht frisch aus, und ihre klugen grauen Augen wandern von einem Besucher zum andern.
Um ein Uhr, später um zwei Uhr, hielt Katharina Tafel. Nur wenige Personen hatten die Ehre, mit der Kaiserin zu speisen. Der Günstling sass stets an ihrer rechten Seite. In früheren Jahren wurden die vertraute Freundin der Kaiserin, die Fürstin Katharina Romanowna Daschkoff, die Gräfin Bruce, ihre Ehrendame, die Nichte Patiomkins, Gräfin Branicka, die beiden Brüder Narischkin, der Feldmarschall Fürst Galitzin, Fürst Patiomkin, Graf Tschernitscheff, Graf Stroganoff, Fürst Bariatinski, die Orloffs, Graf Rasumowski zu Katharinas Tafel hinzugezogen. Später schieden einige dieser Personen aus und wurden durch andere ersetzt. Das Ehrenfräulein Protassof, Vizeadmiral Ribas, der Erzieher des jungen Bobrinski, Katharinas und Orloffs Sohn, und andere kamen hinzu.
Nach der Tafel plauderte man noch ein wenig. Darauf verabschiedete die Kaiserin ihre kleine Gesellschaft und zog sich mit einer Handarbeit in ihr Boudoir zurück. Wie eine kleine Bürgersfrau liebte sie es sehr, ein wenig zu sticken, zu nähen oder zu knüpfen. In diesen Stunden der Ruhe, die jedoch ebenfalls durch alle möglichen Geschäfte unterbrochen wurden, denn einer oder der andere ihrer Sekretäre war immer um sie beschäftigt, liess sie oft einige Kinder, später waren es ihre Enkelkinder, zu sich kommen, mit denen sie in den Zwischenpausen der Geschäfte oder jeweiligen Unterhaltungen spielte. Sie, die für ihren eigenen Sohn Paul nichts übrig hatte, war ausserordentlich kinderliebend. Einige ihrer kleinen Lieblinge, wie den jungen Markoff und den Sohn des Admirals Ribeaupierre, erzog sie vollständig an ihrem Hofe. Die Kinder des Fürsten Galitzin, vier kleine Neffen Patiomkins, der Sohn des Grafen Nikolai Saltikoff, der kleine Graf Valentin Esterhazy, ein Kind des Grafen Schuwaloff, alle durften sie in den Gemächern Katharinas spielen, und sie selbst war das grösste Kind unter ihnen. Als sie noch jünger war, waren es wilde, tolle Spiele, die sich meist am Fussboden abspielten, und Kinder wie Kaiserin, Gregor Orloff und Zachar Tschernitscheff in die vergnügteste Laune versetzten. Später, als es Katharinas Körperfülle nicht mehr erlaubte, sich mit den Kleinen auf den Teppichen zu wälzen, schnitt sie ihnen Puppen aus, verfertigte allerhand drolliges Spielzeug aus Karton und Papier, zeichnete ihnen Karrikaturen, erzählte ihnen die herrlichsten Märchen oder die lustigsten Geschichten, und das fröhliche Kinderlachen um sie herum nahm kein Ende. Es tat ihr wohl. Sie liebte die Heiterkeit, die Jugend, alles Natürliche.
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