Um 1 Uhr morgens kam die Hafenfestung in Sicht. Eine Schildwache rief die kaiserliche Jacht an. Man antwortete: «Der Zar.» – «Es gibt keinen Zaren mehr», schallte es zurück. «Fahren Sie weiter!» Dennoch wollten Peters Ratgeber ihn zum Landen bewegen; denn sie waren fest überzeugt, dass man es nicht wagen würde, auf den Zaren zu schiessen. Aber Peter war feige. Er kehrte um, schlotternd vor Angst. Er hatte nur den einen Wunsch, mit Elisabeth in Oranienbaum in Sicherheit zu sein und dort die Ereignisse abzuwarten. Dort angelangt, überraschte ihn eine neue, unerwartete Nachricht. Katharina marschierte an der Spitze ihrer Truppen ihm und seinen holsteinischen Soldaten entgegen!
Es war ein wirklicher Triumphmarsch der Kaiserin. Sie sah wundervoll aus in der knappanliegenden Uniform der Siemionofskischen Garden, die sie sich von einem jungen Offizier geliehen hatte. Sie sass prächtig zu Pferde. Ihr langes schwarzes Haar wallte offen über ihre Schultern. Ihren schönen, klassischen Kopf schmückte ein Barett aus Zobelpelz, um das ein Eichenlaubkranz gewunden war. Der Anblick dieser herrlichen Erscheinung war bezaubernd. An ihrer Seite ritt die junge Fürstin Daschkoff, fast noch ein Kind, in der gleichen Uniform. Sie sah aus wie ein ganz junger Leutnant. Aber auf beiden Gesichtern, sowohl auf dem achtzehnjährigen wie auf dem reiferen Frauenantlitz der Kaiserin, standen Ehrgeiz, Stolz und kühne Unternehmungslust, der Sieg einer grossen geistigen und politischen Ueberlegenheit über einen tief unter ihnen stehenden Menschen und Herrscher geschrieben. Die Soldaten jubelten, einer solchen Frau wie Katharina das Geleite geben zu können. Die neuen Uniformen, die Peter ihnen vorgeschrieben, hatten sie zerrissen oder verkauft und sich so gut sie konnten mit den alten Uniformstücken ausgerüstet. Zwar hatte sie Peter der Grosse einst auch aus Deutschland importiert, daran aber dachte man nicht mehr.
Peter III. verteidigte sich nicht. Beim Anmarsch der Kaiserin überfiel ihn eine fürchterliche Angst. Er liess sie nicht einmal bis Oranienbaum kommen, sondern schickte ihr den Fürsten Alexander Michailowitsch Galitzin entgegen mit dem Vorschlag, die Herrschaft mit ihr teilen zu wollen. Katharina dachte nicht an Teilung. Als einzige Antwort sandte sie Peter die Abdankungsakte zum Unterzeichnen und setzte inzwischen den Marsch fort. Es dauerte nicht lange, so kam ein anderer Abgeordneter des Zaren, der General Ismailoff, mit der Erklärung zurück, Peter sei bereit, abzudanken. Wie ein eingeschüchterter Junge unterzeichnete er ohne Widerstand das Schriftstück und besiegelte damit sein Schicksal.
In Peterhof machte Katharina Halt. Sie verlangte, dass der Zar mit Elisabeth Woronzoff zu ihr gebracht würde. Er kam und benahm sich ganz würdelos. Er rutschte fast vor seiner Frau auf den Knien, weinte und schluchzte und wollte ihr die Hand in untertäniger Ehrfurcht küssen. Flehentlich bat er, man möge ihn nicht von seiner Geliebten trennen. Katharina konnte und musste ihn nur verachten samt der Gräfin, die vor ihr auf den Knien lag und weinte, weil sie ihre ehrgeizigen Hoffnungen versinken sah.
Ausser um seine Mätresse bat Peter noch um seinen Hund, seinen Neger Narziss und seine Geige. Diese drei Wünsche gewährte man ihm, aber die Gräfin wurde entfernt und nach Moskau geschickt, wo sie sich bald mit dem Fürsten Pallianski verheiratete. Dem Exzaren wurde ein Landhaus in Ropscha, 30 Kilometer von Petersburg entfernt, zum einstweiligen Aufenthalt angeboten. Später sollte er in der russischen Bastille, der Festung Schlüsselburg, interniert werden. Seine Umgebung bestand aus dem Fürsten Bariatinski, Alexis Orloff und einigen anderen Offizieren der Garde, den stärksten Stützen der Partei der Kaiserin. Gleichzeitig waren sie die verwegensten Männer, die vor keiner Tat, keinem Hindernis im gegebenen Fall zurückschreckten. In ihren kühnen, rücksichtslosen Händen lag von nun an das Schicksal Peters.
Katharina hatte gesiegt! Am 14. Juli (3. Juli) war sie feierlich in Petersburg als Alleinherrscherin eingezogen, und es galt nun, sich diese Stellung zu befestigen. Die geringste ihrer Handlungen wurde scharf beobachtet, nicht nur von den Russen, sondern von der ganzen Welt. Aber von Anfang an verstand sie es, allen Schwierigkeiten, allen Gefahren Trotz zu bieten. Ganz Europa war des Lobes von dieser kühnen Kaiserin voll, die ihre Herrschaft vor allen Dingen mit einem so wundervollen Apparat von Glanz und Aufwand in Szene zu setzen verstanden hatte. Sie entfaltete sich sofort als prachtliebende, freigebige Herrscherin des Orients. Reiche Schätze flossen verschwenderisch durch ihre Hände. In den ersten Monaten ihrer Regierung verteilte sie ungezählte Summen an die Freunde, die ihr zum Throne verholfen, und an solche, von denen sie wünschte, sie möchten ihr geneigt sein. Von der ersten Stunde ihres Aufenthalts in Russland an, damals, als sie noch ein Kind war, hatte sie begriffen, dass man dort mehr als anderswo Ergebenheit, Aufopferung und Zuneigung mit schimmerndem Golde erkauft, dass man mit Liebenswürdigkeit und Schmeichelei nirgends soviel erreicht als in Russland. Kein Mensch in Katharinas Umgebung konnte sich beklagen, je ein hartes Wort aus ihrem Munde zu hören. Stets wusste sie eine Liebenswürdigkeit, ein schalkhaftes Wort, eine aufmunternde Anrede an diesen oder jenen zu richten, wenn sie durch die Reihen ihrer sie bewundernden Höflinge schritt. Selbst in den ersten Tagen ihrer Regierung, als sich die Geschäfte und auch manche Unannehmlichkeiten häuften, dass sie oft nicht wusste, wo ihr der Kopf stand, zeigte sie stets ihre freundliche, liebenswürdige Miene. Ihre Persönlichkeit übte eine geradezu faszinierende Wirkung auf alle aus, die sich ihr näherten. Man merkte gleich in den ersten Tagen ihrer Regierung den gewaltigen Unterschied zwischen ihr und der indolenten, allen Einflüsterungen geneigten Kaiserin Elisabeth und der unvernünftigen, launischen, despotischen Art und Weise Peters III. Die grosse Geschicklichkeit, mit der sie die schwierigsten Situationen umging oder beherrschte, ihre geniale Virtuosität im Regieren erregte die grösste Bewunderung.
In den ersten Tagen ihrer Herrschaft hatte sie keine Minute für sich, kaum Zeit zum Schlafen und Essen. Ministerrat, Senatssitzungen, Audienzen, öffentliche Festlichkeiten folgten unaufhörlich aufeinander. Es mussten Manifeste, Ukasse, Verordnungen, neue Verfassungen erlassen, Hunderte von Bittschriften am Tage unterzeichnet werden, aber keine Müdigkeit, keinerlei physische Schwäche war im Aeussern dieser ehrgeizigen grossen Frau zu bemerken. Sie bezwang alles. Dabei verlangten die Truppen jeden Augenblick, auch des Nachts, dass sie sich auf dem Balkon des Schlosses zeige; denn man fürchtete einen zweiten Staatsstreich, der die Zarin, «das Mütterchen», entführe.
Katharina hatte jedoch die Staatszügel bereits sehr fest in ihrer Hand. Und es war ein anderer politischer Anschlag, der vier Tage nach dem feierlichen Einzuge der Kaiserin Petersburg in Aufregung hätte versetzen können, wenn die Einwohner von dem wahren Sachverhalt in Kenntnis gesetzt worden wären.
Am 18. Juli (7. Juli), als Katharina eben den Senat verlassen hatte und sich in ihrem Zimmer zur abendlichen Hofkur ankleidete, stürzte plötzlich Alexis Orloff in grosser Aufregung herein und meldete ihr, Peter sei tot. Katharina erbleichte. Das Lächeln auf ihrem Gesicht verschwand. Zwischen den Augen erschien jene energische Falte, die sich stets bei ihr zeigte, wenn sie zornig oder wenn ihr etwas unangenehm war. Sie ahnte, dass es kein natürlicher Tod sein konnte, der ihren Gatten so schnell dahingerafft hatte. Alexis Orloff versicherte ihr zwar ernstlich, Peter sei an «komplizierter Hämorrhoidalkolik» gestorben, die sich auf das Gehirn geschlagen hätte. Dass weder Katharina, noch Orloff, noch ihre weitere Umgebung an dieses Märchen glaubten, beweist der Umstand, dass die Kaiserin in einem in aller Eile zusammenberufenen geheimen Rate beschloss, das Ereignis noch 24 Stunden lang vor dem Publikum geheimzuhalten.
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