Gertrude Aretz - Gesammelte Werke

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Gertrude Aretz war eine deutsche Historikerin, bekannt für das Schreiben von Biographien berühmter historischer Persönlichkeiten wie Napoleon Bonaparte, Elisabeth I., Kaiserin Katharina II und anderen.
Diese Sammlung enthält:
"Berühmte Frauen der Weltgeschichte" – Jede Frau in diesem Buch spielte eine Rolle in der Geschichte ihres Heimats oder in der Weltgeschichte.
"Königin Luise" – Dieses Buch erzählt über das Schicksal von Königin Luise nicht nur als Frau von Friedrich Wilhelm III, sondern auch über ihre persönlichen Erfahrungen, Leiden und die Opfer, die sie für den Aufstieg Preußens gebracht hat.
"Elisabeth von England" – Lebensgeschichte der der mächtigen jungfräulichen Königin
"Glanz und Untergang der Familie Napoleons" – Napoleon Bonaparte wäre nicht das, was er wurde, wenn seine Familie nicht wäre. Dieses Buch erzählt Ihnen von seinen Verwandten und ihrem enormen Einfluss auf die Geschichte Europas.
"Die elegante Frau" – Die Geschichte der Eleganz durch die Linse der Mode der verschiedenen Jahrhunderte

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Es ist selbstverständlich, dass das Vorzimmer der Marquise stets mit Bittstellern und allen möglichen Leuten angefüllt war, die eine Gunst, eine Stellung oder auch nur eine Verbesserung ihrer Lage erhofften. Eine Stunde vor ihrem Lever bereits war die Treppe, die zu ihren Gemächern führte, mit Menschen besetzt, die auf diesen Augenblick warteten wie auf die Audienz eines Königs. Ihr Vorzimmer war mit Stühlen und Sesseln angefüllt, und doch fanden lange nicht alle Platz, die erschienen, um der schönen, mächtigen Favoritin die Hand oder auch nur den Saum ihres Morgenkleides zu küssen. Denn es gab auch solche Fanatische. Da waren alle Berufe vertreten: Militärs, Beamte, Finanzmänner, Diplomaten, Gelehrte, Dichter, Schriftsteller und Künstler, Damen und Herren, junge und alte. Denn Madame de Pompadour kümmerte sich um alles und wusste in allem Bescheid. Auf ihren Wunsch wurden Generale ernannt und abgesetzt, Staatsmänner gestürzt und zu den höchsten Aemtern erhoben; sogar die Polizei und das Gefängniswesen entging nicht ihrem mächtigen Einfluss. Einem ihrer Vettern, einem gewissen Bayle, verschaffte sie den Posten des Gouverneurs der Bastille, wodurch sie in der Lage war, über alle Geheimnisse dieses Staatsgefängnisses unterrichtet zu sein. Es lag daher auch meist in ihrer Macht, Schuldige und Unschuldige in die Bastille zu bringen oder daraus zu befreien. Und sie machte jederzeit von ihrer Gewalt ausgiebigen Gebrauch.

Es ging das Gerücht, dass Madame de Pompadour sich alle diese Vergünstigungen teuer bezahlen liess. Sie häufte dadurch ein ungeheures Vermögen an, das indes bald wieder in ihren verschwenderischen Händen zerfloss.

Trotz aller Anstrengung, ihre Stellung beim König zu einer dauernden zu gestalten und Ludwig vollkommen an sich zu fesseln, gelang es Madame de Pompadour doch anfangs nicht, das Interesse ihres Geliebten für ihre körperlichen Vorzüge lange wachzuhalten. Zu ihrer grössten Enttäuschung musste sie sehr bald die Entdeckung machen, dass der König bereits nach einem Jahre gleichgültig wurde und sich nicht mehr viel aus ihr machte. Schon verbreitete sich am Hofe das Gerücht, die Marquise werde demnächst weggeschickt werden; der König langweile sich auch mit ihr. Madame de Pompadour zitterte bei dem Gedanken, dass sie alles, was sie so mühsam errungen, nun wieder hergeben solle. Und sie war ja erst im Anfangsstadium ihrer Karriere. Alle Schuld schrieb sie einzig und allein ihrem kalten Temperament zu. Sie beklagte es bitter, dass ihr Blut nicht heisser wallte, ihre Sinne nicht mächtiger sprachen, um des Königs zügellose Leidenschaft ganz zu befriedigen. Die Angst, dass er ihrer ganz überdrüssig werden könne, trieb sie zu einer merkwürdigen Lebensweise, durch die sie meinte, ihr Blut erhitzen zu können. So liess sie sich zum ersten Frühstück stark gewürzte Speisen servieren, trank einige Tassen stark ambrierte Vanilleschokolade. Schliesslich nahm sie in ihrer Verzweiflung ein «Elixier», das ihr irgendein Quacksalber verschrieben hatte. Natürlich wirkte es nur schädlich auf ihre Gesundheit, die an und für sich nicht kräftig war.

Sie magerte zusehends ab. Die Schönheit von einst ging bei ihr rascher dahin als bei anderen königlichen Mätressen, die in Ruhe ihr Glück geniessen konnten. Sie war keine Ninon de Lenclos, die noch mit sechsundsiebzig Jahren einen jungen, glühenden Verehrer fand. Physisch war das Interesse Ludwigs für seine Geliebte längst erloschen. Liebe war nie vorhanden gewesen. Madame de Pompadour liebte nicht Ludwig XV. als Menschen, sondern nur den König. Sie schloss daher nicht nur die Augen vor den zahllosen Untreuen, die der König mit jenen namenlosen Opfern seiner Sinne beging, sondern begünstigte sie sogar. Und jenes unglaubliche Entgegenkommen in dieser Beziehung war es gerade, was den König bewog, sie nie zu verabschieden. Keine Mätresse vor ihr hatte es je getan. Alle waren darauf bedacht gewesen, den König ganz allein für sich zu behalten. Anders Madame de Pompadour. Im Grunde genommen war sie der Typus der ausgehaltenen Frau, die sich ohne Liebe, ohne Neigung, nur aus Berechnung irgendeinem Manne hingibt. Die Liebe, die wirklich diesen Namen verdient, die Liebe mit ihrer Aufopferung, ihren zahllosen kleinen Zärtlichkeiten, mit ihrer Begeisterung war Madame de Pompadour unbekannt. Und auch der König hatte sie nie erfahren. Keine seiner Mätressen liebte ihn wahrhaft.

Um sich die Gunst des Königs zu erhalten, verfiel Madame de Pompadour auf ein Mittel, das ihrer Stellung als offizielle Favoritin ungefährlich war. Wie manche grosse Kurtisane vor und nach ihr an den verschiedenen Höfen, so verschaffte auch sie dem König gewisse Zerstreuung. Sie selbst suchte für ihn die jungen Mädchen aus. Der «Hirschpark» kam in Mode.

Die Geschichte des Harems, von dem so viel gesprochen wurde, ist recht banal. Im Jahre 1755 kaufte der König als Privateigentum ein hübsches, kleines, aber einfaches Haus. Es stand im Hirschpark, einem hübschgelegenen Viertel in Versailles. Für einen Mann, der sein Inkognito bewahren wollte, war es wie geschaffen. In diesem Hause konnten aber nicht mehr als zwei für den König bestimmte junge Mädchen untergebracht werden. Meist war es sogar nur von einer einzigen Bewohnerin besetzt. Die Frau eines ergebenen Hofbeamten hatte die Aufsicht über die betreffenden «Pensionärinnen» zu führen. Die jeweiligen jungen Mädchen wurden für ihre Nichten ausgegeben und kamen entweder durch die Vermittlung der Marquise von Pompadour oder durch den Kammerdiener Lebel in das betreffende Haus. Lebel konnte sich übrigens vor Angeboten dieser Art kaum retten. Jeden Tag erschienen Bittsteller oder Bittstellerinnen bei ihm, die ihm für den König die jüngsten und schönsten Mädchen vorschlugen. Sogar Mütter scheuten sich nicht, ihre Töchter anzubieten.

*

Die reizendste, hübscheste und koketteste Frau Frankreichs musste also sehr früh die Vergänglichkeit aller Schönheit erfahren. Bereits mit fünfunddreissig Jahren war der einst so blendende Teint fahl und verblichen. Die entzückende Gestalt, die feine Rundung der Büste und Schultern waren verfallen und eckig geworden.

Und dennoch besass diese Frau, der nur eine Art Treibhausschönheit in den kurzen Jahren ihrer Jugend beschieden war, das Geheimnis, aus den verfallenden Ueberbleibseln ihres Körpers durch alle möglichen Künste noch ein Wesen zu machen, das imponierte. Wenn sie im Salon des Königs oder bei öffentlichen Gelegenheiten am Hofe erschien, zog sie doch aller Blicke auf sich. Jeder bemerkte unter ihren verzweifelten Anstrengungen, schön zu sein, den Verfall ihrer Reize, aber ihre Gesamterscheinung und ihr Auftreten schienen einem jeden zu gebieten: Hier bin ich! Sieh mich an! Es war das Selbstbewusstsein ihrer Persönlichkeit, ihrer Machtstellung, die ihr eine derartige Sicherheit verliehen.

Seit dem Jahre 1757, erst sechsunddreissig Jahre alt, verfiel sie sichtlich. Ihre Kammerfrau berichtet von dieser Zeit an oft von heftigen Ohnmachtsanfällen, Schwächezuständen, Aderlässen und besonders von starkem Herzklopfen. Ungefähr um diese Zeit verfasste die Marquise in Choisy ihr Testament; denn sie wusste, wie krank sie war. Aber sie, die den König nicht vom Tode sprechen hören konnte, schien sich jetzt nicht viel Sorgen um ihr eigenes Ende zu machen; denn am Abend darauf übergab sie das Testament mit lächelnder Miene dem Prinzen von Soubise. Wenige Augenblicke vorher hatte sie mit dem König und einigen Höflingen eine jener Abendgesellschaften gefeiert, bei denen ihr Geist, ihre übermütige, sprudelnde Laune und ihr Witz besonders glänzten. Sieben Jahre lang musste sie indes noch die Bürde ihres ruhelosen, aufreibenden Lebens tragen. In demselben Choisy, das der Lieblingsaufenthalt des Königs war, verschlimmerte sich ihr Gesundheitszustand dermassen, dass sie im März 1764 bettlägerig wurde. Die Krankheit war diesmal stärker als ihr Wille. Am 7. März 1764 schrieb Madame du Deffand an Voltaire: «Die letzten Nachrichten über Madame de Pompadour sind gut, aber sie ist noch lange nicht ausser Gefahr.» Wenige Wochen später fühlte sie sich so schwach, dass sie den Pfarrer der Madeleinekirche zu sich rief. Sie hatte den König gefragt, ob sie den Trost der heiligen Kirche in ihrer letzten Stunde in Anspruch nehmen solle oder nicht. Und Ludwig hatte darauf geantwortet, dass er es gern sähe, wenn sie mit den heiligen Sterbesakramenten versehen stürbe. Diese noch so junge Frau sprach so ruhig und kalt von ihrem Tode, als handle es sich um irgendeine kleine Reise, die sie anzutreten im Begriff war. Sie liess sich ihr Testament bringen, las es aufmerksam durch und diktierte ihrem Intendanten Collin noch einen Nachtrag. Dann trat der Geistliche ein, und er war sehr erstaunt, mit welch philosophischer Ruhe diese Frau ihrem Ende entgegensah. Ja, bis zuletzt hielt sie die Macht als Favoritin in Händen. Sie erteilte Audienzen, gab dem König Ratschläge in allen schwebenden Angelegenheiten und arbeitete noch wenige Stunden vor ihrem Tode mit dem Postdirektor Janelle. Als der Geistliche, der ihr das Abendmahl gereicht hatte, sich von ihr verabschiedete und gehen wollte, rief sie ihm mit einem Lächeln zu: «Warten Sie doch noch einen Augenblick, Herr Pfarrer, wir gehen dann zusammen!» Dann legte sie noch ein wenig Rot auf und schlief ein. Wenige Stunden später war sie nicht mehr.

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