Am 9. Januar 1692 eröffnete Monsieur seiner Gemahlin die Nachricht von der Vermählung seines Sohnes mit Mademoiselle de Blois. Liselotte konnte kein grösserer Schlag treffen als dieser. Sie weinte die ganze Nacht, nachdem sie beim König gewesen war und ihm ihre erzwungene Zustimmung gebracht hatte. Was blieb ihr anderes übrig als zu gehorchen, wenn der König befahl? Aber ihren Sohn jagte sie empört aus dem Zimmer, als er sie um Verzeihung bitten wollte. Auch Monsieur erhielt seinen Teil, als er bei ihr eintrat, so dass er kein Wort zu seiner Rechtfertigung hervorbringen konnte und vollkommen verwirrt wieder hinausging.
Man wagte in der folgenden Zeit nicht, mit der Herzogin über diese Heirat zu sprechen oder sie gar dazu zu beglückwünschen. An der Tafel des Königs musste Liselotte aber doch Platz nehmen. Sie tat sich auch hier keinen Zwang an, ihre Gefühle zu verbergen. Sie weinte unaufhörlich. Auch ihr Sohn sah verweint aus, und beide assen nichts von den aufgetragenen Speisen. Die ganze Tischgesellschaft kam in die peinlichste Verlegenheit. Nur der König liess sich nicht aus der Fassung bringen. Er bemühte sich sichtlich um seine beleidigte Schwägerin. Aber Liselotte beachtete ihn überhaupt nicht. Zum ersten Mal schien es, als wäre er für sie nicht da. Als die Tafel aufgehoben wurde und alle sich verabschiedeten, verbeugte sich Ludwig ausserordentlich tief vor der Herzogin. Aber wie erstaunt war er, als er den Kopf wieder hob und eben noch den breiten Rücken Liselottes gewahrte, die sich eiligst entfernte, ohne des Königs tiefe Verbeugung zu beachten.
Das war Liselotte im Zorn. Man sollte sie indes noch ganz anders kennenlernen. Am nächsten Morgen begab sich der Hof in die Messe. Wie gewöhnlich erwartete man den König in der grossen Galerie. Aber noch ehe er kam, erschien Madame. Sogleich näherte sich ihr ihr Sohn, um ihr, wie alle Tage, die Hand zum Morgengruss zu küssen. In diesem Augenblick gab sie ihm eine so schallende Ohrfeige vor dem ganzen Hof, dass man es einige Schritte weit hörte. Das Recht der Züchtigung als Mutter wollte sie sich wenigstens nicht nehmen lassen.
Und doch musste Liselotte sich in das Unvermeidliche fügen. Am 11. Januar wurde die Verlobung öffentlich verkündet, und am 18. Februar fanden die Hochzeitsfeierlichkeiten statt.
In allen diesen Antipathien war Liselotte höchst unvorsichtig. Sie konnte ihre Gedanken und Gefühle nicht verbergen. Sie will sich nicht ärgern und die ihr verhassten Personen mit Kälte und Gleichgültigkeit behandeln, dabei aber steigt ihr Zornesröte in den Kopf, und man sieht deutlich, was in ihr vorgeht. Die bitteren Worte sprudeln über, und sie geht in ihren Ausdrücken so weit, dass man vor ihrem Hasse und ihrer Derbheit erschrickt. Dem König war das Benehmen Liselottes bei der Heirat ihres Sohnes äusserst unangenehm. Er konnte es am wenigsten vertragen, wenn man die intimen Seiten seines Lebens mit Missachtung berührte. Weltklugheit ging der Herzogin von Orléans durchaus ab. Und deshalb verscherzte sie sich jetzt wieder die Gunst Ludwigs XIV.
In dem Masse, wie sich Liselottes Innere mehr und mehr am Hofe Frankreichs verbitterte, verlor auch ihre äussere Gestalt. Die Jugendfrische, die sie einst zu einem ganz hübschen, appetitlichen Mädchen gemacht hatte, war dahin. Ihre Haut wurde welk und runzlig, und die Spuren der Blattern, die sie im Jahre 1693 hatte, entstellten sie noch mehr. Liselotte war zu dieser Zeit erst vierzig Jahre alt, aber bereits so unförmig dick und grauhaarig, dass sie einer Matrone glich. Dass sie aber betrübt über dieses vor der Zeit Altwerden gewesen wäre, davon lesen wir nichts in ihren Briefen. In ihrer gewohnten Weise macht sie sich auch darüber lustig. «Ich bin immer hässlich gewesen, und bin's noch weit mehr seit der ‹petite vérole›. Ich habe eine dicke, monstruöse Taille, bin viereckig wie ein Würfel. Meine Haut ist rot mit gelben Flecken, ich werde grau, und meine Haare sind Pfeffer und Salz. Meine Stirn und meine Augen sind voller Falten, und meine Nase ist noch immer so schief und obendrein mit Blatternnarben besetzt, ebenso meine beiden hängenden Backen. Ich habe ein Doppelkinn, schlechte Zähne, und das Maul beschädigt und noch grösser und faltiger wie früher.»
Als Liselotte jung war, hatte man an dem verfeinerten Hofe Ludwigs über die derbe Urwüchsigkeit dieses Naturkindes und den vollkommenen Mangel an Gefallsucht gelacht. Man hatte ihren biederen, geraden Sinn, die Derbheit ihrer Wesensart, die Unüberlegtheit in ihren Worten originell, neu und interessant gefunden. Bei der älteren Liselotte aber, die trotz ihres langen Aufenthaltes in Frankreich nie französische Manieren hatte annehmen wollen, fand man das alles geschmacklos, grob und unerzogen. Sie wieder, die mehr und mehr die Augen öffnete vor dem Leben, das sie umgab, konnte ihre Unzufriedenheit mit den verdorbenen Sitten nicht verbergen. Bei ihren reinen moralischen Grundsätzen und dem richtigen Gefühl für alles, was Ehrlichkeit und Offenheit des Charakters betraf, konnte ihr die Denkungs- und Lebensart der Menschen nicht zusagen, die in übertriebenen Genüssen, Extravaganzen, Intrigen und Heucheleien schwammen. Und besonders ärgerte sie sich über die deutschen Landsleute, «die alles perfekt halten, was nur aus Frankreich kommt». Sie bedauert es unendlich, dass auch «die bösen Conduiten» an den deutschen Fürstenhöfen Anklang und Eingang fanden. Sie dachte wohl nicht daran, oder wusste es vielleicht nicht, dass Deutschland des französischen Vorbildes gar nicht bedurfte; denn es hatte bereits an dem mehr als galanten Hofe Sachsens unter August dem Starken ein genügendes Vorbild gehabt. Gräfin Cosel und Aurora von Königsmark hatten der Welt dasselbe Schauspiel geboten wie die Mätressen Ludwigs XIV. Das aber kam Liselotte gar nicht in den Sinn.
Je mehr sie sah, wie fad, öde und verdorben diese glanzvolle Welt um sie herum im Grunde genommen war, desto tiefer verschloss sie sich in sich selbst. Obwohl sie an einem geräuschvollen Hofe lebte, an dem es an Abwechslungen nicht fehlte, geschah es doch oft, dass sie stundenlang allein in ihrem Zimmer sass. Aber sie langweilte sich nicht. Wir wissen, dass sie eine eifrige Briefschreiberin war. Mit ihrem ausgedehnten Verwandtenkreise in Deutschland, England, Frankreich, Spanien unterhielt sie einen lebhaften Briefaustausch. Sie las auch gern. Jeder ihrer Briefe lässt uns einen tiefen Einblick in ihr Leben tun, und je mehr Liselotte Einblick in die Welt gewinnt, die sie umgibt, desto mehr schwindet der Humor, mit dem sie andere und sich zum besten hält.
Liselottes Leben war mit der Zeit monoton geworden. Ein Tag glich dem andern. Immer dieselben Gesichter, dieselbe Etikette, dieselben lästigen Pflichten. Am furchtbarsten empfand sie die endlosen Mahlzeiten, wo sie fast eine Stunde lang allein mit ihren Damen an der Tafel sitzen musste und, der damaligen Sitte gemäss, von einer Menge Neugieriger umringt war, die ihr beim Essen zusahen. «In den 43 Jahren, die ich hier bin», klagt sie, «habe ich mich noch nicht an diese unseligen Mahlzeiten gewöhnen können.» Und doch war es ein Los, das sie mit vielen teilte.
Immer bitterer werden ihre Klagen. Immer mehr spürt sie die Kälte der Verlassenheit. Sie kennt niemand am grossen Hofe des Sonnenkönigs. Sie hat keine wahren Freunde. Sie selbst ist mit jedermann freundlich, aber die Kluft zwischen ihrem Charakter und dem französischen ist zu gross. Man fühlt, dass sie anders ist und kommt ihr nicht näher. Man macht ihr tiefe, ehrfurchtsvolle Verbeugungen, richtet hier und da ein respektvolles Wort an sie, aber das ist alles. Liselotte litt viel darunter und vermochte doch keine Aenderung zu schaffen. «Meine Verdriesslichkeiten», gesteht sie, «sind wie die Köpfe der Hydra von Lerna, wenn einer abgeschlagen, kommt ein anderer wieder.»
Und dann verlor sie auch ihre besten Freunde in der Heimat. Einer starb nach dem andern. Zuerst die gute, liebe Frau von Harling. Dann ihre Tante, die Aebtissin von Maubuisson, zu der sie bisweilen in ihrer Einsamkeit geflüchtet war, und auch ihre liebste Halbschwester Annelise, mit der sie beständig im Briefwechsel gestanden hatte.
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