Am 8. Dezember 1722 endlich hatte Liselotte ausgelitten und entschlummerte ruhig, wie sie es gewünscht hatte, um 4 Uhr morgens im 71. Lebensjahre. Philipp beweinte seine Mutter aufrichtig. Vielleicht war er der einzige Mensch am ganzen französischen Hofe, der die Eigenart dieser merkwürdigen Frau verstanden und schätzen gelernt hatte, obwohl Massillon an ihrem Grabe sagte: «Unser Ruhm oder unser Unglück war ihr Ruhm oder ihr Unglück. Durch Blut und Freundschaft mit dem grössten Teil der europäischen Fürsten verbunden, gehörte sie niemand mit dem Herzen an als der Nation, und inmitten der Kriege, welche sie gegen uns rüsteten, waren ihre Verbindungen mit fremden Höfen nichts als glänzende Zeugen ihrer Liebe zu Frankreich.» Liselotte von der Pfalz stand indes den Franzosen ebensowenig mit dem Herzen nahe, wie die Franzosen sie geliebt hatten. Und so ging die Herzogin von Orléans unbemerkt aus der Welt, wie sie auch in ihr unbemerkt gelebt hatte. Ihr Leichnam ruht in Saint-Denis, dem Begräbnisort der französischen Könige; ihr Sarkophag ist einfach und prunklos, wie es ihrer ganzen Lebensweise und Denkungsart entsprach.
Die Marquise von Pompadour
Inhaltsverzeichnis
Die Herrschaft der Marquise von Pompadour ist das goldene Zeitalter der schönen Künste in Frankreich. Wie keine zweite ihres Geschlechtes hat sie die Kunst des 18. Jahrhunderts gefördert und beschützt. Sie liebte sie in wirklich reiner Liebe, so wie der Künstler wünscht, dass man seine Werke liebt. Sie heuchelte nicht, wie so viele Fürsten und mehr noch viele Frauen in ihrer Lage, ein wenig Kunstverständnis, weil das nun einmal zum guten Ton und zu einer derartig bevorzugten Stellung gehörte, sondern sie besass einen wirklich feinen, schöpferisch wirkenden Geschmack, der mit einer überaus fruchtbaren Phantasie und einem sogar mehr als mittelmässigen Talent Hand in Hand ging. Ihre ganze Persönlichkeit trug auch äusserlich den Stempel des zierlichen Rokoko, das diesem Zeitalter den Namen gegeben hat.
Die Tätigkeit der Marquise auf künstlerischem Gebiet ist eine ungeheure. Vor allem überrascht dabei die erstaunliche Vielseitigkeit dieser Frau. Sie, die Mätresse, Schauspielerin und Staatsmann in einer Person war, vereinigte in ihrem schwachen, zarten, kränklichen Körper auch noch die Kraft künstlerischen Schaffens. Alles, was sie umgab, ihre Schlösser, die Gärten, ihre Möbel, ihre Kleider, bis hinab zum kleinsten und unscheinbarsten Gegenstand, trug den Stempel ihrer Eigenart, ihres ureigenen Empfindens und Erfindens. Ihre ganze Umgebung musste zu einem einzigen grossen Kunstwerk gestaltet werden. So führte die geniale Frau also bereits das aus, was die moderne Zeit in breiterem Masse erstrebt, nämlich die Umgebung des Menschen so zu verschönen, dass jeder Gegenstand, den er gebraucht, ein Kunstwerk an sich darstellt. Bereits im 18. Jahrhundert zeigte diese grosse Errungenschaft dieselbe Wirkung, die sie auch in unserer Zeit hervorgerufen hat: sie führte einen grossen Aufschwung in den Künsten und im Kunstgewerbe herbei. Und das war nicht zum kleinsten das Verdienst der Marquise von Pompadour.
Aber dieses Mäzenatentum, das sie so hoch erhebt über alle Frauen, die sich in gleicher Lage wie sie befanden, hatte auch seine Schattenseiten. Ihr Kunstbedürfnis war gleichbedeutend mit einem unersättlichen Luxusbedürfnis und einer ungeheuren Verschwendungssucht. Während das französische Volk Hunger litt, verfügte die Geliebte des Königs über Millionen, um immer neue Schlösser, neue Gebäude, neue Kunstwerke erstehen zu lassen, oft auch nur, um eine kostspielige Künstlerlaune zu befriedigen. Und doch unterschied sie sich wesentlich von anderen verschwenderischen königlichen Mätressen. Sie gab das Geld nicht nur für ihre Launen aus. Die Millionen flossen nicht nur für ihre Kleider und Juwelen durch ihre Hände, wie es im allgemeinen bei Favoritinnen der Fall ist. Madame de Pompadour hatte bei alledem die Kunst und den Fortschritt im Auge. Sie baute künstlerisch wertvolle Schlösser, sie legte grosse, herrliche Parks an, sie kaufte Kunstgegenstände aller Art: Gemälde, Statuen, kostbare Vasen, Kameen, Stiche, wertvolle und seltene Bücher, alte Werke der Buchdruckerkunst, Handschriften und seltene Funde aller Kulturen. Sie war eine fleissige Sammlerin, und Frankreich verdankt dieser Neigung und diesem oft masslos erscheinenden Sammeleifer einen grossen Teil seiner Kunstschätze.
Am Ende des Waldes von Sénart, wo die Seine so breit fliesst, dass sie die Häuser des Dorfes Corbeil umspült, lag das schöne Schloss Etioles. Es war ein geschmackvoller Renaissancebau, im Innern mit dem raffinierten Luxus des 18. Jahrhunderts ausgestattet. Charles Guilleaume Lenormand war der glückliche Besitzer. Er hatte den Vorteil, der Neffe eines nicht nur reichen, sondern auch sehr kunstverständigen Mannes zu sein, der ihm diesen reizenden Familiensitz schenkte. Der alte Herr Lenormand de Turneheim war als königlicher Generalpächter der Steuern unter Ludwig XIV. eine ziemlich einflussreiche Persönlichkeit gewesen, und von diesem Ruhm ging auch ein wenig auf den Neffen über.
Aber nicht nur in dieser Hinsicht war Lenormand der Erbe und Nachfolger des alten Herrn. Dieser übertrug auch auf ihn den guten Geschmack als Kunstliebhaber und Kunstkenner. Lenormands Haus war jederzeit der Sammelpunkt vieler bedeutender Männer und Frauen, Künstler und Schöngeister. Voltaire, Montesquieu, der geistreiche Abbé de Bernis, Maupertuis, Cahusac und andere waren tägliche Gäste im Schlosse Etioles, in dem eine der reizendsten und anziehendsten Frauen Frankreichs die Honneurs machte: Jeanne Antoinette Poisson, die spätere Marquise von Pompadour, war die Schlossherrin.
Ueber ihrer Herkunft lagen dunkle Schatten. Ihre Mutter war die Geliebte des älteren Lenormand de Turneheim, der in der Wahl dieser Frau allerdings keinen guten Geschmack bewies. Frau Poisson, obwohl äusserlich eine schöne, ja sogar schönere Frau als später ihre Tochter, besass einen sehr alltäglichen Charakter. Sie war eine vulgäre Person ohne jeden sittlichen Halt, die ihrem ebenso gewöhnlichen als brutalen Mann, Jean Baptiste Poisson, in nichts nachstand. Poisson war ein Zyniker, Trunkenbold, ein halber Verbrecher. Die Legende will, dass er von Beruf Fleischer gewesen sei. In Wirklichkeit war er nur Angestellter bei den grossen Heereslieferanten, den Gebrüdern Pâris. Diese Firma wurde beim Regierungsantritt Ludwigs XV. mit vielen anderen Lebensmittelfabrikanten, die sich auf unredliche Weise ein Vermögen verdient hatten, vor Gericht gestellt. Da die Brüder Pâris jedoch sehr einflussreich waren und hohe Protektion genossen, konnten sie nicht persönlich bestraft werden. Man hielt sich daher an ihren ersten Angestellten Poisson, der, wie seine Prinzipale, vieles auf dem Gewissen hatte. Ausserdem schwebte ein Prozess wegen eines Sittlichkeitsverbrechens gegen ihn, und er wurde schliesslich zum Tode durch den Strang verurteilt. Seine hohen Helfershelfer hatten ihm jedoch rechtzeitig zur Flucht nach Deutschland verholfen, und so lebte er dort ungestört und in Frieden.
1721 gab Madame Poisson einem Mädchen das Leben, das sie Jeanne Antoinette nannte. Herr Lenormand de Turneheim bekannte sich zwar nicht öffentlich zur Vaterschaft dieses Kindes, liess ihm aber die sorgfältigste Erziehung angedeihen und es im grössten Luxus aufwachsen. Besonders frühzeitig wurde das kleine Mädchen in alle Künste der Koketterie eingeweiht. Man lehrte es alle Vorzüge zu gebrauchen und ins beste Licht zu stellen.
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